Spöri vorn?
Nicht nur
die Jungsozialisten, sondern auch einige gestandene Gewerkschafter werfen dem
baden-württembergischen Wirtschaftsminister und Heilbronner
SPD-Landtagsabgeordneten Dr. Dieter Spöri vor, in der großen Koalition zu
sehr auf Harmonie bedacht zu sein. Spöri selbst wehrt sich auch immer wieder
dagegen, vornehmlich ein Freund der Bosse zu sein. Aber als sich der einstige
SPD-Spitzenkandidat vor zwei Jahren auf einem Parteitag als Beisitzer im
Landesvorstand bewarb, da erhielt er weit weniger Stimmen als etwa
Innenminister Birzele, Familienministerin Unger-Soyka oder der Gewerkschafter
Riester. Spöri sei zu unternehmerfreundlich, ließen einige Delegierte
vernehmen. Die Genossen hatten offenbar nicht vergessen, daß der einstige
Partei-Hoffnungsträger 1988 nur 32 Prozent und 1992 nicht einmal mehr 30
Prozent bei der Landtagswahl für die SPD in die Scheuer einfahren konnte. Jetzt
geht es um die SPD-Spitzenkandidatur für die Landtagswahl im März 1996.
Wenn es eine Mitgliederbefragung für diese Kandidatur bei der SPD im Südwesten
gibt, dann hätte Dieter Spöri große Chancen. Aber es spekulieren auch noch
andere Spitzen-Genossen auf diesen Posten: Ulrich Maurer, der
SPD-Landesvorsitzende und zum Beispiel Harald B. Schäfer, der
SPD-Umweltminister. Angst braucht Dieter Spöri um seinen Arbeitsplatz
allerdings keine zu haben. Immerhin hat ihn und die SPD kürzlich Arbeitgebervertreter
Hans Peter Stihl wegen seiner zukunftsweisenden Wirtschaftspolitik gelobt.
Spöri tut solches Lob gut. Denn wäre er nach der Wahl 1996 nicht mehr
Wirtschaftsminister, dann gibt‘s ja viele andere Posten im Lande, die dem
erfahrenen Volkswirt offenstehen. Ob in der Wirtschaft oder bei irgendeinem
Verband. Das lehrt die Politik im Ländle. Die SPD in Heilbronn muß demnächst
also genau hinschauen, wen sie als Zweitkandidaten nominiert. Denn über kurz
oder lang könnte die/der im Landtag sitzen.
Heilbronner
Moschee
In Heilbronn
besaßen wir bis zur Zerstörung durch die Nazis eine Synagoge. Noch heute kündet
ein Mahnmal vor dem Kino Universum davon. Es hätte der Stadt Heilbronn gut
angestanden, dieses Gotteshaus nach dem Kriege wieder aufzubauen. Aber die
Zeiten haben sich gewandelt. In der heutigen Auseinandersetzung um
Gotteshäuser, vor allem wenn es um Moscheen geht, scheint mir der
Toleranz-Gedanke aus dem Blickfeld vieler zu verschwinden. Trotzdem gilt immer
noch: Die weltanschauliche Toleranz gehört zum Wesensmerkmal unseres Staates. Niemand
darf wegen seines Glaubens benachteiligt werden. Und außerdem: Glaube ist
Privatsache und hat bei der Regelung öffentlicher Angelegenheiten wenig oder
möglichst gar nichts zu suchen. Fundamentalisten, seien es nun Christen, Juden
oder Moslems, die Andersgläubige verächtlich und ihre eigene Religion zum
Maßstab aller Dinge machen, denen muß die Grenze durch die Gesellschaft und die
Staatsgewalt aufgezeigt werden. Der säkularisierte deutsche Staat garantiert
die Religionsfreiheit - aber nicht auf Kosten anderer. Und darum muß es möglich
sein, daß sich Muslime auch in Heilbronn wie schon in Mannheim ihr Gotteshaus
bauen können. Es wäre eine Bereicherung des kulturellen Lebens dieser Stadt. So
wie es einst die Synagoge an der Heilbronner Allee war.
