Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 07.06.1995

Bus kommt nicht
„Ich warte auf einen Bus, aber der kommt nicht.“ - So ähnlich ist es unlängst 16 Seniorinnen und Senioren eines kleinen Teilortes im südlichen Landkreis Heilbronn gegangen. Die älteren Damen und Herren wollten zusammen mit dem Seniorenverein der Hauptgemeinde einen Ausflug unternehmen. Vereinbart wurde, daß der 16er Club in den Bus des großen älteren Restes zusteigen sollte. Wer nicht kam, war der Altenverein der Muttergemeinde. Die 16 waren schlichtweg vergessen worden. Gemerkt haben es die anderen rund eine Stunde später, als sie schon auf großer Ausflugsfahrt waren. Man versuchte zu retten, was noch zu retten ist und fuhr zurück. Vergebens, die 16 hatten sich einen Ersatzbus gemietet und waren alleine auf Tour gegangen. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, frotzelte einer der 16 Vergessenen. Denn den Ausflug habe man ihnen nicht verderben können, „im Gegenteil“, zwinkerte mir der Doch-Nicht-Sitzengebliebene zu, „wir haben denen gezeigt, daß man auch als Teil einer Teilgemeinde selbständig sein kann.“

Haschisch-Skandal
Ganz deutlich konnte ich mir die Übeltäter vor Gesicht führen: eine Frau und fünf Männer - die „Radelrutsch-Truppe, abgebildet auf einem 15,5 mal 14 Zentimeter großen Foto, über dem die Überschrift „Nur auf der Bühne Drogengegner“ prangte. So gesehen und gelesen am 31. Mai in der Tageszeitung Heilbronns. Haschisch-Zigaretten sollen zwei der Ensemblemitglieder auf einer Reise ins Luxemburgische geraucht haben. Das will eine Reporterin eindeutig festgestellt haben. Also ich bin kein Experte, was Drogen angeht. Und ich könnte durchs Zuschauen nicht feststellen, ob meine Nachbarn jetzt Haschisch-Zigaretten oder ganz normale Nikotinstengel paffen. Da muß man sich halt auskennen. Die Theaterleute bestreiten aber seit Tagen schon vehement den Konsum des Rauschmittels. Und damit steht Aussage gegen Aussage. Seltsam, daß die Zeitung strenger als die Polizei verfolgt. Die Endkonsumenten sind nicht in erster Linie das Ziel der Strafverfolgung, wenn es um Rauschgift geht. An die Dealer und die Drogenbarone will der Staat heran. So dachte ich, sei es allgemeiner Konsens bei uns. Das Übel bei der Wurzel packen und nicht die Existenz ohnehin armer Leute zerstören. Die ganze Affaire scheint mir nicht nur reichlich komisch, sondern riecht auch verdammt nach Denunziation und Rache. Und das sollte doch nicht sein. Auch wenn es um Haschisch geht.

Splitternackt
„Skulptur vor Ort“ - zum Beispiel im Leingartener Ortsteil Schluchtern. Unmittelbar neben der evangelischen Kirche steht eine rostige Madame, die sich sündig räkelt mit ihrem fülligen Leib. Ubba Enninga heißt der Bildhauer und sie „Eioua“, ist 2,12 Meter groß und 1987 entstanden. Das negroide Gesicht seiner Skulptur soll multikulturelle Individualität ausstrahlen. Dicke Worte für ein starkes Frauenzimmer. Aber soviel anders als die kleinen nackten Porzellanfiguren, die in gleicher Haltung in jedem Kaufhaus oder in den Souvenirläden rund um das Mittelmeer zu haben sind, ist diese Figur ja auch nicht gestaltet. Aber nackt ist „in“, ob auf der Bühne oder unter freiem Himmel. Auch wenns wie im Heilbronner Deutschhof nur das Glied des Mannes ist, das da aus Eichenholz sechs Meter lang in der Gegend herumliegt und in Richtung Kilianskirche weist. „Phallocaust III“ nennt der Künstler Franz Gutmann seinen abgeschnittenen Penis aus Holz. Mit Obszönität habe das nichts zu tun, wird gutherzig versichert, nur mit dem Hinweis auf die jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität durch die Kirchen. Vielleicht sollte man den Künstlern mal eine Reise nach Rom in die Vatikanischen Museen spendieren, um nackte Körper in der Kirchenkunst zu bestaunen. Diese Unterländer Kunst ist weder neu noch provokativ. Sie ist nur plump. Und billig ist es langsam auch, auf die Kirchen einzuprügeln, um interessant wirken zu wollen.

