Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 01.02.1995



WSV
Offiziell hat er ja am Montag dieser Woche begonnen, jener Winterschlußverkauf, der zwölf Werktage andauern soll. Aber inoffiziell? Schon vor Weihnachten hatten viele Textil- und Bekleidungsgeschäfte im Unterland ihre Preise deutlich und sichtbar reduziert. Verständlich, denn im  letzten Jahr hatte die Bekleidungsindustrie mit einem Umsatzrückgang von 4,4 Prozent abgeschlossen. Und beim Textilhandel sah es noch schlimmer aus: minus fünf Prozent. Jetzt muß wenigstens ein Teil dessen reingeholt werden, was im Jahr 1994 verlorengangen war. Zum Vorteil der Schnäppchenjäger. Wer momentan bei den Waren genau hinschaut, vergleicht und nicht nur auf den billigen Ramsch vom Wühltisch fixiert ist, der kann wahrlich viel Geld sparen. Sofern er nicht vor Weihnachten sich seine Wünsche teuer erfüllt hat - und nun mit leerer Geldbörse dasteht. Es war halt schon immer etwas klüger, das Wertvolle preiswert zu erstehen - zum Beispiel im WSV. Und der nächste SSV im Juli kommt so bestimmt wie das Amen in der Kirche. Merke: Schnäppchenjagd ist Volkssport in Deutschland - vor allem bei den Gutbetuchten. Denn die wußten schließlich immer schon, den Wert des Geldes richtig einzuschätzen. 

Schicki-Micki?
„Mit uns nach oben“, so lautete in der letzten Woche das Sponsoren-Motto beim Challenger-Turnier „Fiat Heilbronn open“ im Tenniscenter Talheim. Und nach oben kamen nicht die Tennisstars, sondern recht unbekannte Spieler. Wer kennt schon außerhalb der Fachkreise einen David Rikl. Schön, daß der Tscheche freudestrahlend mit einem Sieg-Pokal und dem nagelneuen Fiat-Punto-Cabrio in seine Heimat davonbrausen konnte. Er hatte sich seinen Sieg bei den 12. Heilbronn open redlich verdient. Stuttgart bietet Weltniveau im Tennis, Talheim ist das regionale Tennisereignis mit internationalem Spieleraufgebot. Das lockt Zuschauer an. Und auch gesellschaftlich mausern sich die Heilbronn open. Alle, die dabeisein müssen und wollen, kamen um zu sehen und gesehen zu werden. Schicki-Micki? Dazu reichts in der kleinen Großstadt Heilbronn nicht, in der Landeshauptstadt nahm das Turnier kaum einer wahr. Ein gemütliches Familienfest war es in Talheim - und das sollen die 13. Heilbronn open auch bleiben.

Teurer Müll
Wer in Heilbronn seinen Müll entsorgen lassen will, der zahlt derzeit pro Jahr für einen 35-Liter-Eimer 104 Mark, für den 50-Liter-Eimer 135 Mark und für die Leerung eines Großbehälters pro Anfahrt 47,60 Mark. Aber da nur 42.000 der 55.000 Haushalte ordnungsgemäß an die städtische Müllabfuhr angeschlossen sind, zahlen 76 Prozent der Haushalte die Müllabfuhrkosten in Höhe von 4,5 Millionen Mark. Das soll sich jetzt ändern. Und zwar soll uns noch was draufgesattelt werden. Am 9. Februar will der Gemeinderat darüber entscheiden, ob alle Haushalte oder alle Grundstückseigentümer zur Müllentsorgung veranlagt werden. „Variante eins“ kostet 1,8 Millionen pro Jahr, „Variante zwei“ soll 940.000 Mark kosten. Bei Variante 1 müßten zusätzlich 11, bei Variante 2 sechs neue Stellen bei der Stadt geschaffen werden. Ich frage mich: wozu die wunderliche Stellenvermehrung - trotz Stellenstops durch Gemeinderatsbeschluß. Und reichlich unverschämt ist es schon, uns Bürger nach den satten Erhöhungen im Januar jetzt nochmals zur Kasse zu bitten. Es muß doch auch eine Lösung geben, die den brav zahlenden Heilbronner Bürger müllmäßig nicht mehr belastet als momentan.

Kein Tempolimit
Es war ja schon mehr als klar und deutlich: Nicht alle Bürgermeister der Gemeinden im Bereich der Autobahn A6 sind für starre Tempolimits - beispielsweise nur noch Tempo 80 für Pkw oder 60 für Lkw. Bad Rappenaus Schultes Gerd Zimmermann gab entgegen der anderen neun Bürgermeister zu bedenken, daß damit wohl der Verkehr auf die Landstraßen abgelenkt würde, weil die Fahrer dort zügiger vorankämen. Wenn es so käme, dann hätte man freilich den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Und Umweltminister Harald Schäfers Ein-Mann-Show des Ozonversuchs wäre ein Griff in die ideologische Mottenkiste aus der Eiszeit des Umweltschutzes. Aber unsere Landtagsvertreter Richard Drautz (FDP), Dieter Spöri (SPD) werden dem unbeirrbaren Schäfer schon die Meinung sagen, genauso wie Verkehrsminister Hermann Schaufler es jetzt tat: er lehnte das Tempolimit schlicht ab. Gerade Dieter Spöri darf nun nicht mehr eiern. Denn die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern, daß ihm bei der Spitzenkandidatur im kommenden Landtagswahlkampf nicht nur Konkurrenz von SPD-Landeschef Uli Maurer droht, auch der Umweltminister Harald B. Schäfer hat Interesse angemeldet. Selbstverständlich nur in Hintergrundgesprächen!

