Theaterschiff
Viele
Vorschußlorbeeren gab es für das Kultur-Projekt Heilbronner Theaterschiff. Die
Stadt Heilbronn unterstützte es wohlwollend. Noch mehr Unterstützung gab es von
Seiten der Wirtschaft - vor allem in Form von Spenden bei den Theaterstühlen.
4.000 Mark wurden von 99 Firmen hingelegt, um eine Sitzgelegenheit mit ihrem
Firmenemblem überhaupt aufstellen zu dürfen. Und 1.000 Mark wurden nochmals für
die Herstellung pro Künstlerstuhl berappt. Anschubfinanzierung nennt man sowas.
Journalisten von Fernsehen, Hörfunk und Zeitungen garantierten Promotion bis
zur ersten Premiere. Aber seit 11. Oktober nun segelt das Kulturschiff aus
eigener Kraft auf den hohen Wellen eines stürmischen regionalen Kulturmeeres.
Flott und munter ist das Theaterschiff mit seinen Produktionen präsent. So auch
wieder am Sonntag, als viele Besucher der ersten Matinee mit „Jazz, Klassik und
Lyrik“ wieder nach Hause geschickt werden mußten, weil die tolle Mischung aus
Jazz, Literatur, Frühschoppen und Frühstück schon seit langem ausverkauft war. Der NECKAR EXPRESS-Verlag hatte diese
Veranstaltung gesponsert, weil die Macher um Heinz Kipfer, Klaus Rücker und
Peer Friedel den Besuchern nicht Preise über 20 Mark für eine Matinee zumuten
wollten. Der NECKAR EXPRESS hat dieses neue Privattheater gern unterstützt.
Denn eine vom Staat nicht subventionierte Kleinbühne muß für ihre ersten
Schritte in die Selbständigkeit gestützt werden. Niemand wußte, ob eine
Jazz-Matinee vom Publikum überhaupt angenommen werden würde. Allseits war man
deshalb froh und glücklich, daß das Sponsering auf fruchtbaren Boden gefallen
ist. Jetzt sollten auch andere Unterländer Firmen diesen Weg der Unterstützung
von engagierter Kleinkunst in der Region gehen. Es lohnt sich für alle Beteiligten.
Gerade in der Provinz kann die Kultur offensichtlich auch im Kleinen blühen,
ist das Bedürfnis nach Kultur, die ist mehr ist als Selbstdarstellung von
Künstlern, sehr hoch. Das Heilbronner Theaterschiff braucht noch viel Wind in
seinen Segeln. Und der kann nur vom Publikum und von den Sponsoren kommen.
Altherrenrock
Fast
schon ein richtiges Staatsgeheimnis war „Free as a bird“, die neue alte Single
der Beatles. Am Dienstag spätestens war die CD offiziell wohl in allen
Musikgeschäften zu kaufen. Geschrieben hat den Titel allerdings John Lennon
drei Jahre vor seiner Ermordung. Seine Witwe Yoko Ono hat die Rechte an seinen
bisher unveröffentlichten Liedern abgetreten. Gegenüber der Presse erklärten
Paul, George und Ringo, es sei so gewesen, als wäre John in die Ferien gefahren
und der Rest der Beatles habe nun mal eben die noch fehlende Musik aufgenommen.