Ozonversuch
Jetzt liegt er endgültig vor - der Abschlußbericht des Ozonmodellversuchs in Heilbronns/Neckarsulm. Und wir wissen somit genau, was wir vorher auch schon wußten. Mit einem örtlich begrenzten Modellversuch werden die Schadstoffe für die Bildung des Reizgases nicht vermindert. Denn um das Unterland herum gibt‘s auch jene Vorläufersubstanzen für das unangenehme Ozon. Und daß sich bei vermindertem Verkehr die Lärmbelästigung verringert, das konnte sich auch ein Nichtwissenschaftler an seinen fünf Fingern sich abzählen. Was also hat der millionenteure Modellversuch des baden-württembergischen Umweltministerium gebracht?- „Mit dem Abschlußbericht verfügen wir über eine wissenschaftliche Dokumentation über den Ozonversuch, die Grundlage jedes weiteren politischen Handelns in Sachen Sommersmog-Verordnung sei sollte.“ So verkündete es dieser Tag der Staatssekretär im Stuttgarter Umweltministerium Peter Reinelt. Ich sage weiterhin steinern vom Turm herab: außer Spesen nix gewesen. Alles was man jetzt weiß, das wußten die Wissenschaftler vor dem Modellversuch in Heilbronn/Neckarsulm auch schon. Schadstoffarme Autos bauen, die weniger Sprit verbrauchen, das wäre ein anständiger politischer Ansatz.

Duo Lichy/Selz
Die CDU in Heilbronn hat wie erwartet eine Frau aufs Schild gehoben, um bei der Landtagswahl im März 1996 gegen Dr. Dieter Spöri anzutreten, SPD-Wirtschaftsminister der Großen Koalition in Stuttgart und noch zu wählender SPD-Landtagskandidat für den Wahlkreis Heilbronn. Der christdemokratische Stadtverband hatte zwei Damen zur Auswahl: Helga Drauz, die CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Johanna Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Beide Frauen sind gestandene Kommunalpolitikerinnen. Aber Johanna Lichy konnte mit solider Parteiarbeit aufwarten: seit einem Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, viermal Landtagszweitkandidatin, seit  zwanzig Jahren Stadträtin und zur Zeit Fraktionsvorsitzende. 214 gegen 53 Drauz-Stimmen konnte die neue Heilbronner CDU-Landtagskandidatin verbuchen. Und ihr Zweitkandidat wurde der singende Stadtrat Norbert Selz aus Neckargartach. Wäre die CDU sehr mutig gewesen, dann hätte sie mit der 28 jährigen Helga Drauz der Jugend eine Chance gegeben, um Dieter Spöri Paroli zu bieten. So aber sieht es ein wenig nach Zählkandidatur gegen den Platzhirschen aus. Außer die CDU steht als Mannschaft geschlossen hinter Johanna Lichy.

„Treuer“ SPD-Land-Chef
Einst gab es im Unterland einen Kreisverband für alle Sozialdemokraten. Aber vor 22 Jahren, da spaltete sich die Linkspartei in zwei Organisationen auf. einen Kreisverband für die Stadt Heilbronn und einen für den Landkreis. Nach dem plötzlichen Tod des Landkreis-SPD-Vorsitzenden Johann Michl wurde dieser Tage ein neuer Mann an die Spitze gewählt. Roland Stammler, 51 Jahre, stellte sich den Delegierten aus den Ortsvereinen als „treuer Parteisoldat“ vor und gewann die Wahl mit  100 von 111 gültigen Stimmen. Seit 17 Jahren schon ist der Mann, der von der IG-Metall zur Sozialdemokratie stieß, Ortschef der Neckarsulmer SPD. Hauptberuflich arbeitet er als Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens Heimstättengenossenschaft Neckarsulm.  Sein Schwerpunkt für die kommenden zwei Jahre Amtszeit: rechtzeitige und massive Anmeldung von Ansprüchen für den Bundestagwahlkreis 171 beim SPD-Landesvorstand. Der neue Land-SPD-Chef Stammler will verhindern, daß bei der nächsten Bundestagswahl der Heilbronner SPD-Kandidat mal wieder nicht auf der Landesliste abgesichert ist. Ganz deutlich aber wurde vom Unterländer IG-Metall-Chef Frank Stroh festgestellt, daß es keine Erbfolge in Sachen Bundestagskandidatur bei der SPD gebe. Gemeint war damit Peter Alltschekow, SPD-Stadtkreis-Chef und Pressesprecher von Wirtschaftsminister Dieter Spöri in Stuttgart, der schon zweimal den Wahlkreis 171 gegen  den alten CDU-Kämpen Egon Susset verlor und sich nicht auf der Landesliste seiner Partei absichern konnte.

