Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 27.12.1995



Ladenschluß
Das fragen sich viele: Wird die Änderung des Ladenschlußgesetzes ein Wahlkampfthema? Schließlich schreiten in drei Monaten die Bürger in drei Bundesländern zur Wahl – in Baden-Württemberg, Rheinland und Schleswig-Holstein. Nach den liberalen Chaostagen in Bonn hat das Bundeskabinett einen Beschluß verabschiedet, der besagt, daß täglich bis um 20 Uhr geöffnet werden kann – so der Ladenbesitzer will. Und samstags kann auch länger verkauft werden. Aber ich sehe schon: Da werden die Gegner, Einzelhandelsverband in trauter Zweisamkeit mit der Gewerkschaft ÖTV, zum Sturm blasen. Dabei ist die Regelung überfällig, vor allem wenn wir uns als Europäer und Demokraten der Welt zeigen wollen. Oder war der Beschluß in Bonn nur ein Zuckerle zum Weihnachtsfest für die angeschlagenen Freidemokraten, deren Wirtschaftsminister man aus jenem Regen herausholen wollte, in den ihn seine eigene Partei geschubst hatte? Die Argumente, das Für und Wider, sind nun langsam genug hin und hergewälzt worden. Jetzt reicht es. Die Politik müßte eigentlich entscheiden. Aber gemach, gemach! Erst im neuen Jahr, irgendwann in ein paar Monaten, kommt der Kabinettsentwurf in den Bundestag. Und wer weiß, ob sich bis zu den Landtagswahlen die FDP nicht derart zerfleischt hat, daß sie die Koalition in Bonn verläßt. Bei einer Großen Koalition dürfte das Thema auf der langen Bank liegen – und bei Neuwahlen im Bund? Darüber sollen andere spekulieren. Wir feiern erst mal gemütlich Silvester – und warten danach auf eine Neuauflage des Theaterstücks: Pro und Contra Ladenschlußgesetz in Deutschland. Dasselbe Stück dann vielleicht in neuer politischer Besetzung.



Wald-Randale

Sind Sie auch schon an einem dieser schönen, frostigen Wintertage spazierengegangen? Warm eingepackt lohnt sich derzeit so eine kleine Wanderung durch Wald und Flur. Wenn ich meinen Blick über die Stadt Heilbronn schweifen lasse, dann sehe ich vor allem samstags und sonntags viele  Bürger auf den Weinberg- oder Waldwegen rund um das Käthchen-Städtchen geruhsam flanieren. An einem der vergangenen Adventssonntage stieg ich runter vom Turm und war im Wald unterwegs. Da sah ich auf den Waldwegen rund um den Gaffenberg einige Jugendliche, teilweise wohlbeleibt, Waldkrieg spielen. Sie kämpften – offensichtlich nur so zum Spaß – mit langen Stöcken nicht nur gegeneinander, grölten und lachten viel und laut, so daß die Hunde der anderen Waldbesucher ängstlich ihre Schwänze einzogen. Darüber hinaus schlugen die Kerle auch mit ihrem Kampfwerkzeugen lustig auf die Bäume an den Wegen und am Waldrand ein. Was mußte ich nach meinem Spaziergang sehen? Auf rund 200 Meter Waldweg abgeknickte junge Bäume, der Spazier- und Jogging-Weg voller großer Holzteile, als wenn ein heftiger Sturm über die Gipfel und das Gehölz gefegt wäre. Ich habe in letzter Zeit viele Mitbürger auf unseren Waldwegen beobachtet, die mit abgeschnittenen Tannenzweigen für die Vasen ihrem parkenden Auto zustrebten. Aber die Folgen einer derart brutalen Waldrandale sind mir bisher noch nicht begegnet. Jugendlicher Vandalismus der besonderen Art. Es dürfte wurscht sein, ob von deutschen oder ausländisch sprechenden Heranwachsenden – wie in diesem Fall – die Untaten begangen werden. Solche Zerstörungen sind genauso schlimm, wie der Mißbrauch des Stadtwaldes als Hundeklo. Jene düngenden Rückstände der kläffenden Vierbeiner waren ja dank der weißen Schneedecke in den letzten Wochen wieder in ihrer ganzen stinkenden Pracht zu bewundern.



Machtlos?

Wir haben Weihnachten gefeiert. Manche weniger fröhlich. Andere, und das dürfte die Mehrheit sein – wie vom Turm aus sehen konnte – doch recht stimmungsvoll. „Oh du fröhliche ...“. Wie in jedem Jahr in deutschen Landen. Denn hier bei uns ist das Weihnachtsfest ja auch zuhause. Sagen die Ausländer. So machen wir halt täglich – das ganze Jahr über – die Dinge, die wir immer tun. Unabhängig von den Geschehnissen in der weiten Welt, wie immer sie auch geartet sein mögen. Wir agieren im Kleinen, im Privatbereich - und reagieren damit auch auf das, was von außen kommt. Woher? Niemand weiß es so genau. Sei es beim Klima, im wirtschaftlichen Auf und Ab oder bei einer Grippewelle. Was sollen wir auch anderes tun, die wir nicht an den Hebeln der Macht sitzen, keine Beweger sind. Und selbst jene, die dort sitzen, die können meistens auch nur mit ihrem Handeln reagieren. Der Krieg vor unserer Haustür in Bosnien hat es uns vor Augen geführt. Für den Frieden dort müssen wir – das heißt auch deutsche Soldaten – etwas tun. Und damit begeben sie sich in tödliche Gefahr. Wie einst jene Soldaten, die uns 1945 von der Diktatur befreiten. Soldaten sind Mörder? Hätten Pazifisten 1945 vor den Toren deutscher KZs mit diesem Spruch auf ihren Schildern gestanden, ich glaube, die gerade befreiten KZ-Häftlinge hätten ihre alliierten Soldaten-Befreier energisch in Schutz genommen und sich vehement gegen die Sprücheklopfer gewehrt. So wie jetzt die Menschen in Bosnien genau wissen, daß die Nato-Soldaten nicht mit jenen zu verwechseln sind, die ihnen jahrelang als mörderische Banden nach dem Leben trachteten. „Vom sicheren Port läßt sich gemächlich raten“ – und dumme Sprüch verbreiten. Vor allem auf grünen Parteitagen.



