Wen stören sie?
Ist Rauschgiftkonsum
und -handel in Heilbronn etwa nur eine Erscheinung unserer Zeit, die es
achselzuckend und leichthin hinzunehmen gilt - wie etwa die Luftverschmutzung, Unfallzahlen
im Straßenverkehr oder Bürgerkriege im Südosten Europas? „Ohne-mich-el“ nannte
man zu einer Zeit, als es in Deutschland noch kein Rauschgiftproblem gab, jene
Leute, die sich um die Allgemeinprobleme nicht bekümmerten. Warum kann man die Junkies im Heilbronner
Stadtpark nicht gewähren lassen, wen stören sie denn? So wurde dieser Tage
verwundert und naiv gefragt. Die Antwort hat die Polizei schon längst gegeben.
Rauschgifthandel und -konsum ziehen andere kriminelle Aktivitäten nach sich: Straßenüberfälle, unkontrollierte
Prostitution, Bandenkrieg, Wohnungseinbrüche. Das alles hatten wir ja zur
Genüge - rund um den Stadtgarten. Wer nicht erkennt, daß harte Drogen ein
Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft sind, der fordert die multikulturellen
Dealer geradezu auf, ihr kriminelles Tun noch zu steigern. In einer freien
Gesellschaft kann jeder tun und lassen was er will, solange er die Rechte der
anderen nicht beeinträchtigt. Heilbronn wurde von Drogenhändlern und Süchtigen
in den vergangenen Jahren zu einer Drehscheibe für ihr kriminelles Tun
ausgebaut. Jetzt, nachdem der Stadtpark an der Harmonie drogenfrei ist, wird
der Staat mal wieder als hilflos dargestellt, nur weil er das Drogenproblem
nicht völlig in den Griff bekommt. Viel gefährlicher für unsere Gesellschaft
scheinen mir jedoch jene Zeitgenossen, die das Problem bagatellisieren - und
damit dem tödlichen Dealen Vorschub leisten. Vielleicht wachen sie auf, wenn
gebrauchte Spritzen in ihren Vorgärten auftauchen.
Gell, da glotzsch
Wenn ich Ihnen erzähle:
zwölf Runden, 13.000 Zuschauer und 13 Millionen bei RTL vor den Bildschirmen,
dann wissen Sie, was los war. Weltmeister
Henry Maske boxte gegen den „Straßenköter“ Graciano „Rocky“ Rocchigiani in der Dortmunder Westfalenhalle. Da
drosch in einem grandiosen Kampf Gentleman gegen Straßenkämpfer, Ost gegen West
- und der Weltmeister gewann nach Punkten. Unter den sogenannten Prominenten in
der Halle tummelte sich viel Bekanntes aus Film, Funk, Fernsehen, Sport,
Politik und Show. Man sah VIPs wie Margarete Schreinemakers, Roberto Blanco,
Thomas Helmer, Dolly Buster, Cleo Kretschmer - und andere illustre Namensträger
im halbseidenen Boxmilieu. Auch die Politik war auf dem Bildschirm präsent.
Neben Brandenburgs SPD-Landesvater
Manfred Stolpe, der seinem Landeskind Henry Maske aus Heilbronns
Partnerstadt Frankfurt/Oder die Daumen hielt, saß aufgeregt Heilbronns SPD-Landtagsabgeordneter Dr.
Dieter Spöri. Der enthusiastische Sportfan und baden-württembergische
Wirtschaftsminister, so zeigte die Glotze, ließ sich vom Kampfgeschehen im Ring
voll hinreißen. Arme hoch, heftiges Aufspringen, erregte Anfeuerungsrufe,
heftiges Gestikulieren. Wie es aussah, holte sich der Dieter Spöri bei diesem
Boxkampf schon mal Anregungen für den bevorstehenden baden-württembergischen
Landtagswahlkampf. Denn die Ringgegner stehen ja schon heute fest: Erwin Teufel gegen Dieter Spöri. Wer
von beiden ist nun der Gentleman, wer der Straßenkämpfer?
