Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 03.05.1995



Strobl folgt Susset
Es schien wie ein ehernes Gesetz bei der CDU im Unterland: Der Vorsitzende des Kreisverbands kommt aus dem Landkreis Heilbronn. Das hat sich jetzt geändert. Lange 17 Jahre hindurch führte der Landwirt und Bürgermeister a. D. aus Wimmental Egon Susset die Christdemokraten als ihr Kreisvorsitzender. Und mit ihm wurde die CDU im Unterland stärkste parteipolitische Gruppierung. Zog Susset 1969 erstmals über die Landesliste in den Deutschen Bundestag, so verteidigt er seit 1976 das Direktmandat erfolgreich gegen seine SPD- und anderen Mitbewerber. In seine Führungszeit fällt auch, daß die CDU im Unterland seither ununterbrochen die drei direkt gewählten Landtagsabgeordneten, den Heilbronner Oberbürgermeister und den Landrat stellt. Wahrhaftig - eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Jetzt hat die Unterländer CDU einen Generationswechsel vollzogen. Thomas Strobl heißt der neue, 35 jährige  Kreisvorsitzende, der in der letzten Woche gegen die Untergruppenbacher Gemeinderätin und Kreisrätin Friedlinde Gurr-Hirsch (41) das Rennen machte. 233 gegen 163 Stimmen lautete sein Wahlergebnis. Damit führt jetzt ein Vertreter aus der Stadt Heilbronn die CDU im Unterland. Thomas Strobl, Jurist und Parlamentarischer Berater im Stuttgarter Landtag, ist ehrenamtlich als Stadtrat und stellvertretender Fraktionschef im Heilbronner Gemeinderat tätig. Seit seiner Schülerzeit in Heilbronn ist er in der CDU aktiv und hat sich seine parteipolitische Karriere in den Jahren hart erkämpfen müssen. Mit dem Wechsel im CDU-Vorsitz dürften jetzt auch die Weichen für die Nachfolge bei der CDU-Kandidatur für die Bundestagswahl 1998 gestellt sein.

ÖTV-Chefin
Manfred Keppler, Erster Bevollmächtigter der ÖTV-Verwaltungsstelle Heilbronn-Schwäbisch Hall gibt aus gesundheitlichen Gründen sein Amt bis zum 31. August ab. Damit tritt ein aufrechter und ohne Schnörkel argumentierender Gewerkschafter aus echtem Schrot und Korn von der tarifpolitischen Bühne ab. Vor allem seine hart vorgetragenen Ansichten zur Kernkraft waren ja in seiner Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr - vor allem bei linken Funktionären - umstritten. Jetzt hat der ÖTV-Kreisvorstand die 40-jährige Marianne Kugler-Wendt als seine Nachfolgerin gewählt. Sie war seit 1979 schon als streitbare Gewerkschaftssekretärin in Heilbronn aufgefallen. Und als SPD-Stadträtin hat sie sich, obwohl erst im letzten Jahr gewählt, durch politische Argumente und kämpferische Aktionen schon in die erste Reihe ihrer Fraktion gestellt.

Kniep geht
Bei der Industrie- und Handelskammer Heilbronn setzt der Wechsel an der Spitze früher als erwartet sein. Professor Dr. Klaus Kniep (58) scheidet zum  30. Juni auf eigenen Wunsch aus den Diensten der Kammer aus. Der Stellvertretender Hauptgeschäftsführer galt lange Zeit als Kronprinz für die Nachfolge von Hauptgeschäftsführer Dr. Horst Schmalz. Aber erst im November 1994 hatte die IHK-Vollversammlung Heinrich Metzger von der Ludwigsburger Kammer zum neuen Hauptgeschäftsführer in Heilbronn gewählt. Ab Oktober diesen Jahres wird Metzger schon in Heilbronn arbeiten, um bestens gerüstet im September 1996 das Amt vom dann 65 jährigen Dr. Horst Schmalz ganz offiziell zu übernehmen. Daß es um die Chemie an der Spitze der IHK in Heilbronn nicht allzugut bestellt war, das pfiffen in Wirtschaftskreisen der Region die Spatzen schon seit langem von den Dächern Fabrikhallen. Zwischen IHK-Präsident Otto Christ und Klaus Kniep gab es Spannungen, die offensichtlich zu diesem vorzeitigen Ausscheiden des stellvertretenden Hauptgeschäftsführers führten. Dabei gilt Klaus Kniep als Kenner der Region: seit 1971 war er IHK-Geschäftsführer, gründete 1973 den Wirtschaftsjuniorenkreis, 1988 wurde er Honorarprofessor an der Heilbronner Fachhochschule und war in den letzten Jahren bemühte sich aktiv um Kammerkontakte in die neuen Bundesländer. - Der nächste, vorprogrammierte Wechsel dürfte demnächst beim IHK-Präsidenten-Amt anstehen. Wie heißt der Nachfolger von Otto Christ?

