Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 08.11.1995



Ballsaison
November ist Ballzeit. Am Wochenende feierte die Polit-, Presse- und Wirtschaftsprominenz in Bonn den Bundes- und in Stuttgart die Provinzausgabe davon - den Landespresseball. Einen Presseball in Heilbronn, den gab´s heuer nicht - und wann es ihn mal wieder gibt, das weiß der Henker. In Stuttgart fehlten am Freitag die Bundespolitiker aus dem Ländle. Dafür erschienen Ministerpräsident Erwin Teufel, Stellvertreter Dieter Spöri, alle Fraktionsvorsitzenden im Landtag (vom Rep-Mann im Frack bis zum Grünen im Smoking) sowie Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder. Warum der Widersacher Rudolf Scharpings in der SPD gerade auf dem Stuttgarter Presseball und nicht in Bonn präsent war, das hat schlichte Gründe: Zum einen war Schröder bei den Stuttgarter Nachrichten zum Gespräch geladen, zum anderen schleppte Parteifreund Spöri den Ball-Muffel, der bisher in Hannover Pressebälle immer gemieden hatte, danach in die Liederhalle. Wahlkampfzeiten sind angesagt. Und da macht es sich gut, wenn der Herausforderer Teufels mit seinem Ehrengast vor der illustren Ballgesellschaft jene Richtung von SPD-Politik im Ländle andeutet, auf die er nach der März-Wahl ´96 als Ministerpräsident von Rot-Grün einschwenken will. Die Rechnung ging auf. Das Medieninteresse am Sondergast war üppig. Aber den Hauptgewinn der Ball-Tombola, einen nagelneuen Audi A 4, den gewann der Unternehmer Horst Bülow, nicht etwa der Mann aus Hannover. Daß Audi bei der Wagen-Spende die Nase diesmal vor der schwäbischen Nobelmarke aus Untertürkheim hatte, unterstreicht das Engagement der Ingolstädter, die auch gern mehr Staatskarossen aus ihrem Hause in Stuttgarter Ministerien sehen würden. Wenn Spöri Glück bei den Wählern hat, könnte sich das im nächsten Jahr vielleicht ändern. Audi und Mercedes in gleicher Stärke im Staatsfuhrpark. Beim nächsten Presseball in Stuttgart wissen wir mehr.



Kriminalität

Wir wissen es, viele wollen es aber nicht wahrhaben: Seit die Grenzen zum Osten durchlässiger sind, steigt die Kriminalität in deutschen Landen erheblich an. Die Bürgerkriege im Osten, meist Bandenkriege, überschwemmen das reiche Deutschland mit jenen, die auch ein Stück vom schönen, wohlschmeckenden Wohlstandskuchen wollen. Das ist nur allzu verständlich. Aber es gibt halt nicht nur jene, die hier schnell für guten Lohn in der Heimat reich werden wollen. Es machen sich auch jene breit, wie immer bei einem Kulturbruch, die mit  kriminellen Machenschaften ans große Geld wollen. Es ist ja auch genügend da, in der Generation der deutschen Erben. Folge: In Baden-Württemberg sind von 8.454 Straf- und Untersuchungsgefangenen 39,7 Prozent Ausländer. Und in Untersuchungshaft sind es gar 56,5 Prozent - alles zum Stichtag 31. März 1995. In den anderen Ländern sieht es vergleichbar aus. Hinzu kommt, daß 20 Prozent der Insassen unserer Strafanstalten Ausländer sind, in den Jugendstrafanstalten sogar über 30 Prozent. Die Mehrheit der Knackis sind also immer noch Deutsche. Aber verharmlosen sollte man diese Zahlen nicht. Denn verglichen mit 1991, damals lag der Ausländeranteil in Strafanstalten bei 13,8 Prozent und in Jugendstrafanstalten bei 23,9 Prozent - sind die Steigerungen mehr als beängstigend. Und Experten wissen, mit welcher Brutalität die Banden - vor allem vom Balkan - ihre Straftaten in Deutschland begehen. Heilbronn hatte erst am Wochenende einen besonders verabscheuungswürdigen Raubüberfall zu registrieren, bei dem eine 89jährige von den Verbrechern brutal gefesselt und geknebelt in hilflosem Zustand zurückgelassen wurde.



