Kreuz
und quer
Da
hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, daß Kreuze in Schulen nicht per
Anordnung eines Ministeriums hängen dürfen. Und wenn schon eins hängt, dann muß
es auf Wunsch eines Schülers entfernt werden, so es ihn bei seinem Lernen
stört. Es geht um Bayern, wo in vielen Schulklassen noch Kreuze hängen. Bei uns
im Ländle ist das schon lange nicht mehr üblich. Ich verstehe die ganze
Aufregung jetzt nicht. Schließlich ist
Religion doch in unserem Staate immer noch die Sache eines jeden einzelnen.
In vielen Klassen sitzen Kinder von Christen, Juden, Moslems, Hindus,
Sektenmitgliedern und Atheisten friedlich beieinander. Da kann niemand den
Anspruch erheben, daß das Symbol seiner Religion fortwährend im Klassenzimmer,
vielleicht sogar amtlich angeordnet an der Wand hängt. Man stelle sich vor, in
einer schwäbischen Grundschule sind mehr als 50 Prozent der Schüler Moslems,
und deren Eltern verlangten nun, daß die Fahne des Propheten fortwährend im
Klassenzimmer aufgehängt wird. Zur Toleranz in einem Staat, der die
Religionsfreiheit garantiert und schützt, gehört auch, daß er die Freiheit der
Minoritäten gewahrt bleibt. Wenn nicht,
dann haben wir sehr schnell bei uns einen Ansatz für jugoslawische Zustände.
Kino-Center
Es
geht um Arbeitsplätze. Um den Erhalt der bestehenden und die Schaffung neuer. In Stuttgart trat neulich samt
Landesregierung der Musical-Mogul Deyle vor die versammelte Presse und
verkündete, daß er neben dem vorhandenen Musicaltheater in Stuttgart noch ein
zweites setzen will - samt Kinocenter. Der Ministerpräsident applaudierte,
der Stuttgarter Gemeinderat läßt erst vor vier Jahren gebaute Wohnhäuser für
Spätaussiedler im Wert von 10 Millionen Mark abreißen, damit das neue
Vergnügungscenter in der Nähe des Flughafens entstehen kann. Und auch unser
Heilbronner SPD-Landtagsabgeordneter Dr. Dieter Spöri, Erwin Teufels
Stellvertreter und baden-württembergischer Wirtschaftsminister, ist von der
Deyle-Idee begeistert. Stuttgart, das künftige Musicalzentrum Deutschlands, war
aus seinem Munde zu vernehmen. Wie wär´s denn mal mit der Käthchenstadt?
Heilbronn könnte durchaus ein Kino-Center auf der grünen Wiese vertragen. Das
Umland für diese attraktive Idee wäre vorhanden. Jetzt fehlt es nur noch an
einem der das umsetzt und Zuschüsse, von Stadt und Land erhält. So wie der
Deyle in Stuttgart. Aber offenbar müssen in Heilbronn die Kühe zum Saufen
getragen werden.
Parken
und Trinken
Wenn
am Abend oder in der Nacht das Leben in der City Heilbronns dank angenehmer
Temperaturen derzeit mit südlichem Flair schmückt, dann ist das den
Straßencafes, den Bierkneipen und Restaurants zu verdanken. Fußgängerzonen in
Heilbronn laden kaum zum Bummeln ein, weil die Schaufenster schon sehr ohne
Beleuchtung sind. Aber wer mit seinem
Auto in die Innenstadt will, der benötigt einen Parkplatz. Und die sind im
Kern der Stadt - also zwischen Allee, Neckar, Weinsberger Straße und
Rosenbergstraße rar. Trotzdem findet offensichtlich das unternehmungsfreudige
Völkchen der Nachtschwärmer genügend Parkraum. Sonst wären die bereitgestellten
Parkplätze in den Tiefgaragen rund um den Stadtkern ja am Abend und in der
Nacht ausgebucht. Nichts dergleichen ist jedoch festzustellen. Die
Parkhausbetreiber klagen seit Monaten über zu wenige Parker in den Tiefgaragen.
Vielleicht liegt´s aber auch daran, daß wegen der bekannten harschen
Umgehensweise gar nicht mehr so viele Auswärtige in die Innenstadt Heilbronns
fahren. Jene, die in Heilbronn wohnen, erreichen ja mühelos bei diesen
Temperaturen ihre weiter entfernt liegenden Kneipen mit dem Fahrrad.
Musical
Es
gab mal eine Zeit an deutschen Theatern, ob Staats-, Stadt- oder
Freilichttheatern, da galt das Musical als etwas nicht Spielbares. Man übte
sich in hehrer Kunst. Dieses Sing- und Tanztheater aus Amerika hatte den
Straßengeruch von Show an sich. Das breite Publikum trällerte die Melodien so
einfach nach, ohne lang zu überlegen. Ballett, Oper und Schauspiel wurde an
deutschen Bühnen geboten, also etwas zum Nachdenken, etwas Erhabenes, eben Kunst.
