Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 19.07.1995

Müll in der Stadt
An der Müllfront scheint sich in Heilbronn einiges zu bewegen. Wenn man den Zahlen jener glauben kann, die uns vorrechnen: Der Müll wurde in der Käthchenstadt  verglichen mit 1993 im vergangenen Jahr um rund 27 Prozent reduziert. Und bei der städtischen Deponie Vogelsang sehen die Zahlen noch eindrucksvoller aus. Die Abfallmengen wurden dort sogar um 37 Prozent reduziert. Dafür gibt es Gründe. Die Stadt Heilbronn sagt: erhöhte Deponiegebühren, Herkunftsnachweis des Mülls und bessere Beratung hätten zur Reduzierung des Aufkommens geführt. Und wir Bürger? Im Durchschnitt erzeugt jeder Heilbronner pro Jahr 222 Kilogramm Müll. Und trotz der Steigerung der Quote beim „Gelben Sack“ um 40 Prozent, beim Altpapier gar um 20 Prozent, meint Baubürgermeister Ulrich Frey, daß Heilbronn von Jahr zu Jahr schmutziger werde. In der Wiederbesetzungssperre sei ein Grund dafür zu finden. Wenn das Müllbeseitigungspersonal fehle, dann könne die Stadt halt weniger vom herumliegenden Müll einsammeln. Und außerdem würden 13.000 Haushalte überhaupt keine Müllgebühren bezahlen. Wo die wohl ihren Abfall entsorgen?

Spitzenkräfte?
Viele in der Käthchenstadt fragen sich: Sind in Heilbronn keine Nachwuchsspitzenkräfte zu finden? Wenn es um die Neubesetzung von Spitzenpositionen geht, dann holt man sich seit längerer Zeit schon die Leute von auswärts. Nach dem Motto: Auswärtige Besen kehren besser und gründlicher. Ob beim Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse, beim Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, beim Leiter des Schulamtes, bei den Bürgermeistern, dem Präsidenten des Landgerichts, dem neuen Chefredakteur oder zum Ende des Jahres beim Direktor des Finanzamtes. Die einen sagen: Das ist gut so. Der neue Mann darf nicht im Heilbronn Geflecht und Mief zu stark involviert sein. Die mehr lokalpatriotisch Gesinnten meinen: Früher habe man auf Kontinuität gesetzt, die Leute im eigenen Hause herangezogen, den regionalen und lokalen Gesichtspunkten mehr Bedeutung beigemessen. Think global, act local - lautet ein Merkspruch, den sich so manche Firma, so mancher Verband oder so manches Amt zum Leitgedanken gemacht hat. Beim globalen Denken und lokalen Handeln muß aber noch einiges geschehen. Denn Heilbronn liegt immer noch abseits der großen Verkehrsflüsse und im Zentrum der Wirtschaftskrise. Das heißt: Auch die Spitzenkräfte müssen auch mehr raus, in Stuttgart und Bonn etwas für die Stadt und Region in Bewegung setzen. Und sie müssen vor Ort umsetzen, was sie auswärts gelernt haben.

SPD-Frauen vor
Bei der Aufstellung der Kandidaten für die Landtagswahl im kommenden Jahr hatte ich eigentlich Frauenpower erwartet.  Bei der CDU in Heilbronn gabs diese Power gleich im Doppelpack. Johanna Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, machte das Rennen gegen Helga Drauz, ihrer Fraktionskollegin aus dem Heilbronner Stadtrat. Bei der SPD hatte es die Bürgermeisterin von Löwenstein Birgit Kriegel versucht - und scheiterte kläglich am gestandenen Obersulmer Mannsbild Alfred Schöffler. Nicht mal als Zweitkandidatin wurde bei den genossen im Wahlkreis Neckarsulm eine Frau aufgestellt. Vom Eppinger Wahlkreis ganz zu schweigen - denn auch dort war offensichtlich der Proporz entscheidend. Der Abstätter Hauptkandidat Wolfgang Bebber und sein Sozius aus den Eppinger Gemeinderat. Dr. Dieter Spöri, der Wirtschaftsminister der Großen Koalition und designierte SPD-Spitzenkandidat bei der März-Wahl 1996, wird in seinem Wahlkreis Heilbronn diese Woche ganz offiziell nominiert. Sein Zweikandidat heißt Friedrich Niethammer, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Anne Allinger, die schon mal diesen Posten besetzt hatte, wollte nicht gegen Niethammer kandidieren - so der SPD-Kreisvorstand. Mit der SPD-Frauenpower bei der nächsten Landtagswahl im Unterland scheint es momentan schlecht bestellt zu sein - was die Kandidaten anbetrifft.