Hauen und Stechen

Beim Schlagabtausch zwischen Politik und Wirtschaft geht es in letzter Zeit nicht zimperlich zu. Die Schläge sollen auch treffen – und verursachen Schmerzen. Ich meine nicht nur, daß die Arbeitgeber die regierende konservativ-liberale Koalition in Bonn ordentlich zausen. Auch die Gewerkschaften sind mit Lösungsvorschlagen, die aus dem ihnen nahestehenden Politlager kommen, nicht einverstanden. Und so vermitteln die Tarifpartner, daß in Bonn oder Stuttgart Politik nicht mehr gestaltet, sondern daß dort nur noch das Allernotwendigste entschieden wird. Alles stöhnt über die hohe Abgaben- und Steuerlast. Unsere obersten Politiker schreien laut „Sparen“ und bedienen sich schamlos aus dem Steuersäckel, wenn es um ihre eigenen Bezüge geht. Ob aus dem linken oder rechten Lager. Da werden hunderttausende von Mark Übergangsgelder für eine Person gezahlt, obwohl dieser Politiker nur auf einen Ruheposten in öffentlichen Banken oder Unternehmen abgeschoben wird. Da treten Minister zurück – und ihre Staatssekretäre auch gleich, und das Geld fließt in Strömen. Ich sage nur Schnarri, Hirsch, Roth, etc. So verstehe ich auch, wenn es für den Arbeitgebervorsitzenden aus der Region Franken Karl Schaeff ein besonderes Ärgernis ist, daß die Bundestagsabgeordneten monatlich eine steuerfreie Kostenpauschale von 6.000 Mark erhalten, während gleichzeitig mit dem Steuerjahresgesetz ’96 eine Spesenregelung in Kraft tritt, die sowohl für Unternehmen als auch deren Mitarbeiter völlig unverständlich ist. Karl Schaeff macht deutlich: Das hat verheerende Auswirkungen auf die Motivation der Arbeitnehmer. Um die Wirtschaft in Deutschland voranzubringen, seien Kostenumverteilungen und höhere Steuerbelastungen das völlig falsche Rezept. Notwendig seien echte Sparmaßnahmen. – Aber ich sehe von hier oben keine „Sparmaßnahmen“, die diesen Namen verdienen. „Weniger ausgeben“, das heißt eben noch lange nicht sparen. Jeder anständige Hausfrau weiß das. Nur viele Politiker wissen es offenbar - noch nicht.



Sekten-Quark

In Tauberbischofsheim wird vom berühmten Emil Beck ein Mitarbeiter entlassen. Grund:  Der Mann verhehlt seine Sympathien für die Scientologen nicht. Im dritten Fernsehprogramm Südwest 3 wird über Scientology diskutiert und die Moderatorin Jaqueline Stuhler kennt offenbar diesen Fall aus Baden-Württemberg nicht. Und vieles andere auch nicht. Was mir kurz vor Weihnachten da am 20. Dezember auf dem Bildschirm geboten wurde, war schon ein starkes Stück. Der Südfunk kritisiert in seiner Abendschau gegen 19.20 Uhr die Machenschaften des ABI-Vorstandsvorsitzenden Eberhard Kleinmann, der auch im Unterland als Scientologen-Jäger kein Unbekannter ist. Er soll Firmen, die bei ABI um Hilfe gegen Scientologen-Unterwanderung nachgesucht hatten, mit billigen und wertlosen  Fotokopien uralter Zeitungsartikeln bedacht haben, für die er auch noch satte Summen verlangte. Dabei wird sein Stuttgarter Institut vom Staat honorabel subventioniert. Ein Heilbronner Unternehmer namens Eberhard Schaul war empört über die Praxis dieses Herrn Kleinmann. Aber das spielte beim Scientologen-Spektakel am späten Abend dann gar keine Rolle mehr. Lügner, Betrüger beschimpften sich die Kontrahenten. Man spie Gift und Galle – von allen Seiten. Und auf der Strecke blieb die demokratische Streitkultur. Über Scientologen war wenig zu erfahren. Dafür aber umso mehr über selbsternannte Hexenjäger, wie sie sich bespitzeln, mit Prozessen überziehen, mit halbwahren und unwahren Behauptungen traktieren und ständig beleidigen. Wir hatten zweimal in diesem Jahrhundert deutsche Staaten, die Religionsfreiheit mißachteten, in denen christliche Kirchen schamlos sich zu Handlangern der Diktatur deformieren ließen, Sektenmitglieder in KZs gesteckt wurden (Zeugen Jehovas). Wer die Sekte der Scientologen mit denunziatorischen Mitteln aus der Nazizeit, mit Halbwahrheiten bekämpfen will, der macht sich zum Handlanger jener, die Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit einschränken wollen. Der liberale Staat möge uns vor solchen Fundis schützen. Und der öffentlich-rechtliche Südfunk vor solch chaotischen Sendungen. Dafür sind die Gebühren zu hoch.



1995 – ade

Was war das nun für ein Jahr – dieses 1995? Ich erinnere mich noch, wie zu Beginn des Jahres die Spezialisten aus Politik und Wirtschaft über einen Schimmer am Konjunktur-Horizont frohlockten und eine Wende ins Positive voraussagten. So im Herbst ’95 sollte der Aufschwung dann zum Tragen kommen. Leider, leider. Es wurde nicht viel aus diesen Hoffnungen. Die Voraussagen erwiesen sich als Wort-Müll. Der Gürtel muß noch enger geschnallt werden, weil in Staat und Gesellschaft das Geld fehlt. Wenn Politikern nichts mehr einfällt, dann erhöhen sie die Steuern und Abgaben. Und auch dieser platte Spruch ist mit seiner ganzen naiven Wucht Realität geworden. Zum Jahreswechsel hat Otto Normalverbraucher weniger Geld in der Tasche als zuvor. Der private Verbrauch stagniert. Die Wirtschaftsinstitute revidieren ihre Prognosen nach unten – und setzen einen Aufschwung mit „moderatem Tempo“ erst für die zweite Hälfte des Jahres 1996 an. Bis dahin kann viel geschehen. Siehe 1995. Fazit für das zu Ende gehende Jahr: Die Konjunktur hat sich deutlich abgekühlt. Der Aufholprozeß in den neuen Bundesländern hat an Schwung verloren. Man spricht noch nicht von einer Rezession, nur von einer Wachstumsdelle. Und vor diesem Hintergrund muß in Baden-Württemberg ein Landtagswahlkampf geführt werden, bei dem es nichts zu verteilen gibt, sondern offenbar nur zu holen. Die Frage, mit der Politiker im Wettbewerb stehen: Wer kann wie und wo am besten sparen? Richten wir uns also für das kommende Jahr auf kalte Zeiten ein. Nicht nur in den ersten winterlichen Monaten.



Harmonie-Neubau?