Ob es John Lennon gefallen habe, wurde der Produzent gefragt. Eine ausweichende
Antwort: John habe seine Meinung so oft gewechselt wie seine Socken. Mal hätte
er die Single gigantisch gefunden, mal vollkommen mißraten. Bis Montagmorgen um
elf Uhr jedenfalls durfte der neue Titel jedenfalls von keiner Radiostation
gespielt werden. Die gepreßten CDs, die an den Handel ausgeliefert wurden,
standen unter strengster Bewachung. Fast so, als ob die britischen Kronjuwelen
zum Verkauf stünden. Hoffentlich sehen
sich die drei überlebenden Beatles nicht dazu berufen, mit dem neuen Material
live aufzutreten. Denn daß 50jährige Rockmusiker auf der Bühne mitunter
etwas albern wirken, haben die Rolling Stones auf ihrer letzten „World Tour“
gezeigt. Die Stones haben übrigens auch gerade wieder ein neues Album mit den
gleichen alten Hits veröffentlicht. Aber das ist ja anscheinend wieder groß in
Mode gekommen: Queen haben ja unmittelbar vor den Beatles ebenfalls ein Album
mit einem inzwischen verblichenen Sänger veröffentlicht. Wenn das nicht
Grufti-Musik ist
Kalte
Zeiten
Jetzt
hat er uns - wenn auch ein wenig verfrüht. Denn Winteranfang ist ja schließlich
erst am 21. Dezember. Aber meteorologisch hat dieses Datum nur eine
untergeordnete Bedeutung. Und vom normalen Menschenverstand her ist´s auch so:
Haben wir doch erst am Montag dieser Woche feststellen müssen, daß Eiseskälte
und Niederschlag uns unangenehm glatte Straßen bescherten. Infolge Glatteises
kam es im Unterland zu insgesamt 15 Unfällen mit zwei Leichtverletzten und
einem Gesamtschaden von etwa 55.000 Mark.
Sagt der sachliche Polizeibericht. Über jene Unfälle, die von den
Unfallbeteiligten selbst geregelt wurden, liegen keine Zahlen vor - teilen die
Polizisten sorgsam mit. Wäre ja auch
noch schöner, wenn zunächst ohne Polizei der Schaden geregelt wird und dann
auch noch Meldung an die Ordnungshüter gemacht würde. Das will unsere
Polizei ja auch gar nicht. Denn sie hat genügend Überstunden abzubauen. Darüber
hinaus wäre es noch schöner, sie würde von den Bagatell-Schäden, die bei
Unfällen entstehen, entlastet werde, um sich ihren eigentlichen hoheitlichen
Aufgaben entschiedener widmen zu können. Das heißt: Verbrecher jagen,
Verbrechen vorbeugen, etc. Aber dazu müßte sie technisch so ausgerüstet sein
wie die meisten mittelständischen Betriebe. Und daran hapert es beträchtlich.
Verbrechen vorbeugen heißt auch, die Polizei technisch so instand zu setzen,
daß sie den Verbrechern in moderner Kommunikation zum Beispiel überlegen ist.
Auf lange Sicht hin würden die erhöhten Ausgaben für die Polizei heute,
volkswirtschaftlich zu Spareffekten führen. Denn nichts ist teurer als die
Kriminalität - ob die Straftaten nun mit schwarzen oder weißen Handschuhen
begangen wurden. Und die Statistik sagt uns, daß wir das Ende der Fahnenstange
noch nicht erreicht haben.
Junge
Union
Der
Ring Politischer Jugend ist der Zusammenschluß von drei
Partei-Jugendorganisationen. Die Junge Union (CDU), die Jungsozialisten (SPD)
und die Jungen Liberalen (FDP) haben da ein Forum, auf dem sie gemeinsam für
Demokratie und gegen jegliche Tendenz
des Totalitären eintreten. Jetzt hat die Unterländer Junge Union diese
Plattform genutzt, um mir eins auf die Mütze zu geben. schrieb sie doch: „So
kritisiert beispielsweise der Neckar Express am 30. Oktober die Suspendierung
des neuen Fechttrainers in Tauberbischofsheim, Bernd Lang, durch Emil Beck,
weil dieser in Kontakt zur Scientology steht.“ - Naja, da ist die Frage: Emil
Beck oder Bernd Lang. Wer steht nun in Kontakt zu Scientology? Aber diese
sprachliche Ungenauigkeit mal beiseite geschoben, die Junge Union hat sich
schon einmal in Scientologen-Sachen lächerlich gemacht. Als sie nämlich den
Maler Hellnwein, der in der Heilbronner Kreissparkasse seine Werke ausstellte,
in Verbindung zur Scientologen-Sekte brachte. Der wehrte sich entschieden. Und
nachdem der Kreissparkassen-Vorstand zunächst einen Rückzieher machen wollte,
mußten sich die JU und andere interessierte Kreise damit begnügen, den Erfolg
der Ausstellung zu begutachten. Damals hieß es: es sei völlig gleichgültig,
welcher Religion ein Künstler zuneigt, sein Werk zählt. Denn es gab in Deutschland schon Zeiten, in denen hochgeschätzte und
anerkannte Kunst nicht mehr gezeigt, aufgeführt oder ausgestellt werden konnte,
weil den Machthabern die Religionszugehörigkeit des Künstlers nicht in den Kram
paßte. Aber nicht nur die Nazis praktizierten diese menschenverachtende
Sortierung, sondern auch die DDR-Kommunisten. Aber diese Zeiten sind
Gottseidank bei uns in Deutschland vorbei. Wer sich mit Andersdenkenden
auseinandersetzen will, sollte dies tun. Wer ihnen kriminelle Machenschaften
unterstellt, sollte die Gerichte anrufen. Nur sie haben in einem Rechtsstaat zu
entscheiden. Ansonsten sage ich, daß jeder nach seiner Façon selig werden soll.
