Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 13.09. 1995



Kreuz und quer
Da hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, daß Kreuze in Schulen nicht per Anordnung eines Ministeriums hängen dürfen. Und wenn schon eins hängt, dann muß es auf Wunsch eines Schülers entfernt werden, so es ihn bei seinem Lernen stört. Es geht um Bayern, wo in vielen Schulklassen noch Kreuze hängen. Bei uns im Ländle ist das schon lange nicht mehr üblich. Ich verstehe die ganze Aufregung jetzt nicht. Schließlich ist Religion doch in unserem Staate immer noch die Sache eines jeden einzelnen. In vielen Klassen sitzen Kinder von Christen, Juden, Moslems, Hindus, Sektenmitgliedern und Atheisten friedlich beieinander. Da kann niemand den Anspruch erheben, daß das Symbol seiner Religion fortwährend im Klassenzimmer, vielleicht sogar amtlich angeordnet an der Wand hängt. Man stelle sich vor, in einer schwäbischen Grundschule sind mehr als 50 Prozent der Schüler Moslems, und deren Eltern verlangten nun, daß die Fahne des Propheten fortwährend im Klassenzimmer aufgehängt wird. Zur Toleranz in einem Staat, der die Religionsfreiheit garantiert und schützt, gehört auch, daß er die Freiheit der Minoritäten gewahrt  bleibt. Wenn nicht, dann haben wir sehr schnell bei uns einen Ansatz für jugoslawische Zustände.



Kino-Center

Es geht um Arbeitsplätze. Um den Erhalt der bestehenden und die Schaffung neuer. In Stuttgart trat neulich samt Landesregierung der Musical-Mogul Deyle vor die versammelte Presse und verkündete, daß er neben dem vorhandenen Musicaltheater in Stuttgart noch ein zweites setzen will - samt Kinocenter. Der Ministerpräsident applaudierte, der Stuttgarter Gemeinderat läßt erst vor vier Jahren gebaute Wohnhäuser für Spätaussiedler im Wert von 10 Millionen Mark abreißen, damit das neue Vergnügungscenter in der Nähe des Flughafens entstehen kann. Und auch unser Heilbronner SPD-Landtagsabgeordneter Dr. Dieter Spöri, Erwin Teufels Stellvertreter und baden-württembergischer Wirtschaftsminister, ist von der Deyle-Idee begeistert. Stuttgart, das künftige Musicalzentrum Deutschlands, war aus seinem Munde zu vernehmen. Wie wär´s denn mal mit der Käthchenstadt? Heilbronn könnte durchaus ein Kino-Center auf der grünen Wiese vertragen. Das Umland für diese attraktive Idee wäre vorhanden. Jetzt fehlt es nur noch an einem der das umsetzt und Zuschüsse, von Stadt und Land erhält. So wie der Deyle in Stuttgart. Aber offenbar müssen in Heilbronn die Kühe zum Saufen getragen werden.



Parken und Trinken

Wenn am Abend oder in der Nacht das Leben in der City Heilbronns dank angenehmer Temperaturen derzeit mit südlichem Flair schmückt, dann ist das den Straßencafes, den Bierkneipen und Restaurants zu verdanken. Fußgängerzonen in Heilbronn laden kaum zum Bummeln ein, weil die Schaufenster schon sehr ohne Beleuchtung sind. Aber wer mit seinem Auto in die Innenstadt will, der benötigt einen Parkplatz. Und die sind im Kern der Stadt - also zwischen Allee, Neckar, Weinsberger Straße und Rosenbergstraße rar. Trotzdem findet offensichtlich das unternehmungsfreudige Völkchen der Nachtschwärmer genügend Parkraum. Sonst wären die bereitgestellten Parkplätze in den Tiefgaragen rund um den Stadtkern ja am Abend und in der Nacht ausgebucht. Nichts dergleichen ist jedoch festzustellen. Die Parkhausbetreiber klagen seit Monaten über zu wenige Parker in den Tiefgaragen. Vielleicht liegt´s aber auch daran, daß wegen der bekannten harschen Umgehensweise gar nicht mehr so viele Auswärtige in die Innenstadt Heilbronns fahren. Jene, die in Heilbronn wohnen, erreichen ja mühelos bei diesen Temperaturen ihre weiter entfernt liegenden Kneipen mit dem Fahrrad.



