Festle
total
Das
Unterland ist besonders festles-freudig. So wird behauptet. Aber wenn ich mir
die Festles-Kalender so rund um die
Landeshauptstadt anschaue, dann stehen die echten Schwaben uns hier im
Dreiländereck von Schwaben, Badenern und Hohenlohern in nichts nach.
Anna-Scheufele-Fest, Spritzafestle, Stadtfest im Westen, Weinblütenfest,
Mombach-Hocketse ... und Ludwigsburg zum Beispiel hatte am Wochenende sein
erfolgreiches 25. Marktplatzfest. Rund um Heilbronn wurde auch kräftig
gefeiert. In Lauffen beim Brückenfest, in Leingarten beim Schluchterner 14.
Gassenfest oder beim Unterheinrieter Dorffest. Dazu im Wertwiesenpark das
Heilbronner Traubenblütenfest mit seinen geschätzten 80.000 Besuchern. Das
Wetter spielte halt nicht so mit, wie es sich die Veranstalter sehnlichst
erhofft hatten. Und trotzdem sah ich überall fröhliche Gesichter. Wobei mir die
kleinen Gassenfestle im Landkreis halt lieber sind als die großen
Veranstaltungen in der Regionalhauptstadt. Da gehts halt kleiner, aber feiner
zu - wenn die Vereine ihre liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten anbieten. Aber
Gschmäcker sind halt verschieden, gell.
Schoßtierchen?
Wenn
ich die regionalen Meldungen dieser Tage so verfolge, dann kommt es mir vor,
als ich irgendwo in Afrika auf einem Turm stünde. Wieso? Na ja, lange ist es ja
nicht her, da streunte ein Gepardenweibchen,
namens Minka, durch Heilbronns Villenviertel oberhalb der Oststraße.
Minka ist handzahm und wurde vom Besitzer mit Fleisch zurück in den Käfig
gelockt. Am vergangenen Wochenende hielten dann drei große Straußenvögel die Polizei im nördlichen Landkreis in
Atem. Die schnellen Laufvögel waren aus einer Farm bei Züttlingen ausgebüxt.
Das klingt ja alles ganz witzig und spaßig. Aber zum einen könnte ja nun
tatsächlich was passieren. Überlegen Sie mal, der Gepard würde sich ein kleines
Kind greifen. Oder die Strauße würden einen schweren Verkehrsunfall auf der
nahe bei Züttlingen gelegenen Autobahn verursachen. Dann müßte man schon die
Frage stellen, ob solch exotische Tiere fern ihrer Heimat ein tristes Dasein in
irgendeinem Käfig oder Gatter in Deutschland fristen müßten. Besser wäre es
doch, sie dort zu lassen, wo sie eigentlich leben, in Afrika eben.
Schneckenplage
Hoffentlich
hat Petrus nun ein Einsehen und läßt ordentlich die Sonne scheinen. Denn unter uns Gärtnern und Hobby-Grünfingern
ist ja bereits ein kleines bißchen Panik ausgebrochen. Der Grund? Na, die
Schneckenplage natürlich. Kein Quadratzentimeter Pflanze, den die schleimigen
Gesellen nicht befallen hätten. Oh, der Biologe müßte wohl besser sagen die
„zwittrigen Gesell(inn)en“, denn Schnecken sind sowohl Männchen als auch
Weibchen. Aber haben Sie gelesen, was da eine Stuttgarter Zeitung den Gärtner
geraten hat: Mit Messer, Salz oder giftigem Schneckenkorn sollte man die
Schleimer vernichten. Wie grausam. Besser wäre es doch, zu versuchen das Biotop
für einen Igel zu schaffen. Denn der stachlige Bursche ist der natürliche Feind
der Schnecken.
Öko-Diktatur
Die
Shell-Plattform „Brent Spar“ bringt es an den Tag: Wir leben in einer Zeit, in
der ökologische Zwänge und Interessen knallharte
Wirtschaftspolitik sind. Denn nehmen wir mal an Greenpeace käme auf den
Gedanken sich die Hauptdreckschleudern unserer Erde vorzuknöpfen - die Autos.
Ja, Sie lesen richtig. Jeder von uns, der ein oder zwei Fahrzeuge sein eigen
nennt, muß sich doch im klaren darüber sein, daß er Dreck verursacht, der in
der Summe verantwortlich ist für Sommersmog, Allergien, Waldsterben und und und.
Da wären dann metallverarbeitende Industrien wie Audi in Neckarsulm hart
getroffen. Überlegen Sie mal, vom Werkstor in Neckarsulm würde der Boykottaufruf
von Greenpeace flattern mit den Lettern „Kauft keine Audis mehr!“ Eine
ganze Region wäre über kurz oder lang pleite. Deshalb haben die sicherlich
richtigen Aktionen der Greenpeace-Leute schon ziemlich diktatorischen
Charakter. Und noch ein Punkt: Greenpeace hat damit sicherlich eine Menge
Spendengelder in die eigenen Kassen gewirtschaftet. Also auch wieder knallharte
Wirtschaftspolitik - eben nur in eigener Sache.
Immer
schon langsam
Kennen
Sie die Burg Stettenfels hoch über
Untergruppenbach? Ja?! - Na, dann kennen Sie auch die kleine schmale
Zufahrtsstraße zur Burg. Dieses Sträßchen konnte man früher problemlos zu Fuß
oder mit dem Fahrrad bewältigen. Seitdem jedoch die Burg restauriert wird und
zum Hotel umfunktioniert werden soll, ist es gefährlich, auf dieser Straße
sorglos zu wandeln. Autofahrer haben es sehr eilig, zum Stettenfels zu kommen.
Als ich mich beispielsweise von meinem Türmle in Heilbronn herunterbegab, um
einen kleinen Besuch auf den Türmen des Stettenfels zu machen, mußte ich gleich
zweimal Richtung Straßengraben flüchten. So eilig hatten es einige junge
Bergstürmer in ihrem Heilix Blechle. Mein Vorschlag an die Damen und Herren des
Gemeinderates von Untergruppenbach:
Tempo 30 auf diesem Wegstück. Wenn erst einmal die vielen hunderte Hotelgäste
gen Stettenfels rauschen, dann wird es sicherlich noch gefährlicher. Also -
bevor erst ein Unglück geschieht: Geschwindigkeitsbeschränkung! Aber auch die
Einhaltung von Tempo 30 kontrollieren - per Radargerät.
Drogenrunde
- neu?
Eigentlich
war das Thema in Heilbronn ja schon erledigt: Haschzigaretten und das Kinder- und Jugendtheater Radelrutsch. Aber
jetzt muß ich unsere Heilbronner Lokalzeitung doch auch mal kräftig loben. Daß
sie den Leserbrief von einem Menschen namens Dr. Joest abgedruckt hat, ist doch
ein Beweis für die innere Pressefreiheit des Blattes. Dieser Herr Joest,
bekannt als Laien-Kabarettist, hat nämlich die Tageszeitung sehr witzig
verhohnepiepelt, hat sie der hektischen Aufgeregtheit überführt. Ist ja auch
so. Bevor man sich über eine angebliche Haschzigarette aufregt, sollte man doch
mal kritisieren, wie leicht unsereiner heutzutage an Drogen wie Alkohol oder
Nikotin rankommt. Pikant übrigens noch dies: In ungewöhnlich gut informierten
Kreisen heißt es, die Theatertruppe Radelrutsch habe Angst, die Lokalzeitung
wegen Rufschädigung zu verklagen, da die sich schon einmal gegen einen allzu
vorwitzigen Staatsanwalt in Sachen Pressefreiheit durchgesetzt habe.
Allmächtige Presse?
Hohes
Gras
Heilbronn
ist eine grüne Stadt. Bäume allüberall in der Stadt und rund um die Stadt -
Sträucher an den Straßenrändern. Und so manche Fußweg-Begrenzung zur Straße hin
ist mit wucherndem Gras bewachsen. Es grünt halt so grün - falls nicht gemäht
wird. Wenn ich mit scharfem Blick von meinem Turm herabschaue, dann kann ich
die Kleinwiesen an vielen Straßenrändern
oder Mittelstreifen erspähen. Ist ja auch schön anzuschauen, wenn
Margeriten und Klatschmohn blühen. Und die Gärtner der Stadt Heilbronn haben eh
schon zuviel zu tun. Denn die Grünflächen im Stadtgebiet sind heuer um 35
Hektar in die Höhe geschnellt. Jetzt müssen von den armen und geplagten
Gärtnern insgesamt rund 324 Hektar gepflegt werden. Und das alles mit einem
Personalbestand von 121 Mitarbeitern. Gleich viele wie im letzten Jahr schon.
Wenn sich jetzt so mancher Bürger über die „kleinen Urwälder“ an Heilbronns Straßenrändern
aufregt, dann ist für die Beamten der Stadt klar, wer an dem Übel Schuld trägt:
Der Gemeinderat. Denn die Damen und Herren Stadträte haben eine
Wiederbesetzungssperre und einen dreiprozentigen Stellenabbau beschlossen.
Diese politischen Festlegungen zeigen jetzt Wirkung. Und mit einem Haushalt von
2,1 Millionen fürs Grünflächenamt können auch keine allzugroßen Sprünge
veranstaltet werden, zumal 400 000 Mark pro Jahr allein für die
Abfallbeseitigung von wild abgelagertem Müll verwandt werden müssen. Sagen die
Beamten. Naja - ich habe noch nie einen Beamten gesehen oder gehört, der um
Begründungen für sein Tun oder Nichttun verlegen gewesen wäre. Bescheidene
Frage: Müssen denn viele der Grünflächen so üppig und prachtvoll gestaltet sein
wie es zur Zeit in Heilbronn der Fall ist?
Die
Muschel in Nöten
Ein
Ölbohrinsel namens „Brent Spar“ in der Nordsee wurde für den Mineralölkonzern Shell auf deutschen
Boden selbst zur Katastrophe. Abgeschleppt wurde diese Ölplattform und sollte
irgendwo im Atlantik vor Schottland versenkt werden. Die Folge: Heftige Proteste vor allem deutscher Umweltschützer.
Aufrufe zum Boykott von Shell-Tankstellen. Und tausende von Worten in den
deutschen Zeitungen und anderen Medien zur Anfeuerung. Selbst beim
evangelischen Kirchentag ließen es sich die Teilnehmer nicht nehmen, gegen die
„bösen Shell-Umweltsünder“ unisono heftigst zu protestieren. Und die mutigen Greenpeace-Aktivisten vor Ort auf hoher See,
die eine Versenkung der Insel verhindern wollten, die standen kurz vor der
Heiligsprechung durch die grüne deutsche Seele. Brandanschläge und bewaffnete
Überfälle auf Shell-Tankstellen waren die Folge des bei manchen Zeitgenossen
zur Shell-Hysterie gesteigerten deutschen Sauberkeitswahns. Den mörderischen
moralischen Absolutismus bekam aber nicht in erster Linie der Konzern zu
spüren, sondern die vielen Shell-Tankstellenpächter, deren Umsätze in den
letzten Wochen landauf, landab teilweise bis zu 50 Prozent sanken. Der
Mineralölkonzern nebenan freute sich diebisch. Denn getankt werden mußte ja
weiterhin. Aber wenn die deutsche Politik und die grünen Saubermänner unter uns
mit dickem Finger auf den britischen Shell-Konzern zeigen, dann sollten sie
nicht vergessen: Drei Finger der ausgestreckten Hand zeigen zurück. Auch
deutsche Unternehmen und Städte verschmutzen die Nordsee - und das nicht zu
knapp. Die Shell-Tankstelle um die Ecke ist der falsche Adressat für den
Umwelt-Protest, dessen unheimliche Spitze mich an fanatische mittelalterliche
Kreuzzügler erinnert. Tod den Ungläubigen lautete deren Motto.
Graswurzel-Demokratie?
Das
Image der Politiker in Europa ist nicht gut. Und die deutschen Parteien leiden
seit Jahren schon unter dem Mißtrauen breiter Schichten des Volkes. Die
Wahlbeteiligungen sinken und sinken. Ein Ende ist nicht in Sicht. Erst am
vergangenen Sonntag bei der OB-Wahl in
Ludwigsburg wurde wieder ein Tiefstand von 45,6 Prozent gezählt. Dabei
geben sich die Parteien in letzter Zeit alle erdenkliche Mühe.
Mitgliederbefragung ist zum Beispiel ein Zauberwort. Bei der Nomnierung des
Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wurde von der CDU
diese Wahlform angewandt. Und auch die Sozis in Bremen ließen ihre Mitglieder
entscheiden, wer Bürgermeister und welche Koalition eingegangen werden soll.
