WSV
Offiziell
hat er ja am Montag dieser Woche begonnen, jener Winterschlußverkauf,
der zwölf Werktage andauern soll. Aber inoffiziell? Schon vor Weihnachten
hatten viele Textil- und Bekleidungsgeschäfte im Unterland ihre Preise deutlich
und sichtbar reduziert. Verständlich, denn im letzten Jahr hatte die
Bekleidungsindustrie mit einem Umsatzrückgang von 4,4 Prozent abgeschlossen.
Und beim Textilhandel sah es noch schlimmer aus: minus fünf Prozent. Jetzt muß
wenigstens ein Teil dessen reingeholt werden, was im Jahr 1994 verlorengangen
war. Zum Vorteil der Schnäppchenjäger. Wer momentan bei den Waren genau
hinschaut, vergleicht und nicht nur auf den billigen Ramsch vom Wühltisch
fixiert ist, der kann wahrlich viel Geld sparen. Sofern er nicht vor
Weihnachten sich seine Wünsche teuer erfüllt hat - und nun mit leerer Geldbörse
dasteht. Es war halt schon immer etwas klüger, das Wertvolle preiswert zu
erstehen - zum Beispiel im WSV. Und der nächste SSV im Juli kommt so bestimmt
wie das Amen in der Kirche. Merke: Schnäppchenjagd ist Volkssport in
Deutschland - vor allem bei den Gutbetuchten. Denn die wußten schließlich immer
schon, den Wert des Geldes richtig einzuschätzen.
Schicki-Micki?
„Mit uns
nach oben“, so lautete in der letzten Woche das Sponsoren-Motto beim
Challenger-Turnier „Fiat Heilbronn open“ im Tenniscenter Talheim. Und
nach oben kamen nicht die Tennisstars, sondern recht unbekannte Spieler. Wer
kennt schon außerhalb der Fachkreise einen David Rikl. Schön, daß
der Tscheche freudestrahlend mit einem Sieg-Pokal und dem nagelneuen
Fiat-Punto-Cabrio in seine Heimat davonbrausen konnte. Er hatte sich seinen
Sieg bei den 12. Heilbronn open redlich verdient. Stuttgart bietet
Weltniveau im Tennis, Talheim ist das regionale Tennisereignis mit
internationalem Spieleraufgebot. Das lockt Zuschauer an. Und auch
gesellschaftlich mausern sich die Heilbronn open. Alle, die dabeisein müssen
und wollen, kamen um zu sehen und gesehen zu werden. Schicki-Micki? Dazu
reichts in der kleinen Großstadt Heilbronn nicht, in der Landeshauptstadt nahm
das Turnier kaum einer wahr. Ein gemütliches Familienfest war es in Talheim -
und das sollen die 13. Heilbronn open auch bleiben.
Teurer Müll
Wer in
Heilbronn seinen Müll entsorgen lassen will, der zahlt derzeit pro Jahr für
einen 35-Liter-Eimer 104 Mark, für den 50-Liter-Eimer 135 Mark und für die
Leerung eines Großbehälters pro Anfahrt 47,60 Mark. Aber da nur 42.000 der
55.000 Haushalte ordnungsgemäß an die städtische Müllabfuhr angeschlossen sind,
zahlen 76 Prozent der Haushalte die Müllabfuhrkosten in Höhe von 4,5
Millionen Mark. Das soll sich jetzt ändern. Und zwar soll uns noch was
draufgesattelt werden. Am 9. Februar will der Gemeinderat darüber entscheiden,
ob alle Haushalte oder alle Grundstückseigentümer zur Müllentsorgung veranlagt
werden. „Variante eins“ kostet 1,8 Millionen pro Jahr, „Variante zwei“ soll 940.000
Mark kosten. Bei Variante 1 müßten zusätzlich 11, bei Variante 2 sechs neue
Stellen bei der Stadt geschaffen werden. Ich frage mich: wozu die wunderliche
Stellenvermehrung - trotz Stellenstops durch Gemeinderatsbeschluß. Und
reichlich unverschämt ist es schon, uns Bürger nach den satten Erhöhungen
im Januar jetzt nochmals zur Kasse zu bitten. Es muß doch auch eine Lösung
geben, die den brav zahlenden Heilbronner Bürger müllmäßig nicht mehr belastet
als momentan.