Schwarze Kandidatin
Die CDU in Heilbronn
hat wie erwartet eine Frau aufs Schild gehoben, um bei der Landtagswahl im März
1996 gegen Dr. Dieter Spöri anzutreten,
SPD-Wirtschaftsminister der Großen Koalition in Stuttgart und noch zu wählender
SPD-Landtagskandidat für den Wahlkreis Heilbronn. Der christdemokratische
Stadtverband hatte zwei gestandene Damen zur Auswahl: Helga Drauz, die CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Johanna Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende
im Gemeinderat. Beide Frauen sind also gestandene Kommunalpolitikerinnen. Aber
Johanna Lichy konnte mit solider Parteiarbeit aufwarten: seit einem
Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, viermal Landtagszweitkandidatin, seit zwanzig Jahren Stadträtin und zur Zeit
Fraktionsvorsitzende. 214 gegen 53 Drauz-Stimmen konnte die neue Heilbronner
CDU-Landtagskandidatin verbuchen. Und ihr Zweitkandidat wurde der singende Stadtrat Norbert Selz aus
Neckargartach. Wäre die CDU sehr mutig gewesen, dann hätte sie mit der 28
jährigen Helga Drauz der Jugend eine Chance gegeben, um Dieter Spöri Paroli zu
bieten. So aber sieht es ein wenig nach Zählkandidatur gegen den Platzhirschen
aus. Außer die CDU steht als Mannschaft geschlossen hinter Johanna Lichy.
Liberale Kandidaten
Die Freien Demokraten
in der Stadt Heilbronn haben ihren Kandidaten für die Landtagswahl im März 1996
gekürt: Fachhochschulprofessor Dr. Georg
Bucher (43) aus Schwaigern. Zweitkandidatin wurde die 48 jährige Ingeborg
Wenzel, Chefin einer Personal Service GmbH in Heilbronn. Verwunderlich an
der Geschichte ist eigentlich nur, daß ein Mann aus dem Wahlkreis des
FDP-Landtagsabgeordneten Richard Drautz liberaler Kandidat in Heilbronn wird,
während Richard Drautz seinen Wohnsitz in Heilbronn hat. Wäre es da für die FDP
nicht einfacher gewesen, den Professor Bucher aus Schwaigern im Wahlkreis
Eppingen kandidieren und den Heilbronner Wengerter Drautz in seinem Heimatort
für den Wahlkampf antreten zu lassen? Aber - das ist halt jetzt die hohe Schule
der Politik. Schließlich konnte die FDP bei der letzten Landtagswahl 1992 nur
4,2 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Heilbronn erzielen. Und diese hohe Politik,
die versteht unsereins auf dem steinernen Turm eben nicht so richtig.
Skulptur - nackt und
plump
„Skulptur vor Ort“ -
zum Beispiel im Leingartener Ortsteil
Schluchtern. Unmittelbar neben der evangelischen Kirche steht eine rostige
Madame, die sich sündig räkelt mit ihrem fülligen Leib. Ubba Enninga heißt der Bildhauer und sie „Eioua“, ist 2,12 Meter groß
und 1987 entstanden. Das negroide Gesicht seiner Skulptur soll
multikulturelle Individualität ausstrahlen. Dicke Worte für ein starkes
Frauenzimmer. Aber soviel anders als die kleinen nackten Porzellanfiguren, die
in gleicher Haltung in jedem Kaufhaus oder in den Souvenierläden rund um das
Mittelmeer zu haben sind, ist diese Figur ja auch nicht gestaltet. Aber nackt
ist in, ob auf der Bühne oder unter freiem Himmel. Und wenn‘s wie im
Heilbronner Deutschhof nur das Glied des Mannes ist, das da aus Eichenholz
sechs Meter lang in der Gegend herumliegt und in Richtung Kilianskirche weist. „Phallocaust III“ nennt der Künstler Franz
Gutmann seinen abgeschnittenen Penis aus Holz. Mit Obszönität habe das
nichts zu tun, wird gutherzig versichert, nur mit dem Hinweis auf die
jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität durch die Kirchen. Vielleicht
sollte man den Künstlern mal eine Reise nach Rom in die Vatikanischen Museen
spendieren, um nackte Körper in der Kirchenkunst zu bestaunen. Diese Kunst ist
weder neu noch provokativ. Sie ist nur plump. Und billig ist es langsam auch,
auf die Kirchen einzuprügeln, um interessant wirken zu wollen.
Nachtruhe und Sperrzeit
Im Kommunalwahlkampf
waren viele der Kandidaten für ein Hinausschieben der Sperrzeit nach 22 Uhr.
Aber die Zeiten sind schon lange vorbei. Jetzt geht‘s darum, die Nachtruhe der
Bürger zu schützen. Wo kämen wir denn auch dahin, wenn die Gastwirtschaften
Heilbronns am Wochenende bis 2 Uhr in der Nacht generell Gäste bewirten
dürften. Oder gar die Spielhöllen täglich bis 24 Uhr ihre Pforten offen halten.
