Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 22.11. 1995



Theaterschiff
Viele Vorschußlorbeeren gab es für das Kultur-Projekt Heilbronner Theaterschiff. Die Stadt Heilbronn unterstützte es wohlwollend. Noch mehr Unterstützung gab es von Seiten der Wirtschaft - vor allem in Form von Spenden bei den Theaterstühlen. 4.000 Mark wurden von 99 Firmen hingelegt, um eine Sitzgelegenheit mit ihrem Firmenemblem überhaupt aufstellen zu dürfen. Und 1.000 Mark wurden nochmals für die Herstellung pro Künstlerstuhl berappt. Anschubfinanzierung nennt man sowas. Journalisten von Fernsehen, Hörfunk und Zeitungen garantierten Promotion bis zur ersten Premiere. Aber seit 11. Oktober nun segelt das Kulturschiff aus eigener Kraft auf den hohen Wellen eines stürmischen regionalen Kulturmeeres. Flott und munter ist das Theaterschiff mit seinen Produktionen präsent. So auch wieder am Sonntag, als viele Besucher der ersten Matinee mit „Jazz, Klassik und Lyrik“ wieder nach Hause geschickt werden mußten, weil die tolle Mischung aus Jazz, Literatur, Frühschoppen und Frühstück schon seit langem ausverkauft war. Der NECKAR EXPRESS-Verlag hatte diese Veranstaltung gesponsert, weil die Macher um Heinz Kipfer, Klaus Rücker und Peer Friedel den Besuchern nicht Preise über 20 Mark für eine Matinee zumuten wollten. Der NECKAR EXPRESS hat dieses neue Privattheater gern unterstützt. Denn eine vom Staat nicht subventionierte Kleinbühne muß für ihre ersten Schritte in die Selbständigkeit gestützt werden. Niemand wußte, ob eine Jazz-Matinee vom Publikum überhaupt angenommen werden würde. Allseits war man deshalb froh und glücklich, daß das Sponsering auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Jetzt sollten auch andere Unterländer Firmen diesen Weg der Unterstützung von engagierter Kleinkunst in der Region gehen. Es lohnt sich für alle Beteiligten. Gerade in der Provinz kann die Kultur offensichtlich auch im Kleinen blühen, ist das Bedürfnis nach Kultur, die ist mehr ist als Selbstdarstellung von Künstlern, sehr hoch. Das Heilbronner Theaterschiff braucht noch viel Wind in seinen Segeln. Und der kann nur vom Publikum und von den Sponsoren kommen.



Altherrenrock

Fast schon ein richtiges Staatsgeheimnis war „Free as a bird“, die neue alte Single der Beatles. Am Dienstag spätestens war die CD offiziell wohl in allen Musikgeschäften zu kaufen. Geschrieben hat den Titel allerdings John Lennon drei Jahre vor seiner Ermordung. Seine Witwe Yoko Ono hat die Rechte an seinen bisher unveröffentlichten Liedern abgetreten. Gegenüber der Presse erklärten Paul, George und Ringo, es sei so gewesen, als wäre John in die Ferien gefahren und der Rest der Beatles habe nun mal eben die noch fehlende Musik aufgenommen. Ob es John Lennon gefallen habe, wurde der Produzent gefragt. Eine ausweichende Antwort: John habe seine Meinung so oft gewechselt wie seine Socken. Mal hätte er die Single gigantisch gefunden, mal vollkommen mißraten. Bis Montagmorgen um elf Uhr jedenfalls durfte der neue Titel jedenfalls von keiner Radiostation gespielt werden. Die gepreßten CDs, die an den Handel ausgeliefert wurden, standen unter strengster Bewachung. Fast so, als ob die britischen Kronjuwelen zum Verkauf stünden. Hoffentlich sehen sich die drei überlebenden Beatles nicht dazu berufen, mit dem neuen Material live aufzutreten. Denn daß 50jährige Rockmusiker auf der Bühne mitunter etwas albern wirken, haben die Rolling Stones auf ihrer letzten „World Tour“ gezeigt. Die Stones haben übrigens auch gerade wieder ein neues Album mit den gleichen alten Hits veröffentlicht. Aber das ist ja anscheinend wieder groß in Mode gekommen: Queen haben ja unmittelbar vor den Beatles ebenfalls ein Album mit einem inzwischen verblichenen Sänger veröffentlicht. Wenn das nicht Grufti-Musik ist



