Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 26.04.1995



Ohrfeigen-Urteil
Das war ein herber Schlag. Der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hat die Dauerbetriebsgenehmigung für das Atomkraftwerk Obrigheim aufgehoben. Die Dauergenehmigung erteilt hatten ja die beiden SPD-Minister in der Stuttgarter Großen Koalition Dieter Spöri und Harald B. Schäfer. Wirtschaftsminister und Umweltminister wurden von den Richtern kritisiert, daß „vor Abschluß des Genehmigungsverfahrens im Oktober 1992 etwaige Risiken, die von dem tatsächlichen Zustand der seit 1968 betriebenen Anlage ausgehen könnten, nicht abschließend ermittelt und bewertet“ wurden. Das heißt, die Minister Spöri und Schäfer hätten ihre politischen Hausaufgaben äußerst schlampig gemacht. Der Umweltminister kündigte auch prompt an, er werde wie die Betreiber des Kraftwerks Revision gegen das Urteil einlegen. Und die Grünen im Landtag - und nicht nur die - rieben sich die Hände und sprachen von einer schallenden Ohrfeige des Gerichts für die beiden Minister. Kein gutes Vorzeichen für eine von Dieter Spöri angestrebte rot-grüne Koalition nach der Landtagswahl im März 1996 in Stuttgart.

Schadenfreude?
Unser Heilbronner SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Dieter Spöri und sein Genosse, Umweltminister Harald B. Schäfer stehen nun im Kreuzfeuer der Kritik in ihrer eigenen Partei. Spöri wird vom SPD-Fraktionsboss Ulrich Maurer und von den Jusos vorgeworfen, daß sie sich zu schnell auf die Seite der Kernenergiebefürworter gestellt haben. Spöri scheint geschwächt, besonders, wenn man die ganze Geschichte vor dem Hintergrund der Landtagswahl 1996 sieht. Denn da ist es gar nicht mehr so sicher, daß der smarte Mantel- und Hoffnungsträger von einst wieder als Spitzenmann der Sozialdemokraten antritt. Zu sehr nehmen ihm viele Genossen von der  Basis seine Nähe zur Industrie übel. Ein „Freund der Industriebosse“ als erster Mann der Sozialdemokraten? Nein danke, hörte ich auf diese Frage unlängst im Ortsverein der SPD in Böckingen. Andererseits wäre die linke Volkspartei schlecht beraten, zöge sie mit einem Anti-Volkstyp, wie es Uli Maurer einer ist, in den Wahlkampf.

Unnütz wie ein Kropf?
Sie erinnern sich noch an den weltweit einzigen und ersten Ozonversuch in Heilbronn/Neckarsulm? Teuer war er und gebracht hat er keine Erkenntnisse außer Binsenweisheiten, die schon vor Beginn des Test feststanden. Daß die vom Auto herausgeblasenen Schadstoffe weniger werden, wenn man nicht fährt oder weniger Gas gibt war klar. Doch das Stuttgarter Umweltministerium entblödet sich nicht nun auch noch Geld für eine Umfrage bei der Bevölkerung auszugeben, um herauszubekommen, wie der Versuch bei der Bevölkerung angekommen ist. 80 Prozent der Menschen haben den Versuch im nachhinein als positiv empfunden. Ich auch, aber muß ein Umweltminister Schäfer zum Zwecke der Eigenwerbung - und nichts anderes ist diese Umfrage - Steuergelder verpulvern? Und Schäfer weiß von den Klimaforschern der Universität Karlsruhe mittlerweile ganz genau, daß Fahrverbote zu Zeiten hoher Ozonkonzentrationen überhaupt keinen Wert haben.Man müßte sie dann aussprechen, wenn schlechtes Wetter herrscht, aber ein Hoch im Anzug ist. Das liegt an den komplexen Umwandlungsprozessen des Reizgases. Schäfer ignoriert diese längst feststehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und betreibt Imagepflege in eigener Sache, und immer wieder muß der Ozonversuch von Heilbronn/Neckarsulm dazu herhalten.