Und was für eine Kunst!? Die Theater
wurden immer leerer - aber waren immer voller Lehrer. Die Darstellende
Kunst wurde zelebriert - wie ein Gottesdienst in einer Kirche. Dann aber - so
vor zwanzig, dreißig Jahren fingen einzelne Bühnen an, Musicals aufzuführen.
Vor allem jene, die bisher auch ganz erfolgreiche Vorstellungen mit Operetten
gemacht hatten. Und mit der zeit ahmten alle das nach. zunächst spielte man
das, was das Kinopublikum schon längst kannte: „My Fair Lady“, „Annie get your
gun“, „Hello Dolly“ oder „Porgy and Bess“. Und mit der zeit, alles andere auch
was auch Amerika und England ins deutsche Vaterland rüberschwappte. Spät, sehr
spät entdeckten dann die Freilichtbühnen das Musical. Und heute ist es ihr
großer Publikumsrenner, bringt ordentlich Geld in die Kasse. „Oper der kleinen
Leute“ - so nannte man das Musical einst in Deutschland - und siedelte es
unterhalb der Operette an. Wie sich die Zeiten doch ändern. Heilbronn heute
ohne Musical - das wäre wie die Kilianskirche ohne Männle.
Rückschlag?
Die
Furcht vor einem wirtschaftlichen Rückschlag in der Bundesrepublik wächst
derzeit. Denn beim im ersten Halbjahr 1995 noch schnurrenden Konjunkturmotor
scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das Wachstum im zweiten Halbjahr
wird sich verlangsamen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Politiker
diagnostizieren allerdings nur eine „Wachstumsdelle“. Nach einem „Atemholen“ im
Herbst werde sich der Aufschwung vom Beginn wieder zum Ende des Jahres
fortsetzen, versichern sie mit ihrem treuem Politiker-Augenaufschlag. Aber Glauben ist eine Sache, Vertrauen
wieder eine andere - und auf die Prognosen von Politikern setzen, da könnte man
das Geld ja gleich verbrennen. Verglichen was uns vor Wahlen versprochen
und was dann eingehalten wurde - ja, da ist das breite Volk immer hinters Licht
geführt. Und was sagen die Fakten? Aus dem Verarbeitenden Gewerbe werden
Warnsignale gemeldet. Im Juni brachen
jetzt die Bestellungen Saison- und preisbereinigt um 3,5 Prozent ein. Die
Geschäftserwartungen in der westdeutschen Industrie haben sich darüber hinaus
im Juli verschlechtert. Und das größte Sorgenkind, der Arbeitsmarkt hat
ebenfalls keine guten Zukunftsaussichten. Die Arbeitslosenquote kletterte von
neun auf 9,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Juli wieder um 134.000
auf 3,59 Millionen. Dauerte es bislang nur ein halbes Jahr, bis sich der
Konjunkturaufschwung auch in einer höheren Beschäftigungszahl niederschlug, so
sind diesmal schon fast zwei Jahre verstrichen, ohne daß sich eine
durchgreifende Besserung auf dem Arbeitsmarkt abzeichnet.
Theater,
nur Theater
Wenn´s
den Leuten schlecht geht, so sagt der Volksmund, dann geht‘s den Theatern gut.
In den Goldenen Zwanzigern soll Deutschland eine Kulturblüte erlebt haben. Den
Leuten ging´s damals verdammt schlecht - den breiten Schichten vor allem am
Ende der Zwanziger. Nach dem Krieg gab´s eine zweite Theater- und
Kino-Kulturblüte in deutschen Landen. Den Leuten ging´s schlecht. Und als dann
das Wirtschaftswunder über uns hereinbrach, kam auch prompt die Kino- und
Theaterkrise. Jetzt geht‘s uns scheinbar auf hohem Niveau nicht mehr so gut -
und das Theater blüht auf. Die deutschen
Staats- und Stadttheater verbuchten in der Saison 1993/94 rund 22,8 Millionen
Besucher, 700.000 mehr als in der Saison zuvor. Teilte jetzt der
Bühnenverein mit. Allerdings wollen die Leute
mehr die klassischen Sparten sehen. Oper, Ballett, Musical sowie Kinder-
und Jugendtheater waren die Wachstumsbranchen im Theater. Bei Schauspiel und
Operette gab´s Rückgänge. Rechnet man alle öffentlich finanzierten und privaten
Theater zusammen, dann ist die Zahl noch imponierender: rund 35 Millionen Menschen gingen ins
Theater, 1,6 Millionen mehr als im Vorjahr. Es gehen also weiterhin mehr
Leutepro Saison ins Theater als auf den
Fußballplatz.