City-Bettler

Wenn Sie durch die Heilbronner City laufen, dann kann es Ihnen schon passieren, daß Sie vehement um Geld angebettelt werden. Bettler, die auf einem Pappestück vor den Schaufenstern der Geschäfte sitzen, neben sich einen Hund, vor sich ein beschriebenes Schild und eine Schale, in die man Geld werfen kann, sind die eher harmlose Variante. Männer oder Frauen, die den Passanten an seinen Kleidungsstücken festhalten und zerren, das ist schon die stärkere Machart des Bettelns. Zumal die Bitten oft lautstark vorgetragen werden und andere Fußgänger irritiert diesem Treiben zuschauen. Man weiß ja nicht: Kennen die sich, Bettler und potentieller Spender? Die Variante der harten Tour habe ich vor wenigen Tagen in einem Heilbronner Einzelhandelsgeschäft erlebt.  Der Laden ist nahezu leer, zwei Verkäuferinnen und ich als Kunde. Plötzlich schlurft ein Übriggebliebener der Woodstock-Generation herein, schmutzige Jeans, ebensolche Turnschuhe, torkelnder Gang. In Ruhrgebietsdeutsch lallt der Mann dann irgendwas von einer Durchreise, dem schon geschlossenem Sozialamt und bittet mich lautstark um zwei Mark. Die noch verbliebene Verkäuferin, die andere holt Ware aus dem Lager zögert kurz, greift dann in die Kasse und händigt anstandslos zwei deutsche Mark aus. Unschlüssig schaut der Bettler auf das Geldstück, murmelt Unverständliches in seinen zottligen, blonden Bart, stolpert beim Hinausgehen über den Abtreter an der Tür, flucht fürchterlich und trollt sich seines Wegs. Achselzuckend sagt die Verkäuferin: Hätte ich ihm das Geld nicht gegeben, dann wäre hier der Teufel los gewesen. Ich versuche mir vorzustellen, wie der Herr Bettler sich aufgeführt hätte, wäre ich nicht als Kunde im Raum gewesen. Alltag in der City Heilbronns - November 1995. 


Beilstein-Kür

Einst war der ungekrönte König von Beilstein. Bei der Bürgermeisterwahl am vergangenen Sonntag in der Langhansstadt schrieben weniger als 20 Bürger den Namen Paul Stadel auf ihren Stimmzettel. Die Ära Stadel scheint endgültig abgehakt. Auch sein Widersacher im Gemeinderat, der Oberstudienrat Dr. Paul-Felix Thiede konnte mit seinem Rigorismus die Wähler nicht überzeugen. Mit einem Viertel der Wählerstimmen für ihn rechneten die Auguren. Nur 16,8 Prozent sind es geworden. Wirklich keine gute Basis für den Dauer-Oppositionellen im Gemeinderat. Günter Henzler, der Amtsinhaber, konnte rundum strahlen. Hatten doch 80,3 Prozent der Wähler für ihn gestimmt. Beilstein, in vielen Bereichen Vorort des Großraums Stuttgart, hat die Durststrecke nach dem Stadel-Finanz-Schlamassel hinter sich. Die zweite Amtsperiode des Sanierers Henzler wird zeigen, ob er nicht nur verwalten, sondern auch gestalten kann. Und das mit weniger Manövriermasse als je zuvor. Aber da geht es Beilstein nicht anders als den meisten Gemeinden im Landkreis Heilbronn.



Pleitewelle

Eine neue Rekordmarke wird die Anzahl der Firmenzusammenbrüche in diesem Jahr in Deutschland erreichen. Sagt der Bundesverband der deutschen Industrie.  130.000 Arbeitsplätze sind allein im ersten Halbjahr 1995 durch Pleiten im Westen Deutschlands verlorengegangen. Zählte man im vergangenen Jahr noch insgesamt 18.000 Insolvenzen, so schätzen Wirtschaftsfachleute, daß 22.000 Betriebe 1995 von der Pleitewelle erfaßt werden. Industrie- und Handelskammer sowie die Handwerkskammer in der Region können diesen Trend nur bestätigen. Als Gründe werden oftmals die zu hohen Löhne bei uns, die horrenden Lohnnebenkosten oder die ungünstige Zinssituation genannt. Aber es gibt noch einen Grund, der gern verschwiegen wird. Die Unfähigkeit einiger Manager, einen Betrieb zu führen. Nicht erst seit „Nieten in Nadelstreifen“ wissen wir, wie verantwortungslos oft angestellte Geschäftsführer oder Vorstandsmitglieder Betriebe ausplündern. Sparsamkeit? Fehlanzeige - wie beim Staat. Aber gottseidank sind diese schwarzen Schafe bisher noch eine Minderheit, wenn auch eine zu große in der deutschen Wirtschaft. Wenn´s in der Wirtschaft nicht so glatt läuft, dann sind nicht nur immer die anderen schuld. Wer ständig auf schlichte Arbeitnehmer und ihr angeblich zu hohes Anspruchsdenken einprügelt, der darf nicht erstaunt sein, wenn Angst umgeht, der private Konsum gedrosselt wird und Politikverdrossenheit sich breit macht. Der kleine Mann kann schließlich nicht ewig der Verlierer sein. Er zahlt schließlich mit seiner Lohnsteuer den Löwenanteil der Staatseinnahmen. Wer da unvorsichtig zündelt, darf sich über soziale Explosionen nicht wundern. Weniger und bewußter Kaufen - auch das knallt.



