Cluss
schließt
Die
Spatzen pfiffen es schon seit langer Zeit laut von den Heilbronner Dächern:
Demnächst wird die Brauerei Cluss ihre Pforten schließen. Beim Unterländer
Volksfest noch hatten sich Vorstand und Abgesandte aus Stuttgart entschieden
gegen die Gerüchte gewandt. Am Montag aber ist wahr geworden, was Fachblätter
schon vor Monaten aus informierten Kreisen in der Brauwirtschaft berichteten.
Da nutzte auch der Hinweis nichts mehr, daß im Herbst 1991 eine neue Flaschenfüllerei
im Werte von 12 Millionen Mark angeschafft worden war. Die Brauerei Cluss wird,
wenn die Hauptversammlung am 27. November im Haus des Handwerks dem
Aufsichtsratsbeschluß zustimmt, in einen Cluss Immobilien AG umgewandelt, die
das Cluss-Vermögen über kurz oder lang auflösen wird. Und da siehts nicht ganz
so schlecht aus wie beim Bierabsatz. Cluss hat an die Mutter Dinkelacker noch
Forderungen in Höhe von 15 Millionen Mark. Und wenn man sich vorstellt, daß das
Brauereigelände am Neckar mit Eigentumswohnungen überbaut wird, dann könnte das
ein lukratives Geschäft für die zu diesem Geschäftszweck umgewandelte
Brauereigesellschaft werden. Gewinner aber ist in diesem Fall jene Mutter, die
90 Prozent der Aktien an Cluss hält - die Dinkelacker Brauerei in Stuttgart. Übrigens dürfte bei weiter nachlassendem
Bierkonsum im Lande auch so manche große Brauerei von der Bildfläche
verschwinden. Kenner der Branche sehen mittelfristig keine Änderung in den
Bier-Absatzmöglichkeiten.
Spöris
Anlauf
Jetzt
ist es ganz offiziell: Dieter Spöri wurde am Wochenende in Pforzheim auf einem
SPD-Landesparteitag zu Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 24. März 1996
nominiert. Ministerpräsident in einer rot-grünen Regierung will er nach der
Wahl werden, so der Wähler ihm und seiner Partei dazu Gelegenheit bietet. Eine
„Modernisierungskoalition“ soll laut Spöri in Stuttgart regieren. Aber momentan
sehen die Umfragen CDU und FDP noch vorn. Es muß also hart gerackert werden, um
ans ersehnte Ziel zu gelangen. Aber der Heilbronner Landtagsabgeordnete und
Stuttgarter Wirtschaftsminister in einer Großen Koalition mit der CDU hat von
seiner Partei den Rücken gestärkt bekommen: 294 von 300 Delegierten stimmten
für ihn. Spöris dritter Anlauf für das
Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten wird durch viele
Schlaglöcher aus Bonn behindert. Seine Partei ist auf Bundesebene in einem
desolaten Zustand. Parteichef Rudolf Scharping wurde deshalb auch gar nicht
erst nach Pforzheim geladen. Die schwäbischen und badischen Genossen wollten
sich nicht das Verlierer-Image anheften lassen. Deshalb ließ Dieter Spöri auch
keine Schimpfworte in Richtung Erwin Teufel oder CDU los, sondern umschrieb
sein Konzept in Abgrenzung zu den Grünen so: „Die SPD kann nicht für den
ökologischen Absolutismus stehen, sondern nur für den Dreiklang
wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Kompetenz.“ Diese Kampfansage
klingt gut - und wird zu keinen Konflikten mit der CDU führen. Und ich schätze,
es wird in den nächsten Wochen kein wüster Wahlkampf auf uns zukommen. denn
Spöris Motto lautet: „Fairneß ist die aggressivste, weil erfolgreichste
Konkurrenzstrategie im demokratischen Prozeß.“
Auto
total
Wenn
es im Unterland der Autoindustrie und ihren Zulieferfirmen schlecht geht, dann
befindet der gesamte Wirtschaftsraum dieser Region in einer Krise. Das stört
offenbar jene nicht, die sich selbst als ernstzunehmend und moralisch
hochstehend deklarieren. Sie sehen zunehmend im Auto an sich eine Art
Ungeziefer. Das gilt es mit allen
Mitteln zu bekämpfen. Wie schrieb neulich ein kluger Kopf: „Sie fokussieren
sämtliche Umweltschäden aufs Auto und brandmarken seine Hersteller als eine
Bruderschaft profitgieriger Denkfauler, die jeden ökologischen Fortschritt
blockiert.“ Schlimm sei nun, daß sich in
vielen Köpfen langsam der Gedanke eingenistet habe, daß Autofahren etwas
Unrechtes sei. Lautstarke
Minderheiten bestimmen, was vom Auto zu halten sei. Sie reden von
volkswirtschaftlichen Kosten des Autoverkehrs, ohne seinen
volkswirtschaftlichen Nutzen auch nur zu erwähnen. Individuelle Mobilität und
begrenzte Energiereserven - diese scheinbaren Widersprüche müssen unter einen
Hut gebracht werden. Die fundamentalistischen Kritiker meinen, das wäre am besten durch staatliche
Reglementierungen zu erreichen. Aber im Wettbewerb der Ideen wird vieles
schneller erreicht als in einer vom
Staat gegängelten Industrie. Abgaben und Steuern, bei denen mittelalterliche
Blutsauger selbst rot werden würden, bestimmen heute unsere Wirtschaft. Der
Staat bedient sich mit Wegelagerer-Methoden - und die deutschen Verbraucher
halten still. Offensichtlich lebt der deutsche Untertanengeist munter weiter.
