Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 06.09.1995



Kreuz und quer
Da hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, daß Kreuze in Schulen nicht per Anordnung eines Ministeriums hängen dürfen. Und wenn schon eins hängt, dann muß es auf Wunsch eines Schülers entfernt werden, so es ihn bei seinem Lernen stört. Es geht um Bayern, wo in vielen Schulklassen noch Kreuze hängen. Bei uns im Ländle ist das schon lange nicht mehr üblich. Ich verstehe die ganze Aufregung jetzt nicht. Schließlich ist Religion doch in unserem Staate immer noch die Sache eines jeden einzelnen. In vielen Klassen sitzen Kinder von Christen, Juden, Moslems, Hindus, Sektenmitgliedern und Atheisten friedlich beieinander. Da kann niemand den Anspruch erheben, daß das Symbol seiner Religion fortwährend im Klassenzimmer, vielleicht sogar amtlich angeordnet an der Wand hängt. Man stelle sich vor, in einer schwäbischen Grundschule sind mehr als 50 Prozent der Schüler Moslems, und deren Eltern verlangten nun, daß die Fahne des Propheten fortwährend im Klassenzimmer aufgehängt wird. Zur Toleranz in einem Staat, der die Religionsfreiheit garantiert und schützt, gehört auch, daß er die Freiheit der Minoritäten gewahrt  bleibt. Wenn nicht, dann haben wir sehr schnell bei uns einen Ansatz für jugoslawische Zustände.



Kino-Center

Es geht um Arbeitsplätze. Um den Erhalt der bestehenden und die Schaffung neuer. In Stuttgart trat neulich samt Landesregierung der Musical-Mogul Deyle vor die versammelte presse und verkündete, daß er neben dem vorhandenen Musicaltheater in Stuttgart noch ein zweites setzen will - samt Kinocenter. Der Ministerpräsident applaudierte, der Stuttgarter Gemeinderat läßt erst vor vier Jahren gebaute Wohnhäuser für Spätaussiedler im Wert von 10 Millionen Mark abreißen, damit das neue Vergnügungscenter in der Nähe des Flughafens entstehen kann. Und auch unser Heilbronner SPD-Landtagsabgeordneter Dr. Dieter Spöri, Erwin Teufels Stellvertreter und baden-württembergischer Wirtschaftsminister, ist von der Deyle-Idee begeistert. Stuttgart, das künftige Musical-Zentrum Deutschlands, war aus seinem Munde zu vernehmen. Wie wär´s denn mal mit der Käthchenstadt? Heilbronn könnte durchaus ein Kino-Center auf der grünen Wiese vertragen. Das Umland für diese attraktive Idee wäre vorhanden. Jetzt fehlt es nur noch an einem der das umsetzt und Zuschüsse, von Stadt und Land erhält. So wie der Deyle in Stuttgart. Aber offenbar müssen in Heilbronn die Kühe zum Saufen getragen werden.



Parken und Trinken

Wenn am Abend oder in der Nacht das Leben in der City Heilbronns dank angenehmer Temperaturen derzeit mit südlichem Flair schmückt, dann ist das den Straßencafes, den Bierkneipen und Restaurants zu verdanken. Fußgängerzonen in Heilbronn laden kaum zum Bummeln ein, weil die Schaufenster schon sehr ohne Beleuchtung sind. Aber wer mit seinem Auto in die Innenstadt will, der benötigt einen Parkplatz. Und die sind im Kern der Stadt - also zwischen Allee, Neckar, Weinsberger Straße und Rosenbergstraße rar. Trotzdem findet offensichtlich das unternehmungsfreudige Völkchen der Nachtschwärmer genügend Parkraum. Sonst wären die bereitgestellten Parkplätze in den Tiefgaragen rund um den Stadtkern ja am Abend und in der Nacht ausgebucht. Nichts dergleichen ist jedoch festzustellen. Die Parkhausbetreiber klagen seit Monaten über zu wenige Parker in den Tiefgaragen. Vielleicht liegt´s aber auch daran, daß wegen der bekannten harschen Umgehensweise gar nicht mehr so viele Auswärtige in die Innenstadt Heilbronns fahren. Jene, die in Heilbronn wohnen, erreichen ja mühelos bei diesen Temperaturen ihre weiter entfernt liegenden Kneipen mit dem Fahrrad.



