Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 31.05.1995



Wen stören sie?
Ist Rauschgiftkonsum und -handel in Heilbronn etwa nur eine Erscheinung unserer Zeit, die es achselzuckend und leichthin hinzunehmen gilt - wie etwa die Luftverschmutzung, Unfallzahlen im Straßenverkehr oder Bürgerkriege im Südosten Europas? „Ohne-mich-el“ nannte man zu einer Zeit, als es in Deutschland noch kein Rauschgiftproblem gab, jene Leute, die sich um die Allgemeinprobleme nicht bekümmerten. Warum kann man die Junkies im Heilbronner Stadtpark nicht gewähren lassen, wen stören sie denn? So wurde dieser Tage verwundert und naiv gefragt. Die Antwort hat die Polizei schon längst gegeben. Rauschgifthandel und -konsum ziehen andere kriminelle Aktivitäten nach sich: Straßenüberfälle, unkontrollierte Prostitution, Bandenkrieg, Wohnungseinbrüche. Das alles hatten wir ja zur Genüge - rund um den Stadtgarten. Wer nicht erkennt, daß harte Drogen ein Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft sind, der fordert die multikulturellen Dealer geradezu auf, ihr kriminelles Tun noch zu steigern. In einer freien Gesellschaft kann jeder tun und lassen was er will, solange er die Rechte der anderen nicht beeinträchtigt. Heilbronn wurde von Drogenhändlern und Süchtigen in den vergangenen Jahren zu einer Drehscheibe für ihr kriminelles Tun ausgebaut. Jetzt, nachdem der Stadtpark an der Harmonie drogenfrei ist, wird der Staat mal wieder als hilflos dargestellt, nur weil er das Drogenproblem nicht völlig in den Griff bekommt. Viel gefährlicher für unsere Gesellschaft scheinen mir jedoch jene Zeitgenossen, die das Problem bagatellisieren - und damit dem tödlichen Dealen Vorschub leisten. Vielleicht wachen sie auf, wenn gebrauchte Spritzen in ihren Vorgärten auftauchen.

Gell, da glotzsch
Wenn ich Ihnen erzähle: zwölf Runden, 13.000 Zuschauer und 13 Millionen bei RTL vor den Bildschirmen, dann wissen Sie, was los war. Weltmeister Henry Maske boxte gegen den „Straßenköter“ Graciano „Rocky“ Rocchigiani in der Dortmunder Westfalenhalle. Da drosch in einem grandiosen Kampf Gentleman gegen Straßenkämpfer, Ost gegen West - und der Weltmeister gewann nach Punkten. Unter den sogenannten Prominenten in der Halle tummelte sich viel Bekanntes aus Film, Funk, Fernsehen, Sport, Politik und Show. Man sah VIPs wie Margarete Schreinemakers, Roberto Blanco, Thomas Helmer, Dolly Buster, Cleo Kretschmer - und andere illustre Namensträger im halbseidenen Boxmilieu. Auch die Politik war auf dem Bildschirm präsent. Neben Brandenburgs SPD-Landesvater Manfred Stolpe, der seinem Landeskind Henry Maske aus Heilbronns Partnerstadt Frankfurt/Oder die Daumen hielt, saß aufgeregt Heilbronns SPD-Landtagsabgeordneter Dr. Dieter Spöri. Der enthusiastische Sportfan und baden-württembergische Wirtschaftsminister, so zeigte die Glotze, ließ sich vom Kampfgeschehen im Ring voll hinreißen. Arme hoch, heftiges Aufspringen, erregte Anfeuerungsrufe, heftiges Gestikulieren. Wie es aussah, holte sich der Dieter Spöri bei diesem Boxkampf schon mal Anregungen für den bevorstehenden baden-württembergischen Landtagswahlkampf. Denn die Ringgegner stehen ja schon heute fest: Erwin Teufel gegen Dieter Spöri. Wer von beiden ist nun der Gentleman, wer der Straßenkämpfer?