Oberster Handwerker
Einstimmig wurde er vom Handwerkstag in Stuttgart zum Präsidenten der 110.000 baden-württembergischen Handwerksbetriebe gewählt: Klaus Hackert (57), Meister des Flaschner- sowie Gas- und Installationshandwerks, neben diesem hohen Amt auch noch Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, seit 1977 Präsident der Handwerkskammer Heilbronn, CDU-Stadtrat und Inhaber vieler anderer Ehrenämter, ist ein kämpferischer Verbandspolitiker. das hat vor allem die baden-württembergische Landesregierung der großen Koalition in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen, wenn es um Porblemlösungen im Handwerk ging. In der Sache hart, in der Form verbindlich - so tritt er auf, der neue oberste Handwerker im Ländle. Auch in seiner Partei haben viele diese Hartnäckigkeit in der Sache schon zu spüren bekommen. Und darüber hat er den Aufbau seiner Firma nie vernachlässigt. 90 Beschäftigte und 11 Millionen Mark Jahresumsatz, das sind Zahlen, auf die Klaus Hackert mit Recht stolz sein kann. Herzlichen Glückwunsch - sage ich da nur. So vom Turm herab. Das Heilbronner Handwerk hat eben nicht nur goldenen Boden, sondern auch gute Manager aufzuweisen.

Schmieren
Kinderhände beschmieren Tisch und Wände. Kennen Sie den Spruch noch? Ist ja auch ein ganz natürlicher Vorgang - für Kinder im Entwicklungsalter bis zu fünf Jahren. Eltern aber erziehen Kinder, daß sie in ihrer Entwicklung diesem Drang möglichst immer weniger nachgeben. Und viele Kinder selbst werden fuchsteufelswild - und das zu Recht - wenn die Spielkameraden ihr Spielzeug beschmieren. Wenn aber Jugendliche Nazi-Parolen auf Häuserwände und Kinderspielplätze schmieren, dann deutet das auf eine miserable Erziehung im Elternhaus hin. Keiner von diesen Jugendlichen würde tatenlos zusehen, wenn ein anderer sein Mofa oder vielleicht sein Auto mit der Sprühdose künstlerisch nach eigenen Vorgaben verzieren würde. Aber Denken ist oftmals Glückssache und kriminelles Handeln gibt Aufschluß über die soziale Rangordnung. Ausländerfeindliche Sprüche schmieren, Nazi-Parolen mittels miserabler Sprache transportieren - das ist kein deutsches oder Unterländer Problem, sondern allüberall ein soziales. Wo man auch immer in Europa hinkommt, ob nach Frankreich, Spanien, Polen oder Holland - diese Art von Sprüchen sind allgegenwärtig. Und die Konsequenz aus diesem Problem lautet: Wer anderer Leute Eigentum beschädigt, muß die Konsequenzen tragen. Das heißt ganz einfach: er muß gerecht bestraft werden.

