„Ich warte auf einen
Bus, aber der kommt nicht.“ - So ähnlich ist es unlängst 16 Seniorinnen und
Senioren eines kleinen Teilortes im südlichen Landkreis Heilbronn gegangen. Die
älteren Damen und Herren wollten zusammen mit dem Seniorenverein der
Hauptgemeinde einen Ausflug unternehmen. Vereinbart wurde, daß der 16er Club in
den Bus des großen älteren Restes zusteigen sollte. Wer nicht kam, war der Altenverein der Muttergemeinde. Die 16
waren schlichtweg vergessen worden. Gemerkt haben es die anderen rund eine
Stunde später, als sie schon auf großer Ausflugsfahrt waren. Man versuchte zu
retten, was noch zu retten ist und fuhr zurück. Vergebens, die 16 hatten sich
einen Ersatzbus gemietet und waren alleine auf Tour gegangen. „Ein Schelm, wer
Böses dabei denkt“, frotzelte einer der 16 Vergessenen. Denn den Ausflug habe
man ihnen nicht verderben können, „im Gegenteil“, zwinkerte mir der
Doch-Nicht-Sitzengebliebene zu, „wir haben denen gezeigt, daß man auch als Teil
einer Teilgemeinde selbständig sein kann.“
Haschisch-Skandal
Ganz deutlich konnte
ich mir die Übeltäter vor Gesicht führen: eine Frau und fünf Männer - die
„Radelrutsch-Truppe, abgebildet auf einem 15,5 mal 14 Zentimeter großen Foto,
über dem die Überschrift „Nur auf der
Bühne Drogengegner“ prangte. So gesehen und gelesen am 31. Mai in der
Tageszeitung Heilbronns. Haschisch-Zigaretten sollen zwei der
Ensemblemitglieder auf einer Reise ins Luxemburgische geraucht haben. Das will
eine Reporterin eindeutig festgestellt haben. Also ich bin kein Experte, was
Drogen angeht. Und ich könnte durchs Zuschauen nicht feststellen, ob meine
Nachbarn jetzt Haschisch-Zigaretten oder ganz normale Nikotinstengel paffen. Da
muß man sich halt auskennen. Die Theaterleute bestreiten aber seit Tagen schon
vehement den Konsum des Rauschmittels. Und damit steht Aussage gegen Aussage.
Seltsam, daß die Zeitung strenger als die Polizei verfolgt. Die Endkonsumenten
sind nicht in erster Linie das Ziel der Strafverfolgung, wenn es um Rauschgift
geht. An die Dealer und die Drogenbarone will der Staat heran. So dachte ich,
sei es allgemeiner Konsens bei uns. Das Übel bei der Wurzel packen und nicht
die Existenz ohnehin armer Leute zerstören. Die ganze Affaire scheint mir nicht
nur reichlich komisch, sondern riecht auch verdammt nach Denunziation und
Rache. Und das sollte doch nicht sein. Auch wenn es um Haschisch geht.
Splitternackt
„Skulptur vor Ort“ -
zum Beispiel im Leingartener Ortsteil
Schluchtern. Unmittelbar neben der evangelischen Kirche steht eine rostige
Madame, die sich sündig räkelt mit ihrem fülligen Leib. Ubba Enninga heißt der Bildhauer und sie „Eioua“, ist 2,12 Meter groß
und 1987 entstanden. Das negroide Gesicht seiner Skulptur soll
multikulturelle Individualität ausstrahlen. Dicke Worte für ein starkes
Frauenzimmer. Aber soviel anders als die kleinen nackten Porzellanfiguren, die
in gleicher Haltung in jedem Kaufhaus oder in den Souvenirläden rund um das
Mittelmeer zu haben sind, ist diese Figur ja auch nicht gestaltet. Aber nackt
ist „in“, ob auf der Bühne oder unter freiem Himmel. Auch wenns wie im
Heilbronner Deutschhof nur das Glied des Mannes ist, das da aus Eichenholz
sechs Meter lang in der Gegend herumliegt und in Richtung Kilianskirche weist. „Phallocaust III“ nennt der Künstler Franz
Gutmann seinen abgeschnittenen Penis aus Holz. Mit Obszönität habe das
nichts zu tun, wird gutherzig versichert, nur mit dem Hinweis auf die
jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität durch die Kirchen. Vielleicht
sollte man den Künstlern mal eine Reise nach Rom in die Vatikanischen Museen
spendieren, um nackte Körper in der Kirchenkunst zu bestaunen. Diese
Unterländer Kunst ist weder neu noch provokativ. Sie ist nur plump. Und billig
ist es langsam auch, auf die Kirchen einzuprügeln, um interessant wirken zu
wollen.
