Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 15.03.1995



Spöri vorn?
Nicht nur die Jungsozialisten, sondern auch einige gestandene Gewerkschafter werfen dem baden-württembergischen Wirtschaftsminister und Heilbronner SPD-Landtagsabgeordneten Dr. Dieter Spöri vor, in der großen Koalition zu sehr auf Harmonie bedacht zu sein. Spöri selbst wehrt sich auch immer wieder dagegen, vornehmlich ein Freund der Bosse zu sein. Aber als sich der einstige SPD-Spitzenkandidat vor zwei Jahren auf einem Parteitag als Beisitzer im Landesvorstand bewarb, da erhielt er weit weniger Stimmen als etwa Innenminister Birzele, Familienministerin Unger-Soyka oder der Gewerkschafter Riester. Spöri sei zu unternehmerfreundlich, ließen einige Delegierte vernehmen. Die Genossen hatten offenbar nicht vergessen, daß der einstige Partei-Hoffnungsträger 1988 nur 32 Prozent und 1992 nicht einmal mehr 30 Prozent bei der Landtagswahl für die SPD in die Scheuer einfahren konnte. Jetzt geht es um die SPD-Spitzenkandidatur für die Landtagswahl im März 1996. Wenn es eine Mitgliederbefragung für diese Kandidatur bei der SPD im Südwesten gibt, dann hätte Dieter Spöri große Chancen. Aber es spekulieren auch noch andere Spitzen-Genossen auf diesen Posten: Ulrich Maurer, der SPD-Landesvorsitzende und zum Beispiel Harald B. Schäfer, der SPD-Umweltminister. Angst braucht Dieter Spöri um seinen Arbeitsplatz allerdings keine zu haben. Immerhin hat ihn und die SPD kürzlich Arbeitgebervertreter Hans Peter Stihl wegen seiner zukunftsweisenden Wirtschaftspolitik gelobt. Spöri tut solches Lob gut. Denn wäre er nach der Wahl 1996 nicht mehr Wirtschaftsminister, dann gibt‘s ja viele andere Posten im Lande, die dem erfahrenen Volkswirt offenstehen. Ob in der Wirtschaft oder bei irgendeinem Verband. Das lehrt die Politik im Ländle. Die SPD in Heilbronn muß demnächst also genau hinschauen, wen sie als Zweitkandidaten nominiert. Denn über kurz oder lang könnte die/der im Landtag sitzen.

Heilbronner Moschee
In Heilbronn besaßen wir bis zur Zerstörung durch die Nazis eine Synagoge. Noch heute kündet ein Mahnmal vor dem Kino Universum davon. Es hätte der Stadt Heilbronn gut angestanden, dieses Gotteshaus nach dem Kriege wieder aufzubauen. Aber die Zeiten haben sich gewandelt. In der heutigen Auseinandersetzung um Gotteshäuser, vor allem wenn es um Moscheen geht, scheint mir der Toleranz-Gedanke aus dem Blickfeld vieler zu verschwinden. Trotzdem gilt immer noch: Die weltanschauliche Toleranz gehört zum Wesensmerkmal unseres Staates. Niemand darf wegen seines Glaubens benachteiligt werden. Und außerdem: Glaube ist Privatsache und hat bei der Regelung öffentlicher Angelegenheiten wenig oder möglichst gar nichts zu suchen. Fundamentalisten, seien es nun Christen, Juden oder Moslems, die Andersgläubige verächtlich und ihre eigene Religion zum Maßstab aller Dinge machen, denen muß die Grenze durch die Gesellschaft und die Staatsgewalt aufgezeigt werden. Der säkularisierte deutsche Staat garantiert die Religionsfreiheit - aber nicht auf Kosten anderer. Und darum muß es möglich sein, daß sich Muslime auch in Heilbronn wie schon in Mannheim ihr Gotteshaus bauen können. Es wäre eine Bereicherung des kulturellen Lebens dieser Stadt. So wie es einst die Synagoge an der Heilbronner Allee war.

