Drogenszene
So
langsam haben es die Kommunalpolitiker in Heilbronn zur Kenntnis genommen: Ihre
Stadt wird immer mehr von den abstoßenden Begleiterscheinungen der Drogenszene
beherrscht. Eine geraume Zeit konnte man ja über die Probleme hinwegsehen. Wohnungseinbrüche, Überfälle auf Passanten, Raub, Dealerkämpfe - all das
beschäftigt die Polizei, ist Routinearbeit für die Ordnungshüter. Aber wenn
das Kernstück einer Stadt, die City immer mehr verwahrlost, die Drogenszene
sich vor den Augen einkaufender Menschen ganz offen und ungeniert breitmacht,
dann hat das was mit der Beschädigung des Rufs Heilbronns als
einkauffreundlicher Stadt zu tun. Es hat sich schon längst bei jenen
herumgesprochen, die aus dem Umland zum Shopping in die Stadt kommen, daß die
Innenstadt Heilbronns ein unsicheres Pflaster ist. Eine solche Negativwerbung
vor allem in der anstehenden Vorweihnachtszeit ist kein Aushängeschild für die
Heilbronner Kaufleute. Jetzt muß etwas getan werden. Und da ist der Vorschlag
von der CDU-Stadträtin Johanna Lichy, Sperrzonen für die Drogenszene
einzuführen, gar nicht so aus der Welt. Zumal der Ministerialdirektor im
Stuttgarter Innenministerium Dr. Erhard Klotz kundtat, daß dadurch Drogenszenen
verhindert, die Anzahl auswärtiger Drogenabhängiger und Dealer reduziert, sowie
örtliche und zeitliche Verlagerungen der Szene erreicht werden können. Wer
immer noch nicht begriffen hat, daß mit Drogenkonsum und -verkauf Krieg gegen
die Gesellschaft geführt wird, wer immer noch Drogenabhängige als Produkte der
Wohlstandsgesellschaft und nicht als Opfer jener verbrecherischen Kräfte
ansieht, die aus Geld- und Machtgier das Teufelszeug an schwache Menschen
verkaufen, dem ist wohl kaum mehr zu helfen. Eine Appeasement-Politik leistet
den Drogenverbrechern Vorschub. Und sie macht sich mitschuldig.
Moschee
mit Turm
Im
Heilbronner Industriegebiet soll die erste Moschee der Käthchenstadt entstehen.
Im Gebäude einer ehemaligen Schuhfabrik in der Goppeltstraße werden Muslime
sich zum Gebet treffen. Denn zur Zeit trifft sich die islamische Gemeinschaft
„Milli Görus“ noch im alten Weipertgebäude, das in nächster Zeit zu einem
Technologie- und Gründerzentrum umgebaut werden soll. Deshalb mußte die Stadt
schnell etwas für die Muslime finden. 1,84 Millionen Mark zahlten die
Allah-Gläubigen für ihr neues Gotteshaus, bei dem auch ein Minarett von 26
Metern Höhe nicht fehlen darf. Aber die Baugenehmigung läßt auf sich warten.
Baurechtlich seien 60 Parkplätze vorgeschrieben. 30 sind aber nur auf dem Schuhfabrik-Gelände
vorhanden. Ich kenne in der Stadt einige christliche Sekten, die um ihre
Gebetshäuser kaum Parkraum zur Verfügung stellen. Vor allem in Wohngebieten
sind dann zur Gottesdienststunde - und das ist mehrmals in der Woche der Fall -
sämtliche benachbarte Straßen zugeparkt. Zum ständigen Ärger der Anwohner. Bei diesen christlichen Sekten wurde
offensichtlich von der Stadt nicht allzuviel Wert auf ausgewiesenen Parkraum
gelegt. Ich hoffe, daß dabei nicht mit zweierlei Maß gemessen worden ist.
Zumal bekannt wurde, daß nicht in allen Amtsstuben das Moschee-Bauvorhaben im
zurückliegenden Jahr mit der notwendigen Entschiedenheit unterstützt wurde.
Immerhin sind von 120.000 Heilbronnern 10.000 Muslime - und damit Bürger und
Steuerzahler.
Ladenschluß
Wenn
ich die politischen Töne aus Bonn richtig vernommen habe, dann soll alsbald das
Ladenschlußgesetz fallen. Eine Liberalisierung wurde angekündigt. Von Montag
bis Freitag sollen die Geschäfte von sechs bis 20 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr
offenhalten dürfen. Eine Begrenzung der wöchentlichen Öffnungszeiten auf 68,5
Stunden soll es nicht geben. Wenn alles in der Bonner Koalition gut geht, dann
soll das neue Gesetz ab 1. Juli 1996 in Kraft treten. Aber die Gegner sind
schon laut tönend wieder unterwegs. In eigentümlichen Fernsehumfragen ist dann
zu hören: Die Leute hätten ja ohnehin nicht mehr Geld in der Tasche. Wozu dann
längere Öffnungszeiten? Vor allem Rentner werden vor die Kameras gelockt und
erzählen uns entrüstet: Wer tagsüber keine Zeit habe einzukaufen,
für den soll es auch keinen Abendeinkauf geben. Nach dem Motto, wer
nicht ist wie wir, der ist mies. Niemand will Einzelhändlern vorschreiben, daß
sie ihre Läden von sechs bis 20 Uhr öffnen müssen. Es soll nur gewährleistet
sein, daß sie in diesem Zeitkorridor öffnen dürfen. Schon heute sind viele
Geschäfte in der Innenstadt Heilbronns erst ab neun oder zehn Uhr für ihre
Kundschaft ansprechbar. Und ich schätze, daß die meisten wie bisher schon auch
nach der Liberalisierung um 18 Uhr ihre Tore schließen. Dagegen ist auch nichts
einzuwenden. Nur wenn einige Geschäfte kundenfreundlicher sein wollen, dann
sollte der Gesetzgeber ihnen nicht verwehren bis 20 oder 22 Uhr ihre Pforten
für die Kundschaft offen zu halten. Nur der Zwang beim Ladenschluß muß endlich
weg. Im Interesse aller. Deutsche Reglementierungswut hat im liberalen Europa
wenig Platz.
Hallenbad
Wenn
Sie sich im Unterland erholen wollen, vor allem in dieser kälter werdenden
Jahreszeit, dann gehen Sie doch mal ins Hallenbad. Soll gut sein - gegen
Schnupfen, Grippe, kalte Füße und vieles andere mehr. Neckarsulm bietet mit
seinem Aquatoll ein Erholungszentrum mit einer großen Anzahl von Schwimmbecken,
mit Wasserrutschen, Sauna, Dampfbad, Solarien - eben mit allem, was zum
Plantschen dazugehört. Nur ein wenig voll ist es da, vor allem in den
Abendstunden. Auch Heilbronn hat mit seinem städtischen Hallenbad ein Zentrum
für Leute, die sich gern mit Wasser erholsame Stunden bereiten. Viel wurde in
den letzten Jahren in dieses schon betagte Hallenbad investiert, um in
Konkurrenz zu Neckarsulm bestehen zu können. Dank Schranke und Kartenautomat
findet der Besucher jetzt auch sofort einen Parkplatz. Und im Innern
des Bades wurde viel ausgebessert, was zuvor schon reichlich marode war. Aber
bei den Sonnenduschen, die ein äußerst empfindlicher Bereich heutiger
Badekultur sind, frage ich mich, ob die nötige Wartung in Heilbronn vorhanden
ist. Teilweise sind sie schmutzig und sehen abgewrackt aus, es fehlen
Kopfstützen - kein Vergleich zu professionell geführten Sonnenstudios. Und über
allem thront ein Strohmattendach, das die aufsteigende Hitze bremst. Was sich
darin an Staub sammelt, das wissen Experten zu werten. Aber das ordnungsgemäße
Warten solcher Sonnenbänke ist nicht nur ein Problem des Heilbronner Stadtbades.
Wer allerdings mit künstlicher Sonne Geld verdient, der sollte streng auf
Hygiene und technisch einwandfreien Zustand achten.
Bürgermeister
Neckarwestheim
wählt am 14. Januar 1996 seinen neuen Bürgermeister, den Nachfolger für Horst
Armbrust, der momentan seinen Sitz in Stuttgart-Stammheim hat. Die
Bewerbungsfrist beginnt am 14. November, aber zwei Kandidaten dürften schon
ausgemacht sein. Hauptamtsleiter Dieter Fischer und
Bürgermeister-Stellvertreter Martin Hofelich. Denn bei der Besprechung über die
Bürgermeisterwahl im Neckarwestheimer Rathaus wurde durch das Verhalten beider
deutlich, daß sie in dieser Frage in einem Interessenskonflikt stehen. Den
Vorsitz im Wahlausschuß führt der Gemeinderat Dr. Hans Wiedemann, nachdem
Hofelich verzichtet hatte - wegen Befangenheit. Nägel mit Köpfen wurden bei der
letzten Gemeinderatssitzung auch gleich gemacht. Die Neckarwestheimer
Bürger werden die Kandidaten für´s Bürgermeisteramt am Montag, den 8. Januar
1996 bei einer Kandidatenvorstellung befragen können. Zur Zeit aber erregt die
Einwohner eine ganz andere Frage: Warum konnte die Familie Armbrust die
Nobelkarrosse des Bürgermeisters Horst Armbrust verkaufen? Warum hat das
Heilbronner Landratsamt den Wagen nicht pfänden lassen? Wem gehört nun das Geld
aus dem Autoverkauf? „Hugoles“ betreibe der im Gefängnis sitzende Amtsinhaber
mit Gemeinderat und Bürgern, wurde im Rat gesagt. Und vermutet wird auch, daß
die Familie Armbrust sich durch den Verkauf gebrauchten Nobel-PKWs letztlich
auf Kosten der Gemeinde einen Neuwagen zugelegt habe. Bei den Schulden, die
dank Armbrust-Spekulationen in der Kasse
vorhanden sind, frage ich mich, was demnächst noch alles an seltsamem
Finanzgebaren den Neckarwestheimern aufgetischt und zugemutet wird.
Hasch-Theater
Erinnern
Sie sich noch? Ende Juni gab´s in der Heilbronner Kulturszene Aufruhr. Hatte
doch eine Volontärin der Tageszeitung über Haschkonsum einiger
Ensemblemitglieder des Kinder- und Jugendtheaters Radelrutsch berichtet. Bei
einem Gastspiel in Luxemburg, zu dem die Reporterin eingeladen war, sollen
Haschischzigaretten die Runde gemacht haben. Und auf der Bühne wurden
Antidrogenstücke gegeben. Das Anliegen der Truppe war ramponiert. Die
öffentlich Beschuldigten bestritten, auf dieser Reise Haschisch geraucht zu haben.
Die Jungjournalistin beteuerte, Rauschgiftkonsum gesehen und gerochen zu haben.
Staatsanwälte nahmen sich der Sache an - und stellten dieser Tage ihre
Ermittlungen ein. Einmal die Staatsanwaltschaft in Heilbronn, die gegen zwei
Schauspieler ermittelt hatte, und die Staatsanwaltschaft in Saarbrücken, die
Vorwürfe gegen einen Radelrutsch-Techniker jetzt „wegen geringer Schuld“ zu den
Akten legte. Der Berg kreiste und gebar
eine Maus. Ich frage mich heute: Hätte dieser Riesenzirkus nicht von Beginn
an vermieden werden können? Die Beobachtungen einer Journalistin sind eine
Sache, die Konfrontation der Betroffenen und nicht des gesamten Theaters mit
dieser subjektiven Sicht eine zweite - und die Wahrheitsfindung wiederum der
nächste Schritt. Aber das Kind war in den Brunnen gefallen. Bernhard Wilbs, der
Gründer des Theaters, Intendant, Regisseur und Stückeschrieber kämpfte um den
Ruf seiner Truppe, wollte nicht vorverurteilen, aber auch keine Haschraucher in
seinem Theater dulden. Jetzt steht Radelrutsch, das verdienstvolle Kinder- und
Jugendtheater des Unterlands, wieder rein da. Wie jener Schwan in Kleists
Novelle „Marquise von O“. Der wurde von der übermütigen Dorfjugend mit Kot
beworfen, verschwand in der Tiefe des Teichs - und als er auftauchte war sein
Gefieder wieder blütenweiß.
Spiegelfechter
Wenn
jemand einer religiösen Sekte angehört, so darf er wegen seines Glaubens nicht
benachteiligt werden. So steht´s im Grundgesetz. Sei er nun Christ
katholischer, protestantischer, orthodoxer Konfession oder einer anderen
christlichen, jüdischen, muslimischen Religionsgemeinschaft angehörig. In
Tauberbischofsheim stellt sich nun die Frage, ob der Cheftrainer des deutschen
Fechterbundes Emil Beck (60) seinen designierten Nachfolger Bernd Lang (36) zu
Recht vom Dienst suspendiert hat. Der Sportwissenschaftler soll Kontakt zur
Psychosekte Scientology haben. Lang lobte zwar in Zeitschriften die Schriften
des Sektengründers L. Ron Hubbard, will aber außer einem Kurs bei der
Scientologen-Firma AKM (Akademie für Management und Kommunikation) nichts mit
den Scientologen zu tun haben. Für Emil Beck ist die Trennung notwendig
geworden, weil er das Fechtzentrum und damit sein Lebenswerk nicht aufs Spiel
setzen will. Das Ex-Mitglied der Fechtnationalmannschaft Bernd Lang hat gegen
„PC“ verstoßen. PC, also politisch korrektes Verhalten heißt in Deutschland:
Sich fernhalten von Scientologen. In den USA
zum Beispiel wird nach der Leistung gefragt. Ob ein Schauspieler, Sporttrainer oder Musiker dieser oder jener Sekte
angehört, das ist seine Privatsache. Ich finde, man sollte bei uns langsam
die Kirche im Dorf lassen. Wenn sich Organisationen - ob politisch oder
religiös - kriminell verhalten, müssen sie mit den zur Verfügung stehenden
Gesetzen bekämpft werden. Aber Menschen wegen ihrer weltanschaulichen Ansichten
beruflich zu diskriminieren, das ist sehr gefährlich, vor allem in einem Land
wie Deutschland. Ich bin gespannt, wie unsere Gerichte in diesem Fall
entscheiden werden. Wenn es überhaupt zu einem Prozeß kommt.
Arbeitslos
Das
teuerste, was wir uns derzeit in unserer sozialen Marktwirtschaft leisten - das
ist die hohe Arbeitslosigkeit von nahezu zehn Prozent. Entscheidenden Anteil an
dieser hohen Quote trägt die Politik. Durch überhöhte Belastungen wird die
deutsche Wirtschaft gedrängt, Arbeitsplätze in weniger teure Länder Europas
oder nach Übersee zu verlagern, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu
bleiben. Die Folgen dieser Politik aber werden bei uns im Lande bezahlt. Vor
allem von Städten und Gemeinden, die unter der Last der steigenden Ausgaben für
Sozialhilfeleistungen stöhnen. Projekte für Lanzeitarbeitslose, Behinderte,
Sozialhilfeempfänger und Schwervermittelbare werden dagegen gesetzt. Und davon
gibt es auch im Unterland schon einige. Erst vor wenigen Tagen wurde eine
solche gemeinnützige GmbH mit dem illustren Namen Arkus (Arbeits-, Kultur- und
Selbsthilfe) vorgestellt. Träger ist der Deutsche Paritätische
Wohlfahrtsverband DPWV. Neben dieser neuen Organisation betreiben
Qualifizierungs- und Arbeitsprojekte die Aufbaugilde, die Jugendwerkstätten,
die Aktion Sprungbrett und das Diakonische Werk. Jetzt soll eine Arbeitsgruppe
auf Betrieben der Stadt ins Leben gerufen werden, die alle neuen Projekte
dieser Gruppen mit dem Sozial- und Arbeitsamt koordiniert. Denn das Geld aus Zuschüssen vom Staat reicht hinten und vorn nicht. Außerdem
konkurrieren diese Einrichtungen mit Handwerksbetrieben und anderen
Unternehmen, die ähnliche oder gleiche Dienstleistungen anbieten. Dabei soll
dieser zweite Arbeitsmarkt nur für den ersten, ordentlichen qualifizieren.
Kluge Köpfe behaupten ja, daß Hilfsorganisationen vor allem im Sozialbereich
ein derart starkes Eigenleben führen, das dann meist weit über den angestrebten
Zweck hinausgeht. Wenn Hilfe Selbstzweck wird, dann ist das Ziel verfehlt.
Gesundheitsamt
Ein
Treppenwitz der Verwaltungsreform ist die seltsame Vermehrung der
Gesundheitsämter im Unterland. Bisher gab es das einzige Amt dieser Art in der
Uhlandstraße. Jetzt haben wir zwei Gesundheitsämter: Eines für den Stadtkreis
Heilbronn mit Sitz im Wollhausturm und das andere für den Landkreis Heilbronn
im alten Gebäude in der Uhlandstraße. Das 16köpfige städtische Team unter
Leitung von Dr. Klaus-Peter Axmann ist vor wenigen Tagen ins Wollhauscenter
umgezogen. Allein 30.000 Mark kostete
der Umzug. Rund 50.000 Mark sind für neue Möbel eingeplant. Zwei Stockwerke mit
insgesamt 16 Räumen im Wollhausturm beherbergen dann Amtsleitung, amtsärztliche
und umweltmedizinische Abteilungen sowie soziale Beratung,
Gesundheitsvorbeugung und Kinderarzt samt Assistent. Einen Schildbürgerstreich
nenne ich das, was hier über die Bühne ging. Der Amtsschimmel wiehert, und die
Bürger zahlen. Was bisher in einem Amt fürs ganze Unterland anstandslos
geleistet werden konnte, das wird nun in zwei Ämtern vollbracht. Eine
sogenannte Kompromißlösung, die im Landtag zwischen CDU und SPD in Großer
Koalition ausgehandelt wurde. Bei der aber von den Landtagsabgeordneten Gerd
Zimmermann (CDU) und Alfred Schöffler (SPD) herbe Kritik am Verfahren und
Ergebnis deutlich gemacht wurde. Und auch Egon Susset, der
CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Unterland, hatte seinem Unmut laut Luft
gemacht. Jetzt aber haben wir den Amtssalat. Mitverursacher: Heilbronns
Krankenhausdezernent Harald Friese. Aber der steht brav zur Ämterteilung. So
wie es die Regierung in Stuttgart beschlossen hat - und der Landtag mit
Mehrheit abgesegnet.
Kulturmärchen
Man
glaubt es kaum. In Heilbronn hat sich ein Kulturmärchen abgespielt. Begonnen
hatte alles in Bruchsal. Dort - beim internationalen Musikfestival - war der
Dirigent und Konzertpianist Daniyar Mukhtarov aus Bishkek, der Hauptstadt
Kirgisiens zu Gast. Er leitet in seiner Heimat das Kammerorchester, das oft bei
Staatsempfängen aufspielt. Nach dem Konzert in Bruchsal macht er noch einige
Tage Urlaub bei einem befreundeten Heilbronner Arzt. Genau zum gleichen
Zeitpunkt gibt`s einen Verkehrsstau auf der A 81 beim Weinsberger Kreuz. Der
Musikkritiker Bent Hultman aus Schweden unterbricht seine Reise von Stuttgart
nach Paris. Bei einem Spaziergang am Abend in der Innenstadt Heilbronns trifft
der Musikkritiker Hultman ganz zufällig den Konzertpianisten Mukhtarov, den er
vor einem Jahr in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek kennengelernt hatte. Die
unverhoffte Wiedersehen löst bei den Herren natürlich große Freude aus. In
einem Heilbronner Lokal, das allerdings nicht den Namen „Kulturwüste“
trägt, setzt man sich zusammen, trinkt
den guten Unterländer Wein und plauscht über das, was es an kulturellen Musikereignissen
im verflossenen Jahr alles so gegeben
hatte - auf dieser ach so kleinen Welt. Die
internationale Kultur blüht also auch im kleinen, in der Abgeschiedenheit der
schwäbischen Provinz, abseits der großen kulturellen Ströme. Mal sehen, was
aus diesem Treffen an Kulturblüten so erwächst.
Hauptstadt
Im
Ländle heißt die Hauptstadt Stuttgart. Aber es gibt schönere Städte als diese.
Karlsruhe oder Freiburg, aber selbst Mannheim können mit der schwäbischen
Metropole durchaus konkurrieren. Aber darauf kommt es ja nicht an. Stuttgart ist halt das
baden-württembergische Verwaltungszentrum, die Spätzles-Kapitale. Für ganz
Deutschland heißt dieses Zentrum bisher immer noch Bonn. Weil Regierung,
Bundestag und Bundesrat ihren Sitz am Rhein haben. Dort kann munter regiert und
Opposition betrieben werden, solange bis die Hauptstadt Berlin so ausgebaut
ist, daß die Arbeit von dort aus bewältigt werden kann. Ich frage mich heute
immer noch, ob es wirklich nötig war, diesem National-Gedanken des 19.
Jahrhunderts nachzueifern, daß ein Bundesstaat eine Hauptstadt benötigt, in der
auch Regierung und die beiden Kammern des nationalen Parlaments ihren Sitz
haben. Sicher - Berlin wird jetzt wieder eine multinationale Metropole, ein
Schmelztiegel für den Osten, der seine europäische Bedeutung in kultureller Hinsicht
und vielen anderen Bereichen haben wird. In
dieser Stadt wird so manches Neue vorausgedacht und auch umgesetzt, vieles mit
heißer Nadel, was dann nur Experiment bleibt, Eintagsfliege ist. Das haben
Städte dieser Größe in aller Welt an sich. Aber ob diese Treibhausatmosphäre
auch gut für die deutsche Politik ist, das wage ich entschieden zu bezweifeln.
Und eine Unsumme Geld kostet dieser Umzug - Geld, das beim Schuldenstand der
Republik derzeit gar nicht vorhanden ist. Mal sehen, woher es kommt. Das heißt:
Wo es nachher fehlt.

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