Kein
Tempolimit
Es war ja
schon mehr als klar und deutlich: Nicht alle Bürgermeister der Gemeinden im
Bereich der Autobahn A6 sind für starre Tempolimits - beispielsweise nur noch
Tempo 80 für Pkw oder 60 für Lkw. Bad Rappenaus Schultes Gerd Zimmermann gab
entgegen der anderen neun Bürgermeister zu bedenken, daß damit wohl der Verkehr
auf die Landstraßen abgelenkt würde, weil die Fahrer dort zügiger vorankämen.
Wenn es so käme, dann hätte man freilich den Teufel mit dem Belzebub
ausgetrieben. Und Umweltminister Harald Schäfers Ein-Mann-Show des Ozonversuchs
wäre ein Griff in die ideologische Mottenkiste aus der Eiszeit des
Umweltschutzes. Aber unsere Landtagsvertreter Richard Drautz (FDP), Dieter
Spöri (SPD) werden dem unbeirrbaren Schäfer schon die Meinung sagen,
genauso wie Verkehrsminister Hermann Schaufler es jetzt tat: er lehnte
das Tempolimit schlicht ab. Gerade Dieter Spöri darf nun nicht mehr eiern. Denn
die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern, daß ihm bei der
Spitzenkandidatur im kommenden Landtagswahlkampf nicht nur Konkurrenz von
SPD-Landeschef Uli Maurer droht, auch der Umweltminister Harald B.
Schäfer hat Interesse angemeldet. Selbstverständlich nur in
Hintergrundgesprächen!
Laserpistole
Die Polizei
arbeitet mit Pistolen, wenn es um die Verbrecherjagd geht. Und wenn es um Raser
auf unseren Straßen geht, greifen die Ordnungshüter zur Laserpistole vom Typ
Riegl LR 90-235/P. Seit Herbst letzten Jahres werden Experimente mit dieser
Pistole im Unterland durchgeführt. Überrascht war man bei der Polizeidirektion
Heilbronn über die Erkenntnisse des Verkehrsgutachters Peter Wiedmann. Er hatte
herausgefunden, daß bei geringfügig falscher Bedienung die als absolut
zuverlässig geltenden Geräte falsch messen. Da bewegt sich zum Beispiel ein
Haus angeblich mit 17 Stundenkilometern durch die Landschaft, ergab ein Test.
Und ein parkendes Auto raste mit 38 Stundenkilometern über den Polizeihof.
Fazit: das Riegl-Gerät ist manipulierbar und nach Belieben überlistbar. Das
Innenministerium hatte für die baden-württembergische Polizei 50 dieser
Meßgeräte angeschafft. Bis zum Jahresende sollen weitere 50 hinzukommen. Das
Innenministerium meinte jetzt, das Gerät sei zuverlässig und Fehler entstünden
nur durch bewußte Manipulationen. Und der Experte? Das Gerät muß durch
geänderte Software „narrensicher“ gemacht werden. Erst waren es die stationären
Radaranlagen, die fehlerhaft arbeiteten. Und jetzt ist es die Laserpistole.
Vertrauen in die Polizei? Kontrolle durch den Bürger ist offensichtlich besser.
Sicherheit
kaufen
Ich weiß ja,
langsam wird es langweilig. Aber leider ist es eben das beherrschende Thema in
und um Heilbronn herum: Wohnungseinbrüche. Immer wieder mal läßt unsere
geplagte Polizei verlauten, daß sie eine „heiße Spur“ habe. Pustekuchen! Mehr
denn je wird in Wohnungen, besonders in Orten längs der Autobahn, eingebrochen.