Ozonversuch
Jetzt liegt er
endgültig vor - der Abschlußbericht des
Ozonmodellversuchs in Heilbronns/Neckarsulm. Und wir wissen somit genau,
was wir vorher auch schon wußten. Mit einem örtlich begrenzten Modellversuch
werden die Schadstoffe für die Bildung des Reizgases nicht vermindert. Denn um
das Unterland herum gibt‘s auch jene Vorläufersubstanzen für das unangenehme
Ozon. Und daß sich bei vermindertem Verkehr die Lärmbelästigung verringert, das
konnte sich auch ein Nichtwissenschaftler an seinen fünf Fingern sich abzählen.
Was also hat der millionenteure Modellversuch des baden-württembergischen
Umweltministerium gebracht?- „Mit dem Abschlußbericht verfügen wir über eine
wissenschaftliche Dokumentation über den Ozonversuch, die Grundlage jedes
weiteren politischen Handelns in Sachen Sommersmog-Verordnung sei sollte.“ So
verkündete es dieser Tag der Staatssekretär
im Stuttgarter Umweltministerium Peter Reinelt. Ich sage weiterhin steinern
vom Turm herab: außer Spesen nix gewesen. Alles was man jetzt weiß, das wußten
die Wissenschaftler vor dem Modellversuch in Heilbronn/Neckarsulm auch schon.
Schadstoffarme Autos bauen, die weniger Sprit verbrauchen, das wäre ein
anständiger politischer Ansatz.
Duo Lichy/Selz
Die CDU in Heilbronn
hat wie erwartet eine Frau aufs Schild gehoben, um bei der Landtagswahl im März
1996 gegen Dr. Dieter Spöri anzutreten, SPD-Wirtschaftsminister der Großen
Koalition in Stuttgart und noch zu wählender SPD-Landtagskandidat für den
Wahlkreis Heilbronn. Der christdemokratische Stadtverband hatte zwei Damen zur
Auswahl: Helga Drauz, die
CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Johanna
Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Beide Frauen sind
gestandene Kommunalpolitikerinnen. Aber Johanna Lichy konnte mit solider
Parteiarbeit aufwarten: seit einem Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, viermal
Landtagszweitkandidatin, seit zwanzig
Jahren Stadträtin und zur Zeit Fraktionsvorsitzende. 214 gegen 53 Drauz-Stimmen
konnte die neue Heilbronner CDU-Landtagskandidatin verbuchen. Und ihr
Zweitkandidat wurde der singende
Stadtrat Norbert Selz aus Neckargartach. Wäre die CDU sehr mutig gewesen,
dann hätte sie mit der 28 jährigen Helga Drauz der Jugend eine Chance gegeben,
um Dieter Spöri Paroli zu bieten. So aber sieht es ein wenig nach
Zählkandidatur gegen den Platzhirschen aus. Außer die CDU steht als Mannschaft
geschlossen hinter Johanna Lichy.
„Treuer“ SPD-Land-Chef
Einst gab es im
Unterland einen Kreisverband für alle Sozialdemokraten. Aber vor 22 Jahren, da
spaltete sich die Linkspartei in zwei Organisationen auf. einen Kreisverband
für die Stadt Heilbronn und einen für den Landkreis. Nach dem plötzlichen Tod
des Landkreis-SPD-Vorsitzenden Johann Michl wurde dieser Tage ein neuer
Mann an die Spitze gewählt. Roland Stammler, 51 Jahre, stellte sich den
Delegierten aus den Ortsvereinen als „treuer Parteisoldat“ vor und gewann die
Wahl mit 100 von 111 gültigen Stimmen.
Seit 17 Jahren schon ist der Mann, der von der IG-Metall zur Sozialdemokratie
stieß, Ortschef der Neckarsulmer SPD. Hauptberuflich arbeitet er als
Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens Heimstättengenossenschaft
Neckarsulm. Sein Schwerpunkt für die
kommenden zwei Jahre Amtszeit: rechtzeitige und massive Anmeldung von
Ansprüchen für den Bundestagwahlkreis 171 beim SPD-Landesvorstand. Der neue
Land-SPD-Chef Stammler will verhindern, daß bei der nächsten Bundestagswahl der
Heilbronner SPD-Kandidat mal wieder nicht auf der Landesliste abgesichert ist.