Schwarze Kandidatin
Die CDU in Heilbronn hat wie erwartet eine Frau aufs Schild gehoben, um bei der Landtagswahl im März 1996 gegen Dr. Dieter Spöri anzutreten, SPD-Wirtschaftsminister der Großen Koalition in Stuttgart und noch zu wählender SPD-Landtagskandidat für den Wahlkreis Heilbronn. Der christdemokratische Stadtverband hatte zwei gestandene Damen zur Auswahl: Helga Drauz, die CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Johanna Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Beide Frauen sind also gestandene Kommunalpolitikerinnen. Aber Johanna Lichy konnte mit solider Parteiarbeit aufwarten: seit einem Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, viermal Landtagszweitkandidatin, seit  zwanzig Jahren Stadträtin und zur Zeit Fraktionsvorsitzende. 214 gegen 53 Drauz-Stimmen konnte die neue Heilbronner CDU-Landtagskandidatin verbuchen. Und ihr Zweitkandidat wurde der singende Stadtrat Norbert Selz aus Neckargartach. Wäre die CDU sehr mutig gewesen, dann hätte sie mit der 28 jährigen Helga Drauz der Jugend eine Chance gegeben, um Dieter Spöri Paroli zu bieten. So aber sieht es ein wenig nach Zählkandidatur gegen den Platzhirschen aus. Außer die CDU steht als Mannschaft geschlossen hinter Johanna Lichy.

Liberale Kandidaten
Die Freien Demokraten in der Stadt Heilbronn haben ihren Kandidaten für die Landtagswahl im März 1996 gekürt: Fachhochschulprofessor Dr. Georg Bucher (43) aus Schwaigern. Zweitkandidatin wurde die 48 jährige  Ingeborg Wenzel, Chefin einer Personal Service GmbH in Heilbronn. Verwunderlich an der Geschichte ist eigentlich nur, daß ein Mann aus dem Wahlkreis des FDP-Landtagsabgeordneten Richard Drautz liberaler Kandidat in Heilbronn wird, während Richard Drautz seinen Wohnsitz in Heilbronn hat. Wäre es da für die FDP nicht einfacher gewesen, den Professor Bucher aus Schwaigern im Wahlkreis Eppingen kandidieren und den Heilbronner Wengerter Drautz in seinem Heimatort für den Wahlkampf antreten zu lassen? Aber - das ist halt jetzt die hohe Schule der Politik. Schließlich konnte die FDP bei der letzten Landtagswahl 1992 nur 4,2 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Heilbronn erzielen. Und diese hohe Politik, die versteht unsereins auf dem steinernen Turm eben nicht so richtig.

Skulptur - nackt und plump
„Skulptur vor Ort“ - zum Beispiel im Leingartener Ortsteil Schluchtern. Unmittelbar neben der evangelischen Kirche steht eine rostige Madame, die sich sündig räkelt mit ihrem fülligen Leib. Ubba Enninga heißt der Bildhauer und sie „Eioua“, ist 2,12 Meter groß und 1987 entstanden. Das negroide Gesicht seiner Skulptur soll multikulturelle Individualität ausstrahlen. Dicke Worte für ein starkes Frauenzimmer. Aber soviel anders als die kleinen nackten Porzellanfiguren, die in gleicher Haltung in jedem Kaufhaus oder in den Souvenierläden rund um das Mittelmeer zu haben sind, ist diese Figur ja auch nicht gestaltet. Aber nackt ist in, ob auf der Bühne oder unter freiem Himmel. Und wenn‘s wie im Heilbronner Deutschhof nur das Glied des Mannes ist, das da aus Eichenholz sechs Meter lang in der Gegend herumliegt und in Richtung Kilianskirche weist. „Phallocaust III“ nennt der Künstler Franz Gutmann seinen abgeschnittenen Penis aus Holz. Mit Obszönität habe das nichts zu tun, wird gutherzig versichert, nur mit dem Hinweis auf die jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität durch die Kirchen. Vielleicht sollte man den Künstlern mal eine Reise nach Rom in die Vatikanischen Museen spendieren, um nackte Körper in der Kirchenkunst zu bestaunen. Diese Kunst ist weder neu noch provokativ. Sie ist nur plump. Und billig ist es langsam auch, auf die Kirchen einzuprügeln, um interessant wirken zu wollen.