Im Blatte lesen

Das kennen wir ja aus der Schulzeit. Da müssen alle Pennäler irgendwann den Faust lesen. Den von Johann Wolfgang von Goethe (Deutscher Dichter - 18. und 19. Jahrhundert). Und da schrieb dieser Dichterfürst doch treffend einer verlassenen Ehefrau namens Marthe Schwerdtlein  - als sie vom Tod ihres Mannes im fernen Italien erfahren hatte - auf den Leib: „Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen, Möcht ihn auch tot im Wochenblättchen lesen.“ - So traurig der Anlaß, so hart die Realität. Ein anständiger Tod ist nur einer, der auch standesgemäß angezeigt wird. Und so sind Todesanzeigen in Tageszeitungen und Ortsblättern beliebter Lesestoff - entscheidender sogar für die Leser-Blatt-Bindung, behaupten die Marketing- und Werbefachleute. Aber manchmal frage ich mich, ob nicht zuviel getan wird. Da erscheinen dann von Freunden, Bekannten, Schulkameraden, Arbeitskollegen oder Kneipenkumpels Anzeigen, die bestimmt ehrlich gemeint sind, aber durchaus auch in Eigenwerbung abrutschen können. Davon hat der geliebte und verehrte Tote nichts, umso mehr aber jene, die den Tod mehrmals anzeigen. Pietät heißt das Stichwort. Und da ist weniger in stiller Trauer immer mehr als ein Zuviel an Aufwand. Aber über Geschmack läßt sich andererseits wieder nicht streiten. Drum laßt die Toten ehrenvoll ruhen und kümmert Euch umso mehr liebevoll um die Lebenden.



Hunde im Wald

Immer wieder kommt das Thema hoch. Heilbronns Wälder, das Klo für die Stadthunde. Wo sollen sie auch sonst hin? Fragen die Hundebesitzer. In der Stadt müssen sie mit einem Schäufelchen hinter ihrem Vierbeiner herlaufen, so er Gassi muß - und das Häufchen brav in den Rinnstein oder auf den Gehsteig setzt. Wasserlassen an Bäumen, das ist eine Selbstverständlichkeit für Hundebesitzer. Wo soll der Wauwau das auch sonst machen? In der Dreizimmer-Wohnung etwa? Igitt. Am elegantesten ist daher, man packt Waldi ins Auto, fährt aufs Jägerhaus oder den Gaffenberg, und schon springt das arme Vieh von Baum zu Baum, beschnuppert die Nachlassenschaft der Vorgänger, findet ein noch relativ geruchsfreies Plätzchen, drückt den Kot, bespritzt noch ein paar Baumstämme - und dackelt brav hinter Herrchen oder Frauchen durch die Landschaft. Gelegentlich scheucht der Köter dann auch noch ein paar Rehe durch Unterholz, ehe er es sich wieder auf dem bequemem Polster des Autorücksitzes gemütlich macht und zurück in die Stadtwohnung chauffiert wird. Im Sommer geht‘s ja. Da stinkt der Wald nur bei entsprechender Luftfeuchtigkeit und Temperatur nach Hundescheiße. Im Winter jedoch sind die Spuren im Schnee in all ihrer abscheulichen Prächtigkeit zu bewundern. Tierliebe nennt man das im Volksmund. Ich nenne es Tierquälerei.



