Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 12.07.1995



Garten-Idylle
Wenn man wie ich gelegentlich jetzt im Sommer mit dem Fahrrad durch die heimische Landschaft gondelt, dann gibts da Dinge zu sehen, die mit dem Auto nur so vorüberfliegen - ohne eigentlich wahrgenommen zu werden. Zum Beispiel sah ich edel gepflegte Schrebergärten an der Bahnlinie Heilbronn-Neckarsulm. Tip-top, kann ich da nur sagen. Und in einem dieser Saubermann-Gärten flattert im sommerlichen Abendwind sogar das schwarz-rot-goldene Banner der deutschen Nation. Mit Wetterhahn an der Spitze, der die Windrichtung anzeigte. Nebenan im ebenso blitzsauberen Nachbargarten: keine Flagge. Aber deutlich ist an den Kopftüchern der Frauen und an der Sprache der Männer zu erkennen: Hier sind Menschen türkischer Nation zuhause. Multikulturelle Kleingärtneridylle an einem deutschen Bahndamm - dachte ich so bei mir. Hoffentlich ist das Hissen der deutschen Farben in diesem Heilbronner Schrebergarten keine Demonstration gegen eine andere, die benachbarte Nation. Denn hüben und drüben wachsen die gleichen Pflanzen. Und die sind weder deutsch noch türkisch, weder moslemisch noch christlich. Nur Gottes Geschöpfe.



Müll in der Stadt

An der Müllfront scheint sich in Heilbronn einiges zu bewegen, wenn man den Zahle jener glauben kann, die uns vorrechnen: der Müll wurde in der Käthchenstadt  verglichen mit 1993 im vergangenen Jahr um rund 27 Prozent reduziert. Und bei der städtischen Deponie Vogelsang sehen die Zahlen noch eindrucksvoller aus. Die Abfallmengen wurden dort um 37 Prozent reduziert. Dafür gibt es Gründe. Die Stadt Heilbronn sagt: erhöhte Deponiegebühren, Herkunftsnachweis des Mülls und bessere Beratung hätten zur Reduzierung des Aufkommens geführt. Und wir Bürger? Im Durchschnitt erzeugt jeder Heilbronner pro Jahr 222 Kilogramm Müll.  Und trotz der Steigerung der Quote beim „Gelben Sack“ um 40 Prozent, beim Altpapier gar um 20 Prozent, meint Baubürgermeister Ulrich Frey, daß Heilbronn von Jahr zu Jahr schmutziger werde. In der Wiederbesetzungssperre sei ein Grund dafür zu finden.  Wenn das Müllbeseitigungspersonal fehle, dann könne die Stadt halt weniger herumliegenden Müll einsammeln. Und außerdem würden 13.000 Haushalte überhaupt keine Müllgebühren bezahlen. Wo die wohl ihren Abfall entsorgen?



Straßensperrungen

Am vergangenen Donnerstag ging‘s sportlich rund um meinen Turm. Coca-Cola-Trophy war angesagt. Zum siebten Male fand das Profirennen unterhalb von meinem Turm statt. Vier Stunden, von 17 bis 21 Uhr, war alles rund ums Rathaus abgesperrt. Wer drinnen war konnte raus, und wer draußen war nicht rein. Und das an einem langen Donnerstag. Da hätten sie mal hören sollen, wie die Leute geschimpft hatten. Trotzdem gelang es den meisten, rein oder wieder rauszukommen. Sie stiegen einfach übers oder krochen unterm roten Absperrungsseil hindurch. Trotz der heftigen Ermahnungen der Ordnungshüter.  Gottseidank ist nichts geschehen - kein Radrennprofi mit einem einkaufenden Unterländer zusammengestoßen.



