Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 26.07.1995

Ratssprüche
„Seien Sie doch still. Wenn Sie den Mund aufmachen, schwätzen Sie nur Scheiß, wie die ganze Ecke dahinten. Keine Ahnung haben, nur immer Mist daherreden.“ - Harte Worte. Beleidigende Worte. In diesem Wortlaut sollen sie im Fleiner Gemeinderat gefallen sein. Sagt eine Rätin. der Bürgermeister will davon nichts gehört haben. Und auch jener Rat, dem die Worte angeblich im Zorn entschlüpft sind, will sie nie und nimmer von sich gegeben haben. Und deshalb wollte der Rat seine Kollegin per Gerichtsbeschluß zwingen, daß sie nimmer wiederholt, er habe solches ihr gegenüber verlauten lassen. Die Rätin hatte die sie beleidigenden Sätzchen nämlich schriftlich dem Bürgermeister mitgeteilt. Das Amtsgericht Heilbronn wollte sich letzte Woche nicht vor den Streithansel-Karren spannen lassen. Denn selbst wenn die Rätin ihre Worte dem Bürgermeister gegenüber widerrufen hätte - der angerichtete Schaden wäre geblieben. Ein gefundenes Fressen für das Sommerloch, in dem ja zur Zeit viele Medien stecken. Wie wärs mit einem schönen Sommer-Blumenstrauß für die Ratskollegin - Herr Rat? Nach dem altbekannten Motto: Laßt Blumen sprechen. Aber wie ich höre, diskutiert zur Zeit der Fleiner Rat, ob der Streit geschadet habe oder nicht. Schilda, ick hör dir trapsen.


THG - was ist los
Das Renommier-Gymnasium Heilbronns steckt in einer Krise. Kurz vor Schuljahresende hat der Direktor des humanistischen Gymnasiums in der karlstraße seinen Hut in den Ring geworfen. Jan Christiansen, 48 Jahre alt, hat beim Oberschulamt in Stuttgart darum gebeten, von seinem Amt als Leiter des Theodor-Heuss-Gymnasiums entbunden zu werden. Nach drei Jahren Amtszeit ist dem geradlinigen und äußerst korrekten Schulleiter offenbar der Streit mit dem Personalrat und seinem Vorsitzenden Dr. Erhard Jöst (47), im Nebenberuf Kabarettist und streitbarer Leserbriefschreiber, entschieden zu weit gegangen. Schulintern sei die Problematik nicht mehr zu lösen, ist aus dem THG zu hören. Die Angriffe von Dr. Jöst und dem Personalrat hätten die massiven Spannungen mit dem Schulleiter so eskalieren lassen, daß keine andere Lösung mehr möglich scheint. Elternbeirat und große Teile des Lehrerkollegiums stehen hinter THG-Direktor Christiansen. Die Frage lautet nun: Wer steht noch hinter dem THG-Personalrat? Denn die „unterschiedlichen Dienstauffassungen“ und die „unsachlichen Angriffe des Dr. Erhard Jöst gegen den Direktor“ haben offenbar das Schulamt dazu veranlaßt, mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Antrag des Direktors zuzustimmen. Wobei man in der Schullandschaft und darüber hinaus weiß: Erhard Jöst ist kein unbeschriebenes Blatt.  Er soll schon manchen Ministerialen in Stuttgart mit seinen Aktionen in der Vergangenheit an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Was aber nun die auslösenden Faktoren für den unheilbaren Streit sind, das bleibt bisher im THG-Dunkel. Vielleicht klärt der ansonsten sehr mitteilungsfreudige Dr. Jöst die prekäre Lage an seiner Schule demnächst - öffentlich.


Neuenstadt am Kocher
Die Verantwortlichen der Neuenstädter Freilichtbühne im Burggraben können sich nach dem Ende der Spielzeit 1995 am vergangenen Wochenende zufrieden zurücklehnen. Haben sie und ihre muntere Laienspielschar in diesem Jahr doch nicht nur den Kilanpreis des Heilbronner Theatervereins erhalten, sondern auch noch Zuschauermassen ins Kocherstädtchen gelockt wie in keinem anderen Jahr. „Don Camillo und Peppone“ brachte 20.212 Menschen dazu, im 38 Spieljahr nach Neuenstadt zu pilgern. Die 24 Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz ausverkauft. Und diese Tatsache ist nicht zuletzt der rührigen Regisseurin Hanna Reiners zu verdanken, die ihre Laienspieltruppe seit Jahren auf Vordermann bringt. Jetzt denken sie und ihr Vorstand schon über die kommende Spielzeit 1996 nach. Denn nach dem alten Gesetz des Erfolgs sind die Zahlen von 1995 schon der Schnee von gestern. Es gilt ein Stück zu finden, das den Zuschauern genauso behagt wie jenes vom streitbaren Priester und kommunistischen Bürgermeister aus der Nachkriegszeit Italiens - irgendwo in der norditaliensichen Po-Ebene. Aber wie ich die Neuenstädter kenne, haben sie ein Händchen für populäre Stoffe. Nur einmal, da hatten sie sich am Kleist‘schen „Käthchen von Heilbronn“ versucht. Und das war ein grausamer Fehlgriff gewesen, der aber schon lange verschmerzt ist. Also dann: Toi, toi, toi für 1996.

