Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 28.06.1995



Festle total
Das Unterland ist besonders festles-freudig. So wird behauptet. Aber wenn ich mir die Festles-Kalender so rund um die Landeshauptstadt anschaue, dann stehen die echten Schwaben uns hier im Dreiländereck von Schwaben, Badenern und Hohenlohern in nichts nach. Anna-Scheufele-Fest, Spritzafestle, Stadtfest im Westen, Weinblütenfest, Mombach-Hocketse ... und Ludwigsburg zum Beispiel hatte am Wochenende sein erfolgreiches 25. Marktplatzfest. Rund um Heilbronn wurde auch kräftig gefeiert. In Lauffen beim Brückenfest, in Leingarten beim Schluchterner 14. Gassenfest oder beim Unterheinrieter Dorffest. Dazu im Wertwiesenpark das Heilbronner Traubenblütenfest mit seinen geschätzten 80.000 Besuchern. Das Wetter spielte halt nicht so mit, wie es sich die Veranstalter sehnlichst erhofft hatten. Und trotzdem sah ich überall fröhliche Gesichter. Wobei mir die kleinen Gassenfestle im Landkreis halt lieber sind als die großen Veranstaltungen in der Regionalhauptstadt. Da gehts halt kleiner, aber feiner zu - wenn die Vereine ihre liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten anbieten. Aber Gschmäcker sind halt verschieden, gell.

Schoßtierchen?
Wenn ich die regionalen Meldungen dieser Tage so verfolge, dann kommt es mir vor, als ich irgendwo in Afrika auf einem Turm stünde. Wieso? Na ja, lange ist es ja nicht her, da streunte ein Gepardenweibchen, namens Minka, durch Heilbronns Villenviertel oberhalb der Oststraße. Minka ist handzahm und wurde vom Besitzer mit Fleisch zurück in den Käfig gelockt. Am vergangenen Wochenende hielten dann drei große Straußenvögel die Polizei im nördlichen Landkreis in Atem. Die schnellen Laufvögel waren aus einer Farm bei Züttlingen ausgebüxt. Das klingt ja alles ganz witzig und spaßig. Aber zum einen könnte ja nun tatsächlich was passieren. Überlegen Sie mal, der Gepard würde sich ein kleines Kind greifen. Oder die Strauße würden einen schweren Verkehrsunfall auf der nahe bei Züttlingen gelegenen Autobahn verursachen. Dann müßte man schon die Frage stellen, ob solch exotische Tiere fern ihrer Heimat ein tristes Dasein in irgendeinem Käfig oder Gatter in Deutschland fristen müßten. Besser wäre es doch, sie dort zu lassen, wo sie eigentlich leben, in Afrika eben.

Schneckenplage
Hoffentlich hat Petrus nun ein Einsehen und läßt ordentlich die Sonne scheinen. Denn unter uns Gärtnern und Hobby-Grünfingern ist ja bereits ein kleines bißchen Panik ausgebrochen. Der Grund? Na, die Schneckenplage natürlich. Kein Quadratzentimeter Pflanze, den die schleimigen Gesellen nicht befallen hätten. Oh, der Biologe müßte wohl besser sagen die „zwittrigen Gesell(inn)en“, denn Schnecken sind sowohl Männchen als auch Weibchen. Aber haben Sie gelesen, was da eine Stuttgarter Zeitung den Gärtner geraten hat: Mit Messer, Salz oder giftigem Schneckenkorn sollte man die Schleimer vernichten. Wie grausam. Besser wäre es doch, zu versuchen das Biotop für einen Igel zu schaffen. Denn der stachlige Bursche ist der natürliche Feind der Schnecken.

Öko-Diktatur
Die Shell-Plattform „Brent Spar“ bringt es an den Tag: Wir leben in einer Zeit, in der ökologische Zwänge und Interessen knallharte Wirtschaftspolitik sind. Denn nehmen wir mal an Greenpeace käme auf den Gedanken sich die Hauptdreckschleudern unserer Erde vorzuknöpfen - die Autos. Ja, Sie lesen richtig. Jeder von uns, der ein oder zwei Fahrzeuge sein eigen nennt, muß sich doch im klaren darüber sein, daß er Dreck verursacht, der in der Summe verantwortlich ist für Sommersmog, Allergien, Waldsterben und und und. Da wären dann metallverarbeitende Industrien wie Audi in Neckarsulm hart getroffen. Überlegen Sie mal, vom Werkstor in Neckarsulm würde der Boykottaufruf von Greenpeace flattern mit den Lettern „Kauft keine Audis mehr!“ Eine ganze Region wäre über kurz oder lang pleite. Deshalb haben die sicherlich richtigen Aktionen der Greenpeace-Leute schon ziemlich diktatorischen Charakter. Und noch ein Punkt: Greenpeace hat damit sicherlich eine Menge Spendengelder in die eigenen Kassen gewirtschaftet. Also auch wieder knallharte Wirtschaftspolitik - eben nur in eigener Sache.

Immer schon langsam
Kennen Sie die Burg Stettenfels hoch über Untergruppenbach? Ja?! - Na, dann kennen Sie auch die kleine schmale Zufahrtsstraße zur Burg. Dieses Sträßchen konnte man früher problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigen. Seitdem jedoch die Burg restauriert wird und zum Hotel umfunktioniert werden soll, ist es gefährlich, auf dieser Straße sorglos zu wandeln. Autofahrer haben es sehr eilig, zum Stettenfels zu kommen. Als ich mich beispielsweise von meinem Türmle in Heilbronn herunterbegab, um einen kleinen Besuch auf den Türmen des Stettenfels zu machen, mußte ich gleich zweimal Richtung Straßengraben flüchten. So eilig hatten es einige junge Bergstürmer in ihrem Heilix Blechle. Mein Vorschlag an die Damen und Herren des Gemeinderates von Untergruppenbach: Tempo 30 auf diesem Wegstück. Wenn erst einmal die vielen hunderte Hotelgäste gen Stettenfels rauschen, dann wird es sicherlich noch gefährlicher. Also - bevor erst ein Unglück geschieht: Geschwindigkeitsbeschränkung! Aber auch die Einhaltung von Tempo 30 kontrollieren - per Radargerät.

Drogenrunde - neu?
Eigentlich war das Thema in Heilbronn ja schon erledigt: Haschzigaretten und das Kinder- und Jugendtheater Radelrutsch. Aber jetzt muß ich unsere Heilbronner Lokalzeitung doch auch mal kräftig loben. Daß sie den Leserbrief von einem Menschen namens Dr. Joest abgedruckt hat, ist doch ein Beweis für die innere Pressefreiheit des Blattes. Dieser Herr Joest, bekannt als Laien-Kabarettist, hat nämlich die Tageszeitung sehr witzig verhohnepiepelt, hat sie der hektischen Aufgeregtheit überführt. Ist ja auch so. Bevor man sich über eine angebliche Haschzigarette aufregt, sollte man doch mal kritisieren, wie leicht unsereiner heutzutage an Drogen wie Alkohol oder Nikotin rankommt. Pikant übrigens noch dies: In ungewöhnlich gut informierten Kreisen heißt es, die Theatertruppe Radelrutsch habe Angst, die Lokalzeitung wegen Rufschädigung zu verklagen, da die sich schon einmal gegen einen allzu vorwitzigen Staatsanwalt in Sachen Pressefreiheit durchgesetzt habe. Allmächtige Presse?

Hohes Gras
Heilbronn ist eine grüne Stadt. Bäume allüberall in der Stadt und rund um die Stadt - Sträucher an den Straßenrändern. Und so manche Fußweg-Begrenzung zur Straße hin ist mit wucherndem Gras bewachsen. Es grünt halt so grün - falls nicht gemäht wird. Wenn ich mit scharfem Blick von meinem Turm herabschaue, dann kann ich die Kleinwiesen an vielen Straßenrändern oder Mittelstreifen erspähen. Ist ja auch schön anzuschauen, wenn Margeriten und Klatschmohn blühen. Und die Gärtner der Stadt Heilbronn haben eh schon zuviel zu tun. Denn die Grünflächen im Stadtgebiet sind heuer um 35 Hektar in die Höhe geschnellt. Jetzt müssen von den armen und geplagten Gärtnern insgesamt rund 324 Hektar gepflegt werden. Und das alles mit einem Personalbestand von 121 Mitarbeitern. Gleich viele wie im letzten Jahr schon. Wenn sich jetzt so mancher Bürger über die „kleinen Urwälder“ an Heilbronns Straßenrändern aufregt, dann ist für die Beamten der Stadt klar, wer an dem Übel Schuld trägt: Der Gemeinderat. Denn die Damen und Herren Stadträte haben eine Wiederbesetzungssperre und einen dreiprozentigen Stellenabbau beschlossen. Diese politischen Festlegungen zeigen jetzt Wirkung. Und mit einem Haushalt von 2,1 Millionen fürs Grünflächenamt können auch keine allzugroßen Sprünge veranstaltet werden, zumal 400 000 Mark pro Jahr allein für die Abfallbeseitigung von wild abgelagertem Müll verwandt werden müssen. Sagen die Beamten. Naja - ich habe noch nie einen Beamten gesehen oder gehört, der um Begründungen für sein Tun oder Nichttun verlegen gewesen wäre. Bescheidene Frage: Müssen denn viele der Grünflächen so üppig und prachtvoll gestaltet sein wie es zur Zeit in Heilbronn der Fall ist?

Die Muschel in Nöten
Ein Ölbohrinsel namens „Brent Spar“ in der Nordsee wurde für den Mineralölkonzern Shell auf deutschen Boden selbst zur Katastrophe. Abgeschleppt wurde diese Ölplattform und sollte irgendwo im Atlantik vor Schottland versenkt werden. Die Folge: Heftige Proteste vor allem deutscher Umweltschützer. Aufrufe zum Boykott von Shell-Tankstellen. Und tausende von Worten in den deutschen Zeitungen und anderen Medien zur Anfeuerung. Selbst beim evangelischen Kirchentag ließen es sich die Teilnehmer nicht nehmen, gegen die „bösen Shell-Umweltsünder“ unisono heftigst zu protestieren. Und die mutigen Greenpeace-Aktivisten vor Ort auf hoher See, die eine Versenkung der Insel verhindern wollten, die standen kurz vor der Heiligsprechung durch die grüne deutsche Seele. Brandanschläge und bewaffnete Überfälle auf Shell-Tankstellen waren die Folge des bei manchen Zeitgenossen zur Shell-Hysterie gesteigerten deutschen Sauberkeitswahns. Den mörderischen moralischen Absolutismus bekam aber nicht in erster Linie der Konzern zu spüren, sondern die vielen Shell-Tankstellenpächter, deren Umsätze in den letzten Wochen landauf, landab teilweise bis zu 50 Prozent sanken. Der Mineralölkonzern nebenan freute sich diebisch. Denn getankt werden mußte ja weiterhin. Aber wenn die deutsche Politik und die grünen Saubermänner unter uns mit dickem Finger auf den britischen Shell-Konzern zeigen, dann sollten sie nicht vergessen: Drei Finger der ausgestreckten Hand zeigen zurück. Auch deutsche Unternehmen und Städte verschmutzen die Nordsee - und das nicht zu knapp. Die Shell-Tankstelle um die Ecke ist der falsche Adressat für den Umwelt-Protest, dessen unheimliche Spitze mich an fanatische mittelalterliche Kreuzzügler erinnert. Tod den Ungläubigen lautete deren Motto.

Graswurzel-Demokratie?
Das Image der Politiker in Europa ist nicht gut. Und die deutschen Parteien leiden seit Jahren schon unter dem Mißtrauen breiter Schichten des Volkes. Die Wahlbeteiligungen sinken und sinken. Ein Ende ist nicht in Sicht. Erst am vergangenen Sonntag bei der OB-Wahl in Ludwigsburg wurde wieder ein Tiefstand von 45,6 Prozent gezählt. Dabei geben sich die Parteien in letzter Zeit alle erdenkliche Mühe. Mitgliederbefragung ist zum Beispiel ein Zauberwort. Bei der Nomnierung des Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wurde von der CDU diese Wahlform angewandt. Und auch die Sozis in Bremen ließen ihre Mitglieder entscheiden, wer Bürgermeister und welche Koalition eingegangen werden soll. Bei uns im Ländle spürt man, trotz des Desasters für die großen Parteien bei der letzten Landtagswahl, wenig von diesem neuen Politik-Trend. Neulich erst las ich in einer links-liberalen Wochenzeitung eine heftige Attacke gegen die „Graswurzeldemokraten“, die das Heil für die Politik durch Mitgliederbefragen herbeiwählen lassen wollen. Dabei geht doch nicht ums Heil, sondern nur darum: wer entscheidet. Es wäre halt so schön, wenn Politiker sich das ihnen genehme Volk wählen könnten statt umgekehrt. Gell, meine Herren Linksdemokraten! So aber müssen Dieter Spöri und Erwin Teufel bangen, was wir - die allmächtigen Wähler - ihnen als Ergebnis im März 1996 präsentieren. Und es wäre noch spannender, wenn in den Wahlkreisen die Parteimitglieder ihre Landtagskandidaten per Urwahl auswählen könnten. Aber damit wird es bis zum März 96 wohl nichts mehr. Weder bei CDU, SPD, FDP, Grünen oder Reps. Schade eigentlich - für die Graswurzeldemokratie