Einst sagte mir ein Kenner der kommunalen Szene in Heilbronn: Der alte Kasten Harmonie gehört einfach abgerissen. Daran herumpopeln, ständig irgendwo eine Reparatur machen, dort einen Anbau, hier einen Ausbau – das bringt nichts. Der Neubau einer Kongreßhalle, das wäre für Heilbronn der richtige Ansatz. Mitten in der Stadt. Das Gelände des Harmonie-Parks, die alte WG und das ehemalige Rathgeber-Gelände wären für solche Planungen ausreichend. Aber nein. Jetzt wird erstmal ein Realisierungs- und Ideenwettbewerb für 267.000 Mark ausgeschrieben. Die Planungsbüros werden sich freuen. Man will herausfinden, wie ein 700-Plätze-Saal in die alte Tante Harmonie hineingepreßt werden kann. Insgesamt soll dann irgendwann das Haus zu einem Kongreß- und Konzertzentrum ausgebaut werden – für weitere 15 Millionen Mark. Aber das kennen wir ja schon vom Heilbronn Theater. Da sollte der Wiederaufbau des zerstörten schönen Jugendstiltheaters zunächst auch nur sechs Millionen oder ein Neubau 12 bis 15 Millionen Mark kosten. Letztlich kamen rund 100 Millionen für den Prachtbau am Berliner Platz zustande. An dem wurde in der Planungsphase soviel ab- und umgeändert, daß man heute nicht gerade von einem architektonischen Meisterwerk sprechen kann. Eher von einem prächtigen „Schuppen“. Es war halt teuer. Aber das wars auch schon. Technisch einigermaßen „ok“, nur sollte man den Intendanten nicht fragen, wie und ob alles zu seiner Zufriedenheit funktioniert. Ich darf den Kopf ja nicht schütteln. Sonst fällt mir noch ein Stein aus der Mütze. Sie aber dürfen.



Neckar-Fische

Wenn die Friedrich-Ebert-Brücke eingeweiht wird, irgendwann im Frühjahr des nächsten Jahres, dann wird es auch ein Fischerfest rund um das Bauwerk geben. Und da hab ich doch neulich gesagt: Hoffentlich nicht mit Fischen aus dem Neckar. Diese dumme Bemerkung hat so manchen Unterländer Hobby-Fischer mordsmäßig geärgert. Teilte mir doch einer erzürnt mit: Wenn der Verzehr von Fischen aus dem  Neckar gesundheitsschädlich wäre, dann käme es einem Verbrechen gleich, daß Angelkarten von den Ämtern ausgegeben werden. Trotz Einspruch meinerseits, daß es ja auch Hobbyfischer gäbe, die nur so zum Spaß angeln, um die Fische dann wieder ins Wasser zu werfen, wurde mir klar und deutlich gesagt: Rotauge, Rotfeder, Schleie oder Aal aus dem Neckar könne man durchaus verspeisen, genauso wie Wels und Zander. Die Nachricht hör ich gern. Gegessen hab ich diese edlen Wassertiere bisher aber noch nicht. Und in einem Heilbronner Gasthaus wurden mir auch noch keine angeboten und serviert. Vielleicht wär es mal an der Zeit, daß sich die heimische Gastronomie der Fische aus dem Neckar annimmt. Denn wie mir die Angler mitteilten, würden ihre Vereine das Fleisch der Fische jährlich untersuchen lassen – und dabei hätte es bisher keine Beanstandungen gegeben. Nur beim Wels über einen Meter, da solle der Genießer dann doch vorsichtig sein. Ansonsten gäbe es sogar einen Überbesatz an Fischen im Neckar. Was mir  auch wiederum neu war. Und Ihnen? Haben Sie eigentlich in letzter Zeit Neckarfische gegessen?



Schulden

Und ist man völlig ruiniert, dann lebt’s  sich völlig ungeniert. Soweit ist die Stadt Heilbronn noch nicht. Aber bei einer geplanten Verschuldung von 526,1 Millionen Mark (für 1995 sollen es 385,3 Millionen sein), hat im nächsten Jahr jeder Heilbronner 4.322, 40 Mark Schulden – ob er will oder nicht. In diesem Jahr sollen es nur 3.165,60 Mark gewesen sein.  Mal sehen, was bei der Endabrechnung herauskommt. Jetzt sei an Wünschenswertes kaum mehr zu denken, meinte der OB bei der letzten Gemeinderatssitzung vor dem Weihnachtsfest. Recht hat er. Denn 1997 muß die Stadt für ihre Schulden jährlich 63 Millionen Mark an Zins und Tilgung aufbringen. Das sind Summen – für mich einfach nicht vorstellbar. Hatten Sie jemals eine Million in Scheinen in der Hand? Ich noch nicht. Aber die Stadt ist ja ein Konzern mit mehr als 4.000 Mitarbeitern. Privatwirtschaftlich wäre er schon pleite. Aber wir Steuerzahler halten ihn am Leben. Und verantwortlich für die Schulden? Sind wir Bürger. Sagen die Politiker. Wir würden zuviel an Leistungen vom Staat fordern. Ich meine, die Politiker versprechen irgendwelchen Lobbyisten zuviel – und halten das auch noch ein. Nicht uns Bürgern. Es täte gut, diesen Lobbyisten  aus den Vorzimmern mal die Türe zu weisen. Da liegt der politische Hund begraben. Die Mehrheit der Bürger wäre dankbar und froh, wenn sparsam beim Staat gewirtschaftet würde, ohne Schulden, die den Enkeln vererbt werden. Also: Wie wärs denn mal mit Leistungslohn für Bürgermeister? Und Verantwortung beim Gemeinderat, die einklagbar ist?



Wann geht Fiat?

Entschieden wird letztlich in Turin, der Zentrale des italienischen Fiat-Automobilkonzern, ob Abteilungen der deutschen Zentrale nach Frankfurt am Main abwandern oder ob sie in Heilbronn bleiben. Viel Unruhe haben die zum Jahresende bekanntgewordenen Pläne des Unternehmens unter der Belegschaft kurz vor den Weihnachtstagen ausgelöst. Der Fiat-Betriebsrat zeigte sich über die Unterstützung von Seiten der Stadt Heilbronn und der Unterländer Landtagsabgeordneten nicht gerade begeistert – im Gegenteil. Man hatte weitaus mehr an Solidarität erwartet. Jetzt sind die Pläne erst mal auf Eis gelegt. Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann und der Wirtschaftsminister Dr. Dieter Spöri wollen gemeinsam im Januar 1996 nach Turin reisen, um die Spitze des Konzerns davon zu überzeugen, daß Heilbronn der deutsche Sitz des Automobilkonzerns bleiben muß, inklusive aller heute schon hier befindlicher Abteilungen. Nichts soll ab nach Frankfurt. Und die Argumentation, die der OB im Neckar-Express-Interview vor zwei Wochen aufzählte, die ist ja auch durchaus schlüssig. Hinzu kommen noch die Worte von Dieter Spöri, daß in unserem vernetzten, digitalen Informationszeitalter der Standort eigentlich Nebensache sei. Firmen wie Würth in Künzelsau oder SAP in Walldorf legen dafür täglich Zeugnis ab. Aber so schnell schießen die Italiener auch nicht. In Turin steht schließlich ein Wechsel an der Konzernspitze an. Also – alte und neue Fiat-Bosse: Gebt Eurem Herzen ein Stoß und seid Heilbronn gnädig.