Solange er die Gesetze nicht verletzt. Sofern aber ein Geruch von Denunziation
- gegen wen auch immer - entsteht, sollte dem entschieden widersprochen werden.
Davon hatten wir nämlich in Deutschland schon genug.
Regional-Klagen
Geklagt
wird schon seit Jahren - einerseits über die schlechte Verkehrsanbindung der
Region Franken, auf der Schiene, andererseits auf der Straße. Sprich der
dreispurige Ausbau der A 6 vom Walldorfer Kreuz bis zur Landesgrenze nach
Bayern. Mit diesen Forderungen liegen die IHK, die Handwerkskammer, Landräte,
OBs und Bürgermeister der Landesregierung schon seit langem in den Ohren. Aber
getan hat sich bisher nichts. Warum nicht? Vielleicht sind die Politiker der
Region zu schwach auf der Brust, haben kein Durchsetzungsvermögen. Politiker
aus anderen Teilen Baden-Württembergs haben es offensichtlich besser
verstanden, ihre Anliegen in Stuttgart in den richtigen Ministerien zu Gehör zu
bringen und später auch tatvoll umzusetzen. IHK-Präsident Otto Christ hat jetzt Politiker fast aller Couleur
mobilisiert, um in Stuttgart heftig zu protestieren. Vor allem gegen den
schwarzen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, der für ihn zu vielen wohlwollenden
Worten in der Region zu wenige Taten hat folgen lassen. Den bevorstehenden
Wahlkampf im Ländle nimmt Otto Christ gern als Druckmittel, um bei den
Politikern etwas zu erreichen. Aber nicht nur Erwin Teufel von der CDU ist
verantwortlich, sondern die gesamte Regierung der großen Koalition in
Stuttgart. Und dazu gehört auch der Stellvertretende Ministerpräsident und
Wirtschaftsminister Dr. Dieter Spöri von der SPD. Aber den ließ Otto Christ
seltsamerweise außen vor. Naja, der ist nicht nur Wirtschaftsminister, sondern
auch Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Heilbronn.
Straße
am Sattel
Wenn
Sie mit dem Auto von Heilbronn nach Weinsberg fahren, dann schlängelt sich die
Straße nach der Eisenbahnbrücke (in der Nähe der Augustinus-Kirche) durch ein
Wohngebiet, danach durch Weinberge, über den Sattel hinweg, an Obstbäumen und
Wiesen vorbei und mündet schließlich in einer gut ausgebauten Straße, die durch
einen Tunnel rund um Weinsberg herum führt. Heilbronn hat eine solch elegante
und sinnvolle Straßenführung gen Osten nicht geschafft. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob es den Heilbronner
Stadtoberen reichlich egal ist, wie man in die Weibertreu-Stadt kommt, den
Weinsbergern aber nicht, wie ihre Bürger nach Heilbronn gelangen. Warum
wurde damals, als Weinsberg seinen Abschnitt der Bundesstraße 14 sorgsam
ausbaute, nicht ebensolches auf Heilbronner Gemarkung vollzogen. Eine
Untertunnelung der Straße bis zum Sattel wäre weniger teuer geworden als der
Bau des Schemelsbergtunnels in Weinsberg. So haben die Heilbronner Bewohner an
den Hängen entlang der B 14 einen dauernden Lärmpegel, an den man sich
vielleicht gewöhnen kann - der aber nichts anderes bleibt als
gesundheitsbelastender Lärm für Bürger, die dazu noch dank des Drecks aus den
westlichen Wohn- und Gewerbegebieten nahezu fortwährend was draufgesattelt
bekommen. Es ist ohnehin verwunderlich, daß man in Heilbronn den Ostteil zu den
besseren Wohngebieten zählt. Von der Anlage der Häuser und der Kaufkraft seiner
Bewohner mag das ja zutreffen. Von der Umweltbelastung ist es jedoch nicht so.
Umsäumt von landwirtschaftlichem Gebiet - und dazu gehören die intensiv
bewirtschafteten Weinberge schließlich - sieht die Bilanz ganz anders aus.
Nicht umsonst ist der Westen in allen Großstädten Deutschlands das gesündeste
Wohngebiet - und der Osten meist für die Industrie ausgewiesen. Aber in
Heilbronn war schon immer alles ein wenig anders. Gell.
Haste´ne
Mark
Viele
Kinder und Jugendliche aus dem Unterland gehen in Heilbronn ins Gymnasium. Sie
müssen mit dem Bus in die Käthchenstadt fahren, um ihre Schule zu erreichen.
Diese Fahrschüler gibt es schon seit Jahrzehnten. Und seit jeher sind die
Eltern um ihre Sprößlinge besorgt. Denn auf dem mehr oder wenigen langen Weg
von und zur Schule kann viel passieren. Angst haben Mutter und Vater vor allem
vor Unfällen und Verbrechen. Auch davor, daß ihre Kinder von Rauschgifthändlern
zur Sucht verführt werden. Aber neben diesen berechtigten Sorgen taucht in
letzter Zeit immer mehr die Frage auf, wie können sich die Schüler gegen
Bettler wehren. So erzählte mir doch neulich eine knapp 12jährige Schülerin aus
dem Landkreis, daß sie am Heilbronner Busbahnhof schon mehrmals angebettelt
wurde. „Haste ´ne Mark für mich!?“,
lautete die drängende Frage des jungen Bettlers. Und als die Schülerin
antwortete, daß sie keine Mark habe, drängte der reichlich alkoholsierte Mann:
„Klar hast Du ´ne Mark!“ Was soll eine Schülerin da tun, die auf ihren Bus in
die Heimatgemeinde wartet? Sich abwenden? Der Bettler drängt weiter. Die
Umstehenden um Hilfe bitten? Da ist nicht viel Unterstützung zu erwarten. Sie
ging weg, spähte aus einem Hauswinkel nach ihrem Bus und rannte, als der
endlich eingetroffen war, angstvoll ins Wageninnere. Ich verstehe, daß Eltern
und Kinder mit Schrecken von solchen Erlebnissen berichten. Sie auch?
Hören
und Sehen
Eine
Runderneuerung hat es im Regionalstudio des Süddeutschen Rundfunks in Heilbronn
gegeben. Klimaanlage, Archiv, Möbel - nach 22 Jahren war da einiges stark
renovierungsbedürftig geworden. Schließlich ist seit 1974, als Werner Kieser
mit einer Mannschaft von vier Leuten auf 100 Quadratmetern begann, einiges
geschehen. Heute zählt das Studio unter der Leitung von Lutz Wagner im
Heilbronner Shoppinghochhaus an der Allee rund 400 Quadratmeter und 24
Mitarbeiter. „Wir sind der journalistische Betrieb in der Medienlandschaft der
Region - außer den Tageszeitungen. Und darauf sind wir stolz.“ Verkündete der
Studioleiter beim Tag der offenen Tür. Und SDR-Intendant Hermann Fünfgeld
bestätigte, daß das Frankenradio die Menschen in der Region erreicht - mit
einem inhaltlich guten und akzeptablen Programm auf S4 Baden-Württemberg. Was
Rang und Namen in Wirtschaft, Politik und Verbänden hat, das ließ sich im
Heilbronner SDR-Studio sehen. „Die Leute, die hier beisammen sind, die stehen
hinter S4, ihrem Frankenradio“, lobte Heilbronns OB Dr. Manfred Weinmann.
Verständlich. Ist doch das Frankenradio
des SDR die einzige publizistische Klammer für die Gesamtregion, nachdem die
privaten Regionalsender vom Markt verschwunden sind. Und von den Gerichten
wurde ja erst vor kurzem das Regionalisierungskonzept des Südfunks bestätigt.
Es gehört zur Grundversorgung. Und das heißt auch: Mehr SDR-Frequenzen.
Veterinär-Ämter
Nicht
nur, daß die Gesundheitsämter im Unterland sich zweigeteilt haben, dank
Koalitionsbeschluß in Stuttgart, nein, auch die Veterinärämter in Heilbronn
haben sich dergestalt vermehrt. Kommt heute ein Viehtransport nach Bad Rappenau
oder Neckarsulm, so ist das Amt in der Urbanstraße Heilbronns zuständig. Fährt
der Transporter mit seiner Ladung in die Stadt, zum Beispiel nach Biberach oder
Kirchhausen, so ist das Städtische Veterinäramt im Schlachthof die
Anlaufstelle. Die Metzger in und um Heilbronn schütteln verwundert den Kopf, ob
dieses weiteren Schildbürgerstreichs einer Verwaltungsreform. Allerdings sind
sie mit den Leitern dieser neuen Ämter durchaus zufrieden. Ich frage mich immer wieder: Hat es nicht eine Möglichkeit gegeben,
diesen Unsinn abzuwenden? Oder lag es doch nur an der Stadt Heilbronn, die
unbedingt ihren Kopf durchsetzen wollte. Seltsamerweise ist jetzt, nachdem das
Kind in den Brunnen gefallen ist, niemand mehr Schuld an dem verzwickten
Blödsinn, der da verzapft wurde. So ist das halt bei Staatsdienern: Sie sind
kaum haftbar zu machen. Übrigens gilt das auch für viele Teile der Wirtschaft,
wo in Großkonzernen einige Manager sehr schnell Nebelgranaten werfen, wenn es
um Verantwortung geht.
Oskar
und Dieter
Oskar
Lafontaine war schon für manche Überraschung in Deutschland gut. Aber seine
plötzliche Kür zum SPD-Parteivorsitzenden war bisher der absolute Coup. Das
hatte es bei den Sozis noch nie gegeben. Die SPD hat sich nämlich auch in ihren
marxistischen Zeiten als revolutionäre, nie aber - so der Theoretiker Karl
Kautsky - als Revolution machende Partei verstanden. Deshalb kehrte auch nach
dem spontanen Aufstand der Delegierten wieder Nüchternheit auf dem Mannheimer
Parteitag letzte Woche ein. Mit überbordender Versöhnungsbereitschaft,
Großherzigkeit und Gemeinschaftsgefühl gegenüber dem gestürzten Vorsitzenden
Rudolf Scharping wurde das Feuer der Revolte schnell wieder gelöscht. Jetzt
frohlocken die baden-württembergischen Genossen. Denn sie erhoffen sich vom Polarisierer Lafontaine eine bessere
Ausgangsbasis für die Landtagswahl im März 1996. Aber das ist nur eine vage
Hoffnung. Denn der Napoleon von der Saar bietet wohl viele Bonbons für das
Selbstwertgefühl der Genossen, bundesweite Mehrheiten hat er bisher nicht
zustande gebracht. Die SPD könnte mit Lafontaine am Strauß-Syndrom leiden. Der
war in den eigenen Reihen auch hochgeschätzt und vielgeliebt, konnte aber
darüber hinaus die Wähler aus der Mitte nicht mobilisieren. Und die geplante
SPD-Annäherung an die kommunistische PDS? Dieses Politspiel war in den
achtziger Jahren, als die Sozialdemokraten mit den furchtbaren SED-Genossen
kungelten, zum selbstbeschädigenden Rohrkrepierer geraten. Damals hatte die SPD
die Einheit verpennt, weil sie die Freiheitsbewegungen im Osten aus
krampfhaftem Festhalten am Status Quo nicht erkennen konnte. In Baden-Württemberg
ist mit PDS-Annäherungen ohnehin kein Blumentopf zu gewinnen, höchsten in
einigen links-evangelischen Kreisen. Und die sind nicht mehrheitsbildend. Aber
gut ist, daß jetzt wieder Alternativen sichtbar werden. Dafür sorgt Oskar
schon.
Fachwerkhaus
Heilbronn
ist wahrlich nicht mit Gebäuden gesegnet, die als architektonische Meisterwerke
gelten könnten. Mal abgesehen von den historischen Gebäuden - wie Kirchen,
Rathaus, Käthchenhaus und einigen anderen. Von meinem Turm sehe ich ja
tagtäglich die Silhouette der Stadt, mal deutlicher, mal im Dunst. Ob ich nun
gen Norden in die Industriezone, gen Süden in die Großbautenzone, gen Westen
zum Böckinger Wasserturm oder gen Osten in die Landschaft mit viel Bäumen
schaue, nirgendwo ist etwas architektonisch Heraustechendes zu bemerken.
Nützliches viel. Industriebauten, Wohnkolosse oder das Theater zum Beispiel. Es zeichnet sich von seinem Baukörper nicht
als etwas Besonderes aus. So baute man Kreissparkassen. Und manches
Verwaltungsgebäude in Heilbronn strahlt mehr Charme aus als dieser von
plüschiger Nüchternheit geplagte Musentempel. Jetzt hat der
Fraktionsvorsitzende der SPD im Gemeinderat angeregt, daß in der Kaiserstraße
gegenüber dem Käthchenhaus ein Gebäude im Fachwerkstil entstehen. Heilbronn war
vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gesegnet mit solchen Bauwerken. Aber
eine Architektengruppe, die mit ihm über das Vorhaben diskutierte, hatte nur
Hohn und Spott für das Anliegen Friedrich Niethammers bereit. Mir kam es so
vor, als ob man in der alten DDR mit Kommunisten über die Vorteile der
westlichen Freiheit diskutierte. Man wußte von Beginn an, was das Ergebnis der
Diskussion sein wird. Dabei haben die Polen mit dem Wiederaufbau ihrer Städte
wie Danzig, Breslau oder Warschau gezeigt, wie wertvoll für die Menschen alte
Bausubstanz ist - und welche Bereicherung sie für eine Stadt ist. Warum soll in
Heilbronn nicht endlich einmal etwas entstehen, was für die meisten Menschen
eine Freude fürs Auge darstellt. Die Architekten-Werke der letzten Jahrzehnte fallen
nicht unter diese Kategorie. Schwäbisch Hall und andere Städte haben da für
Heilbronn Vorbildfunktion.
Wo
sind sie?
Vor
der Nazi-Zeit gab´s in Heilbronn organisierte Kommunisten. Nach 1945 formierten
sie sich wieder und sangen das Hohelied des Sowjetdiktatur. Dann wurden sie als
Verfassungsfeinde eingestuft und ihre Organisation, die KPD, verboten. Anfang
der siebziger Jahre tauchten sie als Wolf, der Kreide gefressen hatte,
wieder als DKP auf. Bis dann die DDR
sang- und klanglos in sich zusammenbrach. Da war´s auf einmal auch aus mit den
Kommunisten in Heilbronn. Das Geld der Bruderparteien aus dem Osten fehlte. Heute wissen wir, daß viele dieser DKP‘isten
zu einer Terrororganisation gehörten, ausgebildet und geschult in der
Sowjetunion und der DDR. Diese sollte im Konfliktfall Sabotageakte im
Hinterland des Feindes durchführen, damit die Rote Armee besser hätte
durchmarschieren können. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, daß man von
diesen gerade zur Friedensmarschierer-Zeit zu Beginn der Achtziger so aktiven
DKP-Genossen und -innen nichts mehr hört und sieht. Sie sind spurlos vom
politischen Erdboden verschwunden. Wie einst die Nazis nach dem verlorenen
Krieg. Dabei könnten sie sich doch gerade in Heilbronn hinstellen und Auskunft
über ihre Irrtümer geben. Auch über die ach so friedvollen Absichten ihrer
schrecklichen Auftraggeber im Osten. Aber das wird wahrscheinlich eher Thema
für angehende Geschichtswissenschaftler sein, die ihre Diplom- oder Doktor-Arbeiten
über diese für viele Menschen im Osten grausame Zeit in der warmen und sicheren
Studierstube einer freien Gesellschaft anfertigen.

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