Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 20.09.1995



Cluss schließt
Die Spatzen pfiffen es schon seit langer Zeit laut von den Heilbronner Dächern: Demnächst wird die Brauerei Cluss ihre Pforten schließen. Beim Unterländer Volksfest noch hatten sich Vorstand und Abgesandte aus Stuttgart entschieden gegen die Gerüchte gewandt. Am Montag aber ist wahr geworden, was Fachblätter schon vor Monaten aus informierten Kreisen in der Brauwirtschaft berichteten. Da nutzte auch der Hinweis nichts mehr, daß im Herbst 1991 eine neue Flaschenfüllerei im Werte von 12 Millionen Mark angeschafft worden war. Die Brauerei Cluss wird, wenn die Hauptversammlung am 27. November im Haus des Handwerks dem Aufsichtsratsbeschluß zustimmt, in einen Cluss Immobilien AG umgewandelt, die das Cluss-Vermögen über kurz oder lang auflösen wird. Und da siehts nicht ganz so schlecht aus wie beim Bierabsatz. Cluss hat an die Mutter Dinkelacker noch Forderungen in Höhe von 15 Millionen Mark. Und wenn man sich vorstellt, daß das Brauereigelände am Neckar mit Eigentumswohnungen überbaut wird, dann könnte das ein lukratives Geschäft für die zu diesem Geschäftszweck umgewandelte Brauereigesellschaft werden. Gewinner aber ist in diesem Fall jene Mutter, die 90 Prozent der Aktien an Cluss hält - die Dinkelacker Brauerei in Stuttgart. Übrigens dürfte bei weiter nachlassendem Bierkonsum im Lande auch so manche große Brauerei von der Bildfläche verschwinden. Kenner der Branche sehen mittelfristig keine Änderung in den Bier-Absatzmöglichkeiten.



Spöris Anlauf

Jetzt ist es ganz offiziell: Dieter Spöri wurde am Wochenende in Pforzheim auf einem SPD-Landesparteitag zu Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 24. März 1996 nominiert. Ministerpräsident in einer rot-grünen Regierung will er nach der Wahl werden, so der Wähler ihm und seiner Partei dazu Gelegenheit bietet. Eine „Modernisierungskoalition“ soll laut Spöri in Stuttgart regieren. Aber momentan sehen die Umfragen CDU und FDP noch vorn. Es muß also hart gerackert werden, um ans ersehnte Ziel zu gelangen. Aber der Heilbronner Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Wirtschaftsminister in einer Großen Koalition mit der CDU hat von seiner Partei den Rücken gestärkt bekommen: 294 von 300 Delegierten stimmten für ihn. Spöris dritter Anlauf für das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten wird durch viele Schlaglöcher aus Bonn behindert. Seine Partei ist auf Bundesebene in einem desolaten Zustand. Parteichef Rudolf Scharping wurde deshalb auch gar nicht erst nach Pforzheim geladen. Die schwäbischen und badischen Genossen wollten sich nicht das Verlierer-Image anheften lassen. Deshalb ließ Dieter Spöri auch keine Schimpfworte in Richtung Erwin Teufel oder CDU los, sondern umschrieb sein Konzept in Abgrenzung zu den Grünen so: „Die SPD kann nicht für den ökologischen Absolutismus stehen, sondern nur für den Dreiklang wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Kompetenz.“ Diese Kampfansage klingt gut - und wird zu keinen Konflikten mit der CDU führen. Und ich schätze, es wird in den nächsten Wochen kein wüster Wahlkampf auf uns zukommen. denn Spöris Motto lautet: „Fairneß ist die aggressivste, weil erfolgreichste Konkurrenzstrategie im demokratischen Prozeß.“