Und so treibt man munter mit kleinkarierter Vertreibungsideologie bedeutende
Wirtschaftszweige aus dem Land. Die Folgen spüren wir alle - Tag für Tag.
Kein
Terror
„50
Jahre Flucht und Vertreibung - Unrecht bleibt Unrecht“. So das Motto am Sonntag
beim „Tag der Heimat“, in der Heilbronner Harmonie. 600 Vertriebene waren
gekommen. Und zu ihnen sprach der 42 jährige CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter
Landtag Günther H. Oettinger. Der 8. Mai 1945 sei für Millionen der Tag der
Befreiung gewesen. Für Millionen Vertriebene aber habe er mannigfaltiges Leid
und Hoffnungslosigkeit gebracht. Der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen im Kreisverband Heilbronn, Georg Märtsch,
ließ in seiner Rede allerdings deutlich werden, daß für ihn und viele
Vertriebene der 8. Mai 1945 kein Tag der Befreiung gewesen war. Und
folgerichtig rief der Heilbronner Verband dazu auf, die „Vertreibungsverbrechen in Bosnien nicht mehr tatenlos hinzunehmen“.
Das ist mutig gesprochen, aber politisch wohl kaum umsetzbar. In Deutschland
organisiert man sich schnell, weil es einen funktionierenden Staat gibt. Dort
gibt‘s was zu holen. Gleich nach dem katastrophalen Untergang begann in
deutschen Landen staatliche Organisation nahezu perfekt zu funktionieren. Und
wenige Jahre später war das neue Land in der Lage, hohe Ausgleichszahlungen zu
leisten. In anderen Ländern stehen die Bürger einer solchen straffen und
perfekten Staatsorganisation eher skeptisch gegenüber und vertrauen mehr den
eigenen Kräften. Vertriebenenverbände im geschundenen ehemaligen Jugoslawien
mitaufzubauen, das wäre eine neue Art von Entwicklungshilfe. Aber diese Hilfe
müßte dann allen Volksgruppen zuteil werden - Serben, Kroaten und bosnischen
Muslimen.
Weindorf ade
Was für Deutschland Weihnachten ist, das
scheint für Heilbronn das Weindorf zu sein. An den neun Weindorftagen, offensichtlich das Fest der Feste in
Heilbronn, schlendern so annähernd 300.000 Menschen durch die Weindorf-Gassen.
Wenn hochgerechnet jeder eine Flasche Wein für zehn Mark trinkt, dann kann man
sich ausrechnen, was die Weingärtnergenossenschaften in diesem Jahr umgesetzt
haben. Trotz Regen und naßkalter Temperaturen, sollen laut Verkehrsamt der
Stadt rund 260.000 Menschen übers Jubiläumsweindorf geschlendert sein. Also
dürften es diesmal edle Tropfen im Wert von rund drei Millionen Mark - über den
Daumen gepeilt - gewesen sein, die unsere Wengerter an durstige Frauen und
Männer gebracht hatten. Dazu wurde vielfach üppig gespeist , was den Betreibern
der Imbißbunden besonders gefallen haben
dürfte. Deshalb war Bernhard Winkler, der Chef des Weindorfes und Heilbronner
Verkehrsdirektor, in seinen traditionellen Abschlußworten, die er schon am
Freitag vergangenen Woche per Fax unter die Medien brachte, sehr zufrieden.
Absoluter Renner seien die Weißherbste und Roséweine gewesen. Übrigens - für
alle Weindorfliebhaber der Termin 1996: vom 12. bis 20. September dauert dann
das Zehnteles-Schlotzen rund ums Heilbronner Rathaus.
