Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 16.08.1995

Kleine Abkühlung
Das Konjunkturbarometer zeigt für den Westen Deutschlands eine Abkühlung, aber keinen Temperatureinbruch an. So las ich dieser Tage in einem klugen Blatte. Wenige Tage später teilt die Industrie- und Handelskammer für die Region Franken mit: „Die konjunkturelle Aufwärtsentwicklung im Kammerbezirk Heilbronn ist im zweiten Quartal dieses Jahres vorerst zum Stillstand gekommen. In vielen Bereichen der heimischen Wirtschaft ist die Stimmung von zunehmender Skepsis geprägt.“ Die vorsichtigen Beobachter aus der IHK wählen ihre Worte mit Bedacht. Und wenn jetzt davon gesprochen wird, daß die Unternehmen ihre Geschäftslage im Vergleich zum ersten Quartal nahezu unverändert beurteilen, dann ist vom erwarteten Aufschwung eben keine Rede mehr. Vor allem der Einzelhandel, der sich laut Kammer nun „seit über zwei Jahren auf Talfahrt“ befindet,  steckt noch immer tief in der Rezession. Das Kaufverhalten ihrer Kunden schätzten die Einzelhändler laut IHK-Umfrage ähnlich schlecht wie im Vorquartal ein. Das heißt für die Kunden in diesem Sommer: Über den Schlußverkauf hinaus wird‘s noch Preisnachlässe geben. Denn die Lager sollen ja restlos geräumt werden.



Nein-Sager

Es gibt die Nein-Sager und die Ja-Sager. Das Heilbronner Stadttheater hat mir jetzt einen „netten“ Brief geschrieben, in dem es mich den Nein-Sagern zuordnet. Denn pünktlich zu den Sommerferien würde ich mich in „Stammtischpolitik üben.“. Worum es geht? Um nichts anderes als um „den Plan der  Stadt, im neuen Einkaufszentrum am Berliner Platz eine Spielstätte für das Stadttheater mitzuplanen“. Das Theater Heilbronn schreibt: „Wahr ist: Ein solches Einkaufszentrum wäre eine große Chance für Heilbronn. Drei Fliegen würden mit einer Klappe geschlagen: Aus den jetzigen Kammerspielen könnte endlich ein Kindertheater im Stadtzentrum werde - eine bessere Kammerspielbühne für mehr Publikumsplätze könnte geschaffen werden, die attraktiv und nicht ständig ausverkauft ist. Und trotzdem wäre nicht mehr Personal nötig, denn der Betrieb wird ja nicht größer und alle Bühnen liegen neben den notwendig gewordenen Werkstätten, die man vor Jahren zu bauen versäumt hat.“ - Und dann weiß das Theater auch noch genau, was ich will: „Keine unnötigen Mehrkosten für die Bürger, ein besseres Theaterangebot für die Bürger und ein Kindertheater für Heilbronn: das, meint das Kiliansmännle, wäre etwas Schlechtes. Deshalb malt es das neue Einkaufszentrum und damit eine Aufwertung des Industriestandortes  Heilbronn so schwarz wie möglich - und den Theaterintendanten gleich mit! Wie gut, daß das Kiliansmännle auf seinem Turm so weit vom Schuß und von journalistischer Sorgfaltspflicht so weit entfernt ist.“ - Sorgfalt heißt im Schwäbischen in erster Linie, sei Sach zusammehalte. Und das bedeutet: Wenn man Schulden hat wie unsere Kommune, sollte man sich keine neuen Kosten aufbürden. Auch keine kulturellen.