Schadenfreude?
Unser Heilbronner SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Dieter Spöri und sein Genosse, Umweltminister Harald B. Schäfer stehen nun im Kreuzfeuer der Kritik in ihrer eigenen Partei. Spöri wird vom SPD-Fraktionsboss Ulrich Maurer und von den Jusos vorgeworfen, daß sie sich zu schnell auf die Seite der Kernenergiebefürworter gestellt haben. Spöri scheint geschwächt, besonders, wenn man die ganze Geschichte vor dem Hintergrund der Landtagswahl 1996 sieht. Denn da ist es gar nicht mehr so sicher, daß der smarte Mantel- und Hoffnungsträger von einst wieder als Spitzenmann der Sozialdemokraten antritt. Zu sehr nehmen ihm viele Genossen von der  Basis seine Nähe zur Industrie übel. Ein „Freund der Industriebosse“ als erster Mann der Sozialdemokraten? Nein danke, hörte ich auf diese Frage unlängst im Ortsverein der SPD in Böckingen. Andererseits wäre die linke Volkspartei schlecht beraten, zöge sie mit einem Anti-Volkstyp, wie es Uli Maurer einer ist, in den Wahlkampf.

Unnütz wie ein Kropf?
Sie erinnern sich noch an den weltweit einzigen und ersten Ozonversuch in Heilbronn/Neckarsulm? Teuer war er und gebracht hat er keine Erkenntnisse außer Binsenweisheiten, die schon vor Beginn des Test feststanden. Daß die vom Auto herausgeblasenen Schadstoffe weniger werden, wenn man nicht fährt oder weniger Gas gibt war klar. Doch das Stuttgarter Umweltministerium entblödet sich nicht nun auch noch Geld für eine Umfrage bei der Bevölkerung auszugeben, um herauszubekommen, wie der Versuch bei der Bevölkerung angekommen ist. 80 Prozent der Menschen haben den Versuch im nachhinein als positiv empfunden. Ich auch, aber muß ein Umweltminister Schäfer zum Zwecke der Eigenwerbung - und nichts anderes ist diese Umfrage - Steuergelder verpulvern? Und Schäfer weiß von den Klimaforschern der Universität Karlsruhe mittlerweile ganz genau, daß Fahrverbote zu Zeiten hoher Ozonkonzentrationen überhaupt keinen Wert haben. Man müßte sie dann aussprechen, wenn schlechtes Wetter herrscht, aber ein Hoch im Anzug ist. Das liegt an den komplexen Umwandlungsprozessen des Reizgases. Schäfer ignoriert diese längst feststehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und betreibt Imagepflege in eigener Sache, und immer wieder muß der Ozonversuch von Heilbronn/Neckarsulm dazu herhalten.

Ami-Kirche
Eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt, die syrisch-orthodoxe, hat in Heilbronn endlich ein eigenes Gotteshaus. Für 800.000 Mark konnte die 450-Seelen-Gemeinde die US-Kirche auf dem Gelände der ehemaligen Wharton-Barracks vom Bund erstehen. Allein 300.000 Mark sind schon durch Spenden der syrisch-orthodoxen Christen im Unterland zusammengekommen. Durch „Bettelprediger“ in vielen Gemeinden dieser christlichen Glaubensrichtung überall in Europa sollen jetzt Spenden gesammelt werden, um den Rest zur vollen Summe zusammenzutragen. Außerdem kostet die Renovierung des ehemaligen US-Gotteshauses nochmal eine halbe Million Mark. Und da hoffen die Syrisch-Orthodoxen auf einen „Sanierungsanteil“ von einer Million Mark durch die Stadt Heilbronn für den sogenannten Schwabenhof. Ein so großes und intensives Engagement der Gläubigen ist auch den Gemeinden unserer sogenannten deutschen Volkskirchen zu wünschen. Die Lebendigkeit des Glaubens ist nämlich am Wirken der Gemeinde zu erkennen und nicht an verheißungsvollen Worten ihrer amtlichen Verkünder.

Kapitulation
Der 8. Mai 1995 ist ein Samstag und Gedenktag - vor fünfzig Jahren kapitulierte das nationalsozialistische Deutsche Reich. Für viele, die erst nach dem Krieg geboren wurden, ist das der Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur. Und für viele Überlebende, die unter den Nazis erbärmlich gelitten hatten, dürfte dieser 8. Mai im wahrsten Sinne des Wortes ein Tag der Befreiung gewesen sein. Aber für die meisten Deutschen damals im Jahre 1945, die Väter, Mütter, Söhne, Töchter und andere Verwandte oder Bekannte durch das Kriegsgeschehen verloren hatten, war dieser Tag nur ein Ende der Höllenfahrt, ein Tag des Aufatmens, nicht unbedingt ein Freudentag. - Heute ist der 8. Mai Gedenktag, um an schreckliche und tragische Zeiten zu erinnern. Nach diesem Frühlingstag im Jahre 1945 war Deutschland zerrissen, kein selbständiger Staat mehr. Das deutsche Volk schien wie gelähmt und stand wegen der ungeheuren Nazi-Greueltaten am Pranger - vor aller Welt. In dieser „Stunde Null“ gings wie zuvor auch ums nackte Überleben. Gerade in einer Stadt wie Heilbronn werden in diesen Mai-Tagen viele ihrer Toten aus den Kriegszeiten gedenken. Befreiung? Der Hölle entronnen? Untergang? Tag der Niederlage? Alles nur wohlfeile politische Schlagworte, die den Schmerz, den der Zweite Weltkrieg bei den Überlebenden damals eingebrannt hatte, nicht wegwischen können.
 