Kunst und Kommerz
Der Spagat zwischen Kunst und Geld gelingt zur Zeit nur wenigen so gut wie dem Künzelsauer Schrauben-Milliardär Reinhold Würth. Hat er doch mit seinem Mäzenatentum die einst verschlafene Hohenloher Landschaft ein wenig wach geküßt. Von der Landeshauptstadt aus betrachtet besaß das Hohenloher Land für viele bisher ungefähr den gleichen Stellenwert wie „badisch Sibirien“ - um Tauberbischofsheim und ähnlich reizvoll gelegene Orte. Jetzt aber pilgert alles nach Künzelsau-Gaisbach, weil dort Christo, der internationale Verpackungskünstler, Teile des Würth-Betriebsgeländes mit Tuchbahnen verhüllt hat. So kann der Kultur-Tourist aus dem Zentrum des Ländles nicht nur frische Landluft schnuppern, sondern sich an Kunst von Weltniveau delektieren. Halsstarrige Leute, die sich von Kunst-Kennern als Banausen beschimpfen lassen müssen, meinen lapidar: Was bei Würth als Kunst gefeiert wird, das seien doch nur des Kaisers neue Kleider. Stimmt überhaupt nicht: die Lappen sind als Souvenirs heißbegehrt. Vielleicht kommt ein knitzer Hohenloher noch auf die Idee, sich die Verpackungstücher preiswert zu sichern, um sie in kleinen Portionen dann teuer an die Kunstliebhaber zu verscherbeln. So mancher Enthusiast würde bestimmt viel hinblättern, um sich ein Christo-Würth-Tuch an die Wand zu hängen, als Tischdecke oder Teppich zu benutzen.

Millionen-Poker
Wo ist es geblieben? Das viele Geld - zum Beispiel die 40 Millionen aus Neckarwestheim. Ein wenig soll jetzt gefunden worden sein. Aber der in Haft sitzende Bürgermeister Horst Armbrust, auch unter seinen Amtskollegen scherzhaft „Atombomber“ genannt, schweigt immer noch. Auch ein anderer hier aus der Gegend, der ehemalige Südmilch-Chef Wolfgang Weber, sitzt jetzt in Haft. Er wurde in Paraguay am vergangenen Wochenende verhaftet. Er soll die Deutsche Bank um 43 Millionen Mark betrogen haben. Bisher - so sagen Diplomatenkreise - sei der mutmaßliche Betrüger Weber von den paraguayischen Behörden gedeckt worden. Daß dem so war, das können Unterländer Journalisten nur bestätigen, die nach dem Verschwinden des heute 59 jährigen Weber aus dem Ländle, in Paraguay mit ihm telefonieren konnten und von ihm Faxe empfangen haben. Plötzlich türmen sich wieder die Fragen: Wann wird Wolfgang Weber nach Deutschland ausgeliefert? Wird ihm der Prozeß etwa in Stuttgart gemacht? Und wer muß da aus dem Unterland als Zeuge auftreten? Freunde hatte der Wolfgang Weber ja viele hier bei uns in der Gegend. Aber in der Not passen bekanntlich tausend auf ein Lot. 

Cluss-Spekulation
Es war immer nur ein Gerücht. Aber jetzt hat dieses Gerücht sich für viele Mitarbeiter der Heilbronner Brauerei Cluss in ein Gespenst verwandelt. Am 15. Dezember 1865 konnten die Heilbronner das erste Cluss trinken. Nun fragen sich viele in der Käthchenstadt, ob sie zum Jahresende 1995 das letzte Cluss trinken können. Das Branchenblatt „Inside“ ließ dieser Tage wissen: „Cluss: Ende noch in diesem Jahr?“ Und das Cluss-Vorstandsmitglied Dr. Hans Wilhelm Dietel sprach bei einer Betriebsversammlung von der Angst, die den Mitarbeitern nicht zu nehmen ist, daß durch solche Gerüchte die Umsätze zusammenbrechen. Fünfzig Arbeitsplätze wären bei Cluss damit gefährdet. Aber schon lange pfeifen es ja die Heilbronner Spatzen von der Dächern: das Cluss-Gelände am Neckar zusammen mit dem spätestens in zwei Jahren geräumten Kaco-Betriebsgelände ergäbe ein wunderbare Immobilie, deren Wert für die Wohnbebauung kaum abzuschätzen ist. Und wenn die Stadt nicht will, dann kann sie ja darauf drängen, dort endlich den Götzenturm-Park großzügig zu verwirklichen. Die langersehnte grüne Lunge am Rande der City.

Wer hat noch Töne
Erwin Teufel, unser Ministerpräsident, so ist aus Stuttgart zu hören, wünscht sich bei der anstehenden ARD-Reform für Baden Württemberg einen Landessender. Süddeutscher Rundfunk in Stuttgart und Südwestfunk in Baden-Baden, die zwei zusammen sind ein wenig arg teuer geworden und nicht gerade effektiv fürs Ländle. Aber so ist halt die ba­den-württembergische Rundfunkgeschichte: im Nachkriegsdeutschland wurde die Grenze zwischen Südfunk und Südwestfunk entlang der Autobahn Karlsruhe-Ulm gezogen. Dabei könnte ich mir gut vorstel­len, daß beim Hörfunk das Bessere den Vorrang erhält. SWF 1 ist mit seinem Programm halt Südfunk 1, dem be­tulichen Spätzlesender musikalisch und von der Berichterstattung her überlegen. Eben flotter, schneller, genauer und angenehmer zu hören. Und auch SWF 3 war immer schon Klassen besser als Südfunk 3 mit seiner Extrem-Musik und seinen Moderatoren, die oft meinen, es sei besonders witzig im Ländle in einen rheinischen Dialekt zu verfallen. Von der Musik bei S 4 will ich gar nicht erst reden. Wenn ich da mal gelandet bin, denke ich oftmals, um mich dröhnt ein Bierzelt. Einziger Trost bei S 4: die gute, regionale Berichterstattung des Frankenradios. Aber ich schätze, auf die Reform zum Landesender kann ich lange warten - so wie ich unsere Politiker in Stuttgart kenne.

Drei Radios im Unterland
Heilbronn ist nach wie vor Senderstandort des Süddeutschen Rundfunks und des Privathörfunksenders Radio TON-Regional. Wer weiß wie lange noch - bei der einsetzenden Sparwut - sowohl bei den Öffentlich-Rechtlichen als auch den Privaten. Dessen ungeachtet weitet das Frankenradio des Südfunks zur Zeit seine guten Informationssendungen aus und wird auch immer besser, dank neuer Frequenzen, in der Region empfangen. Und Radio TON- Regional? Zur Zeit bietet dieser Sender aus Heilbronn ein ganz sanftes Oldie-Musikprogramm. Aber ob Heilbronn weiterhin das sogenannte Basisprogramm sendet, das entscheiden dieser Tage die Gesellschafter des aus Radio TON und Radio Regional verschmolzenen neuen Senders. Zunächst sah es ja so aus, als ob die Heilbronner Hörfunkmitarbeiter auf unbestimmte Zeit nach Bad Mergentheim umsiedeln müßten. Aber da ist offensichtlich ein Meinungswandel eingetreten - dank technischer Schwierigkeiten. Ein anderer Hörfunksender, der kontinuierlich sein Programm für die Region Franken ausbaut, das ist der Stuttgarter Privatsender Antenne 1 auf UKW 89,1. Konkurrenz belebt bekanntlich das Radio-Geschäft. Ich warte hier oben auf meinem Turm geduldig ab, was sich demnächst in der regionalen Medienlandschaft so tut, spitze die Ohren und werde mir meine Informationen aus dem Äther holen - wie es mir paßt. Ich bin nämlich kein „Stammhörer“, sondern ein Wechselhörer. Die schlechten Sendungen weggezappt, die guten ins Ohr. 