Kunst und Kommerz
Der Spagat
zwischen Kunst und Geld gelingt zur Zeit nur wenigen so gut wie dem Künzelsauer
Schrauben-Milliardär Reinhold Würth. Hat er doch mit seinem Mäzenatentum
die einst verschlafene Hohenloher Landschaft ein wenig wach geküßt. Von der
Landeshauptstadt aus betrachtet besaß das Hohenloher Land für viele bisher
ungefähr den gleichen Stellenwert wie „badisch Sibirien“ - um
Tauberbischofsheim und ähnlich reizvoll gelegene Orte. Jetzt aber pilgert alles
nach Künzelsau-Gaisbach, weil dort Christo, der internationale
Verpackungskünstler, Teile des Würth-Betriebsgeländes mit Tuchbahnen verhüllt
hat. So kann der Kultur-Tourist aus dem Zentrum des Ländles nicht nur frische
Landluft schnuppern, sondern sich an Kunst von Weltniveau delektieren.
Halsstarrige Leute, die sich von Kunst-Kennern als Banausen beschimpfen lassen
müssen, meinen lapidar: Was bei Würth als Kunst gefeiert wird, das seien doch
nur des Kaisers neue Kleider. Stimmt überhaupt nicht: die Lappen sind als Souvenirs
heißbegehrt. Vielleicht kommt ein knitzer Hohenloher noch auf die Idee, sich
die Verpackungstücher preiswert zu sichern, um sie in kleinen Portionen dann
teuer an die Kunstliebhaber zu verscherbeln. So mancher Enthusiast würde
bestimmt viel hinblättern, um sich ein Christo-Würth-Tuch an die Wand zu
hängen, als Tischdecke oder Teppich zu benutzen.
Millionen-Poker
Wo ist es
geblieben? Das viele Geld - zum Beispiel die 40 Millionen aus Neckarwestheim.
Ein wenig soll jetzt gefunden worden sein. Aber der in Haft sitzende Bürgermeister
Horst Armbrust, auch unter seinen Amtskollegen scherzhaft „Atombomber“
genannt, schweigt immer noch. Auch ein anderer hier aus der Gegend, der ehemalige
Südmilch-Chef Wolfgang Weber, sitzt jetzt in Haft. Er wurde in Paraguay am
vergangenen Wochenende verhaftet. Er soll die Deutsche Bank um 43 Millionen
Mark betrogen haben. Bisher - so sagen Diplomatenkreise - sei der mutmaßliche
Betrüger Weber von den paraguayischen Behörden gedeckt worden. Daß dem so war,
das können Unterländer Journalisten nur bestätigen, die nach dem Verschwinden
des heute 59 jährigen Weber aus dem Ländle, in Paraguay mit ihm telefonieren
konnten und von ihm Faxe empfangen haben. Plötzlich türmen sich wieder die
Fragen: Wann wird Wolfgang Weber nach Deutschland ausgeliefert? Wird ihm der
Prozeß etwa in Stuttgart gemacht? Und wer muß da aus dem Unterland als Zeuge
auftreten? Freunde hatte der Wolfgang Weber ja viele hier bei uns in der
Gegend. Aber in der Not passen bekanntlich tausend auf ein Lot.
Cluss-Spekulation
Es war immer
nur ein Gerücht. Aber jetzt hat dieses Gerücht sich für viele Mitarbeiter der
Heilbronner Brauerei Cluss in ein Gespenst verwandelt. Am 15. Dezember 1865
konnten die Heilbronner das erste Cluss trinken. Nun fragen sich viele in der
Käthchenstadt, ob sie zum Jahresende 1995 das letzte Cluss trinken können. Das
Branchenblatt „Inside“ ließ dieser Tage wissen: „Cluss: Ende noch in diesem
Jahr?“ Und das Cluss-Vorstandsmitglied Dr. Hans Wilhelm Dietel sprach
bei einer Betriebsversammlung von der Angst, die den Mitarbeitern nicht zu
nehmen ist, daß durch solche Gerüchte die Umsätze zusammenbrechen. Fünfzig
Arbeitsplätze wären bei Cluss damit gefährdet. Aber schon lange pfeifen es ja
die Heilbronner Spatzen von der Dächern: das Cluss-Gelände am Neckar zusammen
mit dem spätestens in zwei Jahren geräumten Kaco-Betriebsgelände ergäbe ein
wunderbare Immobilie, deren Wert für die Wohnbebauung kaum abzuschätzen ist.