Ratssprüche
„Seien Sie doch still. Wenn Sie den Mund aufmachen, schwätzen Sie nur Scheiß, wie die ganze Ecke dahinten. Keine Ahnung haben, nur immer Mist daherreden.“ - Harte Worte. Beleidigende Worte. In diesem Wortlaut sollen sie im Fleiner Gemeinderat gefallen sein. Sagt eine Rätin. der Bürgermeister will davon nichts gehört haben. Und auch jener Rat, dem die Worte angeblich im Zorn entschlüpft sind, will sie nie und nimmer von sich gegeben haben. Und deshalb wollte der Rat seine Kollegin per Gerichtsbeschluß zwingen, daß sie nimmer wiederholt, er habe solches ihr gegenüber verlauten lassen. Die Rätin hatte die sie beleidigenden Sätzchen nämlich schriftlich dem Bürgermeister mitgeteilt. Das Amtsgericht Heilbronn wollte sich letzte Woche nicht vor den Streithansel-Karren spannen lassen. Denn selbst wenn die Rätin ihre Worte dem Bürgermeister gegenüber widerrufen hätte - der angerichtete Schaden wäre geblieben. Ein gefundenes Fressen für das Sommerloch, in dem ja zur Zeit viele Medien stecken. Wie wärs mit einem schönen Sommer-Blumenstrauß für die Ratskollegin - Herr Rat? Nach dem altbekannten Motto: Laßt Blumen sprechen.

Großveranstaltungen
Wenn von der Harmonie in Heilbronn als guter Stube der Stadt gesprochen wurde, dann hieß es vor Jahren schlicht: Einfach abreißen und eine neue, große Halle bauen. Damals war das Prunkstück aus den Fünfzigern noch reichlich ramponiert. Aber zu einem Abriß und Neubau einer großen Halle im Stadtzentrum Heilbronns - zwischen Allee, Busbahnhof und Gymnasiumstraße - dazu konnte sich damals niemand durchringen. Und so wurde die „Alte Tante“ kosmetisch aufgefrischt und sieht derzeit ganz passabel aus. Aber mit einem Kongreßzentrum wie dem Forum in Ludwigsburg zum Beispiel kann sie nicht mithalten. Um Stuttgart herum haben sich auch einige andere Gemeinden mit schmucken Hallen ausgerüstet und ziehen damit gewichtige Kongresse in ihre Mauern. Und was dann dort stattfindet, das kann schon nicht in Heilbronn geschehen. Den Bau einer Großveranstaltungshalle - den hat dieser Tage Dr. Dieter Spöri wieder entdeckt. Wenn Heilbronn nur wolle, so würde er, der Wirtschaftsminister, schon Gelder locker machen. Schließlich ist er ja zuständig für Landesplanung, Wohnungs- und Städtebau. Und somit wären Landeszuschüsse und Fördermittel zugesichert. Jetzt liegt der Schwarze Peter mal wieder beim OB und seinem Gemeinderat. Aber die haben sich ja erst vor wenigen Monaten eine finanzielle Schlankheitskur verordnet.


Majoretten in Heilbronn
So befruchtend kann Völkerfreundschaft sein. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte die Heilbronner Sport- und Gymnastiklehrerin Sigrid Lipp eine Schülerin namens Heike Glasbrenner, die in eine der Jazzgymnastik-Stunden einen „Stab“ der besonderen Art mitbrachte. Majoretten in den USA wirbeln solche Dinger durch die Luft. Und da die Schülerin Kontakte zu einer amerikanischen Familie in Heilbronn besaß, deren Tochter als Captain‘s Girl auftrat, war die Idee von Sigrid Lipp rasch umgesetzt. So entstand in mühseliger Kleinarbeit die Heilbronner Majoretten-Tanzgruppe, die heute in flotten Käthchentrachten für Heilbronn als gute Botschafterinnen durch die Welt wirbelt. 1992 nahmen die jungen Damen sogar an der Steuben-Parade in New York teil. Am Wochenende feierten alte und junge Majoretten samt Angehörigen und Freunden das zwanzigjährige Bestehen der Tanztruppe. Und die Grand Dame der Truppe erhielt von „ihren Mädchen“ für „Best Performance“ einen goldenen Oscar. Auch ich vom Turm wünsche den jungen Damen weiterhin viel Freude und Anerkennung - und Sigrid Lipp einen steinharten Durchhaltewillen. Denn ihre Arbeit ist für Heilbronn eine Botschaft der Freude - für jene, die Heilbronn erst kennenlernen wollen.

Abonnement
Fragte mich doch neulich ein Mensch aus dem ländlichen Bereich des Unterlandes: Wie kann ich beim Stadttheater ein Abonnement bekommen? Darauf ich als standfester Heilbronner: Lesen Sie die Theaterzeitung, da steht alles drin - und die können Sie in Lebensmittelgeschäften, Ämtern oder beim Theater selbst bekommen. Der kulturinteressierte Mann tat wie ihm geheißen ward. Wenige Tage später ein Anruf. Also, die Theaterzeitung „toi, toi, toi“ habe er sich geholt. Schwierig zu lesen sei das Blatt. Weil es ja eigentlich ein Plakat sei - und er, der arme Mann es von vor- und rückwärts durchblättern müsse, aber dabei nie so richtig wisse, auf welcher Seite er jetzt gerade sei. Wolle er einen richtigen Überblick, dann müsse er das Blatt auf dem Fußboden ausbreiten. denn so groß sei sein schreibtisch nicht, daß das gesamte Plakat daraufpasse. Jetzt aber wisse er endlich, wie er ein Abo bekäme. Er müsse zu ganz bestimmten Tagen und Zeiten zum Theater und sich einschreiben. Aber ob er da gerade Zeit habe? Also das wisse er nicht so genau. Vielleicht sollte sich das Theater, so meinte der Mann, mal einen Abo-Bestellschein im Blättle abdrucken. Dann hätte er jetzt schon sein Abonnement für 1995/96 bestellt. Aber so - da müsse er sich das halt nochmal überlegen - mit der Kultur in Heilbronn.

Nonverbal
Da haben sich doch einige Psychologen - oder waren es Psychiater - was ganz besonderes ausgedacht. Per Anzeige suchten sie Interessenten für einen Arbeitskreis oder eine Arbeitsgruppe „Nonverbale Kommunikation“. Und es meldeten sich fleißig einige, die sehr interessiert waren. Auch ich habe mich gefragt, was das denn sei - die nonverbale Kommunikation. Wenn ich mit Ihnen, meinen Lesern kommuniziere, dann geht das ohne gesprochene Worte ab. Halt mit gedruckten Worten. Und wenn Sie mich hier oben auf meinem Turm betrachten, dann schauen Sie halt von unten hoch - und denken sich Ihren teil. Ist dieses Denken jetzt schon Nonverbal? Wir denken ja eigentlich in Worten, in ganzen Sätzen - selbst im Traum haben wir unsere Sprache noch beisammen. Manche Sprachbegabten träumen französisch oder englisch. Sie kommunizieren mit sich selbst noch in Worten. Und selbst wenn wir uns nur anschauen oder betasten - wie da heute ja „in“ ist in so mancher Gruppe - dann geht in den Köpfen nichts Nonverbales vor sich, sondern eben unausgesprochen laufen da ganze Romane ab, die man sich später erzählt. In der Gruppe - oder auch woanders. Trotz meines versteinerten Maules: Ich glaube, die Herren Seelendoctores haben sich da einen derben Scherz mit  zarten Seelchen erlaubt - mit ihrer „Nonverbalen Kommunikation“.


Kulturtage '95
Das ist schon ein Ereignis, was der Harry Mergel da alljährlich mit seinen Freunden auf dem Gaffenberg heraufbeschwört. Fünf Tage war das Kulturspektakel in diesem Jahr von insgesamt rund 22.000 Menschen besucht worden, 150 Künstler traten im Wald auf und alles klappte organisatorisch reibungslos. Ein Volksfest für die gehobenen Stände. Denn billig ist‘s ja nicht, den Kulturhügel von Heilbronn zu erklimmen. Aber fürs Geld wird auch was geboten: Künstler aus zehn Ländern spielten für ein Publikum auf, das ein unbeschwertes sommerliches Vergnügen suchte. Und da die Macher nicht im eigenen Saft schmoren möchten, soll im kommenden Jahr noch mehr auf auswärtige Besucher gesetzt werden. Sozusagen eine Durchmischung des Publikums wird angestrebt. Heilbronner Kulturtage - ein Geheimtip für alle zwischen Heidelberg und Stuttgart, Karlsruhe und Crailsheim. Der Medienwald rauschte ja auch schon beträchtlich im Vorfeld des freudigen Ereignisses auf dem Gaffenberg - und brachte Publizität weit über die Stadtmauern der Käthchenmetropole hinaus. Und trotzdem: verglichen mit anderen Volksfesten im Unterland bleiben die Kulturtage ein Juwel für jene, die sie zu schätzen wissen. Nicht für Jedermann, sondern für jeden, der interessiert ist an dem, was die Mergel-Crew an kulturbuntem Abenteuer auch 1996 wieder auf die Beine stellt. 1997 wird das zehnjährige Jubiläum gefeiert. Dann soll ein Programm mit den Highlights aus den zurückliegenden Jahren geboten werden. Ich nehme an: Auch dann leuchtet Heilbronn wieder - vom Gaffenberg aus.

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