Reicher Einkauf
Von reichen Leuten kann man das Sparen lernen, heißt es doch so schön. Wer zu großen Einkaufsketten wie Handelshof oder Aldi geht und sich dort mit den Waren des täglichen Bedarfs eindeckt, kann diese Lebensweisheit nur bestätigen. Es ist eben nicht mehr so, daß Besserverdienende lieber in Einzelhandelsgeschäfte gehen und dort ihr Obst oder Getränke kaufen. Man geht zu den Großen der Branche. Quer durch alle sozialen Schichten ist dieses Phänomen zu beobachten. Ein herber Verlust für den Einzelhandel. Das kann man auch in Neckarsulm oder Heilbronn feststellen. Nur vergißt so mancher Billig-Einkäufer wahrscheinlich, daß, sollten am Ende nur noch die Riesen der Branche übrigbleiben, die dann auch die Preise unter sich ausmachen. Und dann wird es nicht mehr so billig für den Verbraucher.

Berliner Platz
Bisher gibt es nur ein Vertragsangebot. Die Stadt Heilbronn und die Stuttgarter Bülow AG haben ein „Grundstückvertrags-Angebot“ unterzeichnet, mit dem das Unternehmen eine Kaufoption auf das Grundstück westlich des Theaterbaus mit 8.480 Quadratmetern besitzt. Die Chancen für eine notwendige und sinnvolle Überbauung des Berliner Platzes, dem derzeit noch reichlich häßlichen „Nord-Tor“ zur Heilbronner City, sind also beträchtlich gewachsen. Jetzt geht es auch noch um den Kauf des letzten Privatgrundstücks. Dann soll auf dem Schandfleck neben dem Stadttheater ein prachtvoller Neubau entstehen, der nach derzeitigen Planungen rund 150 Millionen Mark kosten wird. Was später alles dort untergebracht sein wird, das wird die Zukunft weisen. Neben Büros, Praxen, Läden - so die ersten Planungen - soll auch eine weitere Kulturstätte am Berliner Platz in den Neubau angesiedelt werden. Man denkt an Musical, Kabarett, Varieté oder Kinos. Ich drücke den Initiatoren, dem mutigen Unternehmer Horst Bülow und dem ideenreichen Ersten Bürgermeister Heilbronns Werner Grau, hier oben auf dem Turm meine steinernen Daumen. Hoffentlich wirds noch was in diesem Jahrtausend mit der schon so oft versprochenen Überbauung des Berliner Platzes.

Peter und Paul
Die katholische Gemeinde des Deutschordensmünsters ist zur Zeit Gast in der evangelischen Kilianskirche. So ändern sich die Zeiten. Als ich begann, dieses hohe Haus hier oben auf dem Kiliansturm zu bewachen, da gab‘s in deutschen Landen nur eine christliche Kirche. Aber die Zeiten sind schon lang vorbei. Jetzt sind es viele. Und die Traditionsreichste kehrte zu meiner Freude für kurze Zeit in meinen Bau zurück. Aber diese Besuchszeit der Katholiken neigt sich dem Ende zu: am 2. Juli 1995 wird das Deutschordensmünster Sankt Peter und Paul feierlich eingeweiht werden. Und damit kann die Gemeinde wieder an ihren angestammten Ort, den ältesten Sakralbau in Heilbronn, zurückkehren. Für acht Millionen Mark wurde das geschichtsträchtige Münster renoviert. Und herausgekommen ist eine Meisterleistung der Restauratoren, die das Haus mit all seinen unterschiedlichen Stilrichtungen in schönsten Kirchen-Glanze erstrahlen lassen wird. Der Hausherr, Kreisdekan Wolfgang Westenfeld, ist zu Recht schon jetzt stolz auf das, was seine Gemeinde und die Baumeister geleistet haben.

Ami-Kirche
Eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt, die syrisch-orthodoxe, hat in Heilbronn endlich ein eigenes Gotteshaus. Für 800.000 Mark konnte die 450-Seelen-Gemeinde die US-Kirche auf dem Gelände der ehemaligen Wharton-Barracks vom Bund erstehen. Allein 300.000 Mark sind schon durch Spenden der syrisch-orthodoxen Christen im Unterland zusammengekommen. Durch „Bettelprediger“ in vielen Gemeinden dieser christlichen Glaubensrichtung überall in Europa sollen jetzt Spenden gesammelt werden, um den Rest zur vollen Summe zusammenzutragen. Außerdem kostet die Renovierung des ehemaligen US-Gotteshauses nochmal eine halbe Million Mark. Und da hoffen die Syrisch-Orthodoxen auf einen „Sanierungsanteil“ von einer Million Mark durch die Stadt Heilbronn für den sogenannten Schwabenhof. Ein so großes und intensives Engagement der Gläubigen ist auch den Gemeinden unserer sogenannten deutschen Volkskirchen zu wünschen. Die Lebendigkeit des Glaubens ist nämlich am Wirken der Gemeinde zu erkennen und nicht an verheißungsvollen Worten ihrer amtlichen Verkünder.

Ohne Staus?
Es tut sich etwas in Sachen Autobahnzubringer-Ausbau bei Untergruppenbach. Wurde bislang im Heilbronner Gemeinderat und anderen Gremien nur darüber gestritten, ob nun gar nicht ausgebaut, dreispurig ausgebaut oder die Zubringerstraße zur Autobahn Heilbronn-Stuttgart auf vier Spuren erweitert werden soll, sieht man nun bauliche Veränderungen. Die Aral-Tankstelle auf Höhe Untergruppenbach wurde zum Teil abgerissen. Ich bin fast versucht zu behaupten, dies hatte den Charakter einer Nacht-und-Nebelaktion, aber war es wohl doch nicht. Der Abbruch der Tankstelle ist nämlich schon lange beschlossene Sache. In jedem Fall wird es Konkurrenz für die Tankwarte des südlichen Landkreises geben. Denn bei Auenstein wird eine der größten Zapfsäulenanlagen Europas an der Autobahn A 81 gebaut. Für mich ist das wieder mal ein Beleg, wie hoch die Wirtschaftskraft der Region um Heilbronn herum eingeschätzt wird. Denn welcher Konzern investiert in einer Gegend, von der er sich nicht gute Renditen verspricht?

Kapitulation
Der 8. Mai 1995 ist ein Samstag und Gedenktag - vor fünfzig Jahren kapitulierte das nationalsozialistische Deutsche Reich. Für viele, die erst nach dem Krieg geboren wurden, ist das der Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur. Und für viele Überlebende, die unter den Nazis erbärmlich gelitten hatten, ebenfalls. Aber für die meisten Deutschen damals im Jahre 1945, die Väter, Mütter, Söhne, Töchter und andere Verwandte oder Bekannte durch das Kriegsgeschehen verloren hatten, war dieser Tag nur ein Ende der Höllenfahrt, kein Freudentag. - Heute ist der 8. Mai Gedenktag, um an schreckliche und tragische Zeiten zu erinnern. Nach diesem Frühlingstag im Jahre 1945 war Deutschland zerrissen, kein selbständiger Staat mehr. Das deutsche Volk schien wie gelähmt zu sein und stand wegen der ungeheuren Nazi-Greueltaten am Pranger - vor aller Welt. In dieser „Stunde Null“ gings wie zuvor auch ums nackte Überleben. Gerade in einer Stadt wie Heilbronn werden in diesen Mai-Tagen viele ihrer Toten aus den Kriegszeiten gedenken. Befreiung? Der Hölle entronnen? Untergang? Tag der Niederlage? Alles nur wohlfeile politische Schlagworte, die den Schmerz, den der Zweite Weltkrieg bei den Überlebenden damals eingebrannt hatte, nicht wegwischen können.

Tag der Befreiung
In Heilbronn werden am 8. Mai viele Veranstaltungen zum 50 Jahrestag „Ende des Zweiten Weltkrieges“ über die Bühne gehen. Insgesamt 20 Gruppierungen warten mit 18 Veranstaltungen auf. „Für uns ist der 8. Mai nicht der Tag der Kapitulation, sondern der Tag der Befreiung von Faschismus und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.“, heißt es in Aufrufen. Wer hat denn da wen befreit? Die Deutschen sich selber garantiert nicht. Der 8. Mai ist der Tag der deutschen Kapitulation - und zwar der bedingungslosen. Und dieser historische Akt mußte auf schauerliche Weise mehrmals wiederholt werden. Vor allem legten die Sowjets gesteigerten Wert auf diese Zeremonie. Auch damals mußte alles seine Ordnung haben - so verlangten es die Sieger. Die Militär-Machthaber kapitulierten im Namen des deutschen Volkes. Die Alliierten gewannen diesen Krieg, keine deutschen Antifaschisten -  und sie diktierten die Bedingungen für den Frieden. Die Nachkriegsgeschichte müßte eigentlich alle Deutschen lehren, daß ein glühender Antifaschist noch lange kein aufrechter Demokrat ist. Denn entscheidendes Kennzeichen des Demokraten ist, daß er sich gegen jegliche Form des Totalitarismus ausspricht und tatkräftig einsetzt. Die „feindlichen Brüder der Nazis“, die Kommunisten, nannten sich Antifaschisten und wurden deshalb noch lange keine Demokraten. Sie befolgten nicht die Lehre aus der Nazizeit, als Demokrat gegen jegliche Form des Totalitären anzutreten. Im Gegenteil. Sie ließen in den Gefängnissen und KZs der Nazis die Terrorherrschaft nur unter rotem Vorzeichen wiederauferstehen. Und deshalb müßte einen aufrechten Demokraten heute kennzeichnen, daß er Anti-Nazi und Anti-Kommunist ist.

Im Ruhestand
Nun ist er im verdienten Ruhestand: Heiner Weidner, Pressesprecher des Landratsamtes Heilbronn. In seine Zeit fielen zwei deftige Kommunalskandale: der Fall des Bürgermeisters von Beilstein und die Neckarwestheimer Millionenpleite. Weidner wehrt sich immer wieder, daß - auch an dieser Stelle - seinen beiden Landräten Widmaier und Czernuska eine Mitschuld am Versagen der beiden Bürgermeister gegeben wird. Daß er sich vor die beiden Landräte stellt, ehrt Heiner Weidner. Doch mal Hand aufs Herz, Herr Weidner, in der Position eines Landrates hört man doch das Gras wachsen? Und Anzeichen, daß in Beilstein, aber auch in Neckarwestheim nicht alles zum besten bestellt ist, hat es weit früher gegeben, als die beiden Skandale ruchbar wurden. 

Verlagerungen
Die Wirtschaft bei uns in der Region muß kräftig sparen. Aber wenn sie überleben will auch investieren. Neue Lohnerhöhungen, treibende Kosten durch Kommunen, Land und Bund zwingen schon seit längerer Zeit zu Überlegungen, teure Arbeitsplätze im Wirtschaftsraum Heilbronn abzubauen und im billigen Ausland neu zu errichten. In der Bundeshauptstadt logen die politisch Verantwortlichen eine Zeit lang in die Tasche, indem sie behaupteten, von den 300 Firmen-Verlagerungen aus Berlin seien in der Mehrzahl im Lande Brandenburg wiederzufinden. Nicht einmal 100 waren dort gelandet. Polen ist eben weitaus preiswerter als das Umland von Berlin. Und wenn man es genau nimmt, dann gehört ja Polen zum erweiterten Umland der neuen Bundeshauptstadt. So exportieren wir in Deutschland Arbeitsplätze. Aber nicht nur aus Berlin, sondern auch aus der Region Franken  - nach Polen und in andere Billig-Lohn-Länder des Ostens. Wie lange können wir uns das noch leisten, ohne daß die eigene arbeitende Bevölkerung Schaden nimmt?

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