Nonverbal

Da haben sich doch einige Psychologen - oder waren es Psychiater - was ganz besonderes ausgedacht. Per Anzeige suchten sie Interessenten für einen Arbeitskreis oder eine Arbeitsgruppe „Nonverbale Kommunikation“. Und es meldeten sich fleißig einige, die sehr interessiert waren. Auch ich habe mich gefragt, was das denn sei - die nonverbale Kommunikation. Wenn ich mit Ihnen, meinen Lesern kommuniziere, dann geht das ohne gesprochene Worte ab. Halt mit gedruckten Worten. Und wenn Sie mich hier oben auf meinem Turm betrachten, dann schauen Sie halt von unten hoch - und denken sich Ihren Teil. Ist dieses Denken jetzt schon Nonverbal? Wir denken ja eigentlich in Worten, in ganzen Sätzen - selbst im Traum haben wir unsere Sprache noch beisammen. Manche Sprachbegabten träumen dann französisch oder englisch. Sie kommunizieren mit sich selbst auch in Worten. Und selbst wenn wir uns nur anschauen oder betasten - wie das heute ja „in“ ist in so mancher Gruppierung, dann geht in den Köpfen nichts Nonverbales vor sich, sondern eben unausgesprochen laufen da ganze Romane ab, die man sich vielleicht später erzählt. In der Gruppe - oder auch woanders. Trotz meines versteinerten Maules: Ich glaube die Herren Seelendoctores aus dem Unterland haben sich da einen derben Scherz mit  zarten Seelchen erlaubt - mit ihrer „Nonverbalen Kommunikation“. Oder wie? Oder was?



Region - gut oder schlecht?

Das Wirtschaftsministerium in Stuttgart sagt, der Region geht‘s gut. Denn der Landesentwicklungsbericht sage: In der zeit von 1987 bis 1994 seien per saldo 32.000 zusätzliche Arbeitsplätze in der Region Franken geschaffen worden. Der Zuwachs mit 12,5 Prozent sei doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt, der nur bei 5,7 Prozent lag. Das sind die schönen Zahlen. Die weniger schönen Daten lieferte dieser Tage die Industrie und Handelskammer Heilbronn: Für die konjunkturelle Aufwärtsentwicklung in der Region konstatierte sie Stillstand. Und die Handwerkskammer legte gleich nach: Die wirtschaftliche Talsohle im Handwerk der Region ist noch nicht durchschritten. Denn neben der saisonüblichen Belebung der Auftragsvolumen sei in der vergangenen Monaten auch der zu erwartende Beschäftigungsaufschwung ausgeblieben. Natürlich geht‘s uns schlecht in der baden württembergischen Wirtschaft: Das aber auf sehr hohem Niveau. Und den Vergleich zu anderen Ländern Europas will ich gar nicht erst ziehen. Daß die Zahlen aus dem SPD-geführten Wirtschaftsministerium dagegen als gut interpretiert werden, dürfte nicht verwundern. Ist der Vorwahlkampf für den März 1996 schon in vollem Gange.



10 Tage Volksfest

Das war schon ein besonderer Auftakt für die Festwirtin Josefine Maier und ihren 28jährigen Sohn Karl. Selten in der vergangenen Jahren war die Eröffnung und der Volksfesttrubel mit so guten Ergebnissen gekrönt. Die Besucher strömten und gaben dazu auch noch verhalten aber ausreichend Geld aus. Das Bier floß zur Freude von Cluss-Direktor Dr. Hans Wilhelm Dietel  in Strömen, ganz seinem Motto entsprechend - frei nach Karl Valenti: „Leute, versaufts nicht Euer ganzes Geld. Kaufts lieber Bier dafür.“ Das taten die Unterländer dann auch gewaltig. War die letzten zehn Jahre Unterländer Volksfest der Bierverkauf rückläufig oder stagnierte, so drehte sich der Wind jetzt beim 69. Volksfest auf der asphaltierten Wiesn am Neckar. Nicht Radler oder Sprudel wurde gegen den Durst geschluckt, sondern das süffige, extra für diesen Anlaß vor vierzehn Wochen bei Cluss in Heilbronn gebraute Bier. Es schmeckt. Ich kann‘s bezeugen. Meiner Ansicht nach sogar sehr gut. Aber das will ja nichts heißen in einem Weinland, wo der edle Rebensaft in allen Variationen besungen wird. Und das vermittelte auch gleich noch unser OB beim Auftakt. Ein Mann, der eine Flasche Wein wahrscheinlich schneller und besser entkorken kann, als ein Bierfaß anstechen. Die Blaskapelle auf der Bühne: Dieser OB ist weniger Ober-, sondern vielmehr Bademeister. Weil er den Gerstensaft nicht die Maßkrüge, sondern durch seine Zapfkunst auf den Bühnenboden fließen ließ. So ist das halt mit den OBs von Weinstädten. Beim Weindorf ist er von dergleichen Peinlichkeiten befreit.



