Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 17.05.1995



Wahlen im Ländle
In Nordrhein-Westfalen und in Bremen wurde am vergangenen Sonntag gewählt. Und das Resultat? Keine Vorzeichen für die Landtagswahl im März 1996 bei uns in Baden Württemberg, die besagen könnten: im wesentlichen bleibt alles so wie es ist. Die Wahlbeteiligung sinkt. Viele Bürger setzen offensichtlich kein allzugroßes Vertrauen in unsere Politiker. Nicht die Mehrheit. Aber eine große Minderheit, die teilweise an die 40 Prozent reicht. Und die Folge davon? Das traditionelle Parteienverhältnis wird ordentlich durcheinandergewirbelt. Das mußten wir ja auch schon bei der letzten Landtagwahl bei uns im Ländle feststellen. Die Republikaner mit 10,9 Prozent waren damals der Stachel im Fleisch von CDU und SPD. Und den gilt es in zehn Monaten herauszuziehen. Kommt es 1996 in Baden Württemberg auch zu einem Rauswurf der FDP aus dem Landtag, dann könnte im einstigen Musterländle - wenn die Reps die 5-Prozent-Hürde nicht mehr schaffen - eine rotgrüne Koalition durchaus nahe sein. Auch wenn die CDU erheblich dazugewinnt. Nur als Beispiel: CDU 43,2, SPD 33,3, Grüne 14,7, Reps 4,3 und FDP ebenfalls 4,5 Prozent. Und schon regiert die Koalition Spöri/Kuhn mit 48 zu 43,2 Prozent gegen Erwin Teufel. Nur ein Rechenbeispiel? Wer weiß, wer weiß?

Gerechter Verkauf?
Nun ist es wieder soweit: Mit Zeitungssonderbeilagen und hehren Grußworten hat sich das Heilbronner Gaffenberg-Festival angekündigt, zum achten Mal übrigens. Vom 12. bis 16. Juli geht es rund „über den Dächern Heilbronns“, wie die Festival-Macher schreiben. Wieder kündigt Festival-Leiter Harry Mergel gewisse zu erwartende Probleme mit den Kartenvorverkauf an. Böse Zungen behaupten ja, daß Karten so rar sind, weil die Sponsoren ihr Kontingent einstecken. Daß nun nur noch Tageskarten an einer Vorverkaufsstelle - ab 20. Mai, 9 Uhr, direkt unter meinem Kiliansturm - zu kaufen sind, mag die Ungerechtigkeiten des Vorverkaufs etwas eindämmen, gelöst sind sie damit nicht. Vorschlag an Meister Mergel: Pro bestellende Person werden nur noch zwei Karten verkauft. Wenn die Nachfrage so gewaltig ist, dürfte ein lohnender Kartenverkauf doch dann kein Problem sein. Und im Zeitalter von Computer und Datenautobahn doch erst recht nicht, gell Herr Mergel? Vielleicht sind Querelen um den Vorverkauf aber auch nur ein netter Marketing-Gag, um über die Unterländer Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Wer ist wer?
Gaffenberg II: In der Sonderbeilage der Heilbronner Lokalzeitung kommt übrigens auch ein gewisser Norbert Winzek zu Wort. Doch wer ist dieser Schreiber? Festival-Leiter Harry Mergel und der zweite Vorsitzende der Heilbronner Kulturtage, Otto Friedrich lassen sich mit Bild und Kurz-Kultur-Biografie abfeiern, aber wer ist Norbert Winzek? Eines wissen wir über und von ihm: Er läßt sich, wie viele Kulturtage-Macher übrigens - „in der Aufbauwoche die Sonne auf den Ranzen scheinen“. Lieber Norbert Winzek, bitte zwei Dinge beachten: Ozonloch, das den Sonnenbrand bringen könnte und bodennahes Ozon, das dir an Lunge und Schleimhäute gehen könnte. Also lieber nicht so viel Sonne auf dem Ranzen. Ab in den Schatten, heißt die Devise.

Wo sind sie?
Der 8. Mai ist vorüber. Viele schrieben, redeten über dieses Tag, an dem erinnert wurde an das, was vor fünfzig Jahren geschehen war. Viele, die dabei gewesen sind und keine Schuld tragen. Viele, die nicht dabei gewesen waren, aber genau wissen, wer Schuld hat. Und viele, die immer noch nicht verstanden haben, daß es schon lange keine Möglichkeit mehr gibt, dabei gewesen zu sein. Verstärkt wurde dieses eigentümliche Raunen über den 8. Mai durch das nahezu vollkommene Ignorieren des aktuellen Geschehens. Ist es den vielen Aposteln der öffentlichen Moral zu kompliziert, sich durch die Verflechtungen der Völker des Balkans zu fragen? Oder sind sie zu beschränkt, um die Geschehnisse im Kaukasus zu durchschauen? Wie kommt es, daß jene, die nachträglich zu militantem Widerstand gegen untergegangene Reiche aufrufen, in Fragen der Gegenwart zu pazifistischen Nichtstuern werden, deren Hauptbeschäftigung der Erhalt ihres geschlossenen Weltbildes ist? Dabei sind die Kriege im Osten und Süden bei uns in der Stadt durch Flüchtlinge präsent.