Hörer gestern

Wußten Sie schon, wieviel Radio wir in Baden Württemberg täglich hören? Die Media-Analyse 1995 sagt es genau: 164 Minuten Radio konsumieren wir täglich. Insgesamt erreichen die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme werktags 4,57 Millionen Hörer, die privaten Programme kommen auf 2,14 Millionen. Der Marktanteil der öffentlich-rechtlichen beträgt 70 Prozent, jener der privaten Radio-Sender rund 30 Prozent. Im Sendegebiet des Südfunks rangiert das Hörfunkprogramm SDR 1 mit 22,3 Prozent an erster Stelle. Es folgen SDR 3 (18,4 Prozent), S4 Baden Württemberg (14,5 Prozent), SWF 3 (8,5 Prozent), Radio Regenbogen (5,7 Prozent), Antenne 1 / RT 4 (5,4 Prozent), SWF 1 (5,2 Prozent), Radio 7 (4,3 Prozent) und S2 Kultur (2,7 Prozent). Dabei hat „S4 Baden Württemberg“ den größten Zuwachs zu verzeichnen: 350.000 neue Radiohörer im Ländle. Und auch „S2 Kultur“ hat mit 40.000 eine erstaunliche Steigerung zu vermerken. Was mich immer bei solchen Zahlen verwundert - das ist die Genauigkeit. 44.000 Personen wurden bei der Media-Analyse in Deutschland befragt. In Baden Württemberg waren es insgesamt rund 10.000 Menschen. Da muß man sehr genau über Jahre Statistik führen, die Haushalte sorgsam betrachten und geschickt fragen, um glaubwürdige Zahlen zu bekommen. Denn diese sind Grundlage für die Werbewirtschaft, um an die Zielgruppen ihrer Kunden zu gelangen.



Käse im Hals

Die Geschichte hat sich vor ein paar Tagen zugetragen - und erzählt von der Gier nach Käse. Auf der Autobahn A 81 Stuttgart - Heilbronn verunglückte spät in der nacht ein Käsetransporter. Der tonnenschwere LKW durchbrach auf der Höhe der Gemeinde Abstatt ein Brückengeländer und krachte auf einen darunterliegenden Feldweg. Dabei kam der Fahrer ums Leben. Einige Menschen aus dem Wohngebiet Abstatt-West hatten den Unfall mitbekommen und innerhalb kürzester Zeit pilgerten Schaulustige und Neugierige zu nahegelegenen Unfallstelle. Aus dem zertrümmerten LKW war die Käseladung herausgefallen. Gelegenheit macht Diebe muß sich ein gut Teil der schaulustigen Abstatter gesagt haben.  Flugs wurden Käseschachteln und Käseräder für Mutterns Kühlschrank eingepackt und abtransportiert. Es heißt, daß selbst im Leichenwagen das eine oder andere Käseteil davongefahren wurde. Wenn eine solche Geschichte im ehemaligen Jugoslawien passiert, dann kann ich nur das größte Verständnis für die Plünderer aufbringen. denn die nagen am Hungertuch. Doch wenn ich mir so manch wohlgenährten Bauch anguckte, dessen Träger da nächtens auf Diebestour ging, kann ich nur sagen: der Käse soll ihm im Halse stecken bleiben.



Spitzenkräfte

Viele in der Käthchenstadt fragen sich: Sind in Heilbronn keine Nachwuchsspitzenkräfte zu finden? Wenn es um die Neubesetzung von Spitzenpositionen geht, dann holt man sich seit längerer Zeit schon die Leute von auswärts. Nach dem Otto: auswärtige Besen kehren besser und gründlicher. Ob beim Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse, beim Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, beim Leiter des Schulamtes, bei den Bürgermeistern, dem Präsidenten des Landgerichts, dem neuen HSt-Chefredakteur oder zum Ende des Jahres beim Direktor des Finanzamtes. Die einen sagen: Das ist gut so. Der neue Mann darf nicht im Heilbronn Geflecht und Mief zu stark involviert sein. Die mehr lokalpatriotisch Gesinnten meinen: Früher habe man auf Kontinuität gesetzt, die Leute im eigenen Hause herangezogen, den regionalen und lokalen Gesichtspunkten mehr Bedeutung beigemessen. Think global, act local - lautet ein Merkspruch, den sich so manche Firma, so mancher Verband oder so manches Amt zum Leitgedanken gemacht hat. Mit dem globalen Denken und lokalen Handeln scheint es aber nicht allzuweit her zu sein. Denn Heilbronn liegt immer noch abseits der großen Verkehrsflüsse und im Zentrum der Wirtschaftskrise.