Auto total

Wenn es im Unterland der Autoindustrie und ihren Zulieferfirmen schlecht geht, dann befindet der gesamte Wirtschaftsraum dieser Region in einer Krise. Das stört offenbar jene nicht, die sich selbst als ernstzunehmend und moralisch hochstehend deklarieren. Sie sehen zunehmend im Auto an sich eine Art Ungeziefer. Das gilt es  mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wie schrieb neulich ein kluger Kopf: „Sie fokussieren sämtliche Umweltschäden aufs Auto und brandmarken seine Hersteller als eine Bruderschaft profitgieriger Denkfauler, die jeden ökologischen Fortschritt blockiert.“ Schlimm sei nun, daß sich in vielen Köpfen langsam der Gedanke eingenistet habe, daß Autofahren etwas Unrechtes sei.  Lautstarke Minderheiten bestimmen, was vom Auto zu halten sei. Sie reden von volkswirtschaftlichen Kosten des Autoverkehrs, ohne seinen volkswirtschaftlichen Nutzen auch nur zu erwähnen. Individuelle Mobilität und begrenzte Energiereserven - diese scheinbaren Widersprüche müssen unter einen Hut gebracht werden. Die fundamentalistischen Kritiker  meinen, das wäre am besten durch staatliche Reglementierungen zu erreichen. Aber im Wettbewerb der Ideen wird vieles schneller erreicht als  in einer vom Staat gegängelten Industrie. Abgaben und Steuern, bei denen mittelalterliche Blutsauger selbst rot werden würden, bestimmen heute unsere Wirtschaft. Der Staat bedient sich mit Wegelagerer-Methoden - und die deutschen Verbraucher halten still. Offensichtlich lebt der deutsche Untertanengeist munter weiter. Und so treibt man munter mit kleinkarierter Vertreibungsideologie bedeutende Wirtschaftszweige aus dem Land. Die Folgen spüren wir alle - Tag für Tag.



Kein Terror

„50 Jahre Flucht und Vertreibung - Unrecht bleibt Unrecht“. So das Motto am Sonntag beim „Tag der Heimat“, in der Heilbronner Harmonie. 600 Vertriebene waren gekommen. Und zu ihnen sprach der 42 jährige CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag Günther H. Oettinger. Der 8. Mai 1945 sei für Millionen der Tag der Befreiung gewesen. Für Millionen Vertriebene aber habe er mannigfaltiges Leid und Hoffnungslosigkeit gebracht. Der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen  im Kreisverband Heilbronn, Georg Märtsch, ließ in seiner Rede allerdings deutlich werden, daß für ihn und viele Vertriebene der 8. Mai 1945 kein Tag der Befreiung gewesen war. Und folgerichtig rief der Heilbronner Verband dazu auf, die „Vertreibungsverbrechen in Bosnien nicht mehr tatenlos hinzunehmen“. Das ist mutig gesprochen, aber politisch wohl kaum umsetzbar. In Deutschland organisiert man sich schnell, weil es einen funktionierenden Staat gibt. Dort gibt‘s was zu holen. Gleich nach dem katastrophalen Untergang begann in deutschen Landen staatliche Organisation nahezu perfekt zu funktionieren. Und wenige Jahre später war das neue Land in der Lage, hohe Ausgleichszahlungen zu leisten. In anderen Ländern stehen die Bürger einer solchen straffen und perfekten Staatsorganisation eher skeptisch gegenüber und vertrauen mehr den eigenen Kräften. Vertriebenenverbände im geschundenen ehemaligen Jugoslawien mitaufzubauen, das wäre eine neue Art von Entwicklungshilfe. Aber diese Hilfe müßte dann allen Volksgruppen zuteil werden - Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen.



Weindorf ade

Was für Deutschland Weihnachten ist, das scheint für Heilbronn das Weindorf zu sein. An den neun Weindorftagen, offensichtlich das Fest der Feste in Heilbronn, schlendern so annähernd 300.000 Menschen durch die Weindorf-Gassen. Wenn hochgerechnet jeder eine Flasche Wein für zehn Mark trinkt, dann kann man sich ausrechnen, was die Weingärtnergenossenschaften in diesem Jahr umgesetzt haben. Trotz Regen und naßkalter Temperaturen, sollen laut Verkehrsamt der Stadt rund 260.000 Menschen übers Jubiläumsweindorf geschlendert sein. Also dürften es diesmal edle Tropfen im Wert von rund drei Millionen Mark - über den Daumen gepeilt - gewesen sein, die unsere Wengerter an durstige Frauen und Männer gebracht hatten. Dazu wurde vielfach üppig gespeist , was den Betreibern der Imbißbunden  besonders gefallen haben dürfte. Deshalb war Bernhard Winkler, der Chef des Weindorfes und Heilbronner Verkehrsdirektor, in seinen traditionellen Abschlußworten, die er schon am Freitag vergangenen Woche per Fax unter die Medien brachte, sehr zufrieden. Absoluter Renner seien die Weißherbste und Roséweine gewesen. Übrigens - für alle Weindorfliebhaber der Termin 1996: vom 12. bis 20. September dauert dann das Zehnteles-Schlotzen rund ums Heilbronner Rathaus.