Laserpistole
Die Polizei arbeitet mit Pistolen, wenn es um die Verbrecherjagd geht. Und wenn es um Raser auf unseren Straßen geht, greifen die Ordnungshüter zur Laserpistole vom Typ Riegl LR 90-235/P. Seit Herbst letzten Jahres werden Experimente mit dieser Pistole im Unterland durchgeführt. Überrascht war man bei der Polizeidirektion Heilbronn über die Erkenntnisse des Verkehrsgutachters Peter Wiedmann. Er hatte herausgefunden, daß bei geringfügig falscher Bedienung die als absolut zuverlässig geltenden Geräte falsch messen. Da bewegt sich zum Beispiel ein Haus angeblich mit 17 Stundenkilometern durch die Landschaft, ergab ein Test. Und ein parkendes Auto raste mit 38 Stundenkilometern über den Polizeihof. Fazit: das Riegl-Gerät ist manipulierbar und nach Belieben überlistbar. Das Innenministerium hatte für die baden-württembergische Polizei 50 dieser Meßgeräte angeschafft. Bis zum Jahresende sollen weitere 50 hinzukommen. Das Innenministerium meinte jetzt, das Gerät sei zuverlässig und Fehler entstünden nur durch bewußte Manipulationen. Und der Experte? Das Gerät muß durch geänderte Software „narrensicher“ gemacht werden. Erst waren es die stationären Radaranlagen, die fehlerhaft arbeiteten. Und jetzt ist es die Laserpistole. Vertrauen in die Polizei? Kontrolle durch den Bürger ist offensichtlich besser.

Sicherheit kaufen
Ich weiß ja, langsam wird es langweilig. Aber leider ist es eben das beherrschende Thema in und um Heilbronn herum: Wohnungseinbrüche. Immer wieder mal läßt unsere geplagte Polizei verlauten, daß sie eine „heiße Spur“ habe. Pustekuchen! Mehr denn je wird in Wohnungen, besonders in Orten längs der Autobahn, eingebrochen. Das läßt sich auch mit „heißen Spuren“ nicht schönreden. Ganz legal Kapital aus dem unheiligen Einbruchstrend schlagen nun Firmen, die sich der Sicherungstechnik verschrieben haben. Die Ortsblätter sind voll von Anzeigen. Manche münzen in ganzseitigen Stellungnahmen die sicher gutgemeinten Info-Abende der Polizei zu eigenen Werbekampagnen um. Da steht dann, daß unsere „Polizei stellenmäßig unterbesetzt ist, überfordert ist“ usw. Also, als Polizeidirektion Heilbronn würde ich mich gegen solche Bloßstellungen wehren.

Gut gesalzen
Schnee und Glatteis brachten es an den Tag: Gut mit Streusalz gefüllt waren die Lager der Bauhöfe im Unterland. Allerorten wurden die Straßen kräftig gesalzen. Freie Fahrt für freie Bürger. Wo allerdings, trotz größtem Salzeinsatz grundsätzlich nichts mehr fährt, das ist der Autobahnzubringer Heilbronn - Untergruppenbach. Der kleinste Schneefall reicht aus, um diese wichtige Verbindungsstraße lahmzulegen. Ob sich das beim geplanten Zubringer-Ausbau ändern wird? Man kann es nur hoffen.

Unter Drogen
Daß sich so mancher Autofahrer unter Alkohol ans Steuer setzt ist bekannt. Und daß unter Alkoholeinwirkung eine Vielzahl schwerer Verkehrsunfälle passieren ist auch nicht neu. Immer häufiger werden auch Unterländer Polizeibeamte aber mit dem Problem „Drogenfahrer“ konfrontiert. Bis zu 150 Tote und 4000 Verletzte gehen angeblich jedes Jahr in Deutschland auf das Konto von Drogen im Straßenverkehr. Ein Heilbronner Streifenbeamter meinte: „Da gibt es immer wieder Autofahrer, von denen haben wir den Verdacht, daß sie unter Medikamenten- oder Rauschgifteinfluß stehen." Abhilfe schaffen ist schwer. denn nach dem einhelligen Urteil von Experten existieren praktikable Schnelltestverfahren noch nicht. Ein zuverlässiges Instrumentarium für Polizei und Staatsanwaltschaft, um Gefahren, die von Rauschgift- oder Medikamentenabhängigen im Straßenverkehr ausgehen, gibt es auch nicht.

Fortschrittlich?
Volkshochschulen in Baden-Württemberg gelten als fortschrittliche Bildungseinrichtungen. Ein Großteil der Dozentinnen sind weiblich. Das ist in der Heilbronner VHS nicht anders. Daß diese Volkshochschullehrerinnen sich nicht gerade als Heimchen hinterm Herd verstehen - selbstverständlich. Doch an der Heilbronner VHS soll sich unlängst ein Fall zugetragen haben, der emanzipierte Frauen auf die Palme bringen müßte. In einem Deutschkurs soll die Dozentin folgende Lebensweisheit verbreitet haben. Sie soll die ausländischen Schülerinnen und Schüler gefragt haben: „Was muß eine Frau tun, die von ihrem Mann geschlagen wurde?“ Die Antwort habe die Lehrerin, so eine Schülerin, gleich gegeben: „Sie muß sich fragen, was sie falsch gemacht hat.“ Gut zu wissen, daß die Mehrzahl der VHS-Dozentinnen ein anderes Frauenbild haben. Sonst fühlte man sich als Kiliansweible ja ins tiefste Mittelalter zurückversetzt.

Großspurig
Der kann aber große Töne spucken, der Bürgermeister von Bad Wimpfen. Orginalton Claus Brechter: „Bad Wimpfen ist ein Diamant, es geht nur noch darum ihn zu schleifen." Es geht um die nicht so neue Idee eines Arbeitskreises Stadtmarketing. Die Staufferstadt will sich künftig ein größeres Stück vom Kuchen Fremdenverkehr abschneiden. Ziemlich großspurig, bedenkt man, daß Bad Wimpfen unlängst ganz knapp daran vorbeigeschrammt ist, seinen Status als Kurstadt zu verlieren. Der Grund: Die Luft ist nicht besonders gut in dem Kurort. Zuviel Autos fahren tagtäglich durch Bad Wimpfen. Aber Urlauber wollen sich erholen, lieber Herr Brechter, und nicht ein Stauerlebnis auf Wimpfens Durchgangsstraße genießen. Also, bevor man hochtrabende Begriffe wie Stadtmarketing bemüht, sollte man doch erst einmal für reine Luft sorgen. Ansonsten könnte man denken, daß es sich um eine Mogelpackung handelt.

Quote?
Gut gebrüllt, Oberbürgermeister Manfred Weinmann! Da hatte die SPD im Heilbronner Stadtrat gedacht, daß zu wenige Stellen in der Verwaltung mit Frauen besetzt sind. Voll daneben. Von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sind 60 Prozent weiblich. Wozu also ein Quote? Noch schöner wäre, wenn künftig die Benachteiligung der Frauen durch eine Benachteiligung der Männer wettgemacht werden sollte. Bei Stellenbesetzungen, auch in der Stadtverwaltung, muß allein die Qualifikation, nicht aber das Geschlecht des Bewerbers oder der Bewerberin ausschlaggebend sein.

Streit ums Grauen
Das Jahr 1995 ist für die Deutschen das Jahr der Erinnerung an schreckliche Geschehnisse vor 50 Jahren. In der vergangenen Woche wurde feierlich an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert. „Hier auf polnischem Boden, doch nicht mit polnischer Hand, haben die deutschen Nazis eine Kette von Lagern errichtet, unter denen Auschwitz-Birkenau zum Symbol des Bösen und der Barbarei nicht nur des 20. Jahrhunderts wurde.“ - So lautet ein Satz aus dem zentralen Appell, der in Auschwitz verlesen wurde. Und der Text deutet schon auf die Unstimmigkeiten zwischen Polen und Juden beim Gedenken hin. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, sprach sogar von „unterschwelligem Antisemitismus“ bei der Warschauer Staatsführung. Und die Warschauer Regierung konterte, „daß die Deutschen mit ihren Angriffen gegen Polen und die Polen einen Mitschuldigen für das suchen, was sich im Konzentrationslager Auschwitz zugetragen hat.“ - Der Vorsitzende des Dachverbands der Juden in Polen Szymon Szurmiej sagte dazu in schlichter Geradlinigkeit: „An einem solchen Ort hat vor allem Schweigen zu herrschen.“ - Wie sagte doch Ignatz Bubis: „Die Täter lachen sich ins Fäustchen, wenn sie sehen, wie die Opfer sich streiten.“

Wander-Männle
Wundern Sie sich nicht: Demnächst wandere ich mit meinen schlichten Bemerkungen zum Unterländer Zeitgeschehen durch den Neckar-Express. Nicht mehr auf einer Seite allein bin ich dann zu vernehmen, sondern im gesamten Blättle können Sie mich lesen. Wie einst der Figaro - hier, dort und allüberall. Wenn es Ihnen gefällt, dann schreiben Sie mir doch mal. Auch wenn es Ihnen nicht gefällt. Neckar-Express, Kiliansmännle, Orthstraße 19, 74076 Heilbronn.

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