Natur und Ozon
Ein
Loch ist bekanntlich dort, wo etwas nicht ist. Mit einem einzigen Stich ins
Etwas wird dann so manches entwertet, was zuvor hochheilig war. Beispiel:
Luftballon, Jungfrau, Politikersprechblase. unser altbekanntes Sommerloch ist aber nicht irgendein Loch. In diesem Loch
oder besser diesem Nichts geht es oftmals besonders kreativ zu. Gelegentlich
gebiert es dank besonders ausgetüftelter Politikergedanken auch Monster der
ganz besonderen Art. In diesem Jahr wurde die Sommersmog-Verordnung ins
hochsommerliche Leben katapultiert. Und jetzt
- der Sommer ist noch nicht einmal richtig vorüber - kommt der
Zusammenbruch: Die Natur hat sich
verdammt nochmal an diese Verordnung nicht gehalten. Sie ist einfach nicht
bereit, die Ozongefahr in deutschen Landen - ob Ost, ob West - mit
ausreichender Ernsthaftigkeit heraufzubeschwören. Sie sorgt nicht für
Konzentrationen, die ein unverzügliches Eingreifen der Ordnungsmächte nötig
machten. Im Gegenteil, sie vernichtet schöne Ansätze steigender Meßwerte mit
kühler Witterung und kräftigen Winden. Wir im Unterland regen uns da gar nicht
mehr auf. Wir kennen das schon - vom schönen Ozon-Modell-Versuch unseres
allseits bewunderten Umweltministers Harald B. Schäfer, der ja auch mal
Ministerpräsidenten-Kandidat seiner Partei werden wollte. Zu Beginn des Sommers
war das. Aber dieser Gedanke fiel dank Dieter Spöris Anspruch ins große
Sommerloch.
Einkaufen
Die
Änderung oder das völlige Verschwinden der Ladenschlußzeiten in Deutschland,
auch das war ein schönes Sommerthema 1995. Das Ladenschlußgesetz, nachdem die
Läden werktags um 18.30 Uhr ihre Türen schließen müssen, ist nicht nur
antiquiert, sondern im Vergleich mit Praxis in anderen Ländern der Europäischen Gemeinschaft geradezu
veränderungsbedürftig. Niemand muß seinen Laden, sofern die verordneten
Ladenöffnungszeiten gestrichen werden, die ganze Nacht geöffnet haben. Ich sage
das nur, weil in so mancher Propaganda für die Beibehaltung der derzeitigen
Regelung, dergleichen suggeriert wird.
Jeder Ladenbesitzer regelt seine Öffnungszeiten so wie es seine Kunden wünschen
- im Idealfall. Aber aus Erfahrung kann man ja sagen, es wird zu Regelungen
kommen, die der Einzelhandel einer Stadt oder Gemeinde unter sich abstimmt. Der
eine oder andere wird sich nicht anschließen. Und hat dank Familienbetrieb
vielleicht die Chance einen ergänzenden Service zu bieten. Warum sollen zum
Beispiel nicht auch bei uns wie jetzt in den USA geschehen bei Vorstellung eine
ganz bestimmten Ware, hier ging´s um das neue „Windows 95“, die Geschäfte
ausnahmsweise bis um 24 Uhr oder später geöffnet haben. Ganz dem Bedarf
entsprechend. Einige Politiker haben diese Tage verkündet, daß vielleicht, ja
nur vielleicht, in der Vorweihnachtszeit die Läden bei uns auch mal bis 22 Uhr
„probeweise“ geöffnet haben. Ihr Wort in des geschätzten Gesetzgebers Ohr. Die
Botschaft hör ich wohl ...
Kreuz
schlagen
Das
mit dem Kreuz in deutschen Schulzimmern ist schon ein Kreuz. Zumindest die
derzeitige Diskussion darüber. Dabei ging´s vor Gericht in Karlsruhe nur darum,
daß eine Bestimmung der bayrischen Schulordnung nichtig ist, nach der Kreuze in Unterrichtsräumen staatlicher
Pflichtschulen aufzuhängen sind. Diese
Vorschrift ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beseitigt. So
wie die Kreuze in deutschen Gerichtssälen. Denn es kann kein Anwalt zum
Beispiel jüdischen oder moslemischen Glaubens gezwungen werden, vor einem
Kruzifix zu verhandeln. Jetzt stellen sich so manche Zeitgenossen die Frage, ob
demnächst vom Bundesverfassungsgericht das christliche Glockengeläut zum Verstummen
gebracht wird, das ja viele Mitbürger als unchristlich laut empfinden. Aber da
dieses Geläut eine religiöse Betätigung der Kirchen und nicht des Staates ist,
werden die Gerichte - vorläufig noch - in dieser Frage wohl kaum entscheiden.
Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mich stört das alles hier oben auf dem
Turm überhaupt nicht. Die Stadtväter hatten ja einst entscheiden kein Kreuz
oder einen Hahn auf dem Kirchturm zu postieren, sondern einen Soldaten, einen
Landsknecht. Die Heilbronner hatten schon immer - auch zu ihren Symbolen - ein
eher nüchternes Verhältnis. Auf die Praxis ausgerichtet. Denn gegen Überfälle
hat noch nie das Kreuz geholfen, sondern eine gut ausgebildete Truppe. Auch vor
mehr als vierhundert Jahren.

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