Kilianpreise

Wissen Sie noch, wer im vergangenen Jahr den Kilianpreis in Heilbronn erhielt? Macht nichts. Wichtig ist die Gegenwart. Obwohl es ja heißt, die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen. Den kleinen Heilbronner „Oscars“ gabs heuer in den Kammerspielen gleich siebenmal. Die Mitglieder des Theatervereins hatten ausgewählt und zu Preisträgern erkoren: Viola von Lewinski und Rudolf Lütgens für die beste schauspielerische Darstellung in einer Hauptrolle, Ina Bleiweiß und Johannes Bahr für die beste Darstellung in einer Nebenrolle, Thomas Pekny für das beste Bühnenbild und Lech Majewski für die beste Inszenierung. Einen Sonderpreis für „Darstellende Kunst“ erhielt das Freilichtbühne Neuenstadt am Kocher, ein Laientheater, das alljährlich im Burggraben zur Sommerszeit ein volkstümliches Stück zum schenkelschlagenden Vergnügen der Zuschauer zum Besten gibt. Geld, eine Urkunde und die kleine Statue wurden den Preisträgern überreicht. Wie sagte noch Jean Luc Godard: Kultur ist die Regel. Kunst ist die Ausnahme von der Regel. In Heilbronn wird zumeist von Kultur gesprochen - bei solchen und ähnlichen Anlässen.



Spielstätten-Kampf

Immer wieder höre ich in diesen Tagen, daß das Kulturleben in Heilbronn aufgepäppelt werden soll. Da wird vehement eine dritte Spielstätte fürs Heilbronner Stadttheater gefordert - und niemand weiß, wo das Geld dafür herkommen soll. Man spekuliert darauf, daß auf dem Berliner Platz von privater Hand prachtvoll gebaut wird. und dann soll es eben auch noch für eine dritte Spielstätte  langen. Hoffentlich hat man da nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Dem Einzelhandel in Heilbronn  und im ganzen Lande gehts nicht so prächtig, daß er in große Baupläne sich verlieren könnte. Und der private Investor beginnt nicht eher, bis die Finanzierung steht - eine Vermietung oder der Verkauf der Räumlichkeiten steht. Und für die Stadt wäre, ob sie die dritte Spielstätte des Theaters nun mietet oder kauft, ein weiterer Kostenschub - Jahr um Jahr. Aber die Kulturwütigen in Heilbronn sind mächtig und hartnäckig. Sie müssens ja auch letztendlich nicht zahlen. Und am hartnäckigsten ist der Intendant des Theaters Klaus Wagner. Wie ich ihn kenne, setzt er alle Hebel in Bewegung, um die ungeliebte Kammerbühne in einen Probenraum umwandeln zu können. Und einen langen Atem hat er auch: schließlich gibts Pläne, seinen Vertrag übers Jahr 2000 hinaus zu verlängern.



Krise bei der FH?

Unsere Fachhochschule in Heilbronn besitzt rund 120 Professoren und um die 180 Lehrbeauftragte. An anderen Fachhochschulen des Landes ist es üblich, daß sich diese beiden Teile des Lehrkörpers alljährlich einmal zu einem Gespräch, Gedankenaustausch zusammenfinden. Nichts davon in der Käthchenstadt. Hier geht man sich eher aus dem Wege. Dabei ist Kooperation zur zeit mehr als notwendig. Denn die Studentenzahlen sinken. Vor allem in den technischen Fächern gibts erhebliche Probleme - Elektronik, Physikalische Technik oder Maschinenbau. Dagegen laufen Medizinische Informatik oder Touristik offenbar gut. Und hinzu kommt noch, daß die Außenstelle Künzelsau der Heilbronner Fachhochschule in ihrem Bestand gefährdet ist. Denn der dritte Fachbereich fehlt immer noch. Elektrotechnik und Wirtschafts-Ingenieurwissenschaften allein langen halt nicht. ich könnte mir vorstellen, daß endlich der Studiengang Verfahrens- und Umwelttechnik eingerichtet wird. das hat Zukunft - gerade in unserer von Umweltproblemen belasteten Zeit.

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