Auto-Telefon

Manche finden es schick. Die Polizei warnt davor. Und für die meisten ist es einfach lästig. Das Telefon im Auto oder einfach in der Tasche: Das sogenannte Handy. Nur ein paar von mir erlebte kleine Szenen mit dem Ding. Mitten in der Stadt Heilbronn im offenen Wagen, Cabrio nennt man´s, fährt einer und telefoniert. Sieht schon lässig aus. und an der nächsten Ampel hält er mit einem heftigen Quietschen in den Reifen, das Handy fliegt ihm aus der Hand. Unfall gerade noch verhindert.  Oder man sitzt im Café, es piept, der Nachbar holt sein Handy aus der Tasche und spricht locker und selbstbewußt, so daß alle mithören können mit irgendeinem Bekannten. Einfach lästig. Oder: Irgendwo an einem Unterländer Waldesrand. Eine rostige Karre. Die Fahrertür ist geöffnet - und Mister X unterhält sich per Handy mit Misses Y, gurrend, zirpend und mit reichlich verblödetem Gesichtsausdruck. Naja. Es war halt schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben. Das heißt im Handy-Fall: Es war schon immer etwas geschmackvoller, nicht jederzeit erreichbar zu sein. Den Mann von Welt, die Frau mit Geschmack macht´s halt aus, daß sie das Handy dort benutzt, wo es sinnvoll ist. Man geht ja schließlich auch nicht mit Gummistiefeln in die Oper oder mit dem Smoking zum Wandern. Und im übrigen ist´s immer noch zu teuer, mit einem solchen Ding zu telefonieren - für Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller. Nur ein Stenz trägt Handy privat.



Städte und Bauen

Die Gebäude in einer Stadt zeugen vom Geist in diesem Gemeinwesen. So wuchsen vielerorts entweder schöne oder häßliche Gebilde in den Jahrhunderten heran. Vieles wurde im Krieg vor fünfzig Jahren zerstört, wieder aufgebaut oder geschleift und Neues an diese Stelle gesetzt. Schöne Städte in unserer Region sind Schwäbisch Hall, Ludwigsburg, Bad Mergentheim, Tauberbischofsheim, Würzburg - aber auch kleinere Orte wie Lauffen, Gundelsheim, Mosbach, Brackenheim, Güglingen oder Öhringen. Wenn man von Heilbronn als architektonisch schön gestalteter Stadt reden will, dann muß man sich schon arg anstrengen. Kilianskirche, Rathaus, die neue Volksbank oder das neues Knorr-Verwaltungsgebäude, vielleicht auch noch das eine oder andere Privathaus. Dann ist aber schon das Ende der architektonischen Fahnenstange erreicht. Vieles wertvolle an Bausubstanz hat man in den wilden Fünfziger und Sechzigern einfach abgerissen, so manche Jugendstilvilla und das durchaus wieder aufbaubare Stadttheater. Die Theatersünde sollte man den verantwortlichen Stadtvätern und -müttern immer wieder vorhalten, damit ihre Nachfolger daraus lernen. Übrigens: Einige Schmuckstücke des alten Jugendstiltheaters wollte man ja in den Neubau, das Kupfergebäude am Berliner Platz,  integrieren. Zum Beispiel die am Foyer befindlichen Köpfe. Sie aber sind verschwunden. Lagern in irgendwelchen Magazinen. So verstaubt halt der Geist von einst.



Warum soviel?

