Ballsaison
November
ist Ballzeit. Am Wochenende feierte die Polit-, Presse- und
Wirtschaftsprominenz in Bonn den Bundes- und in Stuttgart die Provinzausgabe
davon - den Landespresseball. Einen Presseball in Heilbronn, den gab´s heuer
nicht - und wann es ihn mal wieder gibt, das weiß der Henker. In Stuttgart
fehlten am Freitag die Bundespolitiker aus dem Ländle. Dafür erschienen
Ministerpräsident Erwin Teufel, Stellvertreter Dieter Spöri, alle
Fraktionsvorsitzenden im Landtag (vom Rep-Mann im Frack bis zum Grünen im
Smoking) sowie Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder. Warum der
Widersacher Rudolf Scharpings in der SPD gerade auf dem Stuttgarter Presseball
und nicht in Bonn präsent war, das hat schlichte Gründe: Zum einen war Schröder
bei den Stuttgarter Nachrichten zum Gespräch geladen, zum anderen schleppte
Parteifreund Spöri den Ball-Muffel, der bisher in Hannover Pressebälle immer
gemieden hatte, danach in die Liederhalle. Wahlkampfzeiten sind angesagt. Und
da macht es sich gut, wenn der Herausforderer Teufels mit seinem Ehrengast vor
der illustren Ballgesellschaft jene Richtung von SPD-Politik im Ländle
andeutet, auf die er nach der März-Wahl ´96 als Ministerpräsident von Rot-Grün
einschwenken will. Die Rechnung ging
auf. Das Medieninteresse am Sondergast war üppig. Aber den Hauptgewinn der
Ball-Tombola, einen nagelneuen Audi A 4, den gewann der Unternehmer Horst
Bülow, nicht etwa der Mann aus Hannover. Daß Audi bei der Wagen-Spende die Nase
diesmal vor der schwäbischen Nobelmarke aus Untertürkheim hatte, unterstreicht
das Engagement der Ingolstädter, die auch gern mehr Staatskarossen aus ihrem
Hause in Stuttgarter Ministerien sehen würden. Wenn Spöri Glück bei den Wählern
hat, könnte sich das im nächsten Jahr vielleicht ändern. Audi und Mercedes in
gleicher Stärke im Staatsfuhrpark. Beim nächsten Presseball in Stuttgart wissen
wir mehr.
Kriminalität
Wir
wissen es, viele wollen es aber nicht wahrhaben: Seit die Grenzen zum Osten
durchlässiger sind, steigt die Kriminalität in deutschen Landen erheblich an.
Die Bürgerkriege im Osten, meist Bandenkriege, überschwemmen das reiche
Deutschland mit jenen, die auch ein Stück vom schönen, wohlschmeckenden
Wohlstandskuchen wollen. Das ist nur allzu verständlich. Aber es gibt halt
nicht nur jene, die hier schnell für guten Lohn in der Heimat reich werden
wollen. Es machen sich auch jene breit, wie immer bei einem Kulturbruch, die
mit kriminellen Machenschaften ans große
Geld wollen. Es ist ja auch genügend da, in der Generation der deutschen Erben.
Folge: In Baden-Württemberg sind von 8.454 Straf- und Untersuchungsgefangenen
39,7 Prozent Ausländer. Und in Untersuchungshaft sind es gar 56,5 Prozent -
alles zum Stichtag 31. März 1995. In den anderen Ländern sieht es vergleichbar aus.
Hinzu kommt, daß 20 Prozent der Insassen unserer Strafanstalten Ausländer sind,
in den Jugendstrafanstalten sogar über 30 Prozent. Die Mehrheit der Knackis sind also immer noch Deutsche. Aber
verharmlosen sollte man diese Zahlen nicht. Denn verglichen mit 1991, damals
lag der Ausländeranteil in Strafanstalten bei 13,8 Prozent und in
Jugendstrafanstalten bei 23,9 Prozent - sind die Steigerungen mehr als
beängstigend. Und Experten wissen, mit welcher Brutalität die Banden - vor
allem vom Balkan - ihre Straftaten in Deutschland begehen. Heilbronn hatte erst
am Wochenende einen besonders verabscheuungswürdigen Raubüberfall zu
registrieren, bei dem eine 89jährige von den Verbrechern brutal gefesselt und
geknebelt in hilflosem Zustand zurückgelassen wurde.