Tand, Tand - aber versichert
Ein gemütlicher Samstagnachmittag - so dachte ich mir - wird das werden. Das Wetter am Vormittag: sonnig, ein wenig schwül, aber insgesamt gesehen angenehm. Bis kurz vor drei Uhr. Da wurde es auf einmal so dunkel wie es in dieser Jahreszeit grad so um zehn Uhr in der Nacht bei uns ist. Heftiger Sturm kam übers Land, Regen schüttete es gleich kübelweise vom Himmel. Und die lokalen Rundfunkmoderatoren überschlugen sich in der Beschreibung  als sei der Weltuntergang nahe. Aber ganz so schlimm war‘s in Heilbronn nicht. Wegen kurzzeitiger Überflutung wurden ein paar Straßen gesperrt. An die 120 Keller mußten von der Feuerwehr ausgepumpt werden. Viel schlimmer traf es da die Menschen im Landkreis. Hagelkörner, Kugeln muß man da schon sagen, mit einem Durchmesser bis zu sieben Zentimetern durchschlugen Dächer, Autoscheiben und -schiebedächer, Fenster und Rolläden, legten Felder flach und zerstörten Weinreben. Ertragseinbuße bei den Unterländer Wengertern: 30 bis 80 Prozent schätzt der Weinbaupräsident Hermann Hohl. Ein Unwetter, das auch die Festles-Freudigen arg zauste. Und komischerweise: In Heilbronn sah und hörte ich nichts von einem Hagelschauer. So unterschiedlich kann das Wetter auf kurze Distanz verrückt spielen. Das erinnert mich immer an Theodor Fontanes Vers: Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand. Aber gottseidsank sind wir Deutschen ein Volk der Versicherten.

Durchmarschiert
Vor wenigen Wochen noch gabs vier Kandidaten bei den Sozialdemokraten im Ländle für das Amt des Ministerpräsidenten. Stärkster Konkurrent für den Heilbronner SPD-Landtagsabgeordneten Dr. Dieter Spöri war Ulrich Maurer, der SPD-Landesvorsitzende. Ein mächtiger Mann, denn er ist auch Fraktionschef im Stuttgarter Landtag und war im Schattenkabinett von Rudolf Scharping bei der letzten Bundestagswahl als  Innenminister angetreten. In der Stuttgarter Großen Koalition hat er sich vor allem in den letzten Tagen als Mann der harten Worte beim Streit mit der CDU hervorgetan. Aber der Dieter Spöri hat den Uli Maurer und die beiden anderen Möchtegern-Kandidaten geschickt in die Ecke monövriert, sodaß diese nur noch kleinlaut ihr Ja-Wort zum Spöri-Spitzenamt für die Wahl im SPD-Landesvorstand geben konnten. Offiziell wird ja der erste Mann bei den Genossen erst im Herbst gekürt. Aber schon heute steht fest: Ohne Mitgliederbefragung wird ein Parteitag Dieter Spöri aufs Schild heben. Und seine Chancen stehen nicht schlecht, nach dem 24. März 1996 Ministerpräsident des Landes Baden Württemberg zu werden. Grüne und Sozis hätten ein Mehrheit im Stuttgarter Landtag, fielen FDP und Reps unter die Fünf-Prozent-Marke. Aber bis dahin muß noch heftig gerackert werden. Denn schon mancher ist als Adler gestartet und als Suppenhuhn gelandet.