Und gar die Sperrzeit für Außenbewirtschaftung am Wochenende von 22 auf 24
verkürzt würde. Der Gemeinderat in Heilbronn entschied, daß alles so bleibt wie
es ist. Und der Bürgermeister für die öffentliche Ordnung, der SPD-Mann Harald Friese versprach dem
Gremium und der versammelten Wirteschar im Heilbronner Ratssaal gar, großzügig
Anträge auf Verkürzung der Sperrzeit zu bescheiden. Wer sagts denn - der ganze
Streit war für die Katz. Denn in 198 von 550 Gaststätten in Heilbronn ist
Außenbewirtschaftung erlaubt. Und 24 Prozent davon dürfen heute schon länger
als 22 Uhr ausschenken, trotz 490 Anwohnerbeschwerden, die im vergangenen Jahr
bei der Stadt registriert wurden. Also ich versteh, daß die Leut nächtens ihre
Ruhe haben wollen. Ob nun Weindorf, Traubenblütenfest oder Kulturtage angesagt
ist - Feiern müßte doch auch ohne störenden Lärm möglich sein.
Lebensmittelpunkt
Am 3. Mai hatte ich
doch vorlaut an dieser Stelle vermerkt, daß ein großer Erfolg in der Amtszeit
des CDU-Kreisvorsitzenden Egon Susset
der sei, daß seine Partei ununterbrochen
die drei direkt gewählten Landtagsabgeordneten im Unterland stelle. Stimmt gar
nicht. Seit 1988 sitzt nämlich der SPD-Mann
Dieter Spöri in Heilbronn direkt gewählt ununterbrochen im Stuttgarter
Landtag. Und jetzt ist der Mann mit Markenzeichen „Schal und/oder Mantel“ sogar
wieder obenauf. Der Heilbronner Landtagsabgeordnete wird als Spitzenkandidat
der SPD gegen Erwin Teufel im kommenden Jahr antreten. Koalieren will Spöri mit
den Grünen. Die Aussage kommt sehr früh. Ob das clever war? Aber Spöri ist ein
Taktiker, das hat er bewiesen, als er sich jetzt gegen seinen parteiinternen Widersacher Uli Maurer durchsetzte.
Schön für Heilbronn, denn unser SPD-Mann wird sicher einiges tun für die
Interessen seiner Stadt. Ein kleiner Wehrmutstropfen: Spöri tritt zwar für den
Wahlkreis Heilbronn an. Seinen Lebensmittelpunkt hat der Wirtschaftsminister
Baden-Württembergs aber immer noch nicht hier. Der ist in Backnang.
Theater-Weichen
Wenn der Heilbronner Theaterintendant Klaus Wagner mit
seinem Verwaltungsdirektor Jürgen Frahm
vor den Kulturausschuß des
Gemeinderats tritt, das heißt die Öffentlichkeit über die Bilanz seiner Arbeit
informiert, dann ist Jahr um Jahr eitel Sonnenschein in der „Stadt der
Krämerseelen“ angesagt. Die Zahlen bei Platzausnutzung und Einspielergebnis
stimmen. Und im Vergleich zu anderen Stadttheatern können sich die Heilbronner
Stadtväter und -mütter jedesmal nur herzlich bedanken für jene Theatererfolge,
die ihnen das Duo Wagner/Frahm in die Kulturscheuer eingefahren hat. Konkret:
bisher gab es in der Spielzeit 1994/95 insgesamt 393 Vorstellungen, 172.190
Zuschauer, 93,6 Prozent Platzausnutzung in der Kammerspielen und 91,1 Prozent
im Großen Haus am Berliner Platz zu vermelden. Diese Erfolge verpflichten.
Deshalb müssen jetzt schon die Weichen für die Heilbronner Theaterzukunft gelegt werden. Und wenn die
richtig verlegt werden, dann könnte bald in den Kammerspielen Kindertheater
gespielt werden und im neuen Geschäftsanbau beim Theater ein Spielraum
entstehen, der - vom Stadttheater gemietet - eine Chance für die Theaterkultur
Heilbronns darstellen könnte. Denn laut Focus-Umfrage dieser Woche ist es um
die Kulturinfrastruktur Heilbronns noch nicht so bestellt wie es sein sollte.