Steinige Pisten

„Sport ist Mord“ oder weniger vernichtend „No sports“, um mit dem ehemaligen britischen Premier Winston Churchill zu sprechen. Nichts verstanden? Gemach, es geht um Radfahren. Viele tun es, viele treten in die Pedale, um ein bißchen etwas für die Fitneß zu tun. Doch, Freundinnen und Freunde unter den Pedalfräuleins und Pedalrittern, wenn euch eure Gesundheit lieb ist, meidet die Höhen und Täler der Löwensteiner Berge. Denn auf diesen landschaftlich sehr reizvoll gelegenen Pisten liegt immer mal wieder Schotter, besser feinkörniger Rollsplitt. Und dann wird die sportliche Aktivität zum Husarenritt, der für manchen Pedaleur ziemlich unsanft enden kann. Die Verantwortlichen in den Straßenbauämtern zucken bedauernd mit den Schultern: „Ohne Splitt läuft uns der Bitumen weg.“ Okay, dafür haben wir Radler ein Einsehen. Aber wäre es nicht möglich den übriggebliebenen Splitt möglichst schnell per Kehrmaschine wieder von der Straße zu holen? Und noch eine Bitte an die Autofahrer: Bei Rollsplitt heißt es Abstand halten und nicht schneller als Tempo 30 fahren. Daran hält sich kaum einer. Den Schaden haben wieder die Radler. Denen spritzen die Steinchen um die Ohren. Churchill hätte wohl gesagt: „No sports, give me a lift“. Das heißt dann so viel wie, „kein Sport und nimm mich mit - im Auto natürlich.



Ladenschluß - endlich weg?

Die Spatzen pfeifen es seit langer Zeit schon von den Dächern: Das antiquierte deutsche Ladenschlußgesetz muß fallen. Freiheit bedeutet auch, einzukaufen ohne Zeitbeschränkung. „Wieso ist es in Deutschland so schwierig, sein Geld loszuwerden?“, fragte ein englischer Journalist. Es liegt an der deutschen Regelungswut. Warum überhaupt noch Begrenzungen bei Ladenschlußzeiten? Sollen doch die Händler selber bestimmen, wann sie ihre Geschäfte öffnen, wann sie schließen. Warum jetzt schon wieder Gesetze zu Regelung? Die großen Handelsunternehmen werden ohnehin bei völliger Freigabe der Öffnungszeiten zu Absprachen mit den Gewerkschaften kommen müssen. Das ist die Chance für den Tante Emma Laden - eine Überlebenschance für die Zukunft. Und warum jetzt so schrille Töne von den Gewerkschaften? In anderen Wirtschaftszweigen ist Schichtarbeit eine Selbstverständlichkeit, auch Samstags- und Sonntagsarbeit. Durch neue Regelungen, möglichst überhaupt keine bei Ladenöffnungszeiten wird die Wochenarbeitszeit für die Arbeitnehmer nicht länger, der Verdienst nicht geringer - im Gegenteil.  Wer an schlechten, überkommenen Traditionen festhält, der verschläft die Zukunft. Wie sagte doch der Sozialist Gorbatschow: ..., den bestraft das Leben. Siehe auch Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften.



Zimmerhof-Ruhe

Das kennen wir ja. Da baut jemand irgendwo auf der grünen Wiese sein Haus - in einem neuen Wohngebiet. Die Gemeinde hat‘s ausgewiesen, um  potente Kunden für die friedliche Ruhe anzulocken. Aber irgendwo müssen auch Straßen sein, die ins Wohngebiet führen. Und je größer das neuerschlossene Bauland dann ist, desto stärker wird der Autoverkehr sein.  Im Wohngebiet Zimmerhof in Bad Rappenau geht es derzeit aber nicht darum, sondern um den Ausbau der Kreisstraße K 2038. Eine Bürgerinitiative wendet sich gegen den Ausbau - weil „alle sachlichen Argumente, sowohl auf der verkehrsplanerischen, der ökonomischen, der administrativen als auch der ökologischen Ebene gegen einen solchen Ausbau“ sprechen würden. Man befürchtet, daß ein erheblicher Verkehrsanteil aus Richtung Siegelsbach in Richtung Bad Wimpfen/Heilbronn über Zimmerhof abgeleitet würde und zu einer unangenehmen Lärmbelastung für die Bewohner des neuen Stadtteils werden würde. Ein ganzes Paket an Vorschlägen wurde jetzt dem Bad Rappenauer  Gemeinderat übergeben - bis hin zur „Busanbindung Zimmerhof-Heilbronn direkt und vor allem zurück!“ Und darüberhinaus haben die Bewohner auch gleich noch etwas dazugelegt: „Klagen über Lärmbelästigung durch laute Musik vom Golfclub-Restaurant und mangelnde Kooperativität des Golfclubs mit den Anwohnern“. Denn: die Zimmerhöfer Bürger haben teilweise viel Geld investiert, weil sie den Darstellungen der Stadt glaubten, es entstehe ein Baugebiet mit hoher Wohnqualität.