Das läßt sich auch mit „heißen Spuren“ nicht schönreden. Ganz legal Kapital aus
dem unheiligen Einbruchstrend schlagen nun Firmen, die sich der
Sicherungstechnik verschrieben haben. Die Ortsblätter sind voll von Anzeigen.
Manche münzen in ganzseitigen Stellungnahmen die sicher gutgemeinten
Info-Abende der Polizei zu eigenen Werbekampagnen um. Da steht dann, daß unsere
„Polizei stellenmäßig unterbesetzt ist, überfordert ist“ usw. Also, als
Polizeidirektion Heilbronn würde ich mich gegen solche Bloßstellungen wehren.
Gut gesalzen
Schnee und
Glatteis brachten es an den Tag: Gut mit Streusalz gefüllt waren die Lager der
Bauhöfe im Unterland. Allerorten wurden die Straßen kräftig gesalzen. Freie
Fahrt für freie Bürger. Wo allerdings, trotz größtem Salzeinsatz
grundsätzlich nichts mehr fährt, das ist der Autobahnzubringer Heilbronn -
Untergruppenbach. Der kleinste Schneefall reicht aus, um diese wichtige
Verbindungsstraße lahmzulegen. Ob sich das beim geplanten Zubringer-Ausbau
ändern wird? Man kann es nur hoffen.
Unter Drogen
Daß sich so
mancher Autofahrer unter Alkohol ans Steuer setzt ist bekannt. Und daß unter
Alkoholeinwirkung eine Vielzahl schwerer Verkehrsunfälle passieren ist auch
nicht neu. Immer häufiger werden auch Unterländer Polizeibeamte aber mit dem
Problem „Drogenfahrer“ konfrontiert. Bis zu 150 Tote und 4000 Verletzte
gehen angeblich jedes Jahr in Deutschland auf das Konto von Drogen im
Straßenverkehr. Ein Heilbronner Streifenbeamter meinte: „Da gibt es immer
wieder Autofahrer, von denen haben wir den Verdacht, daß sie unter
Medikamenten- oder Rauschgifteinfluß stehen." Abhilfe schaffen ist schwer.
denn nach dem einhelligen Urteil von Experten existieren praktikable
Schnelltestverfahren noch nicht. Ein zuverlässiges Instrumentarium für Polizei
und Staatsanwaltschaft, um Gefahren, die von Rauschgift- oder
Medikamentenabhängigen im Straßenverkehr ausgehen, gibt es auch nicht.
Fortschrittlich?
Volkshochschulen
in Baden-Württemberg gelten als fortschrittliche Bildungseinrichtungen. Ein
Großteil der Dozentinnen sind weiblich. Das ist in der Heilbronner VHS nicht
anders. Daß diese Volkshochschullehrerinnen sich nicht gerade als Heimchen
hinterm Herd verstehen - selbstverständlich. Doch an der Heilbronner VHS
soll sich unlängst ein Fall zugetragen haben, der emanzipierte Frauen auf die
Palme bringen müßte. In einem Deutschkurs soll die Dozentin folgende
Lebensweisheit verbreitet haben. Sie soll die ausländischen Schülerinnen und
Schüler gefragt haben: „Was muß eine Frau tun, die von ihrem Mann geschlagen
wurde?“ Die Antwort habe die Lehrerin, so eine Schülerin, gleich gegeben: „Sie
muß sich fragen, was sie falsch gemacht hat.“ Gut zu wissen, daß die Mehrzahl
der VHS-Dozentinnen ein anderes Frauenbild haben. Sonst fühlte man sich als
Kiliansweible ja ins tiefste Mittelalter zurückversetzt.
