Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 31.10.1995



Drogenszene
So langsam haben es die Kommunalpolitiker in Heilbronn zur Kenntnis genommen: Ihre Stadt wird immer mehr von den abstoßenden Begleiterscheinungen der Drogenszene beherrscht. Eine geraume Zeit konnte man ja über die Probleme hinwegsehen. Wohnungseinbrüche, Überfälle auf  Passanten, Raub, Dealerkämpfe - all das beschäftigt die Polizei, ist Routinearbeit für die Ordnungshüter. Aber wenn das Kernstück einer Stadt, die City immer mehr verwahrlost, die Drogenszene sich vor den Augen einkaufender Menschen ganz offen und ungeniert breitmacht, dann hat das was mit der Beschädigung des Rufs Heilbronns als einkauffreundlicher Stadt zu tun. Es hat sich schon längst bei jenen herumgesprochen, die aus dem Umland zum Shopping in die Stadt kommen, daß die Innenstadt Heilbronns ein unsicheres Pflaster ist. Eine solche Negativwerbung vor allem in der anstehenden Vorweihnachtszeit ist kein Aushängeschild für die Heilbronner Kaufleute. Jetzt muß etwas getan werden. Und da ist der Vorschlag von der CDU-Stadträtin Johanna Lichy, Sperrzonen für die Drogenszene einzuführen, gar nicht so aus der Welt. Zumal der Ministerialdirektor im Stuttgarter Innenministerium Dr. Erhard Klotz kundtat, daß dadurch Drogenszenen verhindert, die Anzahl auswärtiger Drogenabhängiger und Dealer reduziert, sowie örtliche und zeitliche Verlagerungen der Szene erreicht werden können. Wer immer noch nicht begriffen hat, daß mit Drogenkonsum und -verkauf Krieg gegen die Gesellschaft geführt wird, wer immer noch Drogenabhängige als Produkte der Wohlstandsgesellschaft und nicht als Opfer jener verbrecherischen Kräfte ansieht, die aus Geld- und Machtgier das Teufelszeug an schwache Menschen verkaufen, dem ist wohl kaum mehr zu helfen. Eine Appeasement-Politik leistet den Drogenverbrechern Vorschub. Und sie macht sich mitschuldig.



Moschee mit Turm

Im Heilbronner Industriegebiet soll die erste Moschee der Käthchenstadt entstehen. Im Gebäude einer ehemaligen Schuhfabrik in der Goppeltstraße werden Muslime sich zum Gebet treffen. Denn zur Zeit trifft sich die islamische Gemeinschaft „Milli Görus“ noch im alten Weipertgebäude, das in nächster Zeit zu einem Technologie- und Gründerzentrum umgebaut werden soll. Deshalb mußte die Stadt schnell etwas für die Muslime finden. 1,84 Millionen Mark zahlten die Allah-Gläubigen für ihr neues Gotteshaus, bei dem auch ein Minarett von 26 Metern Höhe nicht fehlen darf. Aber die Baugenehmigung läßt auf sich warten. Baurechtlich seien 60 Parkplätze vorgeschrieben. 30 sind aber nur auf dem Schuhfabrik-Gelände vorhanden. Ich kenne in der Stadt einige christliche Sekten, die um ihre Gebetshäuser kaum Parkraum zur Verfügung stellen. Vor allem in Wohngebieten sind dann zur Gottesdienststunde - und das ist mehrmals in der Woche der Fall - sämtliche benachbarte Straßen zugeparkt. Zum ständigen Ärger der Anwohner. Bei diesen christlichen Sekten wurde offensichtlich von der Stadt nicht allzuviel Wert auf ausgewiesenen Parkraum gelegt. Ich hoffe, daß dabei nicht mit zweierlei Maß gemessen worden ist. Zumal bekannt wurde, daß nicht in allen Amtsstuben das Moschee-Bauvorhaben im zurückliegenden Jahr mit der notwendigen Entschiedenheit unterstützt wurde. Immerhin sind von 120.000 Heilbronnern 10.000 Muslime - und damit Bürger und Steuerzahler.