City-Bettler
Wenn
Sie durch die Heilbronner City laufen, dann kann es Ihnen schon passieren, daß
Sie vehement um Geld angebettelt werden. Bettler, die auf einem Pappestück vor
den Schaufenstern der Geschäfte sitzen, neben sich einen Hund, vor sich ein beschriebenes
Schild und eine Schale, in die man Geld werfen kann, sind die eher harmlose
Variante. Männer oder Frauen, die den Passanten an seinen Kleidungsstücken
festhalten und zerren, das ist schon die stärkere Machart des Bettelns. Zumal
die Bitten oft lautstark vorgetragen werden und andere Fußgänger irritiert
diesem Treiben zuschauen. Man weiß ja nicht: Kennen die sich, Bettler und
potentieller Spender? Die Variante der harten Tour habe ich vor wenigen Tagen
in einem Heilbronner Einzelhandelsgeschäft erlebt. Der Laden ist nahezu leer, zwei
Verkäuferinnen und ich als Kunde. Plötzlich
schlurft ein Übriggebliebener der Woodstock-Generation herein, schmutzige
Jeans, ebensolche Turnschuhe, torkelnder Gang. In Ruhrgebietsdeutsch lallt der
Mann dann irgendwas von einer Durchreise, dem schon geschlossenem Sozialamt und
bittet mich lautstark um zwei Mark. Die noch verbliebene Verkäuferin, die
andere holt Ware aus dem Lager zögert kurz, greift dann in die Kasse und
händigt anstandslos zwei deutsche Mark aus. Unschlüssig schaut der Bettler auf
das Geldstück, murmelt Unverständliches in seinen zottligen, blonden Bart,
stolpert beim Hinausgehen über den Abtreter an der Tür, flucht fürchterlich und
trollt sich seines Wegs. Achselzuckend sagt die Verkäuferin: Hätte ich ihm das
Geld nicht gegeben, dann wäre hier der Teufel los gewesen. Ich versuche mir
vorzustellen, wie der Herr Bettler sich aufgeführt hätte, wäre ich nicht als
Kunde im Raum gewesen. Alltag in der City Heilbronns - November 1995.
Beilstein-Kür
Einst
war der ungekrönte König von Beilstein. Bei der Bürgermeisterwahl am
vergangenen Sonntag in der Langhansstadt schrieben weniger als 20 Bürger den
Namen Paul Stadel auf ihren Stimmzettel. Die Ära Stadel scheint endgültig
abgehakt. Auch sein Widersacher im Gemeinderat, der Oberstudienrat Dr.
Paul-Felix Thiede konnte mit seinem Rigorismus die Wähler nicht überzeugen. Mit einem Viertel der Wählerstimmen für ihn
rechneten die Auguren. Nur 16,8 Prozent sind es geworden. Wirklich keine
gute Basis für den Dauer-Oppositionellen im Gemeinderat. Günter Henzler, der
Amtsinhaber, konnte rundum strahlen. Hatten doch 80,3 Prozent der Wähler für
ihn gestimmt. Beilstein, in vielen Bereichen Vorort des Großraums Stuttgart,
hat die Durststrecke nach dem Stadel-Finanz-Schlamassel hinter sich. Die zweite
Amtsperiode des Sanierers Henzler wird zeigen, ob er nicht nur verwalten,
sondern auch gestalten kann. Und das mit weniger Manövriermasse als je zuvor.
Aber da geht es Beilstein nicht anders als den meisten Gemeinden im Landkreis Heilbronn.
Pleitewelle
Eine
neue Rekordmarke wird die Anzahl der Firmenzusammenbrüche in diesem Jahr in
Deutschland erreichen. Sagt der Bundesverband der deutschen Industrie. 130.000 Arbeitsplätze sind allein im ersten
Halbjahr 1995 durch Pleiten im Westen Deutschlands verlorengegangen. Zählte man
im vergangenen Jahr noch insgesamt 18.000 Insolvenzen, so schätzen
Wirtschaftsfachleute, daß 22.000 Betriebe 1995 von der Pleitewelle erfaßt
werden. Industrie- und Handelskammer sowie die Handwerkskammer in der Region
können diesen Trend nur bestätigen. Als Gründe werden oftmals die zu hohen
Löhne bei uns, die horrenden Lohnnebenkosten oder die ungünstige Zinssituation
genannt. Aber es gibt noch einen Grund, der gern verschwiegen wird. Die
Unfähigkeit einiger Manager, einen Betrieb zu führen. Nicht erst seit „Nieten in Nadelstreifen“ wissen wir, wie
verantwortungslos oft angestellte Geschäftsführer oder Vorstandsmitglieder
Betriebe ausplündern. Sparsamkeit? Fehlanzeige - wie beim Staat. Aber
gottseidank sind diese schwarzen Schafe bisher noch eine Minderheit, wenn auch
eine zu große in der deutschen Wirtschaft. Wenn´s in der Wirtschaft nicht so
glatt läuft, dann sind nicht nur immer die anderen schuld. Wer ständig auf
schlichte Arbeitnehmer und ihr angeblich zu hohes Anspruchsdenken einprügelt,
der darf nicht erstaunt sein, wenn Angst umgeht, der private Konsum gedrosselt
wird und Politikverdrossenheit sich breit macht. Der kleine Mann kann
schließlich nicht ewig der Verlierer sein. Er zahlt schließlich mit seiner
Lohnsteuer den Löwenanteil der Staatseinnahmen. Wer da unvorsichtig zündelt,
darf sich über soziale Explosionen nicht wundern. Weniger und bewußter Kaufen -
auch das knallt.