Rief mich doch erst vor wenigen Tagen eine junge Dame an, die dem Blatte vorwarf: „Warum steht denn soviel über Rauschgift im Neckar-Express? Schreiben Sie doch mal über den Drogenkonsum mit Alkohol auf dem Weindorf oder dem Unterländer Volksfest! Darüber regt sich niemand in Heilbronn auf, wenn die Besoffenen nachts nach Hause torkeln oder sogar noch Auto fahren. Und wenn in der Innenstadt Heilbronns die Hauseingänge der Anwohner vollgepinkelt werden, Straßen und Gassen erfüllt sind vom Lärm grölender Weindorfbesucher, sodaß niemand mehr richtig schlafen kann.“ Recht hat sie, die junge Dame aus Heilbronn. Nur wohnt sie nicht in der Innenstadt, wie sich herausstellte. Und Drogensüchtige kennt sie auch nicht. Sie spricht aus purem Mitleid. Wenn in Familien das Problem Drogensucht mit Heroin oder anderen harten Rauschmitteln zur Kenntnis genommen wird, dann ist es meistens schon zu spät. Die Folgen haben die unmittelbaren Angehörigen zu tragen, so der Süchtige noch im Kreis der Familie lebt. Da werden Sparkassenbücher geplündert, Geld geklaut, die Nächsten um die Hab und Gut gebracht. Asozialität breitet sich wie Mehltau über die Gemeinschaft. Denn Drogensucht kostet pro Tag um die 300 bis 500 Mark. Meistens aber flieht der Süchtige aus dem Familienkreis, wenn er überhaupt die Lebensgemeinschaft Familie nennen konnte. Und auf der freien Wildbahn muß dann ja auch das Geld für die Sucht beschafft werden. Arbeiten ist bei dieser Krankheit da kaum drin. Kriminalität, Prostitution liefern die Kohle für den Stoff. Ein Teufelskreis, in den niemand gern geraten möchte, der mit Arbeit die Existenz seiner Familie in unserer harten Zeit sichern muß. Ein kleiner Alkoholrausch auf dem Volksfest oder Weindorf - das ist noch lange keine Sucht. Hier sollte genau unterschieden werden, mit welchen Drogen die Mehrheit der Bevölkerung seit Jahrhunderten eingeübt ohne Schaden  umgehen kann.



Welcher Computer?

Wer sich einen Computer kaufen will, der steht in den meisten Fällen wie ein Ochs vor dem Tor. Die sogenannte Hardware, also Bildschirm, Rechner, Drucker - all das wird von Monat zu Monat preiswerter, trotz stärkerer Leistung. Aber es gilt immer noch: Alles in allem kostet das High-Tech-Gerät samt Drucker für den Hausgebrauch so um die 3.000 bis 3.500 Mark. Und jeder sollte wissen, daß der gerade gekaufte Personalcomputer, schon der Computer von gestern ist. Derzeit wird viel von Windows 95, das neue Betriebssystem  des allesbeherrschenden Microsoft-Herstellers geredet. In diesem Monat noch soll es vorgestellt werden. Aber Programme, die unter diesem System angemessen laufen, die sind kaum auf dem Markt. Wer sich mit einem Personal Computer bisher eingedeckt hatte, arbeitet mit den Betriebssystem DOS/Windows oder OS 2 von IBM. Daneben gibt‘s seit Jahren schon jene Computer, die all das können was Windows 95 jetzt verspricht: Die Apple-Macintosh-Computer. Zehn Prozent Marktanteil hat dieses System. Derzeit sind elf verschiedene Rechnersysteme und verschiedenen Prozessortypen und -varianten auf dem Markt. Aber laut Apple-Händlern herrscht die professionelle Kundschaft in diesem Bereich der Computer immer noch vor. Ich frage mich, warum eigentlich. denn der Apple-Computer ist weitaus leichter von Beginn an zu bedienen als alle Rechner der Intel- und DOS-Typen. Naja, nach wie vor trifft ein überwiegender teil der Käufer seine Entscheidung beim Computerkauf innerhalb der Welt der Intel-Architektur. Die dort herrschende Vielfalt von Anbietern und Kombinationsmöglichkeiten - und damit auch das wesentlich höhere Risiko, schlecht harmonierende Komponenten zusammenzustellen - gibt es bei Apple nicht. Jedem Computer-Tierchen sein Plaisierchen. Übrigens vom Preis her sind sie heute alle nahezu gleich - ob Apple oder DOS/Windows.