Ladenschluß

Wenn ich die politischen Töne aus Bonn richtig vernommen habe, dann soll alsbald das Ladenschlußgesetz fallen. Eine Liberalisierung wurde angekündigt. Von Montag bis Freitag sollen die Geschäfte von sechs bis 20 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr offenhalten dürfen. Eine Begrenzung der wöchentlichen Öffnungszeiten auf 68,5 Stunden soll es nicht geben. Wenn alles in der Bonner Koalition gut geht, dann soll das neue Gesetz ab 1. Juli 1996 in Kraft treten. Aber die Gegner sind schon laut tönend wieder unterwegs. In eigentümlichen Fernsehumfragen ist dann zu hören: Die Leute hätten ja ohnehin nicht mehr Geld in der Tasche. Wozu dann längere Öffnungszeiten? Vor allem Rentner werden vor die Kameras gelockt und erzählen uns entrüstet: Wer tagsüber keine Zeit habe einzukaufen, für den soll es auch keinen Abendeinkauf geben. Nach dem Motto, wer nicht ist wie wir, der ist mies. Niemand will Einzelhändlern vorschreiben, daß sie ihre Läden von sechs bis 20 Uhr öffnen müssen. Es soll nur gewährleistet sein, daß sie in diesem Zeitkorridor öffnen dürfen. Schon heute sind viele Geschäfte in der Innenstadt Heilbronns erst ab neun oder zehn Uhr für ihre Kundschaft ansprechbar. Und ich schätze, daß die meisten wie bisher schon auch nach der Liberalisierung um 18 Uhr ihre Tore schließen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Nur wenn einige Geschäfte kundenfreundlicher sein wollen, dann sollte der Gesetzgeber ihnen nicht verwehren bis 20 oder 22 Uhr ihre Pforten für die Kundschaft offen zu halten. Nur der Zwang beim Ladenschluß muß endlich weg. Im Interesse aller. Deutsche Reglementierungswut hat im liberalen Europa wenig Platz.



Hallenbad

Wenn Sie sich im Unterland erholen wollen, vor allem in dieser kälter werdenden Jahreszeit, dann gehen Sie doch mal ins Hallenbad. Soll gut sein - gegen Schnupfen, Grippe, kalte Füße und vieles andere mehr. Neckarsulm bietet mit seinem Aquatoll ein Erholungszentrum mit einer großen Anzahl von Schwimmbecken, mit Wasserrutschen, Sauna, Dampfbad, Solarien - eben mit allem, was zum Plantschen dazugehört. Nur ein wenig voll ist es da, vor allem in den Abendstunden. Auch Heilbronn hat mit seinem städtischen Hallenbad ein Zentrum für Leute, die sich gern mit Wasser erholsame Stunden bereiten. Viel wurde in den letzten Jahren in dieses schon betagte Hallenbad investiert, um in Konkurrenz zu Neckarsulm bestehen zu können. Dank Schranke und Kartenautomat findet der Besucher jetzt auch sofort einen Parkplatz. Und im Innern des Bades wurde viel ausgebessert, was zuvor schon reichlich marode war. Aber bei den Sonnenduschen, die ein äußerst empfindlicher Bereich heutiger Badekultur sind, frage ich mich, ob die nötige Wartung in Heilbronn vorhanden ist. Teilweise sind sie schmutzig und sehen abgewrackt aus, es fehlen Kopfstützen - kein Vergleich zu professionell geführten Sonnenstudios. Und über allem thront ein Strohmattendach, das die aufsteigende Hitze bremst. Was sich darin an Staub sammelt, das wissen Experten zu werten. Aber das ordnungsgemäße Warten solcher Sonnenbänke ist nicht nur ein Problem des Heilbronner Stadtbades. Wer allerdings mit künstlicher Sonne Geld verdient, der sollte streng auf Hygiene und technisch einwandfreien Zustand achten.