Synagoge

Ältere Heilbronner erinnern sich noch an das Gotteshaus der Juden an der oberen Allee. Neben der Hauptpost an der Allee war es gelegen. Die Heilbronner Synagoge, am 8. Juni 1877 eingeweiht, war ein prächtiges Gebäude, ehe es 1938 von den Nazi-Horden verwüstet und in Brand gesteckt wurde. Da stellt sich mir die Frage: Was vor über 100 Jahren in Heilbronn, der damals weithin als liberal bekannten Stadt, möglich gewesen war - ist das heute auch noch machbar? Könnte heute eine religiöse Minderheit ebenfalls der Allee ihr Gotteshaus mit Billigung der Stadtmütter und -väter errichten? Wenn ich mir vor Augen führe, welchen Streit es landauf, landab wegen des Neubaus so mancher Moschee gibt, dann würde ich diese Frage schlicht und ergreifend mit NEIN beantworten. Gotteshäuser von bedeutenden religiösen Minderheiten wie zum Beispiel die der Muslime in Deutschland werden meist in Industriegebieten, also am Rande der Städte errichtet. Und da gibt‘s zumeist auch noch heftige Proteste. Es käme auf den Versuch an, daß die Menschen muslimischen Glaubens an der Allee, der Oststraße oder Südstraße ihr Gotteshaus errichten wollten. Aber ich glaube, allein schon der ausgesprochene Gedanke würde Protest hervorrufen.



Kreuz schlagen

Das mit dem Kreuz in deutschen Schulzimmern ist schon ein Kreuz. Zumindest die derzeitige Diskussion darüber. Dabei ging´s vor Gericht in Karlsruhe nur darum, daß eine Bestimmung der bayrischen Schulordnung nichtig sei, nach der Kreuze in Unterrichtsräumen staatlicher Pflichtschulen aufzuhängen sind. Diese Vorschrift ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beseitigt. Nur die „Vorschrift“, nicht das Kreuze-Aufhängen. Kreuze in deutschen Gerichtssälen, das wurde vom Gericht einst untersagt. Denn es kann kein Anwalt zum Beispiel jüdischen oder muslimischen Glaubens gezwungen werden, vor einem Kruzifix zu verhandeln. Jetzt stellen sich so manche Zeitgenossen die Frage, ob demnächst vom Bundesverfassungsgericht das christliche Glockengeläut zum Verstummen gebracht wird, das ja viele Mitbürger als unchristlich laut empfinden. Aber da dieses Geläut eine religiöse Betätigung der Kirchen und nicht des Staates ist, werden die Gerichte in dieser Frage wohl kaum zu einer Entscheidung gezwungen sein. Aber was nicht ist, kann ja manchmal noch werden. Mich stört das alles hier oben auf dem Turm wenig. Die Stadtväter hatten ja einst vor rund 500 Jahren entschieden, kein Kreuz oder einen Hahn auf dem Kirchturm zu postieren, sondern einen Soldaten - eben mich, den steinernen Landsknecht. Die Heilbronner, dieses besondere Völkchen hatte, schon immer zu seinen Symbolen ein eher nüchternes Verhältnis.



Einkaufen

Die Änderung oder das völlige Verschwinden der Ladenschlußzeiten in Deutschland, auch das war ein schönes Sommerthema 1995. Und wird noch zu manchen heißen Herbsttagen führen. Das Ladenschlußgesetz, demzufolge die Läden werktags um 18.30 Uhr ihre Türen schließen müssen, ist nicht nur antiquiert, sondern im Vergleich mit der Praxis in anderen Ländern der  Europäischen Gemeinschaft geradezu veränderungsbedürftig. Niemand muß bei uns seinen Laden, sofern die bisher verordneten Ladenöffnungszeiten gestrichen werden, die ganze Nacht geöffnet haben. Ich sage das nur, weil in so mancher Propaganda für die Beibehaltung der derzeitigen Regelung, dergleichen suggeriert wird. Jeder Ladenbesitzer regelt seine Öffnungszeiten so wie es seine Kunden wünschen - im Idealfall. Aber aus Erfahrung kann man ja sagen, es wird zu Regelungen kommen, die der Einzelhandel einer Stadt oder Gemeinde unter sich abstimmt. Der eine oder andere wird sich diesen freiwilligen Regelungen nicht anschließen. Und hat dank Familienbetrieb vielleicht die Chance einen ergänzenden Service zu bieten. Warum sollen zum Beispiel nicht auch bei uns wie jetzt in den USA geschehen bei Vorstellung eine ganz bestimmten Ware, dort ging´s um das neue „Windows 95“, die Geschäfte ausnahmsweise bis um 24 Uhr oder später geöffnet haben. Ganz dem Bedarf entsprechend. Einige Politiker haben diese Tage verkündet, daß vielleicht, ja nur vielleicht, in der Vorweihnachtszeit die Läden bei uns auch mal bis 22 Uhr „probeweise“ geöffnet haben. Der Politiker Wort in des geschätzten Gesetzgebers Ohr. Die Botschaft hör ich wohl ...