Kalte Zeiten

Jetzt hat er uns - wenn auch ein wenig verfrüht. Denn Winteranfang ist ja schließlich erst am 21. Dezember. Aber meteorologisch hat dieses Datum nur eine untergeordnete Bedeutung. Und vom normalen Menschenverstand her ist´s auch so: Haben wir doch erst am Montag dieser Woche feststellen müssen, daß Eiseskälte und Niederschlag uns unangenehm glatte Straßen bescherten. Infolge Glatteises kam es im Unterland zu insgesamt 15 Unfällen mit zwei Leichtverletzten und einem Gesamtschaden von etwa 55.000 Mark.  Sagt der sachliche Polizeibericht. Über jene Unfälle, die von den Unfallbeteiligten selbst geregelt wurden, liegen keine Zahlen vor - teilen die Polizisten sorgsam mit. Wäre ja auch noch schöner, wenn zunächst ohne Polizei der Schaden geregelt wird und dann auch noch Meldung an die Ordnungshüter gemacht würde. Das will unsere Polizei ja auch gar nicht. Denn sie hat genügend Überstunden abzubauen. Darüber hinaus wäre es noch schöner, sie würde von den Bagatell-Schäden, die bei Unfällen entstehen, entlastet werde, um sich ihren eigentlichen hoheitlichen Aufgaben entschiedener widmen zu können. Das heißt: Verbrecher jagen, Verbrechen vorbeugen, etc. Aber dazu müßte sie technisch so ausgerüstet sein wie die meisten mittelständischen Betriebe. Und daran hapert es beträchtlich. Verbrechen vorbeugen heißt auch, die Polizei technisch so instand zu setzen, daß sie den Verbrechern in moderner Kommunikation zum Beispiel überlegen ist. Auf lange Sicht hin würden die erhöhten Ausgaben für die Polizei heute, volkswirtschaftlich zu Spareffekten führen. Denn nichts ist teurer als die Kriminalität - ob die Straftaten nun mit schwarzen oder weißen Handschuhen begangen wurden. Und die Statistik sagt uns, daß wir das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht haben.



Junge Union

Der Ring Politischer Jugend ist der Zusammenschluß von drei Partei-Jugendorganisationen. Die Junge Union (CDU), die Jungsozialisten (SPD) und die Jungen Liberalen (FDP) haben da ein Forum, auf dem sie gemeinsam für Demokratie und gegen jegliche Tendenz  des Totalitären eintreten. Jetzt hat die Unterländer Junge Union diese Plattform genutzt, um mir eins auf die Mütze zu geben. schrieb sie doch: „So kritisiert beispielsweise der Neckar Express am 30. Oktober die Suspendierung des neuen Fechttrainers in Tauberbischofsheim, Bernd Lang, durch Emil Beck, weil dieser in Kontakt zur Scientology steht.“ - Naja, da ist die Frage: Emil Beck oder Bernd Lang. Wer steht nun in Kontakt zu Scientology? Aber diese sprachliche Ungenauigkeit mal beiseite geschoben, die Junge Union hat sich schon einmal in Scientologen-Sachen lächerlich gemacht. Als sie nämlich den Maler Hellnwein, der in der Heilbronner Kreissparkasse seine Werke ausstellte, in Verbindung zur Scientologen-Sekte brachte. Der wehrte sich entschieden. Und nachdem der Kreissparkassen-Vorstand zunächst einen Rückzieher machen wollte, mußten sich die JU und andere interessierte Kreise damit begnügen, den Erfolg der Ausstellung zu begutachten. Damals hieß es: es sei völlig gleichgültig, welcher Religion ein Künstler zuneigt, sein Werk zählt. Denn es gab in Deutschland schon Zeiten, in denen hochgeschätzte und anerkannte Kunst nicht mehr gezeigt, aufgeführt oder ausgestellt werden konnte, weil den Machthabern die Religionszugehörigkeit des Künstlers nicht in den Kram paßte. Aber nicht nur die Nazis praktizierten diese menschenverachtende Sortierung, sondern auch die DDR-Kommunisten. Aber diese Zeiten sind Gottseidank bei uns in Deutschland vorbei. Wer sich mit Andersdenkenden auseinandersetzen will, sollte dies tun. Wer ihnen kriminelle Machenschaften unterstellt, sollte die Gerichte anrufen. Nur sie haben in einem Rechtsstaat zu entscheiden. Ansonsten sage ich, daß jeder nach seiner Façon selig werden soll. Solange er die Gesetze nicht verletzt. Sofern aber ein Geruch von Denunziation - gegen wen auch immer - entsteht, sollte dem entschieden widersprochen werden. Davon hatten wir nämlich in Deutschland schon genug.