Kandidaten
Die Freien Demokraten in der Stadt Heilbronn haben ihren Kandidaten für die Landtagswahl im März 1996 gekürt: Fachhochschul-Professor Dr. Georg Bucher (43) aus Schwaigern. Zweitkandidatin wurde die 48 jährige  Ingeborg Wenzel, Chefin einer Personal Service GmbH in Heilbronn. Verwunderlich an der Geschichte ist eigentlich nur, daß ein Mann aus dem Wahlkreis des FDP-Landtagsabgeordneten Richard Drautz liberaler Kandidat in Heilbronn wird, während Richard Drautz seinen Wohnsitz in Heilbronn hat. Wäre es da für die FDP nicht einfacher gewesen, den Professor Bucher aus Schwaigern im Wahlkreis Eppingen kandidieren und den Heilbronner Wengerter Drautz in seinem Heimatort für den Wahlkampf antreten zu lassen? Aber - das ist halt jetzt die hohe Schule der Politik. Schließlich konnte die FDP bei der letzten Landtagswahl 1992 nur 4,2 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Heilbronn erzielen. Und diese hohe Politik, die versteht unsereins auf dem steinernen Turm eben nicht so richtig.

1. Mai
Der Tag der Arbeit war in diesem Jahr ein Montag und selbstverständlich wie es Tradition ist, ein Feiertag. Die deutschen Gewerkschaften und ihre Mitglieder marschierten und demonstrierten - gegen Arbeitslosigkeit und gegen weiteren Sozialabbau. In Heilbronn sprach der erste Bevollmächtigte der IG-Metall Heilbronn/Neckarsulm Frank Stroh zu den 500 Demonstranten und forderte auf, darüber nachzudenken, wie man flexiblere Arbeitszeitmodelle entwickeln könne. Aber nicht nur das. Strohs Mairede war staatstragend und regional bestimmt. Nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander in der Region stand im Vordergrund seiner Rede. Klar erkannte er, daß selbst bei steigender Produktion künftig keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen werden. Strukturwandel war sein Zauberwort . Nur hochwertige Produkte, die am Markt absetzbar sind, die schaffen günstige Voraussetzungen - auch für den Arbeitsmarkt. Und deshalb plädierte der Gewerkschafter für den Ausbau der Umwelttechnologie im Unterland. Das sollten sich auch einige Kommunalpolitiker hinter die Ohren schreiben - und endlich etwas tun. 8500 Arbeitsplätze sind in den vergangenen drei Jahren im Unterland abgebaut worden. Das ist ein schmerzlicher Rekord und 8500 zuviel. 

SPD-Krach
Der eine ist Staatsanwalt und SPD-Fraktionsvorsitzender, der andere Kriminalbeamter und SPD-Stadtrat. Friedrich Niethammer und Herbert Burkhardt sind jetzt harsch aneinandergeraten. In einem zornigen Brief schrieb Niethammer seinem Fraktionskollegen Burkhardt, daß  seine SPD-Fraktion im Heilbronner Gemeinderat kein Haufen sei, wo jeder sagen und machen kann, was er will oder wo ein einzelner sich rücksichtslos auf Kosten der Mehrheit profilieren dürfe. Hintergrund: Der Kriminal- und Vorbeugungsbeamte Herbert Burkhardt hatte sich erlaubt, zum Thema „Verbrechensvorbeugung im Rahmen der Bauleitplanung“ im Heilbronner Gemeinderat seine eigene Meinung deutlich klarzustellen. Sie stand im Gegensatz zu Aussagen des SPD-Bürgermeisters Harald Friese und der SPD-Fraktion. Beifall erhielt Burkhardt für seine Ausführungen von der CDU und den Repubikanern. Jetzt drohte Niethammer in einem Brief, daß seine Partei und die Fraktion sich von diesem undisziplinierten Kollegen so schnell wie möglich trennen wolle. Burkhardt solle seinen politischen Standort überprüfen und möglichst rasch Konsequenzen ziehen. Aber der denkt gar nicht daran. Er will seine Meinungen nach wie vor standhaft vertreten, ob es Friedrich Niethammer paßt oder nicht. So ist das halt, wenn die Erfahrungen aus der Praxis und der Theorie aufeinanderprallen. Ich hoffe nur, daß auch bei der SPD Rede- und Meinungsfreiheit im Heilbronner Rathaus nicht durch Fraktionszwänge ausgehebelt werden.

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