Kiliansmännle, 20.12.1995



Wahlkampf-Monate
In rund drei Monaten wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Machen die Weihnachtswochen sowie die kalte Jahreszeit im Januar, Februar und März unsere Politiker aussageschwach und flügellahm? Sie feiern halt - so wie wir alle. Weihnachten, Silvester, undsoweiter. Unser liebes Geld ist weg, es gibt also nichts mehr zum Verteilen - außer Schulden. Im Wettbewerb stehen unsere Politiker höchstens noch bei Sparprogrammen. Und zu allem Überfluß kommen noch die unerfreulichen Zahlen bei Umfragen. Trotz neuem Vorsitzenden Oskar Lafontaine kommt die SPD laut Emnid bundesweit nur auf  31 Prozent, die CDU liegt bei 43 Prozent, die FDP liegt knapp über 5 und die Grünen bei satten 11 Prozent . Selbst die PDS steht mit ihren 6 Prozent  bundesweit noch besser da als die Freien Demokraten. Linksbündnis und bürgerliche Koalition stehen sich also derzeit nahezu gleich stark gegenüber. Bisher hat Oskar also die Wende noch nicht geschafft - umfragemäßig. Nun ja, er befand sich ja auch vornehmlich im Ausland zu Vorstellungsgesprächen. Der saarländische Landesfürst, dessen Regierungsgebiet flächen- und einwohnermäßig grad so groß ist wie ein Regionalgebiet in Baden-Württemberg, den kennt man halt außerhalb deutscher Lande allzuwenig. Deshalb die Werbetour. Und im Inland muß er noch das Verliererimage von 1990 loswerden. Angenehm an diesem politischen Polarisierer ist, daß die Parteien jetzt wieder deutlicher gegeneinander abgegrenzt werden. Und damit könnte der SPD-Oskar zum Retter der FDP in Baden-Württemberg werden. Denn die Querelen in Bonn bringen den Ober-Liberalen im Ländle, den  Haller Walter Döring derzeit ordentlich ins Schwitzen. Da hilft dann nur noch die klare Alternative: Sozialismus, grün und rot angestrichen, auf der einen Seite und konservativ-liberal mit  Teufel/Döring fürs Ländle auf der Anderen. Der 24. März 1996 wird’s an den Tag bringen.



Brücke wohin?

Viele Bürger in Heilbronn und aus dem Unterland sind schon reichlich verwirrt über das, was ihnen da mit der neueröffneten Friedrich-Ebert-Brücke geboten wird. Sie können per pedes über die Brücke, mit Bus oder dem Fahrrad  - und auch hinein in die Kaiserstraße. Wenn sie aber mit dem Auto aus der Bahnhofsvorstadt über die Brücke wollen, dann müssen sie entweder nach links (zur Nordinnenstadt oder zur Käthchenhof-Tiefgarage) oder nach rechts in Richtung Deutschhof (zur Tiefgarage neben dem Kaufhaus Horten). Geradeaus in die Kaiserstraße, da wird es gefährlich. Wird man als Autofahrer erwischt, gibt’s eine saftige Geldstrafe. „Warum dann die teure Brück?“ fragen sich die Leut. Nur für Fußgänger, Taxen, Busse und Radfahrer? Und vielleicht mal für die Stadtbahn, die zur Zeit noch in den Sternen steht? Verständnislos wird der Kopf geschüttelt. Und dann die Kaiserstraße! Früher, als die Autos noch fuhren, da konnte man wenigstens bei der Kilianskirche dank Ampeln gefahrlos über die Straße gehen. Jetzt fahren Busse und Taxen, die Fußgänger müssen warten. Und ich seh es ja immer wieder vom Turm: Schrittempo wird nicht immer eingehalten. So mancher mit Erlaubnis legt dieses recht sehr breit aus und manche Fußgänger haben Mühe, den großen Wagen schnell auszuweichen. Ein Anwohner erzählte mir, daß es für die alten Leut jetzt gefährlicher sei über die Kaiserstraße zu kommen, als zu der Zeit, als noch die Pkws die Straße befuhren. ich glaube, die Stadtmütter und -väter sollten ihren Leuten von den Verkehrsbetrieben mal beibringen, daß die Kaiserstraße jetzt Fußgängerzone ist. Radfahrer und Autos, ob Bus, Taxi oder Zulieferverkehr haben sich in der Geschwindigkeit von Fußgängern durch die Straße zu bewegen. Ansonsten sind sie eine Gefährdung für jene, die der Stadt glauben, daß der Nord- und Südbereich der Fußgängerzonen Heilbronns nicht mehr getrennt ist.



FDP-Urteil

Mit ihren Mitgliederbefragungen sind die deutschen Parteien offenbar nicht so glücklich wie sich manche das zunächst gedacht hatten. In Deutschland ist die Demokratie halt noch nicht fest so fest verwurzelt wie in anderen Ländern. Die „Graswurzeldemokratie“ macht halt den Kürlauf von so manchem „Vordenker“ auf der Polit-Theater-Bühne zum albernen Gehopse. Schlechte Gedanken hegt nur die dumpfe Mehrheit. Man müßte sich halt andere Mitglieder wählen können. Die Sozialdemokraten wählten einst Rudolf Scharping per Urwahl und die Parteifunktionäre ersetzten ihn ohne groß ihre „Basis“ zu befragen durch Oskar Lafontaine. Des hat scho a G’schmäckle. Die Christdemokraten in NRW bestimmten ihren Spitzenkandidaten durch Mitgliederbefragung und erreichten trotzdem nicht die Mehrheit. Bei den Freien Demokraten stimmten die Mitglieder mehrheitlich für den Großen Lauschangriff. Und ihre Würdenträger distanzieren sich jetzt indigniert von diesem Urteil der Basis. Die Justizministerin in Bonn Leutheusser-Schnarrenberger reichte, wie versprochen, gleich nach dem Mitgliederentscheid ihren Rücktritt ein, weil sie Bürgerrechte in Gefahr sieht. Von einem Bürgerrecht auf Schutz vor organsierter Kriminalität wird allerdings kaum gesprochen. Selten wird auch erwähnt, daß drei Strafrichter einer Landgerichtskammer zustimmen sollen, ehe bei dringendem Verdacht auf schwerste Straftaten abgehört werden darf. Außerdem muß der Bundestag über „Art, Umfang und Erfolg der Abhörmaßnahmen“ informiert werden – laut FDP-Mitgliederbeschluß. Wenn jetzt jene FDP-Funktionäre – auch im Unterland – ihre eigene Mitgliedschaft beschimpfen, die ja in den vergangenen Jahren als Kandidaten bei Wahlen (Landtag, Bundestag) ihre Partei  an den Rand des Ruins gebracht hatten, dann kann ich nur sagen: Hier lautet offensichtlich das Motto „Haltet den Dieb“. Und das „liberale Urgestein“ Burkhardt Hirsch, der von seinem Amt im Innenausschuß zurücktrat, bleibt weiterhin Bundestagsvizepräsident mit 5.183 Mark Zuschlag im Monat. Von allen hohen Ämtern zurückzutreten, das verbat ihm offensichtlich sein Gewissen.