Hören
und Sehen
Eine
Runderneuerung hat es im Regionalstudio des Süddeutschen Rundfunks in Heilbronn
gegeben. Klimaanlage, Archiv, Möbel - nach 22 Jahren war da einiges stark
renovierungsbedürftig geworden. Schließlich ist seit 1974, als Werner Kieser
mit einer Mannschaft von vier Leuten auf 100 Quadratmetern begann einiges
geschehen. Heute zählt das Studio unter der Leitung von Lutz Wagner im
Shoppinghochhaus an der Allee rund 400 Quadratmeter und 24 Mitarbeiter. „Wir
sind der journalistische Betrieb in der Medienlandschaft der Region - außer den
Tageszeitungen. Und darauf sind wir stolz.“ Verkündete der Studioleiter beim
Tag der offenen Tür. und SDR-Intendant Fünfgeld bestätigte, daß das
Frankenradio die Menschen in der Region erreicht - mit einem inhaltlich guten
und akzeptablen Programm auf S4 Baden-Württemberg. Was Rang und Namen in
Wirtschaft, Politik und Verbänden hat, das ließ sich im Heilbronner SDR-Studio
sehen. „Die Leute, die hier beisammen sind, die stehen hinter S4, ihrem
Frankenradio.“, lobte Heilbronns OB Dr. Manfred Weinmann. Wie recht er doch
hat. Ist doch das Frankenradio des SDR
die einzige publizistische Klammer für die Gesamtregion, nachdem die privaten
Regionalsender vom Markt verschwunden sind. Und von den Gerichten wurde ja
erst vor kurzem das Regionalisierungskonzept des Südfunks bestätigt. Es gehört
zur Grundversorgung. Und das heißt: Mehr SDR-Frequenzen.
Hauptstadt
Im
Ländle heißt die Hauptstadt Stuttgart. Aber es gibt schönere Städte als diese.
Karlsruhe oder Freiburg, aber selbst Mannheim können mit der schwäbischen
Metropole durchaus konkurrieren. Aber darauf kommt es ja nicht an. Stuttgart ist halt das
baden-württembergische Verwaltungszentrum. Für ganz Deutschland heißt dieses
Zentrum bisher immer noch Bonn. Weil dort Regierung, Bundestag und Bundesrat
ihren Sitz haben. Dort kann munter regiert und Opposition betrieben werden,
solange bis die Hauptstadt Berlin so ausgebaut ist, daß dasselbe von dort aus
bewältigt werden kann. Ich frage mich
heute noch, ob es wirklich nötig war, diesem Nationalgedanken des 19.
Jahrhunderts nachzueifern, daß ein Bundesstaat eine Hauptstadt benötigt, in
der auch Regierung und die beiden Kammern des nationalen Parlaments ihren Sitz
haben. Sicher - Berlin wird jetzt wieder eine multinationale Metropole, ein
Schmelztiegel für den Osten, der seine europäische Bedeutung in kultureller und
vielen anderen Bereichen haben wird. Hier wird vieles Neue vorausgedacht und
auch umgesetzt, vieles mit heißer Nadel, was nur Experiment bleibt,
Eintagsfliege ist. Das haben Städte dieser Größe in aller Welt an sich. Aber ob
diese Atmosphäre auch gut für die Politik ist, das wage ich entschieden zu
bezweifeln. Und Geld kostet dieser Umzug, das beim Schuldenstand der Republik
eigentlich derzeit gar nicht vorhanden ist. Mal sehen, woher es kommt. Das
heißt: Wo es nachher fehlt.
Eroberung
Gestern
abend gab´s zum dritten Mal in der Landeshauptstadt einen „Unterländer Herbst“.