Sitzengelassen
„Ich warte auf einen
Bus, aber der kommt nicht.“ - So ähnlich ist es unlängst 16 Seniorinnen und
Senioren eines kleinen Teilortes im südlichen Landkreis Heilbronn gegangen. Die
älteren Damen und Herren wollten zusammen mit dem Seniorenverein der
Hauptgemeinde einen Ausflug unternehmen. Vereinbart wurde, daß der 16er Club in
den Bus des großen älteren Restes zusteigen sollte. Wer nicht kam, war der Altenverein der Muttergemeinde. Die 16
waren schlichtweg vergessen worden. Gemerkt haben es die anderen rund eine
Stunde später, als sie schon auf großer Ausflugsfahrt waren. Man versuchte zu
retten, was noch zu retten ist und fuhr zurück. Vergebens, die 16 hatten sich
einen Ersatzbus gemietet und waren alleine auf Tour gegangen. „Ein Schelm, wer
Böses dabei denkt“, frotzelte einer der 16 Vergessenen. Denn den Ausflug habe
man ihnen nicht verderben können, „im Gegenteil“, zwinkerte mir der
Doch-Nicht-Sitzengebliebene zu, „wir haben denen gezeigt, daß man auch als Teil
einer Teilgemeinde selbständig sein kann.“
Heilix Blechle
Ja, ja, das Auto ist
des Deutschen liebstes Kind. Gell, Sie haben es auch gemerkt, es ist wieder
Ferien- und Ausflugszeit? Wer sich am Wochenende auf die Piste schwingt, steht
erst mal im Mega-Stau. Gerade rund um Heilbronn ist die
Verkehrssituation besonders prekär. Stoßstange an Stoßstange geht es da
rund. Vergessen scheinen die schönen Tage eines mehr oder weniger erfolglosen
Ozonversuchs, als manches Heilix Blechle nicht fahren durfte. Und jeder - auch
ich - muß sich wohl an der eigenen Nase fassen, geht es um mangelndes
Umweltbewußtsein. Nur drei Prozent aller Autofahrer, vermeldet das
Verkehrsministerium in Bonn, verhalten sich einigermaßen umweltgerecht, sprich
verzichten auf ihre Blechkarosse und radeln oder gehen zu Fuß oder nehmen Bus
oder Bahn. Nach dem Ozonversuch hätte man also viel deutlicher herausarbeiten
müssen, daß es der Umwelt besonders nützt, wenn das Auto zuhause stehen bleibt.
Abgehängt
Lieber Oberbürgermeister Weinmann, Sie haben
in Sachen Stadt- und Gewerbeentwicklung ein bißchen zu lange gedöst. Sprechen
Sie mal mit Einzelhändlern und Kaufleuten in Heilbronn. Die klagen hinter
vorgehaltener Hand darüber, daß immer mehr Käufer in andere Mittel- und
Großstädte abwandern. Der Grund: Diese Gemeinden sind mit öffentlichen
Verkehrsmitteln leichter zu erreichen. Ob das nun Ludwigsburg, Stuttgart oder
auch Karlsruhe sind, hier stimmt die Infrastruktur, was Parkplätze oder
öffentliche Verkehrsmittel angeht. Wer an einem langen Donnerstag oder einem
Samstag nach Heilbronn fährt - und das muß er meist mit dem eigenen Auto tun, weil
die Anbindung mit Bus oder Bahn schlecht ist - der findet in der Käthchenstadt
kaum einen freien Parkplatz. Vergräzt dreht der Kaufwillige ab. Lieber Herr
Weinmann, da ist es Zeit für eine konzertierte Aktion mit Kaufleuten,
Stadtplanern, Managern der Verkehrsbetriebe, sonst wird die Großstadt Heilbronn
abgehängt!
Oberster Handwerker im
Ländle
Einstimmig wurde er vom
Handwerkstag in Stuttgart letzte Woche zum Präsidenten
der 110.000 baden-württembergischen
Handwerksbetriebe gewählt: Klaus
Hackert (57), Meister des Flaschner- sowie Gas- und Installationshandwerks,
neben diesem hohen Amt auch noch Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des
Deutschen Handwerks, seit 1977 Präsident der Handwerkskammer Heilbronn,
CDU-Stadtrat und Inhaber vieler anderer Ehrenämter, ist ein kämpferischer
Verbandspolitiker. das hat vor allem die baden-württembergische Landesregierung
der großen Koalition in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen, wenn es um
Porblemlösungen im Handwerk ging. In der Sache hart, in der Form verbindlich -
so tritt er auf, der neue oberste Handwerker im Ländle. Auch in seiner Partei
haben viele diese Hartnäckigkeit in der Sache schon zu spüren bekommen. Und
darüber hat er den Aufbau seiner Firma nie vernachlässigt. 90 Beschäftigte und
11 Millionen Mark Jahresumsatz, das sind Zahlen, auf die Klaus Hackert mit
Recht stolz sein kann. Herzlichen Glückwunsch - sage ich da nur. So vom Turm
herab. Das Heilbronner Handwerk hat eben nicht nur goldenen Boden, sondern auch
gute Manager aufzuweisen.

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