Und wenn die Stadt nicht will, dann kann sie ja darauf drängen, dort endlich
den Götzenturm-Park großzügig zu
verwirklichen. Die langersehnte grüne Lunge am Rande der City.
Wer hat noch
Töne
Erwin
Teufel, unser Ministerpräsident, so ist aus Stuttgart zu hören, wünscht sich
bei der anstehenden ARD-Reform für Baden Württemberg einen Landessender.
Süddeutscher Rundfunk in Stuttgart und Südwestfunk in Baden-Baden, die zwei
zusammen sind ein wenig arg teuer geworden und nicht gerade effektiv fürs
Ländle. Aber so ist halt die baden-württembergische Rundfunkgeschichte: im
Nachkriegsdeutschland wurde die Grenze zwischen Südfunk und Südwestfunk entlang
der Autobahn Karlsruhe-Ulm gezogen. Dabei könnte ich mir gut vorstellen, daß
beim Hörfunk das Bessere den Vorrang erhält. SWF 1 ist mit seinem Programm halt
Südfunk 1, dem betulichen Spätzlesender musikalisch und von der
Berichterstattung her überlegen. Eben flotter, schneller, genauer und
angenehmer zu hören. Und auch SWF 3 war immer schon Klassen besser als Südfunk
3 mit seiner Extrem-Musik und seinen Moderatoren, die oft meinen, es sei
besonders witzig im Ländle in einen rheinischen Dialekt zu verfallen. Von der
Musik bei S 4 will ich gar nicht erst reden. Wenn ich da mal gelandet bin,
denke ich oftmals, um mich dröhnt ein Bierzelt. Einziger Trost bei S 4: die
gute, regionale Berichterstattung des Frankenradios. Aber ich schätze, auf die
Reform zum Landesender kann ich lange warten - so wie ich unsere Politiker in
Stuttgart kenne.
Drei Radios
im Unterland
Heilbronn
ist nach wie vor Senderstandort des Süddeutschen Rundfunks und des
Privathörfunksenders Radio TON-Regional. Wer weiß wie lange noch - bei der
einsetzenden Sparwut - sowohl bei den Öffentlich-Rechtlichen als auch den
Privaten. Dessen ungeachtet weitet das Frankenradio des Südfunks zur
Zeit seine guten Informationssendungen aus und wird auch immer besser, dank
neuer Frequenzen, in der Region empfangen. Und Radio TON- Regional? Zur Zeit
bietet dieser Sender aus Heilbronn ein ganz sanftes Oldie-Musikprogramm. Aber
ob Heilbronn weiterhin das sogenannte Basisprogramm sendet, das entscheiden
dieser Tage die Gesellschafter des aus Radio TON und Radio Regional
verschmolzenen neuen Senders. Zunächst sah es ja so aus, als ob die Heilbronner
Hörfunkmitarbeiter auf unbestimmte Zeit nach Bad Mergentheim umsiedeln
müßten. Aber da ist offensichtlich ein Meinungswandel eingetreten - dank
technischer Schwierigkeiten. Ein anderer Hörfunksender, der kontinuierlich sein
Programm für die Region Franken ausbaut, das ist der Stuttgarter Privatsender Antenne
1 auf UKW 89,1. Konkurrenz belebt bekanntlich das Radio-Geschäft. Ich warte
hier oben auf meinem Turm geduldig ab, was sich demnächst in der regionalen
Medienlandschaft so tut, spitze die Ohren und werde mir meine Informationen aus
dem Äther holen - wie es mir paßt. Ich bin nämlich kein „Stammhörer“, sondern
ein Wechselhörer. Die schlechten Sendungen weggezappt, die guten ins Ohr.
Noch mehr
Pfusch?
Erinnern Sie
sich noch? Ein paar Monate ist es her, da schrieb ich übers vereinfachte Bauen.
Künftig soll es möglich sein, ohne die Prüfungen der Baurechtsämter vor Ort zu
bauen. Geplante Reform der Landesbauordnung nennt sich das ganze.
Verbraucherschützer in Heilbronn und anderswo fürchten bei Wegfall dieser
Prüfungen um Sicherheit und Kontrolle am Bau. Starker Tobak ist das schon. Da
wird behauptet, daß durch die Reform erreicht wird, daß am Bau künftig noch
mehr als ohnehin schon gepfuscht wird. Aber vielleicht ist ja doch ein
Quentchen dran. Besser wäre schon, wenn der Bauherr künftig die Einhaltung wichtiger
sicherheitsrelevanter Standards überprüfen lassen muß.
Spöri oder
Bauer
Erinnern Sie
sich noch an Ulrich Bauer, den ehemaligen Baubürgermeister von
Heilbronn? Der SPD-Mann ist seit fünf Jahren Oberbürgermeister von Esslingen
und, wie ich gehört habe, in dieser Funktion ein äußerst erfolgreicher Macher.
Gemessen an den finanziellen Nöten der Stadt Esslingen hat er dort einiges
bewegt. Bauer wird wohl in Esslingen bleiben. Aber der Ex-Heilbronner
kandidiert jetzt für ein weiteres Amt: für den Vorsitz im Regionalparlament.
Nach dem Wechsel von Ludwigsburgs OB Hans Joachim Henke demnächst als
Staatssekretär nach Bonn ins Verkehrsministerium wurde Bauer als Vorsitzender
der Regionalversammlung von der SPD vorgeschlagen. Er ist ein Mann des
Ausgleichs. Das wußten die Heilbronner schon an ihm zu schätzen. Und viele in
der Landeshauptstadt munkeln auch schon recht laut darüber, daß Ulrich Bauer
Nachfolger von OB Manfred Rommel werden könnte. Aber der müßte sich erst
erklären, ob er als OB-Kandidat in Stuttgart zur Verfügung steht, ebenso wie Wirtschaftsminister
Dieter Spöri, dessen Name in Stuttgarter Gazetten derzeit auch lebhaft
gehandelt wird.
Im
Vollrausch
Manch einer
der jüngeren Leser wird die Satire-Zeitung „Titanic“ kennen. In einer
der neuesten Nummern wird eine Seite veröffentlicht, auf der mit kleinen
Sprüchen darauf hingewiesen wird, wie pfiffig „Titanic“-Leser sparen. Unter
anderem taucht folgender Spruch auf: „Es muß ja nicht jeden Tag ein Vollrausch
sein, oft reichen schon drei Viertele oder vier Fünftel.“ - Angeblich stammt
diese Lebensweisheit von einem Siggi Schilling aus Heilbronn. Soviel
gilt als gesichert: Bei „Titanic“ arbeitet ein Journalist, der einst für die
Heilbronner Lokalzeitung tätig war.
Schwarzarbeit
Man hört die
Klagen nicht erst seit der Rezession 1993/94: Das Handwerk in der Region plagt
sich herum mit immer mehr Schwarzarbeit. Gegenüber 1993, so die Insider von
der Heilbronner Handwerkskammer, verzeichne man nahezu eine Verdopplung der
Bußgelder wegen solcher Vergehen. Die schwarzen Schafe in Sachen illegaler
Beschäftigung sitzen vor allem im Baugewerbe. Unlängst verriet mir einer der
Kontrolleure, daß die aufgedeckten Fälle aber nur die Spitze des Eisberges
seien. Geschädigt wird freilich die Allgemeinheit. Denn die Arbeitsämter zahlen
ja die Arbeitslosenleistungen zu Unrecht an Schwarzarbeiter. Also tut noch mehr
Kontrolle Not.

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