Musical

Es gab mal eine Zeit an deutschen Theatern, ob Staats-, Stadt- oder Freilichttheatern, da galt das Musical als etwas nicht Spielbares. Man übte sich in hehrer Kunst. Dieses Sing- und Tanztheater aus Amerika hatte den Straßengeruch von Show an sich. Das breite Publikum trällerte die Melodien so einfach nach, ohne lang zu überlegen. Ballett, Oper und Schauspiel wurde an deutschen Bühnen geboten, also etwas zum Nachdenken, etwas Erhabenes, eben Kunst. Und was für eine Kunst!? Die Theater wurden immer leerer - aber waren immer voller Lehrer. man die Darstellende Kunst wie in einer Kirche. Dann aber - so vor zwanzig, dreißig Jahren fingen einzelne Bühnen an, Musicals aufzuführen. Vor allem jene, die bisher auch ganz erfolgreiche Vorstellungen mit Operetten gemacht hatten. Und mit der zeit ahmten alle das nach. zunächst spielte man das, was das Kinopublikum schon längst kannte: „My Fair Lady“, „Annie get your gun“, „Hello Dolly“ oder „Porgy and Bess“. Und mit der Zeit, alles andere auch was auch Amerika und England ins deutsche Vaterland rüberschwappte. Spät, sehr spät entdeckten dann die Freilichtbühnen das Musical. Und heute ist es ihr großer Publikumsrenner, bringt ordentlich Geld in die Kasse. „Oper der kleinen Leute“ - so nannte man das Musical einst in Deutschland - und siedelte es unterhalb der Operette an. Wie sich die Zeiten doch ändern. Heilbronn heute ohne Musical - das wäre wie die Kilianskirche ohne Männle.



Oben ohne

Sie tun es nicht oder selten in einem Freibad irgendwo im schwäbischen Unterland. Im Hallenbad schon gar nicht. Aber wenn sie irgendwo ums Mittelmeer herum Urlaub machen, möglichst noch in einem Land mit vorwiegend muslimischem Glaubensbekenntnis, dann reißen sie das Oberteil ihres Bikinis runter und zeigen der prallen Sonne und anderen am Strand oder Hotelpool herumflanierenden, seien es nun Einheimische mit ihren Kindern oder anderen Urlaubern, das, was Gott ihnen an weiblicher Brust so mit auf den Weg gegeben hat. Manchmal nicht viel, manchmal üppig und prall, dann wieder hängend und schlaff kommt die Wahrheit an den Tag, die sonst unter BHs oder Kleidern schamhaft versteckt wird. Wen schert´s, daß in den Reiseunterlagen steht, daß Oben-Ohne-Baden in diesem Land verboten ist. Hauptsache die individuelle Freiheit genießen. Sitten und Gebräuche anderer Länder beachten? Das wird nur von Ausländern bei uns verlangt. Deutsche Frauen im Ausland? Die bringen ja schließlich Devisen ins Land. Und der Kunde ist bekanntlich König. Es soll sich aber niemand wundern, wenn er in Ländern rund ums Mittelmeer dann direkt angegangen wird. Bei strengen Sitten werden jene, die ihre Reize auf dem Tablett darbieten, nach dem Otto behandelt: Wer Sex ausstellt, darf sich über Kundschaft nicht wundern.



Wetter, Wetter, Wetter

Das war ein Sommer wie im Bilderbuch. Selbst die Daheimgebliebenen konnten Urlaub pur in Freibädern und auf Balkonien genießen. Aber nichts ist gottseidank beständig außer dem Wechsel. Und seit einigen Tagen pfeift mir ganz schon Wind und Regen um die Ohren - hier oben auf dem Turm. Die Zeit der freundlichen Wettergebiete mit Männernamen weichen jenen weniger angenehmen mit Frauennamen. Tief Monika soll uns in den nächsten Tagen stark durchwachsenes Wetter bescheren, sagen die Wetterfrösche. Das heiß, der Sommer ist endgültig vorüber. Die wenigen warmen Tagen sind halt schon nach meteorologischem Verständnis Herbsttage. Denn für die hauptamtlichen Wettervorhersager ist seit dem 1. September der Herbst in deutsche Lande eingezogen. Wer jetzt noch „Sommer“ genießen möchte, der muß rund ums Mittelmeer seine Tage - möglichst Urlaubstage - verbringen. Allerdings ist da auch nur die Türkei, Israel, Aegypten, Tunesien oder Marokko sonnensicher. Ebenso wie die Kanarischen Inseln mitten im Ozean, gleich neben der Sahara gelegen. Und die haben noch den Vorteil, daß sie mit einem Heilklima aufwarten können. Wir aber, die zuhause bleiben müssen, werden mit dem sonnigen Weindorf in Heilbronn rund ums Rathaus vorlieb nehmen müssen. Da scheint dann die Sonne halt mehr von innen heraus.