Eingeladen hatten der FDP-Landtagsabgeordnete und Wengerter Richard Drautz und
der Pächter der Stuttgarter Landtagsgaststätte Peter Klein, im Unterland durch
seine Aktivitäten in Güglingen und auf der Heilbronner Landesgartenschau 1985
bestens bekannt. Aber nicht nur Liberale, sondern Politiker aller Couleur,
Bürgermeister, Wirtschaftsvertreter und Journalisten des Ländles gaben sich ein
Stelldichein beim Unterländer Wein. Was der Richie Drautz da vor drei Jahren
angeleiert hatte, das kann sich sehen lassen - und trägt zur Verständigung
zwischen Stuttgart und dem Unterland entschieden bei. Mehr als so manche trockene Sachveranstaltung, bei der dann außer
Spesen und Papier nichts herauskam. Und illustre Sponsoren gab´s auch: Die Weingärtnergenossenschaft
Cleebronn-Güglingen, die Weingärtner Flein-Talheim, die Winzergenossenschaft
Sasbach am Kaiserstuhl, die Badische Staatsbrauerei Rothaus, die Wörsinger
Mineralbrunnen, Pflanzen-Kölle, die Filmproduktion Elser-Haft und die Firma Gross-International, die den
kostenlosen Bustransfer arrangierte. Und die Spenden des Abends kamen auch noch
einem wohltätigen Zweck zugute. Das nenne ich: Geschäftstüchtig die
Geselligkeit und Unterländer Festlesfreudigkeit klug mit Politik
zusammengeschnürt. Jetzt muß die FDP nur noch über fünf Prozent springen.
Wo
sind sie?
Vor
der Nazi-Zeit gab´s in Heilbronn organisierte Kommunisten. Nach 1945 formierten
sie sich wieder und sangen das Hohelied der Sowjetdiktatur. Dann wurden sie als
Verfassungsfeinde eingestuft und die Organisation verboten. Anfang der
siebziger Jahre tauchten sie als Wolf, der Kreide gefressen hatte, wieder als DKP auf. Bis dann die DDR sang- und klanglos
in sich zusammenbrach. Da war´s auf
einmal auch aus mit den Kommunisten in Heilbronn. Das Geld der
Bruderparteien aus dem Osten fehlte. Heute wissen wir, daß viele dieser DKP‘isten
zu einer Terrororganisation gehörten, ausgebildet und geschult in der
Sowjetunion und der DDR. Diese sollte im Konfliktfall Sabotageakte im
Hinterland des Feindes durchführen, damit die Rote Armee besser
durchmarschieren kann. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, daß man von diesen
gerade zur Friedensmarschierer-Zeit zu Beginn der Achtziger so aktiven DKP-Genoss(inn)en
nichts mehr hört und sieht. Sie sind spurlos vom politischen Erdboden
verschwunden. Wie einst die Nazis nach dem verlorenen Krieg. Dabei könnten sie
sich doch gerade in Heilbronn hinstellen und Auskunft über ihre Irrtümer geben.
Auch über die ach so friedvollen Absichten ihrer schrecklichen Auftraggeber im
Osten. Aber das wird wahrscheinlich eher Thema für angehende Wissenschaftler
sein, die ihre Diplom- oder Doktor-Arbeiten über diese für viele Menschen im
Osten grausame Zeit in der warmen und sicheren Studierstube einer freien
Gesellschaft anfertigen.
Veterinärämter
Nicht
nur, daß die Gesundheitsämter im Unterland sich zweigeteilt haben, dank
Koalitionsbeschluß in Stuttgart, nein, auch die Veterinärämter in Heilbronn
haben sich dergestalt vermehrt. Kommt heute ein Viehtransport nach Bad Rappenau
oder Neckarsulm, so ist das Amt in der Urbanstraße Heilbronns zuständig. Fährt
der Transporter mit seiner Ladung in die Stadt, zum Beispiel nach Biberach oder
Kirchhausen, so ist das Städtische Veterinäramt im Schlachthof die
Anlaufstelle. Die Metzger in und um
Heilbronn schütteln verwundert den Kopf, ob dieses weiteren
Schildbürgerstreichs einer Verwaltungsreform. Allerdings sind sie mit den
Leitern dieser neuen Ämter durchaus zufrieden. Ich frage mich immer wieder: Hat
es nicht eine Möglichkeit gegeben, diesen Unsinn abzuwenden? Oder lag es doch
nur an der Stadt Heilbronn, die unbedingt ihren Kopf durchsetzen wollte.
Seltsamerweise ist jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, niemand
mehr Schuld an dem verzwickten Blödsinn, der da verzapft wurde. So ist das halt
bei Staatsdienern: Sie sind kaum haftbar zu machen. Übrigens gilt das auch für
viele Teile der Wirtschaft, wo in Großkonzernen einige Manager sehr schnell
Nebelgranaten werfen, wenn es um Verantwortung geht.

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