Großspurig
Der kann
aber große Töne spucken, der Bürgermeister von Bad Wimpfen. Orginalton
Claus Brechter: „Bad Wimpfen ist ein Diamant, es geht nur noch darum ihn zu
schleifen." Es geht um die nicht so neue Idee eines Arbeitskreises
Stadtmarketing. Die Staufferstadt will sich künftig ein größeres Stück vom
Kuchen Fremdenverkehr abschneiden. Ziemlich großspurig, bedenkt man, daß Bad
Wimpfen unlängst ganz knapp daran vorbeigeschrammt ist, seinen Status als
Kurstadt zu verlieren. Der Grund: Die Luft ist nicht besonders gut in dem
Kurort. Zuviel Autos fahren tagtäglich durch Bad Wimpfen. Aber Urlauber wollen
sich erholen, lieber Herr Brechter, und nicht ein Stauerlebnis auf Wimpfens
Durchgangsstraße genießen. Also, bevor man hochtrabende Begriffe wie Stadtmarketing
bemüht, sollte man doch erst einmal für reine Luft sorgen. Ansonsten könnte man
denken, daß es sich um eine Mogelpackung handelt.
Quote?
Gut
gebrüllt, Oberbürgermeister Manfred Weinmann! Da hatte die SPD im
Heilbronner Stadtrat gedacht, daß zu wenige Stellen in der Verwaltung mit
Frauen besetzt sind. Voll daneben. Von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen
sind 60 Prozent weiblich. Wozu also ein Quote? Noch schöner wäre, wenn künftig
die Benachteiligung der Frauen durch eine Benachteiligung der Männer
wettgemacht werden sollte. Bei Stellenbesetzungen, auch in der Stadtverwaltung,
muß allein die Qualifikation, nicht aber das Geschlecht des Bewerbers oder der
Bewerberin ausschlaggebend sein.
Streit ums
Grauen
Das Jahr
1995 ist für die Deutschen das Jahr der Erinnerung an schreckliche Geschehnisse
vor 50 Jahren. In der vergangenen Woche wurde feierlich an die Befreiung des Konzentrationslagers
Auschwitz erinnert. „Hier auf polnischem Boden, doch nicht mit polnischer
Hand, haben die deutschen Nazis eine Kette von Lagern errichtet, unter denen
Auschwitz-Birkenau zum Symbol des Bösen und der Barbarei nicht nur des 20.
Jahrhunderts wurde.“ - So lautet ein Satz aus dem zentralen Appell, der in
Auschwitz verlesen wurde. Und der Text deutet schon auf die Unstimmigkeiten
zwischen Polen und Juden beim Gedenken hin. Der Vorsitzende des Zentralrats der
Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, sprach sogar von „unterschwelligem
Antisemitismus“ bei der Warschauer Staatsführung. Und die Warschauer Regierung
konterte, „daß die Deutschen mit ihren Angriffen gegen Polen und die Polen
einen Mitschuldigen für das suchen, was sich im Konzentrationslager Auschwitz
zugetragen hat.“ - Der Vorsitzende des Dachverbands der Juden in Polen Szymon
Szurmiej sagte dazu in schlichter Geradlinigkeit: „An einem solchen Ort hat
vor allem Schweigen zu herrschen.“ - Wie sagte doch Ignatz Bubis: „Die
Täter lachen sich ins Fäustchen, wenn sie sehen, wie die Opfer sich streiten.“
Wander-Männle
Wundern Sie
sich nicht: Demnächst wandere ich mit meinen schlichten Bemerkungen zum
Unterländer Zeitgeschehen durch den Neckar-Express. Nicht mehr auf einer Seite
allein bin ich dann zu vernehmen, sondern im gesamten Blättle können Sie mich
lesen. Wie einst der Figaro - hier, dort und allüberall. Wenn es Ihnen gefällt,
dann schreiben Sie mir doch mal. Auch wenn es Ihnen nicht gefällt. Neckar-Express,
Kiliansmännle, Orthstraße 19, 74076 Heilbronn.

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