Synagoge
Ältere
Heilbronner erinnern sich noch an das Gotteshaus der Juden an der oberen Allee.
Neben der Hauptpost an der Allee war es gelegen. Die Heilbronner Synagoge, am 8. Juni 1877 eingeweiht, war ein
prächtiges Gebäude, ehe es 1938 von den Nazi-Horden verwüstet und in Brand
gesteckt wurde. Da stellt sich mir die Frage: Was vor über 100 Jahren in
Heilbronn, der damals weithin als liberal bekannten Stadt, möglich gewesen war
- ist das heute auch noch machbar? Könnte heute eine religiöse Minderheit
ebenfalls der Allee ihr Gotteshaus mit Billigung der Stadtmütter und -väter
errichten? Wenn ich mir vor Augen führe, welchen Streit es landauf, landab
wegen des Neubaus so mancher Moschee gibt, dann würde ich diese Frage schlicht
und ergreifend mit NEIN beantworten. Gotteshäuser von bedeutenden religiösen
Minderheiten wie zum Beispiel die der Muslime in Deutschland werden meist in
Industriegebieten, also am Rande der Städte errichtet. Und da gibt‘s zumeist
auch noch heftige Proteste. Es käme auf
den Versuch an, daß die Menschen muslimischen Glaubens an der Allee, der
Oststraße oder Südstraße ihr Gotteshaus errichten wollten. Aber ich glaube,
allein schon der ausgesprochene Gedanke würde Protest hervorrufen.
Kreuz
schlagen
Das
mit dem Kreuz in deutschen Schulzimmern ist schon ein Kreuz. Zumindest die
derzeitige Diskussion darüber. Dabei ging´s vor Gericht in Karlsruhe nur darum,
daß eine Bestimmung der bayrischen Schulordnung nichtig sei, nach der Kreuze in
Unterrichtsräumen staatlicher Pflichtschulen aufzuhängen sind. Diese Vorschrift
ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beseitigt. Nur die „Vorschrift“, nicht das
Kreuze-Aufhängen. Kreuze in deutschen Gerichtssälen, das wurde vom Gericht
einst untersagt. Denn es kann kein Anwalt zum Beispiel jüdischen oder
muslimischen Glaubens gezwungen werden, vor einem Kruzifix zu verhandeln. Jetzt
stellen sich so manche Zeitgenossen die Frage, ob demnächst vom
Bundesverfassungsgericht das christliche Glockengeläut zum Verstummen gebracht
wird, das ja viele Mitbürger als unchristlich laut empfinden. Aber da dieses
Geläut eine religiöse Betätigung der Kirchen und nicht des Staates ist, werden
die Gerichte in dieser Frage wohl kaum zu einer Entscheidung gezwungen sein.
Aber was nicht ist, kann ja manchmal noch werden. Mich stört das alles hier
oben auf dem Turm wenig. Die Stadtväter hatten ja einst vor rund 500 Jahren
entschieden, kein Kreuz oder einen Hahn auf dem Kirchturm zu postieren, sondern
einen Soldaten - eben mich, den steinernen Landsknecht. Die Heilbronner, dieses
besondere Völkchen hatte, schon immer zu seinen Symbolen ein eher nüchternes
Verhältnis.
Einkaufen
Die
Änderung oder das völlige Verschwinden der Ladenschlußzeiten in Deutschland,
auch das war ein schönes Sommerthema 1995. Und wird noch zu manchen heißen
Herbsttagen führen. Das Ladenschlußgesetz, demzufolge die Läden werktags um
18.30 Uhr ihre Türen schließen müssen, ist nicht nur antiquiert, sondern im
Vergleich mit der Praxis in anderen Ländern der
Europäischen Gemeinschaft geradezu veränderungsbedürftig. Niemand muß
bei uns seinen Laden, sofern die bisher verordneten Ladenöffnungszeiten
gestrichen werden, die ganze Nacht geöffnet haben. Ich sage das nur, weil in so
mancher Propaganda für die Beibehaltung der derzeitigen Regelung, dergleichen
suggeriert wird. Jeder Ladenbesitzer
regelt seine Öffnungszeiten so wie es seine Kunden wünschen - im Idealfall.
Aber aus Erfahrung kann man ja sagen, es wird zu Regelungen kommen, die der
Einzelhandel einer Stadt oder Gemeinde unter sich abstimmt. Der eine oder
andere wird sich diesen freiwilligen Regelungen nicht anschließen. Und hat dank
Familienbetrieb vielleicht die Chance einen ergänzenden Service zu bieten.