Bei uns im Ländle spürt man, trotz des Desasters für die großen Parteien bei
der letzten Landtagswahl, wenig von diesem neuen Politik-Trend. Neulich erst
las ich in einer links-liberalen Wochenzeitung eine heftige Attacke gegen die
„Graswurzeldemokraten“, die das Heil für die Politik durch Mitgliederbefragen
herbeiwählen lassen wollen. Dabei geht doch nicht ums Heil, sondern nur darum:
wer entscheidet. Es wäre halt so schön, wenn Politiker sich das ihnen genehme
Volk wählen könnten statt umgekehrt. Gell, meine Herren Linksdemokraten! So
aber müssen Dieter Spöri und Erwin
Teufel bangen, was wir - die allmächtigen Wähler - ihnen als Ergebnis im
März 1996 präsentieren. Und es wäre noch spannender, wenn in den Wahlkreisen
die Parteimitglieder ihre Landtagskandidaten per Urwahl auswählen könnten. Aber
damit wird es bis zum März 96 wohl nichts mehr. Weder bei CDU, SPD, FDP, Grünen
oder Reps. Schade eigentlich - für die Graswurzeldemokratie
Kirche
offensiv
Die
Katholiken im Unterland gehen in die Offensive. 99.981 Katholiken sind im Dekanatsbereich Heilbronn/Neckarsulm
registriert. 1994 gabs nur 558 Austritte. Ein halbes Prozent. Vernachlässigbar?
Jetzt soll um jedes Schäflein gekämpft werden - mittels Aufklärung. Mit einer fünfzig Seiten starken Broschüre in
einer Auflage von 60.000 Stück wird den eigenen Mitgliedern und Interessenten
die harte kirchliche Arbeit aufgelistet. Und Höhepunkt ist die Veranstaltung „Kirche tut was“, bei der
am 8. Juli in der Böllingertal-Halle die Kirchendienste sich dem Publikum mit
einer Auflistung in ganzer Breite präsentieren. Kirchendienste zum Anfassen -
sozusagen. Das ist die Marketing-Seite. Aber beim 26. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg war viel von
Selbstgewißheit die Rede. „Es ist Dir gesagt Mensch, was gut ist.“, lautete das
Motto. Die Kirche redet vom Kreuz und blickt auf leere Kassen, so zog der
Theologe Christian Link auf dem Kirchentag Bilanz für die neunziger Jahre.
Junge Theologen warten fünf Jahre bis zur Anstellung. An die Stelle der
Wahrheitsfindung seien Anpassungsdruck und das Bemühen getreten, die Mitglieder
bei der Stange zu halten. Die Kirche habe den Anschluß an das
Wahrheitsbewußtsein der Gegenwart verloren und den Zeitgeist zu ihrem Gegner
stilisiert. Jetzt leide sie unter der Berührung mit der Zeit. So ist es halt
immer, wenn man sich selbst zum besseren Teil der Menschheit stilisiert und die
anderen vom selbsterkannten Bösen abhalten will. Zu all dem, wo wir heute
stehen, haben die Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, in den letzten
Jahrhunderten entschieden mit beigetragen. Diese Erkenntnis sollte eigentlich
Schmerzen bereiten.
Der
neue Götz
Der
Ritter mit der eisernen Faust aus Jagsthausen hats schon schwer. Da wird ein
junge spritziger Wein nach ihm benannt - und auch im Unterland gern getrunken.
Stammt er doch aus der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg
(Welch ein Name - was der Götz dazu wohl gesagt hätte?!). Gleichzeitig aber
fordern die Besucher der Burgfestspiele Jahr um Jahr die schöne, traditionelle Aufführung des Goethe-Dramas
im Burghof. Aber ab und an, alle paar Jahre gibts eine „moderne“
Inszenierung - so wie auch heuer das Huonder-Spektakel mit Sonnenbrille bei
einem Darsteller - , die sich abhebt von der üblichen, der gewohnten
Präsentation des Sturm- und Drang-Dramas. Aber Tradition ist eben Tradition.
Das gilt auch für den „deutschen Freiheitshelden“ Götz von Berlichingen. Auch
wenn er nicht so gelebt und gehandelt hatte wie Goethe ihn in seinem Schauspiel
schildert. Die Leute wollen halt das ansonsten auf deutschen Bühnen nicht
gespielte Stück so sehen, wie sie meinen, daß der Dichter es geschrieben hat.
Und für die meisten heißt das: in der Schule wurde ich mehr oder weniger
gezwungen den Jagsthausen-Götz zu sehen. Jetzt als Erwachsener will ich diese
Erinnerung auffrischen. Und da soll der Götz halt so sein wie damals - vor
vierzig, dreißig, zwanzig oder zehn Jahren. Mit einer Theaterkarte die schöne
Reise in die Erinnerung beginnen. Das hat schon was für sich - die
Götz-Tradition im Burghof. Und für die Veranstalter müßte demgemäß der oberste
Grundsatz lauten: mein Publikum muß zufrieden nach Hause gehen.
Freilichttheater ist eben kein Stadt- oder Staatstheater mit der Verpflichtung
zum Experiment. Gell. Zu Hause soll man sich fühlen beim Götz - lautet doch der
Jagsthäuser Werbespruch.

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