Ganz deutlich aber wurde vom Unterländer
IG-Metall-Chef Frank Stroh festgestellt, daß es keine Erbfolge in Sachen
Bundestagskandidatur bei der SPD gebe. Gemeint war damit Peter Alltschekow, SPD-Stadtkreis-Chef und Pressesprecher von
Wirtschaftsminister Dieter Spöri in Stuttgart, der schon zweimal den Wahlkreis
171 gegen den alten CDU-Kämpen Egon Susset verlor und sich nicht auf der Landesliste
seiner Partei absichern konnte.
Oberster Handwerker
Einstimmig wurde er vom
Handwerkstag in Stuttgart zum Präsidenten
der 110.000 baden-württembergischen Handwerksbetriebe gewählt: Klaus Hackert (57), Meister des Flaschner-
sowie Gas- und Installationshandwerks, neben diesem hohen Amt auch noch
Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, seit 1977
Präsident der Handwerkskammer Heilbronn, CDU-Stadtrat und Inhaber vieler
anderer Ehrenämter, ist ein kämpferischer Verbandspolitiker. das hat vor allem
die baden-württembergische Landesregierung der großen Koalition in den
vergangenen Jahren zu spüren bekommen, wenn es um Porblemlösungen im Handwerk
ging. In der Sache hart, in der Form verbindlich - so tritt er auf, der neue
oberste Handwerker im Ländle. Auch in seiner Partei haben viele diese
Hartnäckigkeit in der Sache schon zu spüren bekommen. Und darüber hat er den
Aufbau seiner Firma nie vernachlässigt. 90 Beschäftigte und 11 Millionen Mark
Jahresumsatz, das sind Zahlen, auf die Klaus Hackert mit Recht stolz sein kann.
Herzlichen Glückwunsch - sage ich da nur. So vom Turm herab. Das Heilbronner
Handwerk hat eben nicht nur goldenen Boden, sondern auch gute Manager
aufzuweisen.
Schmieren
Kinderhände beschmieren
Tisch und Wände. Kennen Sie den Spruch noch? Ist ja auch ein ganz natürlicher
Vorgang - für Kinder im Entwicklungsalter bis zu fünf Jahren. Eltern aber
erziehen Kinder, daß sie in ihrer Entwicklung diesem Drang möglichst immer
weniger nachgeben. Und viele Kinder selbst werden fuchsteufelswild - und das zu
Recht - wenn die Spielkameraden ihr Spielzeug beschmieren. Wenn aber Jugendliche
Nazi-Parolen auf Häuserwände und
Kinderspielplätze schmieren, dann deutet das auf eine miserable Erziehung
im Elternhaus hin. Keiner von diesen Jugendlichen würde tatenlos zusehen, wenn
ein anderer sein Mofa oder vielleicht sein Auto mit der Sprühdose künstlerisch
nach eigenen Vorgaben verzieren würde. Aber Denken ist oftmals Glückssache und
kriminelles Handeln gibt Aufschluß über die soziale Rangordnung.
Ausländerfeindliche Sprüche schmieren, Nazi-Parolen mittels miserabler Sprache
transportieren - das ist kein deutsches oder Unterländer Problem, sondern
allüberall ein soziales. Wo man auch immer in Europa hinkommt, ob nach
Frankreich, Spanien, Polen oder Holland - diese Art von Sprüchen sind
allgegenwärtig. Und die Konsequenz aus diesem Problem lautet: Wer anderer Leute
Eigentum beschädigt, muß die Konsequenzen tragen. Das heißt ganz einfach: er
muß gerecht bestraft werden.
Kilianpreis 94/95
„Der Theaterverein
engagiert sich als Bürgerbewegung für das Stadttheater Heilbronn und das
Kulturleben in Heilbronn und seiner Region.“ - Worte des Vorsitzenden des „Theater-Verein Heilbronn e.V.“ Uwe Jacobi - hauptberuflich
stellvertretender Chefredakteur der Heilbronner Stimme - in seinem brandneuen
Brief an die „geehrten Theaterfreunde“. Voll des Lobs ist sein Verein über die
„erfolgreiche Spielzeit 1994/95“ am Stadttheater Heilbronn. Aber die größte
Freude herrscht darüber, so Uwe Jacobi, daß sich hinter den Kulissen die
Möglichkeit für eine dritte Spielstätte abzeichnet. Jedoch der absolute Höhepunkt im Jahreszyklus des Heilbronner
Theatervereins ist die Verleihung
des Kilianpreises, der in siebenfacher Ausfertigung für die beste Leistung
in der Regie, beim Bühnenbild, für die beste weibliche und männliche Hauptrolle
sowie Nebenrolle sowie als Sonderpreis „Darstellende Kunst“ verliehen wird. Und
da stehen in diesem Jahr neben dem Knurps-Puppentheater Widdern auch die
Freilichtspiele Neuenstadt zur Wahl an. Auswähler unter den jeweils drei
Kandidaten für jede Kategorie sind die Theaterverein-Mitglieder. Die Preisreden
halten bei der Verleihung am 9. Juli im
Stadttheater heimische Journalisten. Übrigens: Ehrenvorsitzender dieser
kulturellen Bürgerbewegung im Unterland ist Erwin Fuchs, einst Heilbronner Kulturdezernent und
streitbarer Zeitgenosse für ein neues Stadttheater am Berliner Platz.
Mega-Stau
Ja, ja, das Auto ist
des Deutschen liebstes Kind. Gell, Sie haben es auch gemerkt, es ist wieder
Ferien- und Ausflugszeit? Wer sich am Wochenende auf die Piste schwingt, steht
erst mal im Mega-Stau. Gerade rund um Heilbronn ist die Verkehrssituation
besonders prekär. Stoßstange an Stoßstange geht es da rund. Vergessen
scheinen die schönen Tage eines mehr oder weniger erfolglosen Ozonversuchs, als
manches Heilix Blechle nicht fahren durfte. Und jeder - auch ich - muß sich
wohl an der eigenen Nase fassen, geht es um mangelndes Umweltbewußtsein. Nur
drei Prozent aller Autofahrer, vermeldet das Verkehrsministerium in Bonn,
verhalten sich einigermaßen umweltgerecht, sprich verzichten auf ihre
Blechkarosse und radeln oder gehen zu Fuß oder nehmen Bus oder Bahn. Nach dem
Ozonversuch hätte man also viel deutlicher herausarbeiten müssen, daß es der
Umwelt besonders nützt, wenn das Auto zuhause stehen bleibt.
Und wenn nichts war?
Im Jahre 1988 war im
Ländle Landtagswahl. Sie erinnern sich? Damals trat ein bekannter
CDU-Politiker, auch „Stier vom Kraichgau“ genannt, im Unterland als schwarzer
Kandidat zurück, weil Kripo und Staatsanwalt ermittelten. Haschisch-Zigaretten
spielten in diesem Verfahren eine nicht geringe Rolle, die er in einer Bar an
der Bergstraße geraucht haben soll. Später mußte der Politiker einen
Strafbefehl in fünfstelliger Höhe bezahlen. Was er auch prompt tat. Recht und
Ordnung lauteten seine Parolen im Wahlkampf. Sein Tun und Handeln stand dazu
offensichtlich im Widerspruch. Die Öffentlichkeit und seine Partei drängten zum
Rücktritt. Aber Schauspieler sind keine Politiker. Vor allem sind sie keine
Personen des öffentlichen Lebens, wenn sie als freie Mitarbeiter bei einer
Truppe beschäftigt sind, die mit Kindertheater tingelt. Es stellt sich also die
Frage, ob der eventuelle private Konsum von Haschisch-Zigaretten an die
Öffentlichkeit gehört. Ein Fall, bei dem nichts bewiesen ist, sondern zur Zeit
ermittelt wird. Und falls Haschisch geraucht wurde, muß ich mich fragen: Wem
haben die Schauspieler geschadet? Sich selbst und dem Ruf des Kindertheaters
Radelrutsch - sicherlich. Kindertheaterchef Bernhard Wilbs hat ja auch harte
Konsequenzen für den Fall des tatsächlichen Drogenkonsums angekündigt. Wie
lauten aber die Konsequenzen, wenn nichts geschehen ist?

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