Warum sollen zum Beispiel nicht auch bei uns wie jetzt in den USA geschehen bei
Vorstellung eine ganz bestimmten Ware, dort ging´s um das neue „Windows 95“,
die Geschäfte ausnahmsweise bis um 24 Uhr oder später geöffnet haben. Ganz dem
Bedarf entsprechend. Einige Politiker haben diese Tage verkündet, daß vielleicht,
ja nur vielleicht, in der Vorweihnachtszeit die Läden bei uns auch mal bis 22
Uhr „probeweise“ geöffnet haben. Der Politiker Wort in des geschätzten
Gesetzgebers Ohr. Die Botschaft hör ich wohl ...
Rückschlag?
Die
Furcht vor einem wirtschaftlichen Rückschlag in der Bundesrepublik wächst
derzeit. Denn beim im ersten Halbjahr 1995 noch schnurrenden Konjunkturmotor
scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das Wachstum im zweiten Halbjahr
wird sich verlangsamen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Politiker
diagnostizieren allerdings nur eine „Wachstumsdelle“. Nach einem „Atemholen“ im
Herbst werde sich der Aufschwung vom Beginn des Jahres zum Ende hin wieder fortsetzen, versichern sie mit ihrem treuem Politiker-Augenaufschlag.
Aber Glauben ist eine Sache, Vertrauen
wieder eine andere - und auf die Prognosen von Politikern setzen, da könnte man
das Geld ja gleich verbrennen. Verglichen mit dem, was uns vor Wahlen
versprochen und was dann eingehalten wurde - ja, da ist das breite Volk immer
hinters Licht geführt. Und was sagen die Fakten? Aus dem Verarbeitenden Gewerbe
werden Warnsignale gemeldet. Im Juni
brachen die Bestellungen saison- und preisbereinigt um 3,5 Prozent ein. Die
Geschäftserwartungen in der westdeutschen Industrie haben sich darüber hinaus im
Juli verschlechtert. Und das größte Sorgenkind, der Arbeitsmarkt hat ebenfalls
keine guten Zukunftsaussichten. Die Arbeitslosenquote kletterte von neun auf
9,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Juli wieder um 134.000 auf 3,59
Millionen. Dauerte es bislang nur ein halbes Jahr, bis sich der
Konjunktur-Aufschwung auch in einer höheren Beschäftigungszahl niederschlug, so
sind diesmal schon fast zwei Jahre verstrichen, ohne daß sich eine
durchgreifende Besserung auf dem Arbeitsmarkt abzeichnet.
Musical-Boom
Es
gab mal eine Zeit an deutschen Theatern, ob Staats-, Stadt- oder
Freilichttheatern, da galt das Musical als etwas nicht Spielbares. Man übte
sich in hehrer Kunst. Dieses Sing- und Tanztheater aus Amerika war zu populär,
ihm haftete der Straßengeruch von Show an sich. Das breite Publikum trällerte
die Melodien so einfach nach, ohne lang zu überlegen. Ballett, Oper und
Schauspiel wurde an deutschen Bühnen geboten, also etwas zum betrüblichen
Nachdenken, etwas Erhabenes, eben Kunst. Und was für eine Kunst!? Die Theater wurden immer leerer - aber
waren immer voller Lehrer. Die Hersteller präsentierten ihre Kunst
weihevoll wie in einer Kirche. Dann aber
- so vor zwanzig, dreißig Jahren fingen einzelne Bühnen an, Musicals
aufzuführen. Vor allem jene, die bisher auch ganz erfolgreiche Vorstellungen
mit Operetten geboten hatten. Und mit der Zeit ahmten alle das nach. Zunächst
wurde gespielt, was das Kinopublikum schon längst kannte: „My Fair Lady“,
„Annie get your gun“, „Hello Dolly“ oder „Porgy and Bess“. Und mit der Zeit,
alles andere auch, was auch Amerika und England ins deutsche Vaterland
rüberschwappte. Spät, sehr spät entdeckten dann die Freilichtbühnen das
Musical. Und heute ist es ihr großer Publikumsrenner, bringt ordentlich Geld in
die Kasse. „Oper der kleinen Leute“. - So nannte man das Musical einst in
Deutschland - und siedelte es unterhalb der Operette an. Wie sich die Zeiten
doch ändern. Das Heilbronner Theater heute ohne Musical - das wäre wie die
Kilianskirche ohne Männle. Das zeigte erst
am Sonntag wieder die erste Premiere der Spielzeit 1995/96 am Heilbronner
Stadttheater. Ein Musical stand auf dem Spielplan: „City of Angels“, eine
deutschsprachige Erstaufführung.

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