Schulsport

Haltungsschäden bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Die Bundeswehr klagt, daß sie von den Schulen junge Männer bekommt, die sich fortbewegen wie lahme Enten.Und das alles trotz Fitnesswelle in deutschen Landen, trotz ständiger Propaganda in Zeitungen und Zeitschriften für gesunde Ernährung. Schau ich mir unsere Schulen an, dann ist’s meistens nicht weit her mit dem Sportunterricht. Statt mit Schülern nachmittags oder abends Sportstunden anzusetzen, ordentlich Gymnastik und Haltungsübungen zu veranstalten, werden die Schüler zwischen Mathe und Englisch zum Sportunterricht getrieben, in kurzen Pausen ziehen sie sich dann um, damit sie verschwitzt und ausgelaugt am Unterricht teilnehmen können. Wer seine sportliche Betätigung privat so veranstalten würde, dem müßte man unterstellen, daß er sich allzuwenig bisher mit Körperertüchtigung beschäftigt hat. Aber in unseren Schulen wird ja weniger fürs Leben erzogen als fabrikmäßig Unterricht verabreicht. Und so manche überforderten Eltern verlangen dann von ihren Sprößlingen auch noch den Nachweis zum Genie – mit einem Arbeitstag nicht unter 16 Stunden. Und bequeme Lehrer, die nur ihr Fach sehen, kümmern sich einen Kehricht um die Sorgen ihrer Schutzbefohlenen. Und was kommt dabei heraus? Selbstbewußte, kritische Menschen, die mit dem Alltag fertig werden? Wer weiß, vielleicht denken manche Pauker und Erziehungsberechtigten jetzt unterm Weihnachtsbaum mal drüber nach – und an ihre Schulzeit zurück. Es könnte nichts schaden.



Der erste Schnee

Schön war die weiße Pracht in und rund um Heilbronn. Aber jetzt ist der erste Schimmer einer weißen Weihnacht auch schon wieder vorüber. Naßkalt ist’s – mehr herbstlich als weihnachtlich. Aber wir wollen ja nicht klagen. Die kalte Jahreszeit war heuer so, daß niemand mehr große Reden über einen zu warmen Winter führen kann. Erinnern Sie sich noch an die vergangenen Jahre? Da führten besonders witzige Leute, die den Umweltschutz zur Ersatzreligion erhoben hatten, ständig Klage darüber, daß der Winter nicht mehr sei wie einst, vom Sommer, Frühjahr oder Herbst erst garnicht zu reden. Klimakatastrophe hieß das Stichwort. In letzter Zeit reden vornehmlich Experten darüber - und das sehr differenziert.  Aber unsere Medien überschütten uns beim geringsten Glatteis oder ein wenig stärkeren Schneefall gleich mit Katastrophenmeldungen. Auch wenn diese Art der selbstgestrickten Katastrophe oft nur einen Vormittag anhält. Und bei manchen Sendern nimmt die Berichterstattung darüber dank schriller Stimmen dann hysterische Ausmaßean. Mir scheint, manche hätten hier gern alle Jahreszeiten in voller Pracht, aber bitte nicht mit starken Überraschungen. Zurück zur Natur, aber bitte im Rolls Royce. Oder: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Dabei wär’s oftmals sinnvoller, die Leute würden ihre Gehwege anständig in der Frühe räumen, damit die Fußgänger unverletzt zur Arbeit kommen. In den letzten Tagen habe ich auch in Heilbronn, vor allem in den schönen und grünen Wohngebieten feststellen müssen, daß der Räum- und Streupflicht nur recht zögerlich, wenn überhaupt nachgekommen wurde. Streuen und Fegen hilft Unfälle vermeiden. Wenn mal was geschieht, das kann teuer werden. Z.B.: Beinbruch! Au Backe!



Weihnachtsbaum

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen - alle Jahre wieder. Und manchmal auch schon zu der Zeit, wenn neben den Sonnescremes der ausgehenden Sommer-Urlaubssaison die Lebkuchen in den Supermärkten zu finden. Geschäft ist halt Geschäft. Und Gefühl ist Privatsache. Wer kann es dem Einzelhandel verdenken, bei teilweisen Umsatzeinbußen von mehr als 20 Prozent, wenn er das anbietet, was ankommt. Aber ich muß ehrlich sagen: Mir ist’s auch manchmal schon zuviel. Nicht weil mir hier auf dem Turm alltäglich seit dem 30. November das Konserven-Geplärre von Weihnachtsliedern aus Lautsprechern entgegenwabert, nicht wegen eines Weihnachtsmarktes, der sich in vielen Teilen außer dem Glitzerschmuck vom normalen Krämermarkt - siehe Pferdemarkt - nicht unterscheidet. Nein, mir ist es zuviel, weil die Hetze den Leuten ins Gesicht geschrieben steht. In früheren Zeiten war der Beginn des Winters auch der Anfang der Ruhezeit, in der nicht nur die Pflanzen und Tiere ihren Winterschlaf einnahmen, sondern auch die Menschen den Tag geruhsamer angingen. Um fünf Uhr war da Schluß mit dem Tages-Leben, weil dann das Licht fehlte - und das künstliche halt sehr teuer war. Man war schlicht gezwungen, sich in die wärmenden Stuben zurückziehen, weil es draußen bitterlich kalt war. Heute ist die Temperatur winters wie sommers in den Stuben gleich. Selbst beim Fortbewegen ist man der Kälte nur kurz ausgesetzt: Im Auto ist’s heute genauso wohlig warm wie in der Stube. Natur? Das ist die Ausnahme für den streßgeplagten Menschen der Vorweihnachtszeit. Und am Heiligabend? Da läuft der Countdown. Wie soll  Ruhe und Gemütlichkeit einkehren, wenn man das zuvor nicht eingeübt hat? Sicher, man kann sich mit ein paar Viertele schon Gemütlichkeit verschaffen, das besänftigt Geist und Nerven. Das wissen wir im schwäbischen Unterland. Aber ob dann die Weihnachtslieder noch zur Freude der Familie stimmungsvoll und ohne Gelalle über die Lippen kommen? Ein geruhsames Fest all jenen, die mich unterstützend hier im Blatt begleitet haben - auch jenen, die mich mit anonymen Briefen und Anrufen in den vergangenen zwölf Monaten traktierten.

Kiliansmännle, 13.12.1995



FDP wohin?
In Baden-Württemberg ist der Landtagswahlkampf für die Entscheidung am 24. März 1996 schon in vollem Gange. Und nachdem die SPD im Bund ihrem Sommertheater mit der Abwahl Rudolf Scharpings in Mannheim ein unrühmliches Ende gesetzt hatte, schreiben die Freien Demokraten an der Fortsetzung dieses Politthrillers. Nachdem sie sich nicht entscheiden konnten, wo sie sich im Einheitsdeutschland politisch positionieren sollen, ob mehr links, mehr rechts oder in der kaum definierbaren Mitte, glaubt man mit immer neuen Schlachtfesten von scheinbar Schuldigen neue Richtungen einschlagen zu müssen. Große Erfolge konnte die FDP bisher im Nachkriegsdeutschland nur als bürgerlich-liberale Partei verbuchen. Als sie sich in den siebziger Jahren nach links öffnete, begann der Abstieg, seitdem kämpft sie immer und immer wieder damit, Kraft zu sammeln, um wenigstens mit Hängen und Würgen über die Fünf-Prozent-Hürde zu springen. Dritte politische Kraft ist sie schon lange nicht mehr, weder in Deutschland noch in Baden-Württemberg, den Platz mußte sie an die junge Partei der Grünen abgeben. Und im Ländle wurde sie dazu noch von den Republikanern weit überflügelt. Aber ihre Politik hat sie offenbar nach diesen vielen Niederlagen nicht neu geordnet. Ihr fehlen einfach die kantigen Köpfe von Frauen oder Männern, die klar sagen, was sie in der Politik wollen und was sie nicht wollen. Und da die Plätze auf der linken bis hin zu Mitte von PDS, Grünen und SPD schon längst besetzt sind, in der Mitte nach rechts hin CDU und CSU die Platzhirsche sind, fehlt nur noch das freiheitlich liberal-konservative Korrektiv. Was einst die Garantie für zweistellige Stimmenergebnisse in Baden-Württemberg war, dieses Feld wird von der FDP schon lange nicht mehr besetzt. Und so wird sie ohne Pauken und Trompeten untergehen, wenn man den Umfrageergebnissen  glauben kann. Wenn sie sich nicht vorher eines Besseren besinnt.



Flaschen-Boxen

Es war das gesellschaftliche Ereignis in Baden-Württemberg am vergangenen Wochenende. Was in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle im Ring von den beiden Boxern Axel Schulz (Deutschland) und Frans Botha (Südafrika) gezeigt wurde, das war über weite Strecken nur Gemurkse. Aber nachdem die Punktrichter ihre Entscheidung für Botha als Sieger bekanntgegeben hatte, da prasselte ein Regen der Sektkelche und Champagnerflaschen über den Ring herein. Und die „Very important persons“, die VIPs in den ersten Reihen konnten nicht immer den Wurfgeschossen der enttäuschten Fans ausweichen. Verletzte mußten gleich reihenweise vom Roten Kreuz behandelt werden. In jedem Fußballstadion werden Getränke nur in Papp- oder Plastikbechern ausgeschenkt. Aber Fußball ist ja auch derzeit kein schicker Sport, zu dem die halbseidene Welt aus Politik, Wirtschaft und Showbusineß begeistert pilgert. Wer war zu sehen: Politikprominenz wie Dieter Spöri (baden-württembergischer Wirtschaftsminister) und Manfred Stolpe (Ministerpräsident aus Brandenburg), der oberste Landesherr des Axel Schulz, der bekanntlich aus Heilbronns Partnerstadt Frankfurt an der Oder kommt. Ich verstehe es immer noch nicht ganz, warum gerade Boxen zum Sport der deutschen Einheit geworden ist. Zeigt sich darin etwa der neue, einheitliche Volkscharakter der wiedervereinten Deutschen? Und warum gerade der einstige Kirchenfürst Stolpe begeistert in die Hände klatscht, wenn seine Landeskinder Schulz oder Maske sich und anderen die Köppe blutig schlagen, das will einfach nicht in meinen Steinschädel.Schließlich ist sein einstiger oberster Dienstherr seit jeher ein entschiedener Gegner jeglicher Gewalt. Und unser Dieter Spöri? Boxerqualitäten im politischen Geschäft sind ihm nicht abzusprechen. Ulrich Maurer kann ein Lied davon singen. Aber der Kampf ist ja nicht offen ausgetragen worden. Erwin Teufel heißt der Gegner, mit dem im Ring „Wahlkampf“ über drei Monate gefightet werden muß. Und der weist Steherqualitäten auf.



Einfach unglaublich

Manchmal steige ich ja von meinem Sockel herunter, um beim Neckar-Express meine Texte abzugeben. Diese Woche bot sich mir ein ungewöhnlicher Anblick: Da stand doch ein riesiger Stapel von rund 500 Postkarten mitten im Redaktionszimmer, und der Praktikant war eifrig damit beschäftigt, diesen Haufen zu ordnen. Was das denn zu bedeuten habe, wollte ich – neugierig wie ich bin – wissen. Ja, so bekam ich zur Antwort, dies sind die Karten für die Kelly-Family-Verlosung. Interessiert schmökerte ich daraufhin mal in dem Kartenberg. Einige Leute hatten sich besondere Mühe gegeben und die Karten kunstvoll verziert. Besonders schön fand ich eine Karte: Auf die eine Seite hatte der Teilnehmer einen Mann im Anzug geklebt – und in der ausgestreckten Hand hält der einen Zettel mit der Lösung. Andere Fans der Kelly Family glänzten durch profundes Fachwissen. So konnte ich lesen, daß Steven Tyler auf dem „Out in the Green-Festival“ in der Schweiz gesagt habe, er fände die Kellys „einfach unglaublich“. Die Kelly-Fans bringen der Redaktion noch was bei. Manch ein Schreiber war offenbar so aufgeregt, daß er glatt vergaß, den Absender auf die Karte zu schreiben. Auch ganze Familien schickten für jedes Familienmitglied eine Karte ab, um die Gewinnchance zu erhöhen. Ein legaler Trick. Nützt allerdings wenig. Insgesamt neun doppelte Karten von drei Geschwistern fanden sich im Stapel  – da hat nur die Post am Porto verdient . Bisweilen schreiben die Leute auch die gesamte Neckar-Express-Frage noch mal ab und bauen dann kunstvoll die Antwort mit hinein. Da heißt es: Ganz genau lesen, ob die Antwort auch stimmt. Am besten sei es, so wurde mir gesagt, wenn nur das Lösungswort neben Anschrift und Absender steht. Dorthin hat es auch ein Mädchen geschrieben: Auf die Frage, wer die Kelly Family einfach unglaublich finde, antwortete sie lakonisch: Die Ärzte.