Nachtruhe und Sperrzeit
Im Kommunalwahlkampf waren viele der Kandidaten für ein Hinausschieben der Sperrzeit nach 22 Uhr. Aber die Zeiten sind schon lange vorbei. Jetzt geht‘s darum, die Nachtruhe der Bürger zu schützen. Wo kämen wir denn auch dahin, wenn die Gastwirtschaften Heilbronns am Wochenende bis 2 Uhr in der Nacht generell Gäste bewirten dürften. Oder gar die Spielhöllen täglich bis 24 Uhr ihre Pforten offen halten. Und gar die Sperrzeit für Außenbewirtschaftung am Wochenende von 22 auf 24 verkürzt würde. Der Gemeinderat in Heilbronn entschied, daß alles so bleibt wie es ist. Und der Bürgermeister für die öffentliche Ordnung, der SPD-Mann Harald Friese versprach dem Gremium und der versammelten Wirteschar im Heilbronner Ratssaal gar, großzügig Anträge auf Verkürzung der Sperrzeit zu bescheiden. Wer sagts denn - der ganze Streit war für die Katz. Denn in 198 von 550 Gaststätten in Heilbronn ist Außenbewirtschaftung erlaubt. Und 24 Prozent davon dürfen heute schon länger als 22 Uhr ausschenken, trotz 490 Anwohnerbeschwerden, die im vergangenen Jahr bei der Stadt registriert wurden. Also ich versteh, daß die Leut nächtens ihre Ruhe haben wollen. Ob nun Weindorf, Traubenblütenfest oder Kulturtage angesagt ist - Feiern müßte doch auch ohne störenden Lärm möglich sein.

Lebensmittelpunkt
Am 3. Mai hatte ich doch vorlaut an dieser Stelle vermerkt, daß ein großer Erfolg in der Amtszeit des CDU-Kreisvorsitzenden Egon Susset der sei, daß seine Partei  ununterbrochen die drei direkt gewählten Landtagsabgeordneten im Unterland stelle. Stimmt gar nicht. Seit 1988 sitzt nämlich der SPD-Mann Dieter Spöri in Heilbronn direkt gewählt ununterbrochen im Stuttgarter Landtag. Und jetzt ist der Mann mit Markenzeichen „Schal und/oder Mantel“ sogar wieder obenauf. Der Heilbronner Landtagsabgeordnete wird als Spitzenkandidat der SPD gegen Erwin Teufel im kommenden Jahr antreten. Koalieren will Spöri mit den Grünen. Die Aussage kommt sehr früh. Ob das clever war? Aber Spöri ist ein Taktiker, das hat er bewiesen, als er sich jetzt gegen seinen parteiinternen Widersacher Uli Maurer durchsetzte. Schön für Heilbronn, denn unser SPD-Mann wird sicher einiges tun für die Interessen seiner Stadt. Ein kleiner Wehrmutstropfen: Spöri tritt zwar für den Wahlkreis Heilbronn an. Seinen Lebensmittelpunkt hat der Wirtschaftsminister Baden-Württembergs aber immer noch nicht hier. Der ist in Backnang.


Theater-Weichen
Wenn der Heilbronner Theaterintendant Klaus Wagner mit seinem Verwaltungsdirektor Jürgen Frahm vor den Kulturausschuß des Gemeinderats tritt, das heißt die Öffentlichkeit über die Bilanz seiner Arbeit informiert, dann ist Jahr um Jahr eitel Sonnenschein in der „Stadt der Krämerseelen“ angesagt. Die Zahlen bei Platzausnutzung und Einspielergebnis stimmen. Und im Vergleich zu anderen Stadttheatern können sich die Heilbronner Stadtväter und -mütter jedesmal nur herzlich bedanken für jene Theatererfolge, die ihnen das Duo Wagner/Frahm in die Kulturscheuer eingefahren hat. Konkret: bisher gab es in der Spielzeit 1994/95 insgesamt 393 Vorstellungen, 172.190 Zuschauer, 93,6 Prozent Platzausnutzung in der Kammerspielen und 91,1 Prozent im Großen Haus am Berliner Platz zu vermelden. Diese Erfolge verpflichten. Deshalb müssen jetzt schon die Weichen für die Heilbronner Theaterzukunft gelegt werden. Und wenn die richtig verlegt werden, dann könnte bald in den Kammerspielen Kindertheater gespielt werden und im neuen Geschäftsanbau beim Theater ein Spielraum entstehen, der - vom Stadttheater gemietet - eine Chance für die Theaterkultur Heilbronns darstellen könnte. Denn laut Focus-Umfrage dieser Woche ist es um die Kulturinfrastruktur Heilbronns noch nicht so bestellt wie es sein sollte. 