Musical

Es gab mal eine Zeit an deutschen Theatern, ob Staats-, Stadt- oder Freilichttheatern, da galt das Musical als etwas nicht Spielbares. Man übte sich in hehrer Kunst. Dieses Sing- und Tanztheater aus Amerika hatte den Straßengeruch von Show an sich. Das breite Publikum trällerte die Melodien so einfach nach, ohne lang zu überlegen. Ballett, Oper und Schauspiel wurde an deutschen Bühnen geboten, also etwas zum Nachdenken, etwas Erhabenes, eben Kunst. Und was für eine Kunst!? Die Theater wurden immer leerer - aber waren immer voller Lehrer. Die Darstellende Kunst wurde zelebriert - wie ein Gottesdienst in einer Kirche. Dann aber - so vor zwanzig, dreißig Jahren fingen einzelne Bühnen an, Musicals aufzuführen. Vor allem jene, die bisher auch ganz erfolgreiche Vorstellungen mit Operetten gemacht hatten. Und mit der zeit ahmten alle das nach. zunächst spielte man das, was das Kinopublikum schon längst kannte: „My Fair Lady“, „Annie get your gun“, „Hello Dolly“ oder „Porgy and Bess“. Und mit der zeit, alles andere auch was auch Amerika und England ins deutsche Vaterland rüberschwappte. Spät, sehr spät entdeckten dann die Freilichtbühnen das Musical. Und heute ist es ihr großer Publikumsrenner, bringt ordentlich Geld in die Kasse. „Oper der kleinen Leute“ - so nannte man das Musical einst in Deutschland - und siedelte es unterhalb der Operette an. Wie sich die Zeiten doch ändern. Heilbronn heute ohne Musical - das wäre wie die Kilianskirche ohne Männle.



Rückschlag?

Die Furcht vor einem wirtschaftlichen Rückschlag in der Bundesrepublik wächst derzeit. Denn beim im ersten Halbjahr 1995 noch schnurrenden Konjunkturmotor scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das Wachstum im zweiten Halbjahr wird sich verlangsamen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Politiker diagnostizieren allerdings nur eine „Wachstumsdelle“. Nach einem „Atemholen“ im Herbst werde sich der Aufschwung vom Beginn wieder zum Ende des Jahres fortsetzen, versichern sie mit ihrem treuem Politiker-Augenaufschlag. Aber Glauben ist eine Sache, Vertrauen wieder eine andere - und auf die Prognosen von Politikern setzen, da könnte man das Geld ja gleich verbrennen. Verglichen was uns vor Wahlen versprochen und was dann eingehalten wurde - ja, da ist das breite Volk immer hinters Licht geführt. Und was sagen die Fakten? Aus dem Verarbeitenden Gewerbe werden Warnsignale gemeldet.  Im Juni brachen jetzt die Bestellungen Saison- und preisbereinigt um 3,5 Prozent ein. Die Geschäftserwartungen in der westdeutschen Industrie haben sich darüber hinaus im Juli verschlechtert. Und das größte Sorgenkind, der Arbeitsmarkt hat ebenfalls keine guten Zukunftsaussichten. Die Arbeitslosenquote kletterte von neun auf 9,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Juli wieder um 134.000 auf 3,59 Millionen. Dauerte es bislang nur ein halbes Jahr, bis sich der Konjunkturaufschwung auch in einer höheren Beschäftigungszahl niederschlug, so sind diesmal schon fast zwei Jahre verstrichen, ohne daß sich eine durchgreifende Besserung auf dem Arbeitsmarkt abzeichnet.



Theater, nur Theater

Wenn´s den Leuten schlecht geht, so sagt der Volksmund, dann geht‘s den Theatern gut. In den Goldenen Zwanzigern soll Deutschland eine Kulturblüte erlebt haben. Den Leuten ging´s damals verdammt schlecht - den breiten Schichten vor allem am Ende der Zwanziger. Nach dem Krieg gab´s eine zweite Theater- und Kino-Kulturblüte in deutschen Landen. Den Leuten ging´s schlecht. Und als dann das Wirtschaftswunder über uns hereinbrach, kam auch prompt die Kino- und Theaterkrise. Jetzt geht‘s uns scheinbar auf hohem Niveau nicht mehr so gut - und das Theater blüht auf. Die deutschen Staats- und Stadttheater verbuchten in der Saison 1993/94 rund 22,8 Millionen Besucher, 700.000 mehr als in der Saison zuvor. Teilte jetzt der Bühnenverein mit. Allerdings wollen die Leute  mehr die klassischen Sparten sehen. Oper, Ballett, Musical sowie Kinder- und Jugendtheater waren die Wachstumsbranchen im Theater. Bei Schauspiel und Operette gab´s Rückgänge. Rechnet man alle öffentlich finanzierten und privaten Theater zusammen, dann ist die Zahl noch imponierender:  rund 35 Millionen Menschen gingen ins Theater, 1,6 Millionen mehr als im Vorjahr. Es gehen also weiterhin mehr Leutepro Saison  ins Theater als auf den Fußballplatz.