Noch mehr Pfusch?
Erinnern Sie sich noch? Ein paar Monate ist es her, da schrieb ich übers vereinfachte Bauen. Künftig soll es möglich sein, ohne die Prüfungen der Baurechtsämter vor Ort zu bauen. Geplante Reform der Landesbauordnung nennt sich das ganze. Verbraucherschützer in Heilbronn und anderswo fürchten bei Wegfall dieser Prüfungen um Sicherheit und Kontrolle am Bau. Starker Tobak ist das schon. Da wird behauptet, daß durch die Reform erreicht wird, daß am Bau künftig noch mehr als ohnehin schon gepfuscht wird. Aber vielleicht ist ja doch ein Quentchen dran. Besser wäre schon, wenn der Bauherr künftig die Einhaltung wichtiger sicherheitsrelevanter Standards überprüfen lassen muß.

Spöri oder Bauer
Erinnern Sie sich noch an Ulrich Bauer, den ehemaligen Baubürgermeister von Heilbronn? Der SPD-Mann ist seit fünf Jahren Oberbürgermeister von Esslingen und, wie ich gehört habe, in dieser Funktion ein äußerst erfolgreicher Macher. Gemessen an den finanziellen Nöten der Stadt Esslingen hat er dort einiges bewegt. Bauer wird wohl in Esslingen bleiben. Aber der Ex-Heilbronner kandidiert jetzt für ein weiteres Amt: für den Vorsitz im Regionalparlament. Nach dem Wechsel von Ludwigsburgs OB Hans Joachim Henke demnächst als Staatssekretär nach Bonn ins Verkehrsministerium wurde Bauer als Vorsitzender der Regionalversammlung von der SPD vorgeschlagen. Er ist ein Mann des Ausgleichs. Das wußten die Heilbronner schon an ihm zu schätzen. Und viele in der Landeshauptstadt munkeln auch schon recht laut darüber, daß Ulrich Bauer Nachfolger von OB Manfred Rommel werden könnte. Aber der müßte sich erst erklären, ob er als OB-Kandidat in Stuttgart zur Verfügung steht, ebenso wie Wirtschaftsminister Dieter Spöri, dessen Name in Stuttgarter Gazetten derzeit auch lebhaft gehandelt wird. 

Im Vollrausch
Manch einer der jüngeren Leser wird die Satire-Zeitung „Titanic“ kennen. In einer der neuesten Nummern wird eine Seite veröffentlicht, auf der mit kleinen Sprüchen darauf hingewiesen wird, wie pfiffig „Titanic“-Leser sparen. Unter anderem taucht folgender Spruch auf: „Es muß ja nicht jeden Tag ein Vollrausch sein, oft reichen schon drei Viertele oder vier Fünftel.“ - Angeblich stammt diese Lebensweisheit von einem Siggi Schilling aus Heilbronn. Soviel gilt als gesichert: Bei „Titanic“ arbeitet ein Journalist, der einst für die Heilbronner Lokalzeitung tätig war.

Schwarzarbeit
Man hört die Klagen nicht erst seit der Rezession 1993/94: Das Handwerk in der Region plagt sich herum mit immer mehr Schwarzarbeit. Gegenüber 1993, so die Insider von der Heilbronner Handwerkskammer, verzeichne man nahezu eine Verdopplung der Bußgelder wegen solcher Vergehen. Die schwarzen Schafe in Sachen illegaler Beschäftigung sitzen vor allem im Baugewerbe. Unlängst verriet mir einer der Kontrolleure, daß die aufgedeckten Fälle aber nur die Spitze des Eisberges seien. Geschädigt wird freilich die Allgemeinheit. Denn die Arbeitsämter zahlen ja die Arbeitslosenleistungen zu Unrecht an Schwarzarbeiter. Also tut noch mehr Kontrolle Not.

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