Kilianpreis 94/95
„Der Theaterverein engagiert sich als Bürgerbewegung für das Stadttheater Heilbronn und das Kulturleben in Heilbronn und seiner Region.“ - Worte des Vorsitzenden des „Theater-Verein Heilbronn e.V.“ Uwe Jacobi  - hauptberuflich stellvertretender Chefredakteur der Heilbronner Stimme - in seinem brandneuen Brief an die „geehrten Theaterfreunde“. Voll des Lobs ist sein Verein über die „erfolgreiche Spielzeit 1994/95“ am Stadttheater Heilbronn. Aber die größte Freude herrscht darüber, so Uwe Jacobi, daß sich hinter den Kulissen die Möglichkeit für eine dritte Spielstätte abzeichnet. Jedoch der absolute Höhepunkt im Jahreszyklus des Heilbronner Theatervereins ist die Verleihung des Kilianpreises, der in siebenfacher Ausfertigung für die beste Leistung in der Regie, beim Bühnenbild, für die beste weibliche und männliche Hauptrolle sowie Nebenrolle sowie als Sonderpreis „Darstellende Kunst“ verliehen wird. Und da stehen in diesem Jahr neben dem Knurps-Puppentheater Widdern auch die Freilichtspiele Neuenstadt zur Wahl an. Auswähler unter den jeweils drei Kandidaten für jede Kategorie sind die Theaterverein-Mitglieder. Die Preisreden halten bei der Verleihung am 9. Juli  im Stadttheater heimische Journalisten. Übrigens: Ehrenvorsitzender dieser kulturellen Bürgerbewegung im Unterland ist Erwin Fuchs, einst Heilbronner Kulturdezernent und streitbarer Zeitgenosse für ein neues Stadttheater am Berliner Platz.

Mega-Stau
Ja, ja, das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Gell, Sie haben es auch gemerkt, es ist wieder Ferien- und Ausflugszeit? Wer sich am Wochenende auf die Piste schwingt, steht erst mal im Mega-Stau. Gerade rund um Heilbronn ist die Verkehrssituation besonders prekär. Stoßstange an Stoßstange geht es da rund. Vergessen scheinen die schönen Tage eines mehr oder weniger erfolglosen Ozonversuchs, als manches Heilix Blechle nicht fahren durfte. Und jeder - auch ich - muß sich wohl an der eigenen Nase fassen, geht es um mangelndes Umweltbewußtsein. Nur drei Prozent aller Autofahrer, vermeldet das Verkehrsministerium in Bonn, verhalten sich einigermaßen umweltgerecht, sprich verzichten auf ihre Blechkarosse und radeln oder gehen zu Fuß oder nehmen Bus oder Bahn. Nach dem Ozonversuch hätte man also viel deutlicher herausarbeiten müssen, daß es der Umwelt besonders nützt, wenn das Auto zuhause stehen bleibt.

Und wenn nichts war?
Im Jahre 1988 war im Ländle Landtagswahl. Sie erinnern sich? Damals trat ein bekannter CDU-Politiker, auch „Stier vom Kraichgau“ genannt, im Unterland als schwarzer Kandidat zurück, weil Kripo und Staatsanwalt ermittelten. Haschisch-Zigaretten spielten in diesem Verfahren eine nicht geringe Rolle, die er in einer Bar an der Bergstraße geraucht haben soll. Später mußte der Politiker einen Strafbefehl in fünfstelliger Höhe bezahlen. Was er auch prompt tat. Recht und Ordnung lauteten seine Parolen im Wahlkampf. Sein Tun und Handeln stand dazu offensichtlich im Widerspruch. Die Öffentlichkeit und seine Partei drängten zum Rücktritt. Aber Schauspieler sind keine Politiker. Vor allem sind sie keine Personen des öffentlichen Lebens, wenn sie als freie Mitarbeiter bei einer Truppe beschäftigt sind, die mit Kindertheater tingelt. Es stellt sich also die Frage, ob der eventuelle private Konsum von Haschisch-Zigaretten an die Öffentlichkeit gehört. Ein Fall, bei dem nichts bewiesen ist, sondern zur Zeit ermittelt wird. Und falls Haschisch geraucht wurde, muß ich mich fragen: Wem haben die Schauspieler geschadet? Sich selbst und dem Ruf des Kindertheaters Radelrutsch - sicherlich. Kindertheaterchef  Bernhard Wilbs hat ja auch harte Konsequenzen für den Fall des tatsächlichen Drogenkonsums angekündigt. Wie lauten aber die Konsequenzen, wenn nichts geschehen ist?

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