Rückschlag?

Die Furcht vor einem wirtschaftlichen Rückschlag in der Bundesrepublik wächst derzeit. Denn beim im ersten Halbjahr 1995 noch schnurrenden Konjunkturmotor scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das Wachstum im zweiten Halbjahr wird sich verlangsamen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Politiker diagnostizieren allerdings nur eine „Wachstumsdelle“. Nach einem „Atemholen“ im Herbst werde sich der Aufschwung vom Beginn wieder zum Ende des Jahres fortsetzen, versichern sie mit ihrem treuem Politiker-Augenaufschlag. Aber glauben ist eine Sache, Vertrauen wieder eine andere - und auf die Prognosen von Politikern setzen, da könnte man das Geld ja gleich verbrennen. Verglichen was uns vor Wahlen versprochen und was dann eingehalten wurde - ja, da ist das breite Volk immer hinters Licht geführt. Und was sagen die Fakten? Aus dem Verarbeitenden Gewerbe werden Warnsignale gemeldet.  Im Juni brachen jetzt die Bestellungen Saison- und preisbereinigt um 3,5 Prozent ein. Die Geschäftserwartungen in der westdeutschen Industrie haben sich darüber hinaus im Juli verschlechtert. Und das größte Sorgenkind, der Arbeitsmarkt hat ebenfalls keine guten Zukunftsaussichten. Die Arbeitslosenquote kletterte von neun auf 9,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Juli wieder um 134.000 auf 3,59 Millionen. Dauerte es bislang nur ein halbes Jahr, bis sich der Konjunktur-Aufschwung auch in einer höheren Beschäftigungszahl niederschlug, so sind diesmal schon fast zwei Jahre verstrichen, ohne daß sich eine durchgreifende Besserung auf dem Arbeitsmarkt abzeichnet.



Theater, nur Theater

Wenn´s den Leuten schlecht geht, so sagt der Volksmund, dann geht‘s den Theatern gut. In den Goldenen Zwanzigern soll Deutschland eine Kulturblüte erlebt haben. Den Leuten ging´s damals verdammt schlecht - den breiten Schichten vor allem am Ende der Zwanziger. Nach dem Krieg gab´s eine zweite Theater- und Kino-Kulturblüte in deutschen Landen. Den Leuten ging´s schlecht. Und als dann das Wirtschaftswunder über uns hereinbrach, kam auch prompt die Kino- und Theaterkrise. Jetzt geht‘s uns scheinbar auf hohem Niveau nicht mehr so gut - und das Theater blüht auf. Die deutschen Staats- und Stadttheater verbuchten in der Saison 1993/94 rund 22,8 Millionen Besucher, 700.000 mehr als in der Saison zuvor. Teilte jetzt der Bühnenverein mit. Allerdings wollen die Leute  mehr die klassischen Sparten sehen. Oper, Ballett, Musical sowie Kinder- und Jugendtheater waren die Wachstumsbranchen im Theater. Bei Schauspiel und Operette gab´s Rückgänge. Rechnet man alle öffentlich finanzierten und privaten Theater zusammen, dann ist die Zahl noch imponierender:  rund 35 Millionen Menschen gingen ins Theater, 1,6 Millionen mehr als im Vorjahr. Es gehen also weiterhin mehr Leutepro Saison  ins Theater als auf den Fußballplatz.