Park-Zeit
Heilbronn, die Stadt der Parks und Gärten. Stolz verkündete der Heilbronner Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann diese Erkenntnis am Wochenende bei der Einweihung des Böckinger Ziegeleiparks. Dabei war das seit 1991 renaturierte Industriegelände mit seinem neuen See zu einem Witz verkommen. Hatte doch die von klugen Spezialisten ausgehobene und abgedeckte Grube im 14,5 Millionen Mark teuren Park das Wasser über lange Zeit nicht halten können. Jetzt ist er endlich voll - der Böckinger See. Und ein Landschaftsgärtner behauptete gar in wilder Freude, was den Franzosen Saint Tropez, das ist den Böckingern jetzt der Ziegeleipark. Kann durchaus sein. Denn Fixerbesteck, das bestätigte sogar die Polizei, wurden in einigen Anliegergärten auch schon gefunden. So hat Böckingen jetzt auch noch Großstadtniveau mit seinem lang ersehnten Park erhalten. Nur unter einem negativem Vorzeichen.

Liberale Kandidaten
Die Freien Demokraten in der Stadt Heilbronn haben ihren Kandidaten für die Landtagswahl im März 1996 gekürt: Fachhochschul-Professor Dr. Georg Bucher (43) aus Schwaigern. Zweitkandidatin wurde die 48 jährige  Ingeborg Wenzel, Chefin einer Personal Service GmbH in Heilbronn. Verwunderlich an der Geschichte ist eigentlich nur, daß ein Mann aus dem Wahlkreis des FDP-Landtagsabgeordneten Richard Drautz liberaler Kandidat in Heilbronn wird, während Richard Drautz seinen Wohnsitz in Heilbronn hat. Wäre es da für die FDP nicht einfacher gewesen, den Professor Bucher aus Schwaigern im Wahlkreis Eppingen kandidieren und den Heilbronner Wengerter Drautz in seinem Heimatort für den Wahlkampf antreten zu lassen? Aber - das ist halt jetzt die hohe Schule der Politik. Schließlich konnte die FDP bei der letzten Landtagswahl 1992 nur 4,2 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Heilbronn erzielen. Und diese hohe Politik, die versteht unsereins auf dem steinernen Turm eben nicht so richtig.

Arbeit im Mai
Der Tag der Arbeit war in diesem Jahr ein Montag und selbstverständlich wie es Tradition ist, ein Feiertag. Die deutschen Gewerkschaften und ihre Mitglieder marschierten und demonstrierten - gegen Arbeitslosigkeit und gegen weiteren Sozialabbau. In Heilbronn sprach der erste Bevollmächtigte der IG-Metall Heilbronn/Neckarsulm Frank Stroh zu den 500 Demonstranten und forderte auf, darüber nachzudenken, wie man flexiblere Arbeitszeitmodelle entwickeln könne. Aber nicht nur das. Strohs Mairede war heimatlich eingefärbt. Nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander in der Region steht für ihn im Vordergrund. Selbst bei steigender Produktion werden künftig keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen, stellte Stroh nüchtern fest. Strukturwandel war sein Zauberwort . Nur hochwertige Produkte, die am Markt absetzbar sind schaffen günstige Voraussetzungen - auch für den Arbeitsmarkt. Und deshalb plädierte der Gewerkschafter Stroh für den Ausbau der Umwelttechnologie im Unterland. Das sollten sich auch einige Kommunalpolitiker hinter die Ohren schreiben - und endlich etwas tun. 8500 Arbeitsplätze sind in den vergangenen drei Jahren im Unterland abgebaut worden. Ein schmerzlicher Rekord, der wohl demnächst noch durch weiter steigende Arbeitslosenzahlen übertroffen wird. 

Treu und Redlichkeit
Da tritt einer sein neues Amt als Schultes an - und gleich muß er eine bittere Pille schlucken. Verständlich, daß jetzt die Lust Bürgermeister in der Region zu werden, rapide abnimmt. Volker Schiek in Nordheim ist offenbar trotz alledem guten Mutes und trat sein neues Amt als Bürgermeister ohne allzugroßes Zähneknirschen an. Muß er doch seinem Gemeinderat am 19. Mai ein korrigiertes Zahlenwerk vorlegen. Denn der Nachtragshaushalt ist ein wenig aus den Fugen geraten. Eigentlich wollte die Gemeinde Schulden tilgen - zwei Millionen insgesamt. Aber daraus wird wohl nichts. Denn beim Rathausneubau hatten die Gemeindeväter und -mütter sich tüchtig verrechnet. Am 17. März 1995 waren noch 800.000 Mark als Baukosten genannt worden. Jetzt heißt es, daß die Gesamtsumme wohl bei 1,5 bis 1,6 Millionen Mark liegen dürfte. Wenn ein privater Unternehmer so rechnet, dann wäre er schnell pleite. Aber hier geht es ja nur um die Steuergelder des Bürgers. Und hinzu kommt noch, daß die Nordheimer bei der Planung ihrer Einnahmen für 1995 auch ein wenig zu hoch gegriffen hatten. Außerdem hatten sie übersehen, daß aus 1994 ein Fehlbetrag von schlichten 766.000 Mark in der Kasse auszugleichen ist. Wer schenkt dem Nordheimer Gemeinderat endlich die Spieluhr mit der Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“.