Hören und Sehen

Eine Runderneuerung hat es im Regionalstudio des Süddeutschen Rundfunks in Heilbronn gegeben. Klimaanlage, Archiv, Möbel - nach 22 Jahren war da einiges stark renovierungsbedürftig geworden. Schließlich ist seit 1974, als Werner Kieser mit einer Mannschaft von vier Leuten auf 100 Quadratmetern begann einiges geschehen. Heute zählt das Studio unter der Leitung von Lutz Wagner im Shoppinghochhaus an der Allee rund 400 Quadratmeter und 24 Mitarbeiter. „Wir sind der journalistische Betrieb in der Medienlandschaft der Region - außer den Tageszeitungen. Und darauf sind wir stolz.“ Verkündete der Studioleiter beim Tag der offenen Tür. und SDR-Intendant Fünfgeld bestätigte, daß das Frankenradio die Menschen in der Region erreicht - mit einem inhaltlich guten und akzeptablen Programm auf S4 Baden-Württemberg. Was Rang und Namen in Wirtschaft, Politik und Verbänden hat, das ließ sich im Heilbronner SDR-Studio sehen. „Die Leute, die hier beisammen sind, die stehen hinter S4, ihrem Frankenradio.“, lobte Heilbronns OB Dr. Manfred Weinmann. Wie recht er doch hat. Ist doch das Frankenradio des SDR die einzige publizistische Klammer für die Gesamtregion, nachdem die privaten Regionalsender vom Markt verschwunden sind. Und von den Gerichten wurde ja erst vor kurzem das Regionalisierungskonzept des Südfunks bestätigt. Es gehört zur Grundversorgung. Und das heißt: Mehr SDR-Frequenzen.



Hauptstadt

Im Ländle heißt die Hauptstadt Stuttgart. Aber es gibt schönere Städte als diese. Karlsruhe oder Freiburg, aber selbst Mannheim können mit der schwäbischen Metropole durchaus konkurrieren. Aber darauf kommt  es ja nicht an. Stuttgart ist halt das baden-württembergische Verwaltungszentrum. Für ganz Deutschland heißt dieses Zentrum bisher immer noch Bonn. Weil dort Regierung, Bundestag und Bundesrat ihren Sitz haben. Dort kann munter regiert und Opposition betrieben werden, solange bis die Hauptstadt Berlin so ausgebaut ist, daß dasselbe von dort aus bewältigt werden kann. Ich frage mich heute noch, ob es wirklich nötig war, diesem Nationalgedanken des 19. Jahrhunderts nachzueifern, daß ein Bundesstaat eine Hauptstadt benötigt, in der auch Regierung und die beiden Kammern des nationalen Parlaments ihren Sitz haben. Sicher - Berlin wird jetzt wieder eine multinationale Metropole, ein Schmelztiegel für den Osten, der seine europäische Bedeutung in kultureller und vielen anderen Bereichen haben wird. Hier wird vieles Neue vorausgedacht und auch umgesetzt, vieles mit heißer Nadel, was nur Experiment bleibt, Eintagsfliege ist. Das haben Städte dieser Größe in aller Welt an sich. Aber ob diese Atmosphäre auch gut für die Politik ist, das wage ich entschieden zu bezweifeln. Und Geld kostet dieser Umzug, das beim Schuldenstand der Republik eigentlich derzeit gar nicht vorhanden ist. Mal sehen, woher es kommt. Das heißt: Wo es nachher fehlt.