Natur und Ozon

Ein Loch ist bekanntlich dort, wo etwas nicht ist. Mit einem einzigen Stich ins Etwas wird dann so manches entwertet, was zuvor hochheilig war. Beispiel: Luftballon, Jungfrau, Politikersprechblase. unser altbekanntes Sommerloch ist  aber nicht irgendein Loch. In diesem Loch oder besser diesem Nichts geht es oftmals besonders kreativ zu. Gelegentlich gebiert es dank besonders ausgetüftelter Politikergedanken auch Monster der ganz besonderen Art. In diesem Jahr wurde die Sommersmog-Verordnung ins hochsommerliche Leben katapultiert. Und jetzt  - der Sommer ist noch nicht einmal richtig vorüber - kommt der Zusammenbruch: Die Natur hat sich verdammt nochmal an diese Verordnung nicht gehalten. Sie ist einfach nicht bereit, die Ozongefahr in deutschen Landen - ob Ost, ob West - mit ausreichender Ernsthaftigkeit heraufzubeschwören. Sie sorgt nicht für Konzentrationen, die ein unverzügliches Eingreifen der Ordnungsmächte nötig machten. Im Gegenteil, sie vernichtet schöne Ansätze steigender Meßwerte mit kühler Witterung und kräftigen Winden. Wir im Unterland regen uns da gar nicht mehr auf. Wir kennen das schon - vom schönen Ozon-Modell-Versuch unseres allseits bewunderten Umweltministers Harald B. Schäfer, der ja auch mal Ministerpräsidenten-Kandidat seiner Partei werden wollte. Zu Beginn des Sommers war das. Aber dieser Gedanke fiel dank Dieter Spöri ins große Sommerloch.



SPD-Mitglieder

Sie war einst die stärkste der Parteien. Nicht nur in Deutschland - auch im schwäbischen Unterland. Jetzt bröckelt sie so dahin. Nicht weil Rudolf Scharping ihr Bundesvorsitzender ist und seinen populären innerparteilichen Gegner in die Wüste schickte, sondern weil die Leut langsam genug haben von nichtssagenden Gezanke, Solidaritätsgeschwafel oder dem ewigen Hinterherhinken bei politisch brisanten Themen (Stichworte: Ladenschluß, militärischer Einsatz in Bosnien, einfache Steuergesetze, etc. etc.). Folge: Die Traditionspartei SPD verliert Mitglieder. Einst über eine Million Menschen im Westen Deutschland waren sozialdemokratisch organisiert. Jetzt sind es in ganz Deutschland, dem wiedervereinten wohlgemerkt, nur noch 835.000 eingetragene Mitglieder. Seit Jahresbeginn haben rund 14.000  ihr Parteibuch zurückgegeben. Das sollte den Genossen Funktionären und Mandatsträgern gehörig zu denken geben. Aber da die Sozialdemokratie sich langsam aber sicher von einer Volkspartei zu einer Partei der Bedenkenträger, der Beamten und Akademiker entwickelt, wird dieser Schwund wohl weiter anhalten. Vielleicht ändert sich dieser Trend ja, wenn das einfache Mitglied mit seiner Ansicht auch mitentscheiden kann - was Ansicht der Partei ist, wer Spitzenkandidat in Stadt, Land oder Bund wird.



Einkaufen

Die Änderung oder das völlige Verschwinden der Ladenschlußzeiten in Deutschland, auch das war ein schönes Sommerthema 1995. Das Ladenschlußgesetz, nachdem die Läden werktags um 18.30 Uhr ihre Türen schließen müssen, ist nicht nur antiquiert, sondern im Vergleich mit Praxis in anderen Ländern der  Europäischen Gemeinschaft geradezu veränderungsbedürftig. Niemand muß seinen Laden, sofern die verordneten Ladenöffnungszeiten gestrichen werden, die ganze Nacht geöffnet haben. Ich sage das nur, weil in so mancher Propaganda für die Beibehaltung der derzeitigen Regelung, dergleichen suggeriert wird. Jeder Ladenbesitzer regelt seine Öffnungszeiten so wie es seine Kunden wünschen - im Idealfall. Aber aus Erfahrung kann man ja sagen, es wird zu Regelungen kommen, die der Einzelhandel einer Stadt oder Gemeinde unter sich abstimmt. Der eine oder andere wird sich nicht anschließen. Und hat dank Familienbetrieb vielleicht die Chance einen ergänzenden Service zu bieten. Warum sollen zum Beispiel nicht auch bei uns wie jetzt in den USA geschehen bei Vorstellung eine ganz bestimmten Ware, hier ging´s um das neue „Windows 95“, die Geschäfte ausnahmsweise bis um 24 Uhr oder später geöffnet haben. Ganz dem Bedarf entsprechend. Einige Politiker haben diese Tage verkündet, daß vielleicht, ja nur vielleicht, in der Vorweihnachtszeit die Läden bei uns auch mal bis 22 Uhr „probeweise“ geöffnet haben. Ihr Wort in des geschätzten Gesetzgebers Ohr. Die Botschaft hör ich wohl ...