Rückschlag?

Die Furcht vor einem wirtschaftlichen Rückschlag in der Bundesrepublik wächst derzeit. Denn beim im ersten Halbjahr 1995 noch schnurrenden Konjunkturmotor scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das Wachstum im zweiten Halbjahr wird sich verlangsamen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Politiker diagnostizieren allerdings nur eine „Wachstumsdelle“. Nach einem „Atemholen“ im Herbst werde sich der Aufschwung vom Beginn des Jahres zum Ende hin wieder  fortsetzen, versichern sie mit ihrem treuem Politiker-Augenaufschlag. Aber Glauben ist eine Sache, Vertrauen wieder eine andere - und auf die Prognosen von Politikern setzen, da könnte man das Geld ja gleich verbrennen. Verglichen mit dem, was uns vor Wahlen versprochen und was dann eingehalten wurde - ja, da ist das breite Volk immer hinters Licht geführt. Und was sagen die Fakten? Aus dem Verarbeitenden Gewerbe werden Warnsignale gemeldet.  Im Juni brachen die Bestellungen saison- und preisbereinigt um 3,5 Prozent ein. Die Geschäftserwartungen in der westdeutschen Industrie haben sich darüber hinaus im Juli verschlechtert. Und das größte Sorgenkind, der Arbeitsmarkt hat ebenfalls keine guten Zukunftsaussichten. Die Arbeitslosenquote kletterte von neun auf 9,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Juli wieder um 134.000 auf 3,59 Millionen. Dauerte es bislang nur ein halbes Jahr, bis sich der Konjunktur-Aufschwung auch in einer höheren Beschäftigungszahl niederschlug, so sind diesmal schon fast zwei Jahre verstrichen, ohne daß sich eine durchgreifende Besserung auf dem Arbeitsmarkt abzeichnet.



Musical-Boom

Es gab mal eine Zeit an deutschen Theatern, ob Staats-, Stadt- oder Freilichttheatern, da galt das Musical als etwas nicht Spielbares. Man übte sich in hehrer Kunst. Dieses Sing- und Tanztheater aus Amerika war zu populär, ihm haftete der Straßengeruch von Show an sich. Das breite Publikum trällerte die Melodien so einfach nach, ohne lang zu überlegen. Ballett, Oper und Schauspiel wurde an deutschen Bühnen geboten, also etwas zum betrüblichen Nachdenken, etwas Erhabenes, eben Kunst. Und was für eine Kunst!? Die Theater wurden immer leerer - aber waren immer voller Lehrer. Die Hersteller präsentierten ihre Kunst weihevoll  wie in einer Kirche. Dann aber - so vor zwanzig, dreißig Jahren fingen einzelne Bühnen an, Musicals aufzuführen. Vor allem jene, die bisher auch ganz erfolgreiche Vorstellungen mit Operetten geboten hatten. Und mit der Zeit ahmten alle das nach. Zunächst wurde gespielt, was das Kinopublikum schon längst kannte: „My Fair Lady“, „Annie get your gun“, „Hello Dolly“ oder „Porgy and Bess“. Und mit der Zeit, alles andere auch, was auch Amerika und England ins deutsche Vaterland rüberschwappte. Spät, sehr spät entdeckten dann die Freilichtbühnen das Musical. Und heute ist es ihr großer Publikumsrenner, bringt ordentlich Geld in die Kasse. „Oper der kleinen Leute“. - So nannte man das Musical einst in Deutschland - und siedelte es unterhalb der Operette an. Wie sich die Zeiten doch ändern. Das Heilbronner Theater heute ohne Musical - das wäre wie die Kilianskirche ohne Männle.  Das zeigte erst am Sonntag wieder die erste Premiere der Spielzeit 1995/96 am Heilbronner Stadttheater. Ein Musical stand auf dem Spielplan: „City of Angels“, eine deutschsprachige Erstaufführung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen