Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 19.04.1995



Berliner Platz
Bisher gibt es nur ein Vertragsangebot. Die Stadt Heilbronn und die Stuttgarter Bülow AG haben ein „Grundstückvertrags-Angebot“ unterzeichnet, mit dem das Unternehmen eine Kaufoption auf das Grundstück westlich des Theaterbaus mit 8.480 Quadratmetern besitzt. Die Chancen für eine notwendige und sinnvolle Überbauung des Berliner Platzes, dem derzeit noch reichlich häßlichen „Nord-Tor“ zur Heilbronner City, sind also beträchtlich gewachsen. Jetzt geht es auch noch um den Kauf des letzten Privatgrundstücks. Dann soll auf dem Schandfleck neben dem Stadttheater ein prachtvoller Neubau entstehen, der nach derzeitigen Planungen rund 150 Millionen Mark kosten wird. Was später alles dort untergebracht sein wird, das wird die Zukunft weisen. Neben Büros, Praxen, Läden - so die ersten Planungen - soll auch eine weitere Kulturstätte am Berliner Platz in den Neubau angesiedelt werden. Man denkt an Musical, Kabarett, Varieté oder Kinos. Ich drücke den Initiatoren, dem mutigen Unternehmer Horst Bülow und dem ideenreichen Ersten Bürgermeister Heilbronns Werner Grau, hier oben auf dem Turm meine steinernen Daumen. Hoffentlich wird‘s noch was in diesem Jahrtausend mit der schon so oft versprochenen Überbauung des Berliner Platzes.

Peter und Paul
Die katholische Gemeinde des Deutschordensmünsters ist zur Zeit Gast in der evangelischen Kilianskirche. So ändern sich die Zeiten. Als ich begann, dieses hohe Haus hier oben auf dem Kiliansturm zu bewachen, da gabs in deutschen Landen nur eine christliche Kirche. Aber die Zeiten sind schon lang vorbei. Jetzt sind es viele. Und die Traditionsreichste kehrte zu meiner Freude für kurze Zeit in meinen Bau zurück. Aber diese Besuchszeit der Katholiken neigt sich dem Ende zu: am 2. Juli 1995 wird das Deutschordensmünster Sankt Peter und Paul feierlich eingeweiht werden. Und damit kann die Gemeinde wieder an ihren angestammten Ort, den ältesten Sakralbau in Heilbronn, zurückkehren. Für acht Millionen Mark wurde das geschichtsträchtige Münster renoviert. Und herausgekommen ist eine Meisterleistung der Restauratoren, die das Haus mit all seinen unterschiedlichen Stilrichtungen in schönsten Kirchen-Glanze erstrahlen lassen wird. Der Hausherr, Kreisdekan Wolfgang Westenfeld, ist zu Recht schon jetzt stolz auf das, was seine Gemeinde und die Baumeister geleistet haben.

Ami-Kirche
Eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt, die syrisch-orthodoxe, hat in Heilbronn endlich ein eigenes Gotteshaus. Für 800.000 Mark konnte die 450-Seelen-Gemeinde die US-Kirche auf dem Gelände der ehemaligen Wharton-Barracks vom Bund erstehen. Allein 300.000 Mark sind schon durch Spenden der syrisch-orthodoxen Christen im Unterland zusammengekommen. Durch „Bettelprediger“ in vielen Gemeinden dieser christlichen Glaubensrichtung überall in Europa sollen jetzt Spenden gesammelt werden, um den Rest zur vollen Summe zusammenzutragen. Außerdem kostet die Renovierung des ehemaligen US-Gotteshauses nochmal eine halbe Million Mark. Und da hoffen die Syrisch-Orthodoxen auf einen „Sanierungsanteil“ von einer Million Mark durch die Stadt Heilbronn für den sogenannten Schwabenhof. Ein so großes und intensives Engagement der Gläubigen ist auch den Gemeinden unserer sogenannten deutschen Volkskirchen zu wünschen. Die Lebendigkeit des Glaubens ist nämlich am Wirken der Gemeinde zu erkennen und nicht an verheißungsvollen Worten ihrer amtlichen Verkünder.

Ohrfeigen-Urteil
Das war ein herber Schlag. Der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hatte letzte Woche die Betriebsgenehmigung für das Atomkraftwerk Obrigheim aufgehoben. Die Dauergenehmigung erteilt hatten ja die beiden SPD-Minister in der Stuttgarter Großen Koalition Dieter Spöri und Harald B. Schäfer. Wirtschaftsminister und Umweltminister wurden von den Richtern kritisiert, daß „vor Abschluß des Genehmigungsverfahrens im Oktober 1992 etwaige Risiken, die von dem tatsächlichen Zustand der seit 1968 betriebenen Anlage ausgehen könnten, nicht abschließend ermittelt und bewertet“ wurden. Das heißt, die Minister Spöri und Schäfer hätten ihre politischen Hausaufgaben äußerst schlampig gemacht. Der Umweltminister kündigte auch prompt an, er werde wie die Betreiber des Kraftwerks Revision gegen das Urteil einlegen. Und die Grünen im Landtag - und nicht nur die - rieben sich die Hände und sprachen von einer schallenden Ohrfeige des Gerichts für die beiden Minister. Kein gutes Vorzeichen für eine von Dieter Spöri angestrebte rot-grüne Koalition nach der Landtagswahl im März 1996 in Stuttgart.

Ohne Staus?
Es tut sich etwas in Sachen Autobahnzubringer-Ausbau bei Untergruppenbach. Wurde bislang im Heilbronner Gemeinderat und anderen Gremien nur darüber gestritten, ob nun gar nicht ausgebaut, dreispurig ausgebaut oder die Zubringerstraße zur Autobahn Heilbronn-Stuttgart auf vier Spuren erweitert werden soll, sieht man nun bauliche Veränderungen. Die Aral-Tankstelle auf Höhe Untergruppenbach wurde zum Teil abgerissen. Ich bin fast versucht zu behaupten, dies hatte den Charakter einer Nacht-und-Nebelaktion, aber war es wohl doch nicht. Der Abbruch der Tankstelle ist nämlich schon lange beschlossene Sache. In jedem Fall wird es Konkurrenz für die Tankwarte des südlichen Landkreises geben. Denn bei Auenstein wird eine der größten Zapfsäulenanlagen Europas an der Autobahn A 81 gebaut. Für mich ist das wieder mal ein Beleg, wie hoch die Wirtschaftskraft der Region um Heilbronn herum eingeschätzt wird. Denn welcher Konzern investiert in einer Gegend, von der er sich nicht gute Renditen verspricht?

Die Last der Abgaben
Hut ab, Herr Klatte! Sie verschieben nicht nur einfach Kosten und verlagern Sie auf den Bürger. Es geht um die geplatzte Feuerwehrabgabe, die ja von Gerichts wegen kassiert wurde. Bürgermeister Jürgen Klatte erhöht in seiner Kommune Weinsberg nun nicht die Grundsteuer B für Häuslesbesitzer und Wohnungseigentümer. Er versucht den finanziellen Engpaß anderweitig auszugleichen. Recht so, denn bedenkt man, daß künftig Wasser- und Abwasserabgaben in baden-württembergischen Gemeinden kräftig in die Höhe gehen werden, ist die Grenze der Belastbarkeit der Bürger wohl nun doch erreicht. Überhaupt wird das liebe Wasser noch eines der Hauptthemen der Zukunft werden. Wer heute mit einem Schultes spricht, bekommt dazu nicht viel Gutes zu hören. Schon jetzt macht die Klärung der Abwässer einen ordentlichen Brocken im Gemeindeetat aus. Strengere Umweltgesetze haben dafür gesorgt, daß sauberes Wasser nicht mehr für einen Appel und ein Ei zu haben ist. Und da die kommunalen Verwaltungen zum Prinzip der Kostendeckung vergattert sind, müssen sie die Klärkosten und die Kosten für Investitionen wie Kläranlagen oder neue Rohrleitungen an die Bürgerinnen und Bürger weitergeben.

Schweigen im Walde
Was macht eigentlich der Neckarwestheimer Bürgermeister Horst Armbrust? Er schweigt. Das hört man aus seiner engsten Umgebung. Doch irgendwann muß die Staatsanwaltschaft wohl doch die Punkte für eine Anklage zusammenhaben. Ob Horst Armbrust seine Lage durchs Nichts-Sagen verbessert sei dahingestellt. Doch ein ganz anderer Punkt stimmt nachdenklich. Zu leiden hat unter dem Neckarwestheimer Millionenskandal auch die Familie des Bürgermeisters. Da wird so eine Art Sippenhaft von bestimmten Menschen in Neckarwestheim verhängt. Ein schlechter Charakterzug!

Kapitulation
Der 8. Mai 1995 ist ein Samstag und Gedenktag - vor fünfzig Jahren kapitulierte das nationalsozialistische Deutsche Reich. Für viele, die erst nach dem Krieg geboren wurden, ist das der Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur. Und für viele Überlebende, die unter den Nazis erbärmlich gelitten hatten, ebenfalls. Aber für die meisten Deutschen damals im Jahre 1945, die Väter, Mütter, Söhne, Töchter und andere Verwandte oder Bekannte durch das Kriegsgeschehen verloren hatten, war dieser Tag nur ein Ende der Höllenfahrt, kein Freudentag. - Heute ist der 8. Mai Gedenktag, um an schreckliche und tragische Zeiten zu erinnern. Nach diesem Frühlingstag im Jahre 1945 war Deutschland zerrissen, kein selbständiger Staat mehr. Das deutsche Volk schien wie gelähmt zu sein und stand wegen der ungeheuren Nazi-Greueltaten am Pranger - vor aller Welt. In dieser „Stunde Null“ gings wie zuvor auch ums nackte Überleben. Gerade in einer Stadt wie Heilbronn werden in diesen Mai-Tagen viele ihrer Toten aus den Kriegszeiten gedenken. Befreiung? Der Hölle entronnen? Untergang? Tag der Niederlage? Alles nur wohlfeile politische Schlagworte, die den Schmerz, den der Zweite Weltkrieg bei den Überlebenden damals eingebrannt hatte, nicht wegwischen können.

Tag der Befreiung
In Heilbronn werden am 8. Mai viele Veranstaltungen zum 50 Jahrestag „Ende des Zweiten Weltkrieges“ über die Bühne gehen. Insgesamt 20 Gruppierungen warten mit 18 Veranstaltungen auf. „Für uns ist der 8. Mai nicht der Tag der Kapitulation, sondern der Tag der Befreiung von Faschismus und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.“, heißt es in Aufrufen. Wer hat denn da wen befreit? Die Deutschen sich selber garantiert nicht. Der 8. Mai ist der Tag der deutschen Kapitulation - und zwar der bedingungslosen. Und dieser historische Akt mußte auf schauerliche Weise mehrmals wiederholt werden. Vor allem legten die Sowjets gesteigerten Wert auf diese Zeremonie. Auch damals mußte alles seine Ordnung haben - so verlangten es die Sieger. Die Militär-Machthaber kapitulierten im Namen des deutschen Volkes. Die Alliierten gewannen diesen Krieg, keine deutschen Antifaschisten -  und sie diktierten die Bedingungen für den Frieden. Die Nachkriegsgeschichte müßte eigentlich alle Deutschen lehren, daß ein glühender Antifaschist noch lange kein aufrechter Demokrat ist. Denn entscheidendes Kennzeichen des Demokraten ist, daß er sich gegen jegliche Form des Totalitarismus ausspricht und tatkräftig einsetzt. Die „feindlichen Brüder der Nazis“, die Kommunisten, nannten sich Antifaschisten und wurden deshalb noch lange keine Demokraten. Sie befolgten nicht die Lehre aus der Nazizeit, als Demokrat gegen jegliche Form des Totalitären anzutreten. Im Gegenteil. Sie ließen in den Gefängnissen und KZs der Nazis die Terrorherrschaft nur unter rotem Vorzeichen wiederauferstehen. Und deshalb müßte einen aufrechten Demokraten heute kennzeichnen, daß er Anti-Nazi und Anti-Kommunist ist.

Im Ruhestand
Nun ist er im verdienten Ruhestand: Heiner Weidner, Pressesprecher des Landratsamtes Heilbronn. In seine Zeit fielen zwei deftige Kommunalskandale: der Fall des Bürgermeisters von Beilstein und die Neckarwestheimer Millionenpleite. Weidner wehrt sich immer wieder, daß - auch an dieser Stelle - seinen beiden Landräten Widmaier und Czernuska eine Mitschuld am Versagen der beiden Bürgermeister gegeben wird. Daß er sich vor die beiden Landräte stellt, ehrt Heiner Weidner. Doch mal Hand aufs Herz, Herr Weidner, in der Position eines Landrates hört man doch das Gras wachsen? Und Anzeichen, daß in Beilstein, aber auch in Neckarwestheim nicht alles zum besten bestellt ist, hat es weit früher gegeben, als die beiden Skandale ruchbar wurden. 

Audi und Fiat
Audi und Fiat - das sind die Traditionsfirmen, die in diesem Jahrhundert bisher für den Industriestandort Unterland stehen. Allerdings: Wenn Audi in Neckarsulm hustet, dann bekommt die Region Franken, das heißt der neue „Wirtschaftsraum Heilbronn“, einen Husten. Aber die Erkältungsgefahr für Audi scheint vorerst gebannt. Im vergangenen April wurde für die rund 31.800 Beschäftigten wegen der schlechten Absatzlage eine Regelarbeitszeit von 32,4 Stunden ausgehandelt. Aber die wirtschaftliche Lage bei Audi ist heute so gut, daß jetzt die Arbeitszeit pro Woche wieder auf 35 Stunden heraufgesetzt wird. Und auch die Gehälter steigen seit 1. April wieder auf 97,2 Prozent der tariflichen Regelarbeitszeit, die ja bei 36 Stunden liegt. Um die gestiegene Nachfrage nach Audi-Fahrzeugen weiterhin decken zu können, wird sogar ab Mai die Nachtschicht ausgedehnt. - Auch der zweite große Autofirma im Unterland, die Fiat AG in Heilbronn, kann sich freuen. Der jetzt scheidende Vorstandsvorsitzende Dietmar Fütterer und seine Mannschaft haben es geschafft, dem italienischen Autoimporteur in diesem Jahr ein Umsatzplus von rund 25 Prozent zu bescheren. Angepeilt wird von Fiat, am Ende des Jahres 1995 an erster Stelle der Importeure in Deutschland zu stehen. Und das ohne Dietmar Fütterer, der dann schon in der Zentrale in Turin seinen Schreibtisch bezogen hat.

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