Bio und Schimmel
Wo hab ich es nicht überall gelesen. Das mit den Gelben Säcken und den Biomülltonnen - das ist eben nicht das Gelbe vom Ei. Ist ja auch klar. Da steht das Müllzeug oft mehr als vierzehn Tage herum und modert in den Säcken vor sich hin. Und unsere normalen Mülltonnen brüten jetzt in der Sommerhitze auch eine Woche so in sonniger Landschaft so manches aus. Das freut die Pilze, Sporen, Bakterien und all die anderen nützlichen Durchdringer des Mülls ungemein. Daß diese Handhabung der Müllverwertung nicht unbedingt für den Menschen gesundheitsfördernd ist, das weiß man doch spätestens nach dem Schulanfang - ob nun mit Hauptschul-, Realschul- oder Gymnasialreifezeugnis. Schwere Düfte und Gifte wabern durch die Luft. Die Allergiker, jeder zehnte Deutsche soll schon einer sein, werden dank dieser Praxis nahezu mit Giftstoffen bombardiert. Da bleibt uns wohl nicht anderes übrig als unseren Hausmüll brav in Plastiksäcke einzuschnüren ehe wir ihn in die Tonne werfen. Guter Ratschlag: den Kompostabfall im Sommer wenigsten mit Papier zu durchmengen. Das hemme die üblen Düfte - sagen die Experten. Und wer den Müll für den Gelben Sack nicht auswaschen will (und damit teures Abwasser spart), der wirft ihn auch in den Hausmüll. Denn der wird ja schneller entsorgt als der Gelbe Müll.

Schuljahresende
Nächste Woche kann der Schulranzen in die Ecke geworfen werden. Die Ferien beginnen. Aber nicht für alle Schüler ist diese Zeit Anlaß zur Freude. Es naht für so manchen die Stunde der Wahrheit. Der Vermerk „Nicht versetzt“ im Jahreszeugnis ist dann für den betroffenen Schüler und seine Eltern oft ein Problem, das den Familienfrieden erheblich stört. Und von unbeschwerten Sommerferien ist dann zumeist auch keine Rede mehr. Ach, werden viele jetzt sagen, das betrifft doch nur wenige. Die Frage ist nur, wieviele Wenige sind das? In Baden Württemberg, so schätzt die Aktion Humane Schule, bleiben in diesem Jahr immerhin rund 25.000 Schüler an allgemeinbildenden schulen sitzen. Das Oberschulamt setzt dagegen, das diese Zahl mit rund drei Prozent „erfreulich gering“ ausfallen würde. Aber man nimmt die Zahl nicht auf die leichte Schulter. Denn man weiß bei der Schulbehörde, daß so mancher Schüler aufgrund seiner schlechten Noten selbstmordgefährdet ist. Deshalb raten die Schul-Psychologen: die Gefühle der nichtversetzten Kinder und Jugendlichen ernst nehmen; sachlich mit ihnen über das Zustandekommen der Noten sprechen. Denn Trost und Ermutigung würden bei schulischem Mißerfolg mehr als Strafen helfen. Das Schlimmste jedoch ist, wenn ein Sitzengebliebener zur Ansicht gelangt, daß er als Mensch nichts wert ist - da er ja im Zeugnis schlecht beurteilt wurde. Eine Ansicht, die in einer rein auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft durchaus konform ist. Ich meine: Aus Fehlern lernen, ist der beste Weg zum Erfolg. Und dazu gehört auch, daß gelegentlich mal die Schule gewechselt werden muß. Die Begabungen sind eben verschieden verteilt.

Nonverbal
Da haben sich doch einige Psychologen - oder waren es Psychiater - was ganz besonderes ausgedacht. Per Anzeige suchten sie Interessenten für einen Arbeitskreis oder eine Arbeitsgruppe „Nonverbale Kommunikation“. Und es meldeten sich fleißig einige, die sehr interessiert waren. Auch ich habe mich gefragt, was das denn sei - die nonverbale Kommunikation. Wenn ich mit Ihnen, meinen Lesern kommuniziere, dann geht das ohne gesprochene Worte ab. Halt mit gedruckten Worten. Und wenn Sie mich hier oben auf meinem Turm betrachten, dann schauen Sie halt von unten hoch - und denken sich Ihren teil. Ist dieses Denken jetzt schon Nonverbal? Wir denken ja eigentlich in Worten, in ganzen Sätzen - selbst im Traum haben wir unsere Sprache noch beisammen. Manche Sprachbegabten träumen französisch oder englisch. Sie kommunizieren mit sich selbst noch in Worten. Und selbst wenn wir uns nur anschauen oder betasten - wie da heute ja „in“ ist in so mancher Gruppe - dann geht in den Köpfen nichts Nonverbales vor sich, sondern eben unausgesprochen laufen da ganze Romane ab, die man sich später erzählt. In der Gruppe - oder auch woanders. Trotz meines versteinerten Maules: Ich glaube die Herren Seelendoctores haben sich da einen derben Scherz mit  zarten Seelchen erlaubt - mit ihrer „Nonverbalen Kommunikation“.

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