Kinderfreizeit

Der Sommer hat sich vergrünt. Es regnet - und alles, was grünt und noch blühen will, freut sich. Rund um Heilbronn verbringen in diesem satten Grün der Wälder Kinder ihre Freizeiten. Auf dem Gaffenberg, dem Haigern oder im AWO-Waldheim. Wer mittags im Wald spazierengeht , der sieht die Kleinen auf den Wegen zwischen  Büschen und Bäumen herumtollen. Aber es gibt auch einige Momente, da wird dem harmlosen Spaziergänger ganz mulmig. Auf den Geräten des Waldlaufpfades klettern Buben und Mädchen herum. Vor allem auf den nassen Balken besteht die Gefahr, schnell auszurutschen. und ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn ein Kind zwei Meter herunterfällt. Es kann wenig geschehen - aber  Unglücke sind in solchen Fällen auch nicht fern. Hinzukommen noch unsere Hundebesitzer, die ihre Tiere auf den Waldwegen sorglos spazierenführen. Johlende, herumtollende Kinder und frei umherlaufende Hunde, da ist auch nicht klar, was so ein Haustier aus der engen Stadtwohnung von diesen seltsamen Waldbewohnern hält. Und die dritte Gefahr: Immer noch baumeln mehr als vier Meter lange Äste von Bäumen neben Waldweg herunter. Fällt dieses Ungetüm auf den Weg - und ganz zufällig ist eine Kindergruppe oder Spaziergänger am Baum, was dann? Wer ist verantwortlich, nachdem diese Rieseäste schon Monate lang hängend vor sich hinmodern. Die Stadt? Die Forstverwaltung? Vielleicht will es dann niemand gewußt haben.



Teufelskreis

Ich erinnere mich noch genau. Nachdem das Gelände beim Harmonie-Park in Heilbronn Dealern und Süchtigen geräumt war, sollte man an den obersten Behördenstellen der Käthchenstadt nicht von einer „offenen Drogenszene in der Käthchenstadt“ sprechen. Hätte ja auch dem Image geschadet. Aber Tatsache bleibt Tatsache. Das Unterland mit seinen geschätzten 3.000 bis 3.500 Süchtigen ist eine Drogenhochburg. Experten sagen, das käme von den vielen Therapieplätzen rund um Heilbronn. Süchtige aus allen Teilen Baden-Württembergs werden eingewiesen. Bekannt ist, daß viele über kurz oder lang ihre Therapie schnell wieder abbrechen (über 90 Prozent schätzen Kenner) und sich dann im Umfeld ihrer Therapieeinrichtung niederlassen. Und der Markt bestimmt dann das Drogengeschehen. Ist der Konsum, die Nachfrage vorhanden, sind die Dealer auch nicht weit. Und mit beiden - Händlern und Verbrauchern - bildet sich dann das Umfeld mit all seinen negativen Begleiterscheinungen: Prostitution, Diebstähle, Überfälle, etc. etc. Zentrum  des Handels in Heilbronn ist zur Zeit die nördliche City. Kaufleute und Anwohner sind schon seit längerer Zeit bei der Stadt und der Polizei vorstellig geworden. Drogensucht, Drogenkonsum, Drogenhandel - ein Teufelskreis, in dem Heilbronn durch verlogene Gutmütigkeit, liberale Verdrängungspraxis in der Vergangeneheit und eine sträfliche Wurschtigkeit gefangen scheint.

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