Hase und Igel

Katz und Maus spielen derzeit die Dealer und Hintermänner im Rauschgiftgeschäft mit Polizei und Stadtverwaltung. Oder besser gesagt: Hase und Igel.  Ick bin allhier schon do. So lautet der erfolgreiche Spruch der Verbrecher. Wie einen Ochsen mit Nasenring und Strick führt die Rauschgiftmafia die staatliche Gewalt in Heilbronn vor. Ist es heute der Friedensplatz, ist es morgen der Harmoniepark. Und wenn die Dealer auch dort vertrieben sind, dann wird die Sülmercity belegt. Rauschgiftsüchtige folgen ihrem Verderbern blind und bedingungslos. Die Feinde für sie sind Polizei, Geschäftsleute und die „spießigen“ Bürger Heilbronns. Klar, die nehmen ihnen ja auch die Freiheit, sich allüberall hemmungslos auszubreiten. In den Hauseingänge, den Unterführungen, selbst auf offenen Plätzen geben sie sich die Spritze – im Angesicht von Polizei, Kindern, Erwachsenen. Die Strategie heißt: den liberalen Staat vorführen, damit er sich repressiv zeigt, die Mitleider dann empört aufschreien und das Feld für den ungehinderten Konsum und Verkauf endlich Süchtigen und Dealern überlassen. Eine Kraftprobe nennt man sowas. In der Vorweihnachtszeit ist sie besonders spektakulär. Jahrelang hat man in Heilbronn das Problem verniedlicht, nicht wahrgenommen, daß in den Therapieeinrichtungen rund um die Stadt mehr aufgefangen als erfolgreich therapiert werden kann. Sozialarbeiter verniedlichten das Drogenproblem, anstatt es mit aller Härte anzugehen, Wege aus der Droge aufzuzeigen. Ein Drogensüchtiger ist kein selbstbewußter Mensch, richtet sein Verhalten nicht an allgemeingültigen sozialen Verhaltensmustern aus, sondern ist das bedauernswerte letzte Glied in der Kette, Kanonenfutter im Krieg der Drogenbarone gegen die zivilisierte Welt. Und dabei geht es nur um dreckiges Geld. Geld, das nicht erarbeitet, sondern mit brutaler krimineller Energie den Süchtigen und ihren Angehörigen gestohlen wird. Durch Verniedlichung dieser Feinde, durch falsche Schuldzuweisungen werden verkehrte Fronten aufgebaut –  ganz im Sinne der Verbrecher, die es mit Jubel sehen, wenn die Gesellschaft, deren schwächsten Gliedern sie ihre tödliche Waren verkaufen, durch zermürbenden Streit sich selber in ihrer Abwehrkraft schwächt .



Musical-Boom

Nicht mit dem „Käthchen von Heilbronn“ wurde der Neubau des Stadttheaters am Berliner Platz feierlich eingeweiht, sondern mit einem Musical. „My Fair Lady“, ein Singstück, das heute kaum mehr im Programm der Staats- oder Stadttheater zu finden ist, sondern mehr bei den Freilichtbühnen zur Sommerszeit.  Die Zeit, in der Heilbronn als Musicalbühne ein wenig Furore machte, ist allerdings auch schon längst vorüber. Wer Theater dieser Sparte mag, der macht heute einen Ausflug. Zum Beispiel nach Stuttgart-Möhringen. Dort hat der reiche und rührige Rolf Deyle einen Theaterpalast mit Hotel und Erholungszentrum auf die Krautäcker gestellt und bietet seit einem Jahr in seinem Musentempel ununterbrochen „Miss Saigon“. Zehn Jahre insgesamt soll das Stück laufen. Und der Zuspruch der Besucher ist bis heute nicht gebrochen. Denn es hat sich herumgesprochen, daß in diesem Theater Qualität geboten wird. Die Tänzer und Sänger proben täglich, als ob an jedem  Abend Premiere sei. Eine intensive Probenarbeit kann sich sich ein Stadttheater nicht leisten. Dort verschlampen nach dem Premierenabend oftmals die Aufführungen, weil halt zwei oder drei Stücke nebenher noch von der Schauspielern einstudiert werden müssen. Jetzt wird in der Fildergemeinde vor den Toren Stuttgarts sogar noch eine zweite Musical-Hall geplant. 1997 soll das neue Musical-Theater mit 1.500 Plätzen fertig sein und über Jahre hinweg „Phantom der Oper“ allabendlich bieten. Damit ist dann in Stuttgart ein Kultur-Zentrum geschaffen, das neben dem abendlichen Vergnügen auf den Brettern, den Erholungsmöglichkeiten auch noch Raum für Kongresse und Tagungen aller Art bietet. Wenn demnächst vielleicht das Messegelände unmittelbar neben diesen Gebäuden seinen Platz hat, dann ist Stuttgart vielleicht eine Musical-Hochburg im Süden Deutschlands. Und neben einer solchen Hochburg, das haben anderen Zentren schon gezeigt, entwickelt sich ja auch eine Szene. Zum Beispiel wie in Hamburg: Dort existieren  über zehn andere, kleinere Musicaltheater. Kultur befruchtet, wenn sie beim Publikum ankommt.



Berliner Platz

Wer sollte und wer wollte nicht schon alles auf den Berliner Platz in Heilbronn. Das Kaufhaus Breuninger war im Gespräch, zeigte sich interessiert – und sprang dann ab. Die Gründe sind nie ganz klar geworden. Dabei wäre Breuninger mit seinem Sortiment eine Bereicherung der Stadt gewesen. Jetzt soll groß gebaut werden. Einkaufpassagen, Kinos, Theater – ein richtig kleiner Konsumtempel neben dem Heilbronner Stadttheater. Eine Aufwertung der Sülmer City könnte das werden. Aber nachdem sich die Drogenszene dort festgesetzt hat, der Fußgängerbereich im Norden immer noch nicht mit jenem in der Fleiner Straße Heilbronns konkurrieren kann, macht jetzt auch noch ein Teil des Gemeinderats Schwierigkeiten. Am Kurt-Schumacher-Platz im Bahnhofsviertel sollen ebenfalls Kinos in Planung sein. Und nun sind sich die Stadträte unsicher: sollen sie am Berliner Platz im Bülow-Bau auch noch Kinos genehmigen. Dabei wäre es durchaus sinnvoll, wenn Heilbronn gerade in diesen Vierteln neue Filmtheater bekäme. Die Parkplatzsituation im Bereich südliche Innenstadt ist reichlich dürftig für die Mehrheit der jugendlichen, sehr mobilen Kinobesucher. Und außerdem: Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Wenn in unseren wirtschaftlich schweren Zeiten mit unnötigem Gezerre und müden Überlegungen auch noch die geplante Bebauung des Schandflecks in der Nordinnenstadt vom Gemeinderat und der Verwaltung vergeigt wird, dann Gute-Nacht Berliner Platz. Der Theater-Anbau sollte eigentlich schon kurz nach Fertigstellung des Stadttheater-Neubaus 1982 kommen. Aber das ist mehr als 13 Jahre her. Hoffentlich kann der Erste Bürgermeister der Stadt, Werner Grau mit seinem beneidenswerten Optimismus die Querelen beenden und das Projekt in richtige Bahnen lenken, damit’s endlich was wird – mit der Nordinnenstadt.



Geplagte Riedstraße

Die Haller Straße führt aus Heilbronn heraus in Richtung Weinsberg. Daß dieses Bauwerk nicht gerade den Erfordernissen des Straßenverkehrs des Jahres 1995 entspricht, das dürfte in Heilbronn hinlänglich bekannt sein. Dabei ist dieses Nadelöhr der Zubringer für viele, die in Heilbronn ihrer geregelten Arbeit nachgehen. Weinsberg hat mit seinem Teilstück der Bundesstraße 39 alles getan, um den Verkehrsfluß angemessen zu führen. In Heilbronn war man offenbar der Ansicht, das Weinsberger Tal sei weniger wichtig als andere Gegenden rund um die Metropole der Region Franken. Jetzt aber stinkt’s den Bürgern rund um die Haller Straße. Vor allem die Anwohner der Riedstraße (dort, wo die beiden  Heinrich-Besenwirtschaften sind) fordern vehement eine Fußgängerampel zum Überqueren der Haller Straße in Richtung Krugstraße. Denn für Fußgänger sei  das Wechseln der Straßenseite in diesem Bereich durch den ununterbrochenen Autoverkehr ein ständiges Risiko. Für die älteren Bewohner und Kinder stellt die Haller Straße ohnehin eine nahezu unüberwindbare Barriere da. Die Kinder aber müssen zur Schule gehen, die älteren Menschen müssen ihren Einkauf tätigen. Die Geschäfte jedoch liegen alle im Bereich des Bahnhofs Karlstor. Von der Lärmbelästigung durch die B 39 für die Anwohner der Riedstraße gar nicht erst zu sprechen. Nun behaupten einige Stadtmanager, man könne ja den Gehweg entlang der Haller Straße benutzen. Aber der ist schmal, uneben, wird im Winter nicht geräumt und ist im Sommer durch Gras und Brombeeren zugewachsen. Vor zehn  Jahren schon war den Bewohner der Riedstraße versprochen worden, daß eine akzeptable Lösung für eine Ausfahrt in die Haller Straße und eine Unterführung für die Fußgänger geschaffen werde. Bis heute hat sich nichts getan. Jetzt will man nicht mehr warten, sondern fordert eine Ampellösung, „damit unsere Kinder sicher zur Schule kommen!“. Ich bin auf die Reaktion der Stadt gespannt.



Bismarck im Park

Der eiserne Kanzler wurde er einst genannt. Der Schmied des zweiten Deutschen Reiches. Um die Jahrhundertwende soll es in deutschen Landen eine regelrechte nationalistische Bismarck-Euphorie gegeben haben. Und der Mann mit dem heisernen Geschrei aus Braunau hatte sich mehr als zwölf Jahre heftig auf ihn berufen und sich als Vollender des Bismarck-Werkes angesehen. Mit dem Unterschied: Bismarcks kleindeutsches Reich hielt länger als Hitlers Großdeutsches. Auch in Heilbronn konnte man sich der Begeisterung für den Eisernen nicht entziehen und errichtete ihm ein Denkmal. Ich meine, sogar ein sehr schönes. Am Neckar stand’s, gleich am Eingang zu Innenstadt – unübersehbar. Vor wenigen Wochen ist Fürst Bismarck umgezogen – in den Bismarck-Park. Und da steht er nun reichlich versteckt, ohne den Raum, den ein Denkmal benötigt. Skulpturen im öffentlichen Raum sollten Ergänzung zur vorhandenen Architektur sein. In diesem Fall, so scheint es mir, ist der Fürst am falschen Platz. Stünde er an der Spitze des Bismarckplatzes (Ecke Herbst-/Bismarckstraße), dann wäre das Denkmal eine schöne Ergänzung zu Gebäudekomplex und Park. So schaut der arme eiserne Kanzler aus Bronze auf die gegenüberliegenden Häuser und der Betrachter muß mühsam aufblicken, um ihn zu erblicken. In ihrer vollen Größe ist die Skulptur mit dem Auge kaum zu erfassen. Stadtplanung – ein besonders heikles Thema heute in der Käthchen- und Weinstadt am Neckar. Dabei waren doch die Vorgaben der früheren Planer mit Prachtstraßen rund um die Innenstadt, den breiten Straßen, die aus der Stadt herausführten, recht gut durchdacht. Aber Otto mußte jetzt dran glauben.



Gebühren rauf!

Wenn Politikern nichts mehr einfällt, dann erhöhen sie die Steuern. Kein neuer Spruch. Aber er ist immer noch zutreffend. Busfahren wird 1996 teurer. Die Müllgebühren steigen mal wieder. Insgesamt hatte die Stadtverwaltung in der letzten Gemeinderatssitzung zehn Gebührenanhebungen eingebracht. Und die Damen und Herren des Gemeinderats stimmten zu. Wenn die Steuereinnahmen der Stadt gleichbleiben oder zurückgehen, wenn die laufenden Kosten steigen, Bund und Land der Stadt immer mehr aufbürden, dann können Sparmaßnahmen allein keinen Ausgleich bringen. Verkündete der SPD-Fraktionsvorsitzende Friedrich Niethammer in der Partei-Postille „Heilbronner Rundschau“. Wenn ich mir das Dezember-Fieber 1995 bei der Stadtverwaltung vor Augen führe, dann frage ich mich allerdings, wo gespart wird. Eine Ausgabensperre wäre für viele Ämter ein durchaus angemessener Sparansatz gewesen. Beklagt wird vom Gemeinderat, daß die Bürger immer mehr Leistungen fordern würden. Die Bürger? So manche Vereinsmeier vielleicht, Leute, die an den Rockschößen jener Stadträte hängen, die sich durch einnehmende Reden geschmeichelt fühlen. Aber die Bürger, die wollen nichts als ein funktionierendes Gemeinwesen. Ich glaube eher, daß sich bei einem Betrieb mit über 4.000 Arbeitnehmern viele unnötigen Ausgaben verselbständigt haben. Sparen heißt auch, den Ämtern mehr Selbstverantwortung für ihr Tun und Handeln zuzugestehen. Leistung und Effizienz müssen belohnt werden und nicht sture Beamtenarbeit. Die Stadtverwaltung ist für die Bürger da, ist ein Dienstleistungsunternehmen. Meine Stadtverwaltung, meine Bürgermeister – diese Bezeichnung müssen Bürger im Munde führen, nicht der OB. Dem gehört nichts. Seine vornehmste Aufgabe heißt „Dienen“. Er ist nur oberster Verwalter und Repräsentant des Gemeinwesens. Und in diesen Zeiten heißt das erste und letzte Gebot: Sparen.