Eroberung

Gestern abend gab´s zum dritten Mal in der Landeshauptstadt einen „Unterländer Herbst“. Eingeladen hatten der FDP-Landtagsabgeordnete und Wengerter Richard Drautz und der Pächter der Stuttgarter Landtagsgaststätte Peter Klein, im Unterland durch seine Aktivitäten in Güglingen und auf der Heilbronner Landesgartenschau 1985 bestens bekannt. Aber nicht nur Liberale, sondern Politiker aller Couleur, Bürgermeister, Wirtschaftsvertreter und Journalisten des Ländles gaben sich ein Stelldichein beim Unterländer Wein. Was der Richie Drautz da vor drei Jahren angeleiert hatte, das kann sich sehen lassen - und trägt zur Verständigung zwischen Stuttgart und dem Unterland entschieden bei. Mehr als so manche trockene Sachveranstaltung, bei der dann außer Spesen und Papier nichts herauskam. Und illustre Sponsoren gab´s auch:  Die Weingärtnergenossenschaft Cleebronn-Güglingen, die Weingärtner Flein-Talheim, die Winzergenossenschaft Sasbach am Kaiserstuhl, die Badische Staatsbrauerei Rothaus, die Wörsinger Mineralbrunnen, Pflanzen-Kölle, die Filmproduktion Elser-Haft und  die Firma Gross-International, die den kostenlosen Bustransfer arrangierte. Und die Spenden des Abends kamen auch noch einem wohltätigen Zweck zugute. Das nenne ich: Geschäftstüchtig die Geselligkeit und Unterländer Festlesfreudigkeit klug mit Politik zusammengeschnürt. Jetzt muß die FDP nur noch über fünf Prozent springen.



Wo sind sie?

Vor der Nazi-Zeit gab´s in Heilbronn organisierte Kommunisten. Nach 1945 formierten sie sich wieder und sangen das Hohelied der Sowjetdiktatur. Dann wurden sie als Verfassungsfeinde eingestuft und die Organisation verboten. Anfang der siebziger Jahre tauchten sie als Wolf, der Kreide gefressen hatte, wieder  als DKP auf. Bis dann die DDR sang- und klanglos in sich zusammenbrach. Da war´s auf einmal auch aus mit den Kommunisten in Heilbronn. Das Geld der Bruderparteien aus dem Osten fehlte. Heute wissen wir, daß viele dieser DKP‘isten zu einer Terrororganisation gehörten, ausgebildet und geschult in der Sowjetunion und der DDR. Diese sollte im Konfliktfall Sabotageakte im Hinterland des Feindes durchführen, damit die Rote Armee besser durchmarschieren kann. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, daß man von diesen gerade zur Friedensmarschierer-Zeit zu Beginn der Achtziger so aktiven DKP-Genoss(inn)en nichts mehr hört und sieht. Sie sind spurlos vom politischen Erdboden verschwunden. Wie einst die Nazis nach dem verlorenen Krieg. Dabei könnten sie sich doch gerade in Heilbronn hinstellen und Auskunft über ihre Irrtümer geben. Auch über die ach so friedvollen Absichten ihrer schrecklichen Auftraggeber im Osten. Aber das wird wahrscheinlich eher Thema für angehende Wissenschaftler sein, die ihre Diplom- oder Doktor-Arbeiten über diese für viele Menschen im Osten grausame Zeit in der warmen und sicheren Studierstube einer freien Gesellschaft anfertigen.



Veterinärämter

Nicht nur, daß die Gesundheitsämter im Unterland sich zweigeteilt haben, dank Koalitionsbeschluß in Stuttgart, nein, auch die Veterinärämter in Heilbronn haben sich dergestalt vermehrt. Kommt heute ein Viehtransport nach Bad Rappenau oder Neckarsulm, so ist das Amt in der Urbanstraße Heilbronns zuständig. Fährt der Transporter mit seiner Ladung in die Stadt, zum Beispiel nach Biberach oder Kirchhausen, so ist das Städtische Veterinäramt im Schlachthof die Anlaufstelle. Die Metzger in und um Heilbronn schütteln verwundert den Kopf, ob dieses weiteren Schildbürgerstreichs einer Verwaltungsreform. Allerdings sind sie mit den Leitern dieser neuen Ämter durchaus zufrieden. Ich frage mich immer wieder: Hat es nicht eine Möglichkeit gegeben, diesen Unsinn abzuwenden? Oder lag es doch nur an der Stadt Heilbronn, die unbedingt ihren Kopf durchsetzen wollte. Seltsamerweise ist jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, niemand mehr Schuld an dem verzwickten Blödsinn, der da verzapft wurde. So ist das halt bei Staatsdienern: Sie sind kaum haftbar zu machen. Übrigens gilt das auch für viele Teile der Wirtschaft, wo in Großkonzernen einige Manager sehr schnell Nebelgranaten werfen, wenn es um Verantwortung geht.

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