Kriegsdienstverweigerer

Den Wehrdienst kann bei uns jeder junge Mann verweigern, so er Gewissensgründe für seine Entscheidung glaubhaft vorweisen kann. Junge Frauen können keinen Wehrdienst verweigern. Weil sie gar nicht eingezogen werden. Eine Ungleichheit der Geschlechter, die es demnächst auch einmal näher zu betrachten sich lohnt - vor allem im Zeichen der Emanzipation der Frau. In diesem Fall sind Mann und Frau in Deutschland immer noch nicht gleichgestellt. Und Proteste von den Gleichstellungsbeauftragten in Städten und Kreisen habe ich bisher noch nicht vernommen. Aber vielleicht waren solche bisher auch nur zu leise vorgetragen worden. Dessen ungeachtet: Die Zahl der Verweigerer beim Wehrdienst steigt von Jahr zu Jahr. Im ersten Halbjahr 1995 wurde sogar ein neuer Höchststand registriert: 85.397 junge Männer verweigerten den Dienst an der Waffe. Manche sagen auch: den Kriegsdienst. Und nennen sich dann Kriegsdienstverweigerer. Ein bösartiges Wort aus der Mottenkiste kommunistischer DDR-Propaganda. Für die gab´s im Westen Deutschland nur Kriegsdienst, im Osten Friedensdienst mit der Waffe. Aber die Einheit brachte es an den Tag: Der kriegslüsterne deutsche Staat mit präziser und intensiver Vorbereitung auf Aggression ausgelegt hieß DDR. Der Überfall auf die Tschechoslowakei ist dafür beredtes Beispiel. Einige Altlinke wolle das heute noch vertuschen. Jetzt aber, so behaupten Politiker, sei dank der hohen Zahl an Wehrdienstverweigerern der Bestand der Bundeswehr gefährdet. Auch wieder so ein Propagandawörtchen aus dem Sommerloch. Kleiner muß die Bundeswehr werden - und effektiver. Und Wehrgerechtigkeit muß endlich hergestellt werden.



Kreuz schlagen

Das mit dem Kreuz in deutschen Schulzimmern ist schon ein Kreuz. Zumindest die derzeitige Diskussion darüber. Dabei ging´s vor Gericht in Karlsruhe nur darum, daß eine Bestimmung der bayrischen Schulordnung nichtig ist, nach der Kreuze in Unterrichtsräumen staatlicher Pflichtschulen aufzuhängen sind. Diese Vorschrift ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beseitigt. So wie die Kreuze in deutschen Gerichtssälen. Denn es kann kein Anwalt zum Beispiel jüdischen oder moslemischen Glaubens gezwungen werden, vor einem Kruzifix zu verhandeln. Jetzt stellen sich so manche Zeitgenossen die Frage, ob demnächst vom Bundesverfassungsgericht das christliche Glockengeläut zum Verstummen gebracht wird, das ja viele Mitbürger als unchristlich laut empfinden. Aber da dieses Geläut eine religiöse Betätigung der Kirchen und nicht des Staates ist, werden die Gerichte - vorläufig noch - in dieser Frage wohl kaum entscheiden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mich stört das alles hier oben auf dem Turm überhaupt nicht. Die Stadtväter hatten ja einst entscheiden, kein Kreuz oder einen Hahn auf dem Kirchturm zu postieren, sondern einen Soldaten, einen Landsknecht. Die Heilbronner hatten schon immer - auch zu ihren Symbolen - ein eher nüchternes Verhältnis. Auf die Praxis ausgerichtet. Denn gegen Überfälle hat noch nie das Kreuz geholfen, sondern eine gut ausgebildete Truppe. Auch vor mehr als vierhundert Jahren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen