Wahlkampf-Monate
In rund drei Monaten wird in Baden-Württemberg ein
neuer Landtag gewählt. Machen die Weihnachtswochen sowie die kalte Jahreszeit
im Januar, Februar und März unsere Politiker aussageschwach und flügellahm? Sie
feiern halt - so wie wir alle. Weihnachten, Silvester, undsoweiter. Unser
liebes Geld ist weg, es gibt also nichts mehr zum Verteilen - außer Schulden.
Im Wettbewerb stehen unsere Politiker höchstens noch bei Sparprogrammen. Und zu
allem Überfluß kommen noch die unerfreulichen Zahlen bei Umfragen. Trotz neuem
Vorsitzenden Oskar Lafontaine kommt die SPD laut Emnid bundesweit nur auf 31 Prozent, die CDU liegt bei 43 Prozent, die
FDP liegt knapp über 5 und die Grünen bei satten 11 Prozent . Selbst die PDS steht
mit ihren 6 Prozent bundesweit noch
besser da als die Freien Demokraten. Linksbündnis und bürgerliche Koalition
stehen sich also derzeit nahezu gleich stark gegenüber. Bisher hat Oskar also die Wende noch nicht geschafft - umfragemäßig.
Nun ja, er befand sich ja auch vornehmlich im Ausland zu
Vorstellungsgesprächen. Der saarländische Landesfürst, dessen Regierungsgebiet
flächen- und einwohnermäßig grad so groß ist wie ein Regionalgebiet in
Baden-Württemberg, den kennt man halt außerhalb deutscher Lande allzuwenig.
Deshalb die Werbetour. Und im Inland muß er noch das Verliererimage von 1990
loswerden. Angenehm an diesem politischen Polarisierer ist, daß die Parteien
jetzt wieder deutlicher gegeneinander abgegrenzt werden. Und damit könnte der
SPD-Oskar zum Retter der FDP in Baden-Württemberg werden. Denn die Querelen in
Bonn bringen den Ober-Liberalen im Ländle, den
Haller Walter Döring derzeit ordentlich ins Schwitzen. Da hilft dann nur
noch die klare Alternative: Sozialismus, grün und rot angestrichen, auf der
einen Seite und konservativ-liberal mit
Teufel/Döring fürs Ländle auf der Anderen. Der 24. März 1996 wird’s an
den Tag bringen.
Brücke wohin?
Viele Bürger in Heilbronn und aus dem Unterland sind
schon reichlich verwirrt über das, was ihnen da mit der neueröffneten
Friedrich-Ebert-Brücke geboten wird. Sie können per pedes über die Brücke, mit
Bus oder dem Fahrrad - und auch hinein
in die Kaiserstraße. Wenn sie aber mit dem Auto aus der Bahnhofsvorstadt über
die Brücke wollen, dann müssen sie entweder nach links (zur Nordinnenstadt oder
zur Käthchenhof-Tiefgarage) oder nach rechts in Richtung Deutschhof (zur
Tiefgarage neben dem Kaufhaus Horten). Geradeaus in die Kaiserstraße, da wird
es gefährlich. Wird man als Autofahrer erwischt, gibt’s eine saftige
Geldstrafe. „Warum dann die teure
Brück?“ fragen sich die Leut. Nur für Fußgänger, Taxen, Busse und Radfahrer?
Und vielleicht mal für die Stadtbahn, die zur Zeit noch in den Sternen steht?
Verständnislos wird der Kopf geschüttelt. Und dann die Kaiserstraße! Früher,
als die Autos noch fuhren, da konnte man wenigstens bei der Kilianskirche dank
Ampeln gefahrlos über die Straße gehen. Jetzt fahren Busse und Taxen, die
Fußgänger müssen warten. Und ich seh es ja immer wieder vom Turm: Schrittempo
wird nicht immer eingehalten. So mancher mit Erlaubnis legt dieses recht sehr
breit aus und manche Fußgänger haben Mühe, den großen Wagen schnell
auszuweichen. Ein Anwohner erzählte mir, daß es für die alten Leut jetzt
gefährlicher sei über die Kaiserstraße zu kommen, als zu der Zeit, als noch die
Pkws die Straße befuhren. ich glaube, die Stadtmütter und -väter sollten ihren
Leuten von den Verkehrsbetrieben mal beibringen, daß die Kaiserstraße jetzt
Fußgängerzone ist. Radfahrer und Autos, ob Bus, Taxi oder Zulieferverkehr haben
sich in der Geschwindigkeit von Fußgängern durch die Straße zu bewegen.
Ansonsten sind sie eine Gefährdung für jene, die der Stadt glauben, daß der
Nord- und Südbereich der Fußgängerzonen Heilbronns nicht mehr getrennt ist.
FDP-Urteil
Mit ihren Mitgliederbefragungen sind die deutschen
Parteien offenbar nicht so glücklich wie sich manche das zunächst gedacht
hatten. In Deutschland ist die Demokratie halt noch nicht fest so fest
verwurzelt wie in anderen Ländern. Die
„Graswurzeldemokratie“ macht halt den Kürlauf von so manchem „Vordenker“ auf
der Polit-Theater-Bühne zum albernen Gehopse. Schlechte Gedanken hegt nur
die dumpfe Mehrheit. Man müßte sich halt andere Mitglieder wählen können. Die
Sozialdemokraten wählten einst Rudolf Scharping per Urwahl und die
Parteifunktionäre ersetzten ihn ohne groß ihre „Basis“ zu befragen durch Oskar
Lafontaine. Des hat scho a G’schmäckle. Die Christdemokraten in NRW bestimmten
ihren Spitzenkandidaten durch Mitgliederbefragung und erreichten trotzdem nicht
die Mehrheit. Bei den Freien Demokraten stimmten die Mitglieder mehrheitlich
für den Großen Lauschangriff. Und ihre Würdenträger distanzieren sich jetzt
indigniert von diesem Urteil der Basis. Die Justizministerin in Bonn
Leutheusser-Schnarrenberger reichte, wie versprochen, gleich nach dem
Mitgliederentscheid ihren Rücktritt ein, weil sie Bürgerrechte in Gefahr sieht.
Von einem Bürgerrecht auf Schutz vor organsierter Kriminalität wird allerdings
kaum gesprochen. Selten wird auch erwähnt, daß drei Strafrichter einer
Landgerichtskammer zustimmen sollen, ehe bei dringendem Verdacht auf schwerste
Straftaten abgehört werden darf. Außerdem muß der Bundestag über „Art, Umfang
und Erfolg der Abhörmaßnahmen“ informiert werden – laut FDP-Mitgliederbeschluß.
Wenn jetzt jene FDP-Funktionäre – auch im Unterland – ihre eigene
Mitgliedschaft beschimpfen, die ja in den vergangenen Jahren als Kandidaten bei
Wahlen (Landtag, Bundestag) ihre Partei
an den Rand des Ruins gebracht hatten, dann kann ich nur sagen: Hier
lautet offensichtlich das Motto „Haltet den Dieb“. Und das „liberale Urgestein“
Burkhardt Hirsch, der von seinem Amt im Innenausschuß zurücktrat, bleibt
weiterhin Bundestagsvizepräsident mit 5.183 Mark Zuschlag im Monat. Von allen
hohen Ämtern zurückzutreten, das verbat ihm offensichtlich sein Gewissen.
Schulsport
Haltungsschäden bei Kindern und Jugendlichen nehmen
zu. Die Bundeswehr klagt, daß sie von den Schulen junge Männer bekommt, die
sich fortbewegen wie lahme Enten.Und das alles trotz Fitnesswelle in deutschen
Landen, trotz ständiger Propaganda in Zeitungen und Zeitschriften für gesunde
Ernährung. Schau ich mir unsere Schulen an, dann ist’s meistens nicht weit her
mit dem Sportunterricht. Statt mit Schülern nachmittags oder abends
Sportstunden anzusetzen, ordentlich Gymnastik und Haltungsübungen zu
veranstalten, werden die Schüler zwischen Mathe und Englisch zum
Sportunterricht getrieben, in kurzen Pausen ziehen sie sich dann um, damit sie
verschwitzt und ausgelaugt am Unterricht teilnehmen können. Wer seine sportliche Betätigung privat so
veranstalten würde, dem müßte man unterstellen, daß er sich allzuwenig bisher
mit Körperertüchtigung beschäftigt hat. Aber in unseren Schulen wird ja
weniger fürs Leben erzogen als fabrikmäßig Unterricht verabreicht. Und so manche
überforderten Eltern verlangen dann von ihren Sprößlingen auch noch den
Nachweis zum Genie – mit einem Arbeitstag nicht unter 16 Stunden. Und bequeme
Lehrer, die nur ihr Fach sehen, kümmern sich einen Kehricht um die Sorgen ihrer
Schutzbefohlenen. Und was kommt dabei heraus? Selbstbewußte, kritische
Menschen, die mit dem Alltag fertig werden? Wer weiß, vielleicht denken manche
Pauker und Erziehungsberechtigten jetzt unterm Weihnachtsbaum mal drüber nach –
und an ihre Schulzeit zurück. Es könnte nichts schaden.
Der erste Schnee
Schön war die weiße Pracht in und rund um Heilbronn.
Aber jetzt ist der erste Schimmer einer weißen Weihnacht auch schon wieder
vorüber. Naßkalt ist’s – mehr herbstlich als weihnachtlich. Aber wir wollen ja
nicht klagen. Die kalte Jahreszeit war heuer so, daß niemand mehr große Reden
über einen zu warmen Winter führen kann. Erinnern Sie sich noch an die
vergangenen Jahre? Da führten besonders witzige Leute, die den Umweltschutz zur
Ersatzreligion erhoben hatten, ständig Klage darüber, daß der Winter nicht mehr
sei wie einst, vom Sommer, Frühjahr oder Herbst erst garnicht zu reden.
Klimakatastrophe hieß das Stichwort. In letzter Zeit reden vornehmlich Experten
darüber - und das sehr differenziert. Aber unsere Medien überschütten uns beim
geringsten Glatteis oder ein wenig stärkeren Schneefall gleich mit
Katastrophenmeldungen. Auch wenn diese Art der selbstgestrickten
Katastrophe oft nur einen Vormittag anhält. Und bei manchen Sendern nimmt die
Berichterstattung darüber dank schriller Stimmen dann hysterische Ausmaßean.
Mir scheint, manche hätten hier gern alle Jahreszeiten in voller Pracht, aber
bitte nicht mit starken Überraschungen. Zurück zur Natur, aber bitte im Rolls
Royce. Oder: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Dabei wär’s oftmals
sinnvoller, die Leute würden ihre Gehwege anständig in der Frühe räumen, damit
die Fußgänger unverletzt zur Arbeit kommen. In den letzten Tagen habe ich auch
in Heilbronn, vor allem in den schönen und grünen Wohngebieten feststellen müssen,
daß der Räum- und Streupflicht nur recht zögerlich, wenn überhaupt nachgekommen
wurde. Streuen und Fegen hilft Unfälle vermeiden. Wenn mal was geschieht, das
kann teuer werden. Z.B.: Beinbruch! Au Backe!
Weihnachtsbaum
Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen - alle Jahre
wieder. Und manchmal auch schon zu der Zeit, wenn neben den Sonnescremes der
ausgehenden Sommer-Urlaubssaison die Lebkuchen in den Supermärkten zu finden.
Geschäft ist halt Geschäft. Und Gefühl ist Privatsache. Wer kann es dem Einzelhandel
verdenken, bei teilweisen Umsatzeinbußen von mehr als 20 Prozent, wenn er das
anbietet, was ankommt. Aber ich muß ehrlich sagen: Mir ist’s auch manchmal
schon zuviel. Nicht weil mir hier auf dem Turm alltäglich seit dem 30. November
das Konserven-Geplärre von Weihnachtsliedern aus Lautsprechern entgegenwabert,
nicht wegen eines Weihnachtsmarktes, der sich in vielen Teilen außer dem
Glitzerschmuck vom normalen Krämermarkt - siehe Pferdemarkt - nicht
unterscheidet. Nein, mir ist es zuviel, weil die Hetze den Leuten ins Gesicht
geschrieben steht. In früheren Zeiten
war der Beginn des Winters auch der Anfang der Ruhezeit, in der nicht nur die
Pflanzen und Tiere ihren Winterschlaf einnahmen, sondern auch die Menschen den
Tag geruhsamer angingen. Um fünf Uhr war da Schluß mit dem Tages-Leben,
weil dann das Licht fehlte - und das künstliche halt sehr teuer war. Man war
schlicht gezwungen, sich in die wärmenden Stuben zurückziehen, weil es draußen
bitterlich kalt war. Heute ist die Temperatur winters wie sommers in den Stuben
gleich. Selbst beim Fortbewegen ist man der Kälte nur kurz ausgesetzt: Im Auto
ist’s heute genauso wohlig warm wie in der Stube. Natur? Das ist die Ausnahme
für den streßgeplagten Menschen der Vorweihnachtszeit. Und am Heiligabend? Da
läuft der Countdown. Wie soll Ruhe und
Gemütlichkeit einkehren, wenn man das zuvor nicht eingeübt hat? Sicher, man
kann sich mit ein paar Viertele schon Gemütlichkeit verschaffen, das besänftigt
Geist und Nerven. Das wissen wir im schwäbischen Unterland. Aber ob dann die
Weihnachtslieder noch zur Freude der Familie stimmungsvoll und ohne Gelalle
über die Lippen kommen? Ein geruhsames Fest all jenen, die mich unterstützend
hier im Blatt begleitet haben - auch jenen, die mich mit anonymen Briefen und
Anrufen in den vergangenen zwölf Monaten traktierten.

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