Kirche offensiv
Die Katholiken im Unterland gehen in die Offensive. 99.981 Katholiken sind im Dekanatsbereich Heilbronn/Neckarsulm registriert. 1994 gabs nur 558 Austritte. Ein halbes Prozent. Vernachlässigbar? Jetzt soll um jedes Schäflein gekämpft werden - mittels Aufklärung. Mit einer fünfzig Seiten starken Broschüre in einer Auflage von 60.000 Stück wird den eigenen Mitgliedern und Interessenten die harte kirchliche Arbeit aufgelistet. Und Höhepunkt ist die Veranstaltung „Kirche tut was“, bei der am 8. Juli in der Böllingertal-Halle die Kirchendienste sich dem Publikum mit einer Auflistung in ganzer Breite präsentieren. Kirchendienste zum Anfassen - sozusagen. Das ist die Marketing-Seite. Aber beim 26. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg war viel von Selbstgewißheit die Rede. „Es ist Dir gesagt Mensch, was gut ist.“, lautete das Motto. Die Kirche redet vom Kreuz und blickt auf leere Kassen, so zog der Theologe Christian Link auf dem Kirchentag Bilanz für die neunziger Jahre. Junge Theologen warten fünf Jahre bis zur Anstellung. An die Stelle der Wahrheitsfindung seien Anpassungsdruck und das Bemühen getreten, die Mitglieder bei der Stange zu halten. Die Kirche habe den Anschluß an das Wahrheitsbewußtsein der Gegenwart verloren und den Zeitgeist zu ihrem Gegner stilisiert. Jetzt leide sie unter der Berührung mit der Zeit. So ist es halt immer, wenn man sich selbst zum besseren Teil der Menschheit stilisiert und die anderen vom selbsterkannten Bösen abhalten will. Zu all dem, wo wir heute stehen, haben die Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, in den letzten Jahrhunderten entschieden mit beigetragen. Diese Erkenntnis sollte eigentlich Schmerzen bereiten.

Der neue Götz
Der Ritter mit der eisernen Faust aus Jagsthausen hats schon schwer. Da wird ein junge spritziger Wein nach ihm benannt - und auch im Unterland gern getrunken. Stammt er doch aus der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg (Welch ein Name - was der Götz dazu wohl gesagt hätte?!). Gleichzeitig aber fordern die Besucher der Burgfestspiele Jahr um Jahr die schöne, traditionelle Aufführung des Goethe-Dramas im Burghof. Aber ab und an, alle paar Jahre gibts eine „moderne“ Inszenierung - so wie auch heuer das Huonder-Spektakel mit Sonnenbrille bei einem Darsteller - , die sich abhebt von der üblichen, der gewohnten Präsentation des Sturm- und Drang-Dramas. Aber Tradition ist eben Tradition. Das gilt auch für den „deutschen Freiheitshelden“ Götz von Berlichingen. Auch wenn er nicht so gelebt und gehandelt hatte wie Goethe ihn in seinem Schauspiel schildert. Die Leute wollen halt das ansonsten auf deutschen Bühnen nicht gespielte Stück so sehen, wie sie meinen, daß der Dichter es geschrieben hat. Und für die meisten heißt das: in der Schule wurde ich mehr oder weniger gezwungen den Jagsthausen-Götz zu sehen. Jetzt als Erwachsener will ich diese Erinnerung auffrischen. Und da soll der Götz halt so sein wie damals - vor vierzig, dreißig, zwanzig oder zehn Jahren. Mit einer Theaterkarte die schöne Reise in die Erinnerung beginnen. Das hat schon was für sich - die Götz-Tradition im Burghof. Und für die Veranstalter müßte demgemäß der oberste Grundsatz lauten: mein Publikum muß zufrieden nach Hause gehen. Freilichttheater ist eben kein Stadt- oder Staatstheater mit der Verpflichtung zum Experiment. Gell. Zu Hause soll man sich fühlen beim Götz - lautet doch der Jagsthäuser Werbespruch.

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