Bürgermeister

Neckarwestheim wählt am 14. Januar 1996 seinen neuen Bürgermeister, den Nachfolger für Horst Armbrust, der momentan seinen Sitz in Stuttgart-Stammheim hat. Die Bewerbungsfrist beginnt am 14. November, aber zwei Kandidaten dürften schon ausgemacht sein. Hauptamtsleiter Dieter Fischer und Bürgermeister-Stellvertreter Martin Hofelich. Denn bei der Besprechung über die Bürgermeisterwahl im Neckarwestheimer Rathaus wurde durch das Verhalten beider deutlich, daß sie in dieser Frage in einem Interessenskonflikt stehen. Den Vorsitz im Wahlausschuß führt der Gemeinderat Dr. Hans Wiedemann, nachdem Hofelich verzichtet hatte - wegen Befangenheit. Nägel mit Köpfen wurden bei der letzten Gemeinderatssitzung auch gleich gemacht. Die Neckarwestheimer Bürger werden die Kandidaten für´s Bürgermeisteramt am Montag, den 8. Januar 1996 bei einer Kandidatenvorstellung befragen können. Zur Zeit aber erregt die Einwohner eine ganz andere Frage: Warum konnte die Familie Armbrust die Nobelkarrosse des Bürgermeisters Horst Armbrust verkaufen? Warum hat das Heilbronner Landratsamt den Wagen nicht pfänden lassen? Wem gehört nun das Geld aus dem Autoverkauf? „Hugoles“ betreibe der im Gefängnis sitzende Amtsinhaber mit Gemeinderat und Bürgern, wurde im Rat gesagt. Und vermutet wird auch, daß die Familie Armbrust sich durch den Verkauf gebrauchten Nobel-PKWs letztlich auf Kosten der Gemeinde einen Neuwagen zugelegt habe. Bei den Schulden, die dank Armbrust-Spekulationen in der Kasse  vorhanden sind, frage ich mich, was demnächst noch alles an seltsamem Finanzgebaren den Neckarwestheimern aufgetischt und zugemutet wird.



Hasch-Theater

Erinnern Sie sich noch? Ende Juni gab´s in der Heilbronner Kulturszene Aufruhr. Hatte doch eine Volontärin der Tageszeitung über Haschkonsum einiger Ensemblemitglieder des Kinder- und Jugendtheaters Radelrutsch berichtet. Bei einem Gastspiel in Luxemburg, zu dem die Reporterin eingeladen war, sollen Haschischzigaretten die Runde gemacht haben. Und auf der Bühne wurden Antidrogenstücke gegeben. Das Anliegen der Truppe war ramponiert. Die öffentlich Beschuldigten bestritten, auf dieser Reise Haschisch geraucht zu haben. Die Jungjournalistin beteuerte, Rauschgiftkonsum gesehen und gerochen zu haben. Staatsanwälte nahmen sich der Sache an - und stellten dieser Tage ihre Ermittlungen ein. Einmal die Staatsanwaltschaft in Heilbronn, die gegen zwei Schauspieler ermittelt hatte, und die Staatsanwaltschaft in Saarbrücken, die Vorwürfe gegen einen Radelrutsch-Techniker jetzt „wegen geringer Schuld“ zu den Akten legte. Der Berg kreiste und gebar eine Maus. Ich frage mich heute: Hätte dieser Riesenzirkus nicht von Beginn an vermieden werden können? Die Beobachtungen einer Journalistin sind eine Sache, die Konfrontation der Betroffenen und nicht des gesamten Theaters mit dieser subjektiven Sicht eine zweite - und die Wahrheitsfindung wiederum der nächste Schritt. Aber das Kind war in den Brunnen gefallen. Bernhard Wilbs, der Gründer des Theaters, Intendant, Regisseur und Stückeschrieber kämpfte um den Ruf seiner Truppe, wollte nicht vorverurteilen, aber auch keine Haschraucher in seinem Theater dulden. Jetzt steht Radelrutsch, das verdienstvolle Kinder- und Jugendtheater des Unterlands, wieder rein da. Wie jener Schwan in Kleists Novelle „Marquise von O“. Der wurde von der übermütigen Dorfjugend mit Kot beworfen, verschwand in der Tiefe des Teichs - und als er auftauchte war sein Gefieder wieder blütenweiß.



Spiegelfechter

Wenn jemand einer religiösen Sekte angehört, so darf er wegen seines Glaubens nicht benachteiligt werden. So steht´s im Grundgesetz. Sei er nun Christ katholischer, protestantischer, orthodoxer Konfession oder einer anderen christlichen, jüdischen, muslimischen Religionsgemeinschaft angehörig. In Tauberbischofsheim stellt sich nun die Frage, ob der Cheftrainer des deutschen Fechterbundes Emil Beck (60) seinen designierten Nachfolger Bernd Lang (36) zu Recht vom Dienst suspendiert hat. Der Sportwissenschaftler soll Kontakt zur Psychosekte Scientology haben. Lang lobte zwar in Zeitschriften die Schriften des Sektengründers L. Ron Hubbard, will aber außer einem Kurs bei der Scientologen-Firma AKM (Akademie für Management und Kommunikation) nichts mit den Scientologen zu tun haben. Für Emil Beck ist die Trennung notwendig geworden, weil er das Fechtzentrum und damit sein Lebenswerk nicht aufs Spiel setzen will. Das Ex-Mitglied der Fechtnationalmannschaft Bernd Lang hat gegen „PC“ verstoßen. PC, also politisch korrektes Verhalten heißt in Deutschland: Sich fernhalten von Scientologen. In den USA  zum Beispiel wird nach der Leistung gefragt. Ob ein Schauspieler, Sporttrainer oder Musiker dieser oder jener Sekte angehört, das ist seine Privatsache. Ich finde, man sollte bei uns langsam die Kirche im Dorf lassen. Wenn sich Organisationen - ob politisch oder religiös - kriminell verhalten, müssen sie mit den zur Verfügung stehenden Gesetzen bekämpft werden. Aber Menschen wegen ihrer weltanschaulichen Ansichten beruflich zu diskriminieren, das ist sehr gefährlich, vor allem in einem Land wie Deutschland. Ich bin gespannt, wie unsere Gerichte in diesem Fall entscheiden werden. Wenn es überhaupt zu einem Prozeß kommt.



Arbeitslos

Das teuerste, was wir uns derzeit in unserer sozialen Marktwirtschaft leisten - das ist die hohe Arbeitslosigkeit von nahezu zehn Prozent. Entscheidenden Anteil an dieser hohen Quote trägt die Politik. Durch überhöhte Belastungen wird die deutsche Wirtschaft gedrängt, Arbeitsplätze in weniger teure Länder Europas oder nach Übersee zu verlagern, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Die Folgen dieser Politik aber werden bei uns im Lande bezahlt. Vor allem von Städten und Gemeinden, die unter der Last der steigenden Ausgaben für Sozialhilfeleistungen stöhnen. Projekte für Lanzeitarbeitslose, Behinderte, Sozialhilfeempfänger und Schwervermittelbare werden dagegen gesetzt. Und davon gibt es auch im Unterland schon einige. Erst vor wenigen Tagen wurde eine solche gemeinnützige GmbH mit dem illustren Namen Arkus (Arbeits-, Kultur- und Selbsthilfe) vorgestellt. Träger ist der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband DPWV. Neben dieser neuen Organisation betreiben Qualifizierungs- und Arbeitsprojekte die Aufbaugilde, die Jugendwerkstätten, die Aktion Sprungbrett und das Diakonische Werk. Jetzt soll eine Arbeitsgruppe auf Betrieben der Stadt ins Leben gerufen werden, die alle neuen Projekte dieser Gruppen mit dem Sozial- und Arbeitsamt koordiniert. Denn das Geld aus Zuschüssen vom Staat reicht hinten und vorn nicht. Außerdem konkurrieren diese Einrichtungen mit Handwerksbetrieben und anderen Unternehmen, die ähnliche oder gleiche Dienstleistungen anbieten. Dabei soll dieser zweite Arbeitsmarkt nur für den ersten, ordentlichen qualifizieren. Kluge Köpfe behaupten ja, daß Hilfsorganisationen vor allem im Sozialbereich ein derart starkes Eigenleben führen, das dann meist weit über den angestrebten Zweck hinausgeht. Wenn Hilfe Selbstzweck wird, dann ist das Ziel verfehlt.



Gesundheitsamt

Ein Treppenwitz der Verwaltungsreform ist die seltsame Vermehrung der Gesundheitsämter im Unterland. Bisher gab es das einzige Amt dieser Art in der Uhlandstraße. Jetzt haben wir zwei Gesundheitsämter: Eines für den Stadtkreis Heilbronn mit Sitz im Wollhausturm und das andere für den Landkreis Heilbronn im alten Gebäude in der Uhlandstraße. Das 16köpfige städtische Team unter Leitung von Dr. Klaus-Peter Axmann ist vor wenigen Tagen ins Wollhauscenter umgezogen.  Allein 30.000 Mark kostete der Umzug. Rund 50.000 Mark sind für neue Möbel eingeplant. Zwei Stockwerke mit insgesamt 16 Räumen im Wollhausturm beherbergen dann Amtsleitung, amtsärztliche und umweltmedizinische Abteilungen sowie soziale Beratung, Gesundheitsvorbeugung und Kinderarzt samt Assistent. Einen Schildbürgerstreich nenne ich das, was hier über die Bühne ging. Der Amtsschimmel wiehert, und die Bürger zahlen. Was bisher in einem Amt fürs ganze Unterland anstandslos geleistet werden konnte, das wird nun in zwei Ämtern vollbracht. Eine sogenannte Kompromißlösung, die im Landtag zwischen CDU und SPD in Großer Koalition ausgehandelt wurde. Bei der aber von den Landtagsabgeordneten Gerd Zimmermann (CDU) und Alfred Schöffler (SPD) herbe Kritik am Verfahren und Ergebnis deutlich gemacht wurde. Und auch Egon Susset, der CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Unterland, hatte seinem Unmut laut Luft gemacht. Jetzt aber haben wir den Amtssalat. Mitverursacher: Heilbronns Krankenhausdezernent Harald Friese. Aber der steht brav zur Ämterteilung. So wie es die Regierung in Stuttgart beschlossen hat - und der Landtag mit Mehrheit abgesegnet.



Kulturmärchen

Man glaubt es kaum. In Heilbronn hat sich ein Kulturmärchen abgespielt. Begonnen hatte alles in Bruchsal. Dort - beim internationalen Musikfestival - war der Dirigent und Konzertpianist Daniyar Mukhtarov aus Bishkek, der Hauptstadt Kirgisiens zu Gast. Er leitet in seiner Heimat das Kammerorchester, das oft bei Staatsempfängen aufspielt. Nach dem Konzert in Bruchsal macht er noch einige Tage Urlaub bei einem befreundeten Heilbronner Arzt. Genau zum gleichen Zeitpunkt gibt`s einen Verkehrsstau auf der A 81 beim Weinsberger Kreuz. Der Musikkritiker Bent Hultman aus Schweden unterbricht seine Reise von Stuttgart nach Paris. Bei einem Spaziergang am Abend in der Innenstadt Heilbronns trifft der Musikkritiker Hultman ganz zufällig den Konzertpianisten Mukhtarov, den er vor einem Jahr in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek kennengelernt hatte. Die unverhoffte Wiedersehen löst bei den Herren natürlich große Freude aus. In einem Heilbronner Lokal, das allerdings nicht den Namen „Kulturwüste“ trägt,  setzt man sich zusammen, trinkt den guten Unterländer Wein und plauscht über das, was es an kulturellen Musikereignissen im verflossenen Jahr alles so  gegeben hatte - auf dieser ach so kleinen Welt. Die internationale Kultur blüht also auch im kleinen, in der Abgeschiedenheit der schwäbischen Provinz, abseits der großen kulturellen Ströme. Mal sehen, was aus diesem Treffen an Kulturblüten so erwächst.



Hauptstadt

Im Ländle heißt die Hauptstadt Stuttgart. Aber es gibt schönere Städte als diese. Karlsruhe oder Freiburg, aber selbst Mannheim können mit der schwäbischen Metropole durchaus konkurrieren. Aber darauf kommt  es ja nicht an. Stuttgart ist halt das baden-württembergische Verwaltungszentrum, die Spätzles-Kapitale. Für ganz Deutschland heißt dieses Zentrum bisher immer noch Bonn. Weil Regierung, Bundestag und Bundesrat ihren Sitz am Rhein haben. Dort kann munter regiert und Opposition betrieben werden, solange bis die Hauptstadt Berlin so ausgebaut ist, daß die Arbeit von dort aus bewältigt werden kann. Ich frage mich heute immer noch, ob es wirklich nötig war, diesem National-Gedanken des 19. Jahrhunderts nachzueifern, daß ein Bundesstaat eine Hauptstadt benötigt, in der auch Regierung und die beiden Kammern des nationalen Parlaments ihren Sitz haben. Sicher - Berlin wird jetzt wieder eine multinationale Metropole, ein Schmelztiegel für den Osten, der seine europäische Bedeutung in kultureller Hinsicht und vielen anderen Bereichen haben wird. In dieser Stadt wird so manches Neue vorausgedacht und auch umgesetzt, vieles mit heißer Nadel, was dann nur Experiment bleibt, Eintagsfliege ist. Das haben Städte dieser Größe in aller Welt an sich. Aber ob diese Treibhausatmosphäre auch gut für die deutsche Politik ist, das wage ich entschieden zu bezweifeln. Und eine Unsumme Geld kostet dieser Umzug - Geld, das beim Schuldenstand der Republik derzeit gar nicht vorhanden ist. Mal sehen, woher es kommt. Das heißt: Wo es nachher fehlt.

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