Regional-Klagen

Geklagt wird schon seit Jahren - einerseits über die schlechte Verkehrsanbindung der Region Franken, auf der Schiene, andererseits auf der Straße. Sprich der dreispurige Ausbau der A 6 vom Walldorfer Kreuz bis zur Landesgrenze nach Bayern. Mit diesen Forderungen liegen die IHK, die Handwerkskammer, Landräte, OBs und Bürgermeister der Landesregierung schon seit langem in den Ohren. Aber getan hat sich bisher nichts. Warum nicht? Vielleicht sind die Politiker der Region zu schwach auf der Brust, haben kein Durchsetzungsvermögen. Politiker aus anderen Teilen Baden-Württembergs haben es offensichtlich besser verstanden, ihre Anliegen in Stuttgart in den richtigen Ministerien zu Gehör zu bringen und später auch tatvoll umzusetzen. IHK-Präsident Otto Christ hat jetzt Politiker fast aller Couleur mobilisiert, um in Stuttgart heftig zu protestieren. Vor allem gegen den schwarzen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, der für ihn zu vielen wohlwollenden Worten in der Region zu wenige Taten hat folgen lassen. Den bevorstehenden Wahlkampf im Ländle nimmt Otto Christ gern als Druckmittel, um bei den Politikern etwas zu erreichen. Aber nicht nur Erwin Teufel von der CDU ist verantwortlich, sondern die gesamte Regierung der großen Koalition in Stuttgart. Und dazu gehört auch der Stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Dr. Dieter Spöri von der SPD. Aber den ließ Otto Christ seltsamerweise außen vor. Naja, der ist nicht nur Wirtschaftsminister, sondern auch Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Heilbronn.



Straße am Sattel

Wenn Sie mit dem Auto von Heilbronn nach Weinsberg fahren, dann schlängelt sich die Straße nach der Eisenbahnbrücke (in der Nähe der Augustinus-Kirche) durch ein Wohngebiet, danach durch Weinberge, über den Sattel hinweg, an Obstbäumen und Wiesen vorbei und mündet schließlich in einer gut ausgebauten Straße, die durch einen Tunnel rund um Weinsberg herum führt. Heilbronn hat eine solch elegante und sinnvolle Straßenführung gen Osten nicht geschafft. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob es den Heilbronner Stadtoberen reichlich egal ist, wie man in die Weibertreu-Stadt kommt, den Weinsbergern aber nicht, wie ihre Bürger nach Heilbronn gelangen. Warum wurde damals, als Weinsberg seinen Abschnitt der Bundesstraße 14 sorgsam ausbaute, nicht ebensolches auf Heilbronner Gemarkung vollzogen. Eine Untertunnelung der Straße bis zum Sattel wäre weniger teuer geworden als der Bau des Schemelsbergtunnels in Weinsberg. So haben die Heilbronner Bewohner an den Hängen entlang der B 14 einen dauernden Lärmpegel, an den man sich vielleicht gewöhnen kann - der aber nichts anderes bleibt als gesundheitsbelastender Lärm für Bürger, die dazu noch dank des Drecks aus den westlichen Wohn- und Gewerbegebieten nahezu fortwährend was draufgesattelt bekommen. Es ist ohnehin verwunderlich, daß man in Heilbronn den Ostteil zu den besseren Wohngebieten zählt. Von der Anlage der Häuser und der Kaufkraft seiner Bewohner mag das ja zutreffen. Von der Umweltbelastung ist es jedoch nicht so. Umsäumt von landwirtschaftlichem Gebiet - und dazu gehören die intensiv bewirtschafteten Weinberge schließlich - sieht die Bilanz ganz anders aus. Nicht umsonst ist der Westen in allen Großstädten Deutschlands das gesündeste Wohngebiet - und der Osten meist für die Industrie ausgewiesen. Aber in Heilbronn war schon immer alles ein wenig anders. Gell.



Haste´ne Mark

Viele Kinder und Jugendliche aus dem Unterland gehen in Heilbronn ins Gymnasium. Sie müssen mit dem Bus in die Käthchenstadt fahren, um ihre Schule zu erreichen. Diese Fahrschüler gibt es schon seit Jahrzehnten. Und seit jeher sind die Eltern um ihre Sprößlinge besorgt. Denn auf dem mehr oder wenigen langen Weg von und zur Schule kann viel passieren. Angst haben Mutter und Vater vor allem vor Unfällen und Verbrechen. Auch davor, daß ihre Kinder von Rauschgifthändlern zur Sucht verführt werden. Aber neben diesen berechtigten Sorgen taucht in letzter Zeit immer mehr die Frage auf, wie können sich die Schüler gegen Bettler wehren. So erzählte mir doch neulich eine knapp 12jährige Schülerin aus dem Landkreis, daß sie am Heilbronner Busbahnhof schon mehrmals angebettelt wurde. „Haste ´ne Mark für mich!?“, lautete die drängende Frage des jungen Bettlers. Und als die Schülerin antwortete, daß sie keine Mark habe, drängte der reichlich alkoholsierte Mann: „Klar hast Du ´ne Mark!“ Was soll eine Schülerin da tun, die auf ihren Bus in die Heimatgemeinde wartet? Sich abwenden? Der Bettler drängt weiter. Die Umstehenden um Hilfe bitten? Da ist nicht viel Unterstützung zu erwarten. Sie ging weg, spähte aus einem Hauswinkel nach ihrem Bus und rannte, als der endlich eingetroffen war, angstvoll ins Wageninnere. Ich verstehe, daß Eltern und Kinder mit Schrecken von solchen Erlebnissen berichten. Sie auch?



Hören und Sehen

Eine Runderneuerung hat es im Regionalstudio des Süddeutschen Rundfunks in Heilbronn gegeben. Klimaanlage, Archiv, Möbel - nach 22 Jahren war da einiges stark renovierungsbedürftig geworden. Schließlich ist seit 1974, als Werner Kieser mit einer Mannschaft von vier Leuten auf 100 Quadratmetern begann, einiges geschehen. Heute zählt das Studio unter der Leitung von Lutz Wagner im Heilbronner Shoppinghochhaus an der Allee rund 400 Quadratmeter und 24 Mitarbeiter. „Wir sind der journalistische Betrieb in der Medienlandschaft der Region - außer den Tageszeitungen. Und darauf sind wir stolz.“ Verkündete der Studioleiter beim Tag der offenen Tür. Und SDR-Intendant Hermann Fünfgeld bestätigte, daß das Frankenradio die Menschen in der Region erreicht - mit einem inhaltlich guten und akzeptablen Programm auf S4 Baden-Württemberg. Was Rang und Namen in Wirtschaft, Politik und Verbänden hat, das ließ sich im Heilbronner SDR-Studio sehen. „Die Leute, die hier beisammen sind, die stehen hinter S4, ihrem Frankenradio“, lobte Heilbronns OB Dr. Manfred Weinmann. Verständlich. Ist doch das Frankenradio des SDR die einzige publizistische Klammer für die Gesamtregion, nachdem die privaten Regionalsender vom Markt verschwunden sind. Und von den Gerichten wurde ja erst vor kurzem das Regionalisierungskonzept des Südfunks bestätigt. Es gehört zur Grundversorgung. Und das heißt auch: Mehr SDR-Frequenzen.



Veterinär-Ämter

Nicht nur, daß die Gesundheitsämter im Unterland sich zweigeteilt haben, dank Koalitionsbeschluß in Stuttgart, nein, auch die Veterinärämter in Heilbronn haben sich dergestalt vermehrt. Kommt heute ein Viehtransport nach Bad Rappenau oder Neckarsulm, so ist das Amt in der Urbanstraße Heilbronns zuständig. Fährt der Transporter mit seiner Ladung in die Stadt, zum Beispiel nach Biberach oder Kirchhausen, so ist das Städtische Veterinäramt im Schlachthof die Anlaufstelle. Die Metzger in und um Heilbronn schütteln verwundert den Kopf, ob dieses weiteren Schildbürgerstreichs einer Verwaltungsreform. Allerdings sind sie mit den Leitern dieser neuen Ämter durchaus zufrieden. Ich frage mich immer wieder: Hat es nicht eine Möglichkeit gegeben, diesen Unsinn abzuwenden? Oder lag es doch nur an der Stadt Heilbronn, die unbedingt ihren Kopf durchsetzen wollte. Seltsamerweise ist jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, niemand mehr Schuld an dem verzwickten Blödsinn, der da verzapft wurde. So ist das halt bei Staatsdienern: Sie sind kaum haftbar zu machen. Übrigens gilt das auch für viele Teile der Wirtschaft, wo in Großkonzernen einige Manager sehr schnell Nebelgranaten werfen, wenn es um Verantwortung geht.



Oskar und Dieter

Oskar Lafontaine war schon für manche Überraschung in Deutschland gut. Aber seine plötzliche Kür zum SPD-Parteivorsitzenden war bisher der absolute Coup. Das hatte es bei den Sozis noch nie gegeben. Die SPD hat sich nämlich auch in ihren marxistischen Zeiten als revolutionäre, nie aber - so der Theoretiker Karl Kautsky - als Revolution machende Partei verstanden. Deshalb kehrte auch nach dem spontanen Aufstand der Delegierten wieder Nüchternheit auf dem Mannheimer Parteitag letzte Woche ein. Mit überbordender Versöhnungsbereitschaft, Großherzigkeit und Gemeinschaftsgefühl gegenüber dem gestürzten Vorsitzenden Rudolf Scharping wurde das Feuer der Revolte schnell wieder gelöscht. Jetzt frohlocken die baden-württembergischen Genossen. Denn sie erhoffen sich vom Polarisierer Lafontaine eine bessere Ausgangsbasis für die Landtagswahl im März 1996. Aber das ist nur eine vage Hoffnung. Denn der Napoleon von der Saar bietet wohl viele Bonbons für das Selbstwertgefühl der Genossen, bundesweite Mehrheiten hat er bisher nicht zustande gebracht. Die SPD könnte mit Lafontaine am Strauß-Syndrom leiden. Der war in den eigenen Reihen auch hochgeschätzt und vielgeliebt, konnte aber darüber hinaus die Wähler aus der Mitte nicht mobilisieren. Und die geplante SPD-Annäherung an die kommunistische PDS? Dieses Politspiel war in den achtziger Jahren, als die Sozialdemokraten mit den furchtbaren SED-Genossen kungelten, zum selbstbeschädigenden Rohrkrepierer geraten. Damals hatte die SPD die Einheit verpennt, weil sie die Freiheitsbewegungen im Osten aus krampfhaftem Festhalten am Status Quo nicht erkennen konnte. In Baden-Württemberg ist mit PDS-Annäherungen ohnehin kein Blumentopf zu gewinnen, höchsten in einigen links-evangelischen Kreisen. Und die sind nicht mehrheitsbildend. Aber gut ist, daß jetzt wieder Alternativen sichtbar werden. Dafür sorgt Oskar schon.



Fachwerkhaus

Heilbronn ist wahrlich nicht mit Gebäuden gesegnet, die als architektonische Meisterwerke gelten könnten. Mal abgesehen von den historischen Gebäuden - wie Kirchen, Rathaus, Käthchenhaus und einigen anderen. Von meinem Turm sehe ich ja tagtäglich die Silhouette der Stadt, mal deutlicher, mal im Dunst. Ob ich nun gen Norden in die Industriezone, gen Süden in die Großbautenzone, gen Westen zum Böckinger Wasserturm oder gen Osten in die Landschaft mit viel Bäumen schaue, nirgendwo ist etwas architektonisch Heraustechendes zu bemerken. Nützliches viel. Industriebauten, Wohnkolosse oder das Theater zum Beispiel. Es zeichnet sich von seinem Baukörper nicht als etwas Besonderes aus. So baute man Kreissparkassen. Und manches Verwaltungsgebäude in Heilbronn strahlt mehr Charme aus als dieser von plüschiger Nüchternheit geplagte Musentempel. Jetzt hat der Fraktionsvorsitzende der SPD im Gemeinderat angeregt, daß in der Kaiserstraße gegenüber dem Käthchenhaus ein Gebäude im Fachwerkstil entstehen. Heilbronn war vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gesegnet mit solchen Bauwerken. Aber eine Architektengruppe, die mit ihm über das Vorhaben diskutierte, hatte nur Hohn und Spott für das Anliegen Friedrich Niethammers bereit. Mir kam es so vor, als ob man in der alten DDR mit Kommunisten über die Vorteile der westlichen Freiheit diskutierte. Man wußte von Beginn an, was das Ergebnis der Diskussion sein wird. Dabei haben die Polen mit dem Wiederaufbau ihrer Städte wie Danzig, Breslau oder Warschau gezeigt, wie wertvoll für die Menschen alte Bausubstanz ist - und welche Bereicherung sie für eine Stadt ist. Warum soll in Heilbronn nicht endlich einmal etwas entstehen, was für die meisten Menschen eine Freude fürs Auge darstellt. Die Architekten-Werke der letzten Jahrzehnte fallen nicht unter diese Kategorie. Schwäbisch Hall und andere Städte haben da für Heilbronn Vorbildfunktion.



Wo sind sie?

Vor der Nazi-Zeit gab´s in Heilbronn organisierte Kommunisten. Nach 1945 formierten sie sich wieder und sangen das Hohelied des Sowjetdiktatur. Dann wurden sie als Verfassungsfeinde eingestuft und ihre Organisation, die KPD, verboten. Anfang der siebziger Jahre tauchten sie als Wolf, der Kreide gefressen hatte, wieder  als DKP auf. Bis dann die DDR sang- und klanglos in sich zusammenbrach. Da war´s auf einmal auch aus mit den Kommunisten in Heilbronn. Das Geld der Bruderparteien aus dem Osten fehlte. Heute wissen wir, daß viele dieser DKP‘isten zu einer Terrororganisation gehörten, ausgebildet und geschult in der Sowjetunion und der DDR. Diese sollte im Konfliktfall Sabotageakte im Hinterland des Feindes durchführen, damit die Rote Armee besser hätte durchmarschieren können. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, daß man von diesen gerade zur Friedensmarschierer-Zeit zu Beginn der Achtziger so aktiven DKP-Genossen und -innen nichts mehr hört und sieht. Sie sind spurlos vom politischen Erdboden verschwunden. Wie einst die Nazis nach dem verlorenen Krieg. Dabei könnten sie sich doch gerade in Heilbronn hinstellen und Auskunft über ihre Irrtümer geben. Auch über die ach so friedvollen Absichten ihrer schrecklichen Auftraggeber im Osten. Aber das wird wahrscheinlich eher Thema für angehende Geschichtswissenschaftler sein, die ihre Diplom- oder Doktor-Arbeiten über diese für viele Menschen im Osten grausame Zeit in der warmen und sicheren Studierstube einer freien Gesellschaft anfertigen.

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