Audi-Standort
Audi rief und alle kamen nach Neckarsulm - an der Spitze der Wirtschaftsminister des Landes Dr. Dieter Spöri. Und der lobte den Neubau der Autolackiererei auch über den Klee. Standortsicherung war sein Thema dabei. Hatte doch das Land Baden Württemberg ordentlich subventioniert. Und Audi-Vorstandsvorsitzender Dr. Herbert Demel unterstützte den Minister verhalten. Schließlich waren bis jetzt 312 Millionen Mark investiert worden, soviel wie noch nie in ein Neckarsulmer Audi-Großprojekt. Die neue „modernste Autolackiererei in Deutschland“ setzt Maßstäbe in Qualität und Umweltschutz. Zum Beispiel wurde eine neuartige Anlage entwickelt, die den Füllerspritznebel aus dem Kreislaufwasser der Füllerlackierliene herausfiltert. Und das heißt: 110.000 Kilogramm Lackschlamm pro Jahr müssen durch das neue Verfahren nicht mehr thermisch entsorgt werden. Und genau dieses Verfahren wurde vom Land Baden Württemberg finanziell gefördert. Übrigens: Dieter Spöri sprach bei der offiziellen Einweihung der Lackiererei immer von einer Firma Audi-NSU, die es ja schon lange nicht mehr gibt. Aber so schlimm ist das nicht. Es gab ja auch schon Bundespräsidenten, die nicht wußten in welchem Land sie sich bei ihrer Staatsvisite gerade befanden. Oder hatte Spöri anderes mit seinem Versprecher im Sinn? Etwa den Firmennamen NSU wieder zu beleben? Nostalgie hin oder her - bei Audi in Neckarsulm geht es nur noch um Produktivität. Und die muß wettbewerbsfähig sein.

Drogen-Stadtpark ade?
Razzia im Stadtpark. Was Heilbronn wenigen Tagen rund um die Harmonie erlebte, das dürfte dem ordnungsliebenden Bürger das Herz höher haben schlagen lassen. 120 Polizisten riegelten das Gelände des „Rauschgiftparks“ ab und kontrollierten Dealer und Konsumenten. Schon im Vorfeld hatte die Staatsmacht sorgfältig beobachtet und gegen 34 Rauschgiftdealer Haftbefehl erlassen und vollstreckt. Eine wahrhaft multikulturelle Gesellschaft des Drogenhandels tat sich da auf. Und seither gehen Polizisten Tag und Nacht Streife durch die Innenstadt, insbesondere an den Brennpunkten Friedensplatz, Stadtpark und Alter Friedhof. Eine mobile Polizeiwache am Harmoniegarten ist für die dreizehn Beamten rund um die Uhr die Ausgangsposition. Es wurde auch langsam Zeit, daß sich in der offenen Rauschgiftszene inmitten der Stadt Heilbronn etwas tut. Schließlich ist die Vorsorge bei Unfallschwerpunkten von der Polizei in den vergangenen Jahren ausgebaut worden. Und was bei der Verkehrssicherheit billig ist, das müßte im gefährlichen Rauschgiftmilieu nur recht sein. Und hinzu kommt: die Rauschgiftkriminalität in der Innenstadt Heilbronns ist die Basis für viele Raubüberfälle und den Drogenstrich. Das Drogenproblem muß hart bekämpft und nicht als gottgegeben hingenommen werden. Denn die Experten sagen schon lange: nicht nur in Südamerika hat die Drogenmafia der jeweiligen Staatsgewalt den Krieg erklärt, sondern auch hier in Deutschland. Und Krieg führen auch die Drogenabhängigen - gegen ihren eigenen Körper und gegen ihre Umwelt. Auch sie müssen mit Vernunft dazu gebracht werden, Frieden zu schließen.

Hemmschuh
Kürzlich in der Gemeinderatssitzung von Ilsfeld: Es geht um den alten Konflikt zwischen Gewerbeansiedlung und Wohnbebauung. Ein örtlicher Unternehmer möchte seine Produktionsanlagen vergrößern. Heftige Diskussion im Ratsgremium. Anwohnern der Firma geht der derzeitige Lärm bereits auf die Nerven - und nun womöglich noch mehr Krach? Nein danke. Moment, Moment. Der Unternehmer hat seine Firma seit Jahren am Ort. Die Menschen, die in der Nachbarschaft leben wissen das. Doch nun soll die Wohnbebauung erweitert werden - eben in Nachbarschaft von der Firma. Der Landverkauf könnte Bares bringen, die Einwohnerzahl von Ilsfeld sich vergrößern  - und und und. Die Firma wird zum Hemmschuh. In anderen europäischen Ländern wäre dies ein viel kleineres Problem. Dort ist die Industriefeindlichkeit noch nicht so ausgeprägt wie bei uns.

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