Natur und Ozon

Ein Loch ist bekanntlich dort, wo etwas nicht ist. Mit einem einzigen Stich ins Etwas wird dann so manches entwertet, was zuvor hochheilig war. Beispiel: Luftballon, Jungfrau, Politikersprechblase. unser altbekanntes Sommerloch ist  aber nicht irgendein Loch. In diesem Loch oder besser diesem Nichts geht es oftmals besonders kreativ zu. Gelegentlich gebiert es dank besonders ausgetüftelter Politikergedanken auch Monster der ganz besonderen Art. In diesem Jahr wurde die Sommersmog-Verordnung ins hochsommerliche Leben katapultiert. Und jetzt  - der Sommer ist noch nicht einmal richtig vorüber - kommt der Zusammenbruch: Die Natur hat sich verdammt nochmal an diese Verordnung nicht gehalten. Sie ist einfach nicht bereit, die Ozongefahr in deutschen Landen - ob Ost, ob West - mit ausreichender Ernsthaftigkeit heraufzubeschwören. Sie sorgt nicht für Konzentrationen, die ein unverzügliches Eingreifen der Ordnungsmächte nötig machten. Im Gegenteil, sie vernichtet schöne Ansätze steigender Meßwerte mit kühler Witterung und kräftigen Winden. Wir im Unterland regen uns da gar nicht mehr auf. Wir kennen das schon - vom schönen Ozon-Modell-Versuch unseres allseits bewunderten Umweltministers Harald B. Schäfer, der ja auch mal Ministerpräsidenten-Kandidat seiner Partei werden wollte. Zu Beginn des Sommers war das. Aber dieser Gedanke fiel dank Dieter Spöris Anspruch ins große Sommerloch.



Einkaufen

Die Änderung oder das völlige Verschwinden der Ladenschlußzeiten in Deutschland, auch das war ein schönes Sommerthema 1995. Das Ladenschlußgesetz, nachdem die Läden werktags um 18.30 Uhr ihre Türen schließen müssen, ist nicht nur antiquiert, sondern im Vergleich mit Praxis in anderen Ländern der  Europäischen Gemeinschaft geradezu veränderungsbedürftig. Niemand muß seinen Laden, sofern die verordneten Ladenöffnungszeiten gestrichen werden, die ganze Nacht geöffnet haben. Ich sage das nur, weil in so mancher Propaganda für die Beibehaltung der derzeitigen Regelung, dergleichen suggeriert wird. Jeder Ladenbesitzer regelt seine Öffnungszeiten so wie es seine Kunden wünschen - im Idealfall. Aber aus Erfahrung kann man ja sagen, es wird zu Regelungen kommen, die der Einzelhandel einer Stadt oder Gemeinde unter sich abstimmt. Der eine oder andere wird sich nicht anschließen. Und hat dank Familienbetrieb vielleicht die Chance einen ergänzenden Service zu bieten. Warum sollen zum Beispiel nicht auch bei uns wie jetzt in den USA geschehen bei Vorstellung eine ganz bestimmten Ware, hier ging´s um das neue „Windows 95“, die Geschäfte ausnahmsweise bis um 24 Uhr oder später geöffnet haben. Ganz dem Bedarf entsprechend. Einige Politiker haben diese Tage verkündet, daß vielleicht, ja nur vielleicht, in der Vorweihnachtszeit die Läden bei uns auch mal bis 22 Uhr „probeweise“ geöffnet haben. Ihr Wort in des geschätzten Gesetzgebers Ohr. Die Botschaft hör ich wohl ...



Kreuz schlagen

Das mit dem Kreuz in deutschen Schulzimmern ist schon ein Kreuz. Zumindest die derzeitige Diskussion darüber. Dabei ging´s vor Gericht in Karlsruhe nur darum, daß eine Bestimmung der bayrischen Schulordnung nichtig ist, nach der Kreuze in Unterrichtsräumen staatlicher Pflichtschulen aufzuhängen sind. Diese Vorschrift ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beseitigt. So wie die Kreuze in deutschen Gerichtssälen. Denn es kann kein Anwalt zum Beispiel jüdischen oder moslemischen Glaubens gezwungen werden, vor einem Kruzifix zu verhandeln. Jetzt stellen sich so manche Zeitgenossen die Frage, ob demnächst vom Bundesverfassungsgericht das christliche Glockengeläut zum Verstummen gebracht wird, das ja viele Mitbürger als unchristlich laut empfinden. Aber da dieses Geläut eine religiöse Betätigung der Kirchen und nicht des Staates ist, werden die Gerichte - vorläufig noch - in dieser Frage wohl kaum entscheiden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mich stört das alles hier oben auf dem Turm überhaupt nicht. Die Stadtväter hatten ja einst entscheiden kein Kreuz oder einen Hahn auf dem Kirchturm zu postieren, sondern einen Soldaten, einen Landsknecht. Die Heilbronner hatten schon immer - auch zu ihren Symbolen - ein eher nüchternes Verhältnis. Auf die Praxis ausgerichtet. Denn gegen Überfälle hat noch nie das Kreuz geholfen, sondern eine gut ausgebildete Truppe. Auch vor mehr als vierhundert Jahren.

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