Sitzengelassen


 „Ich warte auf einen Bus, aber der kommt nicht.“ - So ähnlich ist es unlängst 16 Seniorinnen und Senioren eines kleinen Teilortes im südlichen Landkreis Heilbronn gegangen. Die älteren Damen und Herren wollten zusammen mit dem Seniorenverein der Hauptgemeinde einen Ausflug unternehmen. Vereinbart wurde, daß der 16er Club in den Bus des großen älteren Restes zusteigen sollte. Wer nicht kam, war der Altenverein der Muttergemeinde. Die 16 waren schlichtweg vergessen worden. Gemerkt haben es die anderen rund eine Stunde später, als sie schon auf großer Ausflugsfahrt waren. Man versuchte zu retten, was noch zu retten ist und fuhr zurück. Vergebens, die 16 hatten sich einen Ersatzbus gemietet und waren alleine auf Tour gegangen. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, frotzelte einer der 16 Vergessenen. Denn den Ausflug habe man ihnen nicht verderben können, „im Gegenteil“, zwinkerte mir der Doch-Nicht-Sitzengebliebene zu, „wir haben denen gezeigt, daß man auch als Teil einer Teilgemeinde selbständig sein kann.“
 
Heilix Blechle
Ja, ja, das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Gell, Sie haben es auch gemerkt, es ist wieder Ferien- und Ausflugszeit? Wer sich am Wochenende auf die Piste schwingt, steht erst mal im Mega-Stau. Gerade rund um Heilbronn ist die Verkehrssituation besonders prekär. Stoßstange an Stoßstange geht es da rund. Vergessen scheinen die schönen Tage eines mehr oder weniger erfolglosen Ozonversuchs, als manches Heilix Blechle nicht fahren durfte. Und jeder - auch ich - muß sich wohl an der eigenen Nase fassen, geht es um mangelndes Umweltbewußtsein. Nur drei Prozent aller Autofahrer, vermeldet das Verkehrsministerium in Bonn, verhalten sich einigermaßen umweltgerecht, sprich verzichten auf ihre Blechkarosse und radeln oder gehen zu Fuß oder nehmen Bus oder Bahn. Nach dem Ozonversuch hätte man also viel deutlicher herausarbeiten müssen, daß es der Umwelt besonders nützt, wenn das Auto zuhause stehen bleibt.

Abgehängt
Lieber Oberbürgermeister Weinmann, Sie haben in Sachen Stadt- und Gewerbeentwicklung ein bißchen zu lange gedöst. Sprechen Sie mal mit Einzelhändlern und Kaufleuten in Heilbronn. Die klagen hinter vorgehaltener Hand darüber, daß immer mehr Käufer in andere Mittel- und Großstädte abwandern. Der Grund: Diese Gemeinden sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln leichter zu erreichen. Ob das nun Ludwigsburg, Stuttgart oder auch Karlsruhe sind, hier stimmt die Infrastruktur, was Parkplätze oder öffentliche Verkehrsmittel angeht. Wer an einem langen Donnerstag oder einem Samstag nach Heilbronn fährt - und das muß er meist mit dem eigenen Auto tun, weil die Anbindung mit Bus oder Bahn schlecht ist - der findet in der Käthchenstadt kaum einen freien Parkplatz. Vergräzt dreht der Kaufwillige ab. Lieber Herr Weinmann, da ist es Zeit für eine konzertierte Aktion mit Kaufleuten, Stadtplanern, Managern der Verkehrsbetriebe, sonst wird die Großstadt Heilbronn abgehängt!

Oberster Handwerker im Ländle
Einstimmig wurde er vom Handwerkstag in Stuttgart letzte Woche zum Präsidenten der 110.000 baden-württembergischen Handwerksbetriebe gewählt: Klaus Hackert (57), Meister des Flaschner- sowie Gas- und Installationshandwerks, neben diesem hohen Amt auch noch Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, seit 1977 Präsident der Handwerkskammer Heilbronn, CDU-Stadtrat und Inhaber vieler anderer Ehrenämter, ist ein kämpferischer Verbandspolitiker. das hat vor allem die baden-württembergische Landesregierung der großen Koalition in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen, wenn es um Porblemlösungen im Handwerk ging. In der Sache hart, in der Form verbindlich - so tritt er auf, der neue oberste Handwerker im Ländle. Auch in seiner Partei haben viele diese Hartnäckigkeit in der Sache schon zu spüren bekommen. Und darüber hat er den Aufbau seiner Firma nie vernachlässigt. 90 Beschäftigte und 11 Millionen Mark Jahresumsatz, das sind Zahlen, auf die Klaus Hackert mit Recht stolz sein kann. Herzlichen Glückwunsch - sage ich da nur. So vom Turm herab. Das Heilbronner Handwerk hat eben nicht nur goldenen Boden, sondern auch gute Manager aufzuweisen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen