Dienstag, 18. Februar 2014

Kiliansmännle, 20.12.1995



Wahlkampf-Monate
In rund drei Monaten wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Machen die Weihnachtswochen sowie die kalte Jahreszeit im Januar, Februar und März unsere Politiker aussageschwach und flügellahm? Sie feiern halt - so wie wir alle. Weihnachten, Silvester, undsoweiter. Unser liebes Geld ist weg, es gibt also nichts mehr zum Verteilen - außer Schulden. Im Wettbewerb stehen unsere Politiker höchstens noch bei Sparprogrammen. Und zu allem Überfluß kommen noch die unerfreulichen Zahlen bei Umfragen. Trotz neuem Vorsitzenden Oskar Lafontaine kommt die SPD laut Emnid bundesweit nur auf  31 Prozent, die CDU liegt bei 43 Prozent, die FDP liegt knapp über 5 und die Grünen bei satten 11 Prozent . Selbst die PDS steht mit ihren 6 Prozent  bundesweit noch besser da als die Freien Demokraten. Linksbündnis und bürgerliche Koalition stehen sich also derzeit nahezu gleich stark gegenüber. Bisher hat Oskar also die Wende noch nicht geschafft - umfragemäßig. Nun ja, er befand sich ja auch vornehmlich im Ausland zu Vorstellungsgesprächen. Der saarländische Landesfürst, dessen Regierungsgebiet flächen- und einwohnermäßig grad so groß ist wie ein Regionalgebiet in Baden-Württemberg, den kennt man halt außerhalb deutscher Lande allzuwenig. Deshalb die Werbetour. Und im Inland muß er noch das Verliererimage von 1990 loswerden. Angenehm an diesem politischen Polarisierer ist, daß die Parteien jetzt wieder deutlicher gegeneinander abgegrenzt werden. Und damit könnte der SPD-Oskar zum Retter der FDP in Baden-Württemberg werden. Denn die Querelen in Bonn bringen den Ober-Liberalen im Ländle, den  Haller Walter Döring derzeit ordentlich ins Schwitzen. Da hilft dann nur noch die klare Alternative: Sozialismus, grün und rot angestrichen, auf der einen Seite und konservativ-liberal mit  Teufel/Döring fürs Ländle auf der Anderen. Der 24. März 1996 wird’s an den Tag bringen.



Brücke wohin?

Viele Bürger in Heilbronn und aus dem Unterland sind schon reichlich verwirrt über das, was ihnen da mit der neueröffneten Friedrich-Ebert-Brücke geboten wird. Sie können per pedes über die Brücke, mit Bus oder dem Fahrrad  - und auch hinein in die Kaiserstraße. Wenn sie aber mit dem Auto aus der Bahnhofsvorstadt über die Brücke wollen, dann müssen sie entweder nach links (zur Nordinnenstadt oder zur Käthchenhof-Tiefgarage) oder nach rechts in Richtung Deutschhof (zur Tiefgarage neben dem Kaufhaus Horten). Geradeaus in die Kaiserstraße, da wird es gefährlich. Wird man als Autofahrer erwischt, gibt’s eine saftige Geldstrafe. „Warum dann die teure Brück?“ fragen sich die Leut. Nur für Fußgänger, Taxen, Busse und Radfahrer? Und vielleicht mal für die Stadtbahn, die zur Zeit noch in den Sternen steht? Verständnislos wird der Kopf geschüttelt. Und dann die Kaiserstraße! Früher, als die Autos noch fuhren, da konnte man wenigstens bei der Kilianskirche dank Ampeln gefahrlos über die Straße gehen. Jetzt fahren Busse und Taxen, die Fußgänger müssen warten. Und ich seh es ja immer wieder vom Turm: Schrittempo wird nicht immer eingehalten. So mancher mit Erlaubnis legt dieses recht sehr breit aus und manche Fußgänger haben Mühe, den großen Wagen schnell auszuweichen. Ein Anwohner erzählte mir, daß es für die alten Leut jetzt gefährlicher sei über die Kaiserstraße zu kommen, als zu der Zeit, als noch die Pkws die Straße befuhren. ich glaube, die Stadtmütter und -väter sollten ihren Leuten von den Verkehrsbetrieben mal beibringen, daß die Kaiserstraße jetzt Fußgängerzone ist. Radfahrer und Autos, ob Bus, Taxi oder Zulieferverkehr haben sich in der Geschwindigkeit von Fußgängern durch die Straße zu bewegen. Ansonsten sind sie eine Gefährdung für jene, die der Stadt glauben, daß der Nord- und Südbereich der Fußgängerzonen Heilbronns nicht mehr getrennt ist.



FDP-Urteil

Mit ihren Mitgliederbefragungen sind die deutschen Parteien offenbar nicht so glücklich wie sich manche das zunächst gedacht hatten. In Deutschland ist die Demokratie halt noch nicht fest so fest verwurzelt wie in anderen Ländern. Die „Graswurzeldemokratie“ macht halt den Kürlauf von so manchem „Vordenker“ auf der Polit-Theater-Bühne zum albernen Gehopse. Schlechte Gedanken hegt nur die dumpfe Mehrheit. Man müßte sich halt andere Mitglieder wählen können. Die Sozialdemokraten wählten einst Rudolf Scharping per Urwahl und die Parteifunktionäre ersetzten ihn ohne groß ihre „Basis“ zu befragen durch Oskar Lafontaine. Des hat scho a G’schmäckle. Die Christdemokraten in NRW bestimmten ihren Spitzenkandidaten durch Mitgliederbefragung und erreichten trotzdem nicht die Mehrheit. Bei den Freien Demokraten stimmten die Mitglieder mehrheitlich für den Großen Lauschangriff. Und ihre Würdenträger distanzieren sich jetzt indigniert von diesem Urteil der Basis. Die Justizministerin in Bonn Leutheusser-Schnarrenberger reichte, wie versprochen, gleich nach dem Mitgliederentscheid ihren Rücktritt ein, weil sie Bürgerrechte in Gefahr sieht. Von einem Bürgerrecht auf Schutz vor organsierter Kriminalität wird allerdings kaum gesprochen. Selten wird auch erwähnt, daß drei Strafrichter einer Landgerichtskammer zustimmen sollen, ehe bei dringendem Verdacht auf schwerste Straftaten abgehört werden darf. