Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 27.09.1995

Speis und Trank
Wer bei uns in der Region gut speisen möchte, muß nicht unbedingt selber kochen. Auch wenn so mancher Hobbykoch von sich behauptet, so gut wie zuhause schmecke es ihm in keinem Restaurant. Da gibt es einerseits die guten Lokale mit heimischer Küche, in denen man preiswert und deftig verspern kann. Daneben die Schnellrestaurants amerikanischer, türkischer oder italienischer Geschmacksrichtung, die ihren Kunden im Vorübergehen sättigende Speisen offerieren, die nicht nur den kleinen Hunger stillen und sättigend sind, sondern auch zumeist gut schmecken. Und wie beim Fußball spielen viele in den unteren Klassen, einige im Mittelfeld  und nur wenige in der Bundesliga. Spitzenrestaurants, da kann unsere Region locker mithalten. Und dabei sind die Preise  für die Speisen noch nicht einmal überhöht. In Wertheim - besser gesagt im Ortsteil Bettingen - bieten Adalbert und Andreas Schmitt mit ihren Schweizer Stuben Genüsse für den Gourmet gleich in drei Restaurants. Einmal im französischen Restaurant Schweizer Stuben, das seit Jahren an der Spitze in deutschen Landen mit seiner Punktezahl durch Restaurantkritiker steht. Und daneben steht das Schober mit fränkischer Küche und das wohl beste italienische Restaurant in Süddeutschland, die Taverna La Vigna. Ganz in der Nähe, in Zweiflingen (bei Öhringen) zaubert der wohlbekannte Lothar Eiermann seinen Gästen mit perfekter Küche und Service im Wald- und Schloßhotel Friedrichsruhe Hochgenüsse der Kochkunst auf den Teller. Und in Heilbronn und Umgebung? Da tut sich vieles. Aber den langanhaltenden Erfolg wie bei den beiden Spitzenhäusern der Region, der ist den Unterländer Gastronomen noch nicht beschieden.



Rückschlag?

Die Furcht vor einem wirtschaftlichen Rückschlag in der Bundesrepublik wächst derzeit. Denn beim im ersten Halbjahr 1995 noch schnurrenden Konjunkturmotor scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das Wachstum im zweiten Halbjahr wird sich verlangsamen, sagen die Wirtschaftsinstitute. Politiker diagnostizieren allerdings nur eine „Wachstumsdelle“. Nach einem „Atemholen“ im Herbst werde sich der Aufschwung vom Beginn des Jahres zum Ende hin wieder  fortsetzen, versichern sie mit ihrem treuem Politiker-Augenaufschlag. Aber glauben ist eine Sache, Vertrauen wieder eine andere - und auf die Prognosen von Politikern setzen, da könnte man das Geld ja gleich verbrennen. Verglichen mit dem, was uns vor Wahlen versprochen und was dann eingehalten wurde - ja, da ist das breite Volk immer hinters Licht geführt. Und was sagen die Fakten? Aus dem Verarbeitenden Gewerbe werden Warnsignale gemeldet.  Im Juni brachen die Bestellungen saison- und preisbereinigt um 3,5 Prozent ein. Die Geschäftserwartungen in der westdeutschen Industrie haben sich darüber hinaus im Juli verschlechtert. Und das größte Sorgenkind, der Arbeitsmarkt hat ebenfalls keine guten Zukunftsaussichten. Die Arbeitslosenquote kletterte von neun auf 9,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Juli wieder um 134.000 auf 3,59 Millionen. Dauerte es bislang nur ein halbes Jahr, bis sich der Konjunktur-Aufschwung auch in einer höheren Beschäftigungszahl niederschlug, so sind diesmal schon fast zwei Jahre verstrichen, ohne daß sich eine durchgreifende Besserung auf dem Arbeitsmarkt abzeichnet.



Szene-Bus

Wer Alkohol trinkt, sollte gefälligst sein Auto stehen lassen. Denn er gefährdet nicht nur sich und seine Mitfahrer, sondern auch andere Teilnehmer am Straßenverkehr. Eine Binsenweisheit, die fortwährend in Erinnerung gerufen werden muß. Denn Unfälle verursacht durch Alkohol am Steuer stehen in der Statistik ganz oben an. Grund genug für die gute Tat in Heilbronn, einen Szenen-Night-Trip einzurichten: Einen Bus, der dreizehn Gaststätten und Discotheken in Heilbronn ansteuert. Erst im April diesen Jahres war er ins Leben gerufen worden. Und jetzt ist er gestorben. Die Gastronomen hätten zuwenig Interesse gezeigt, nicht genug geworben. Sagt der Heilbronner Verkehrsdirektor Bernhard Winkler. Die Verbindungen zur Theresienwiese in Heilbronn seien nicht gut gewesen. Kein Anschluß an andere Buslinien aus dem Landkreis. Sagt der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes Thomas Aurich. Und die Versuchsdauer sei viel zu kurz angelegt gewesen. Über die Notwendigkeit dieses Busses sind sich beide allerdings einig. In einer mobilen Gesellschaft, in der Jugendliche sich wie Fische im Wasser bewegen können, ist ein starres System nun mal nicht vom Erfolg beschieden. Einer im Freundeskreis hat immer ein Auto. Und mit dem ist man halt sehr schnell von einem Ort zum anderen in der Nacht. Wichtig ist halt, daß die Gruppe sich einschärft: Der Fahrer sollte immer nüchtern sein.



Kreuz schlagen

Das mit dem Kreuz in deutschen Schulzimmern ist schon ein Kreuz. Zumindest die derzeitige Diskussion darüber. Dabei ging´s vor Gericht in Karlsruhe nur darum, daß eine Bestimmung der bayrischen Schulordnung nichtig sei, nach der Kreuze in Unterrichtsräumen staatlicher Pflichtschulen aufzuhängen sind. Diese Vorschrift ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beseitigt. Nur die „Vorschrift“, nicht das Kreuze-Aufhängen. Kreuze in deutschen Gerichtssälen, das wurde vom Gericht einst untersagt. Denn es kann kein Anwalt zum Beispiel jüdischen oder muslimischen Glaubens gezwungen werden, vor einem Kruzifix zu verhandeln. Jetzt stellen sich so manche Zeitgenossen die Frage, ob demnächst vom Bundesverfassungsgericht das christliche Glockengeläut zum Verstummen gebracht wird, das ja viele Mitbürger als unchristlich laut empfinden. Aber da dieses Geläut eine religiöse Betätigung der Kirchen und nicht des Staates ist, werden die Gerichte in dieser Frage wohl kaum zu einer Entscheidung gezwungen sein. Aber was nicht ist, kann ja manchmal noch werden. Mich stört das alles hier oben auf dem Turm wenig. Die Stadtväter hatten ja einst vor rund 500 Jahren entschieden, kein Kreuz oder einen Hahn auf dem Kirchturm zu postieren, sondern einen Soldaten - eben mich, den steinernen Landsknecht. Die Heilbronner, dieses besondere Völkchen hatte, schon immer zu seinen Symbolen ein eher nüchternes Verhältnis.



Versuch

Am Montag hat er begonnen: Der zehnwöchige Verkehrsversuch auf der Autobahn A 6 zwischen dem Weinsberger Kreuz und der Ausfahrt Heilbronn/Untereisesheim. Von 22 bis sechs Uhr dürfen Lastwagen über 7,5 Tonnen nur noch mit 60 Stundenkilometern über die rund acht Kilometer lange Strecke „rasen“. Und in der Nacht haben sie auch Überhol-Verbot. Sinn und Zweck der Übung: Die lärmgeplagten Anwohner der Autobahn sollen wieder ruhiger schlafen können. Lärmmeßgeräte sind aufgestellt und Radarkontrollen werden durchgeführt. Darauf weisen strenge Schilder hin. Während des umstrittenen Ozonversuchs in Heilbronn und Neckarsulm sei die Lärmbelästigung erträglich gewesen. Und da der LKW-Verkehr in der Nacht mit 50 Prozent den Verkehr dominiere, so erwarte man jetzt „interessante Ergebnisse“. Sagt die Stadt Heilbronn. Nun, ganz bestimmte Ergebnisse hatte das baden-württembergische Umweltministerium damals auch erwartet. Und herausgekommen war, was Experten schon lange wußten. Ich könnte mir vorstellen, daß das Verkehrsaufkommen im Herbst höher ist als in den sommerlichen Urlaubsmonaten. Also weniger Lärmreduzierung. Und hinzu kommt noch ein zweites Problem, auf das der Landtagsabgeordnete aus Bad Rappenau Gerd Zimmermann schon vor längerer Zeit hingewiesen hatte: Wenn man hier eine Verringerung der Geschwindigkeit anordnet, dann könnte man gleich die gesamte Autobahn zwischen Heidelberg und Stuttgart damit überziehen. Denn überall gibt‘s Anwohner, die lärmgeplagt sind. Und eine Autobahn, auf der man langsamer fährt als auf Bundesstraßen, ist eben keine Autobahn mehr.



1. Oktober

Heilbronn, die kleine Großstadt im Dreiländereck Hohenlohe, Baden und Württemberg feiert am 1. Oktober  ihren  ersten verkaufsoffenen Sonntag. Zahlreiche Aktionen gibt‘s an diesem Tag in der Innenstadt. Die Kaufleute haben sich angestrengt. Die Verkehrsbetriebe haben zusätzliche Busse eingesetzt. Die Parkhäuser werden länger geöffnet sein. Durch das Ereignis „Verkaufsoffener Sonntag“, so die Verwaltung, werde das Image der Stadt als attraktiver Veranstaltungsort und Einkaufserlebnis weiter gestärkt. Das ist allerdings auch bitter notwendig. Denn in den letzten Jahren wurde Heilbronn immer mehr abgehängt. Die großen Verkehrsströme auf Autobahn und Schiene fließen an der Käthchenstadt vorüber. Zum Bedauern von Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und vielen Handels- sowie Industriebetrieben. Und eine schnelle Verbesserung ist nicht in Sicht. Weder ein Pendolino-Zug (schon lange angekündigt), noch der Ausbau der Autobahnen oder des Schienennetzes ist kurz- oder mittelfristig realisierbar. Da dürfte es schwer sein, in nächster Zukunft moderne Technologie nach Heilbronn zu bekommen, die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sichert. Festlesmäßig steht das Unterland mit seiner Metropole top da. Aber Wein, Weib und Gesang bedeuten vielen in der Freizeit fast alles, aber sie sind eben nicht alles im Alltagsleben. Es kann sich noch vieles ändern, so man in der „Krämerstadt“ will.



Kein Terror

„50 Jahre Flucht und Vertreibung - Unrecht bleibt Unrecht“. So das Motto am Sonntag beim „Tag der Heimat“, in der Heilbronner Harmonie. 600 Vertriebene waren gekommen. Und zu ihnen sprach der 42 jährige CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag Günther H. Oettinger. Der 8. Mai 1945 sei für Millionen der Tag der Befreiung gewesen. Für Millionen Vertriebene aber habe er mannigfaltiges Leid und Hoffnungslosigkeit gebracht. Der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen  im Kreisverband Heilbronn, Georg Märtsch, ließ in seiner Rede allerdings deutlich werden, daß für ihn und viele Vertriebene der 8. Mai 1945 kein Tag der Befreiung gewesen war. Und folgerichtig rief der Heilbronner Verband dazu auf, die „Vertreibungsverbrechen in Bosnien nicht mehr tatenlos hinzunehmen“. Das ist mutig gesprochen, aber politisch wohl kaum umsetzbar. In Deutschland organisiert man sich schnell, weil es einen funktionierenden Staat gibt. Dort gibt‘s was zu holen. Gleich nach dem katastrophalen Untergang begann in deutschen Landen staatliche Organisation nahezu perfekt zu funktionieren. Und wenige Jahre später war das neue Land in der Lage, hohe Ausgleichszahlungen zu leisten. In anderen Ländern stehen die Bürger einer solchen straffen und perfekten Staatsorganisation eher skeptisch gegenüber und vertrauen mehr den eigenen Kräften. Vertriebenenverbände im geschundenen ehemaligen Jugoslawien mitaufzubauen, das wäre eine neue Art von Entwicklungshilfe. Aber diese Hilfe müßte dann allen Volksgruppen zuteil werden - Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen.



Fachhochschule

Klagen in der einzigen Heilbronner Hochschule. Der Fachhochschulrektor Professor Dr. Otto Grandi verabschiedete 265 Absolventen seiner Bildungseinrichtung mit dem feierlichen Überreichen des Diploms: 121 Ingenieure, 120 Betriebswirte und 24 Medizinische Informatiker. In früheren Zeiten galt einmal, daß Heilbronner Fachhochschulstudenten mühelos schon vor Beendigung ihrer Ausbildung einen guten Job in der Tasche hatten. Auch die Zeiten sind vorbei. Der Konkurrenzkampf ist wegen fehlender Jobs mörderischer und vor allem auch ungerechter geworden. Verkündete der Rektor bei der Feier in der Heilbronner Harmonie. und der IHK-Präsident Otto Christ konnte auch keine Trendwende in der heimischen Wirtschaft mitteilen. Die konjunkturelle Aufwärtsentwicklung zu Beginn des Jahres sei sich zur Jahresmitte zum Stillstand gekommen. Und so befürchtet man jetzt in der Fachhochschule Heilbronn, daß zum Wintersemester wieder zahlreiche Studienplätze nicht belegt werden können. 1,1-Absolvent Magnus Beier beklagte dann auch in seiner Absolventenansprache, daß der drastische Rückgang vor allem in den Ingenieurwissenchaften zu Buche schlage. Um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern, benötige man nämlich auch in der Zukunft gut ausgebildete Ingenieure in Konstruktion, Entwicklung und Produktion. Denn wie sonst sollen attraktive und wettbewerbsfähige Produkte auf dem Weltmarkt angeboten werden.



Theaterschiff

Heilbronns Kulturdezernent Reiner Casse gab offen zu, daß er zu Beginn dem Gedanken recht skeptisch gegenüberstand, daß im alten Neckarhafen  vor dem Hagenbucher ein Schiff vor Anker liegt, in dessen Bauch Theater gespielt wird. Aber dem Initiator des ganzen Theaterschiff-Spektakels Heinz Kipfer, in den siebziger Jahren einst Schauspieler und Regisseur an Walter Bisons Provisorium-Bühne im Heilbronner Gewerkschaftshaus fand ernergiegeladene Mitstreiter. Klaus Rücker, vormals DGB-Chef in Heilbronn, und Peter Friedel, Inhaber einer nicht unbedeutenden Unterländer Werbeagentur, legten sich in die Riemen und fanden Mitstreiter in vielen Mitbürgern, denen die Heilbronner Kulturszene schon ein wenig zu festgezurrt erscheint. In den nächsten Tagen und Wochen wird sich zeigen, was Heilbronn und Umgebung von wirklichen Experimenten im Theaterbereich halten. Den Theaterschiff-Macher ist der lange Atem zu wünschen, den sie benötigen, um all die Riffe und Tiefen zu umschiffen, die auf der Kulturfahrt auf dem Kahn am Hagenbucher noch vor ihnen liegen. Skeptiker befürchten, daß sich nach fünf Jahren zeigt, ob der Ansatz erfolgsversprechend war oder ob er das zahlende Publikum außer Acht bei der Kalkulation gelassen hatte . Aber auch diesem Theater, einer Kleinkunstbühne, gilt: Nichts ist beständiger als der Wandel. Und hinzulernen werden die Theaterschiffer, ob sie wollen oder nicht. Jetzt aber müssen sie erst mal richtig anfangen. und dazu kann ich vom Turm nur rufen: Toi, toi, toi.



Müll wohin

In früheren Zeiten war es unfein, über Abfall zu reden. Man entledigte sich dieser Überbleibsel - irgendwie und irgendwo. Heute ist Abfallbeseitigung eine Wissenschaft. Und ein teures Problem für die Menschen in unserem Lande. In anderen Staaten Europas und rund ums Mittelmeer ist man da weitaus sorgloser. Von Asien, Afrika oder Südamerika erst gar nicht zu reden. Was wir bei uns in den letzten hundert Jahren, in denen wir industriell schon reichlich vorangeschritten waren, mit dem Müll aus Industrie und Haushalten angestellt haben, das wissen nur wenige noch. Alte Mülldeponien sind oftmals gar nicht mehr in den Landkarten der Gemeinden zu finden. Wissenschaftler sagen, da würden richtige „Atombomben“ in der Erde schlummern. Und die einfachste Lösung hieße dann, den gesamten Müll einfach zu verbrennen. Denn Müllentsorgung mit Sammeln, Trennen, Wiederaufbereiten ist in der Energiebilanz ganz schön teuer. Mit vielen Plastikabfällen wird ja auch schon so verfahren. Gesammelt, zerkleinert, mit anderen brennbaren Materialien vermischt ergibt das Zeug dann Brennstoff für Hochöfen und Energieversorgungsanlagen. Die Rückstände aus diesen Anlagen werden aus ganz Europa zum Beispiel nach Heilbronn gefahren, um hier im Salzbergwerk „endgelagert“ zu werden. Mülltourismus nennt man das teilweise abschätzig. Wo aber bleibt das, was bei uns noch verbuddelt ist? Ausgraben, sortieren, wiederverwerten - und den Rest wieder auf die Müllhalde? Die Allgemeinheit zahlt die vielen Müllexperimente, das heißt der einzelne kleine Steuerzahler, wer auch sonst. Und das nicht nur mit seinen immer wieder steigenden Müllgebühren, sondern auch mit den ganz normalen Steuern.

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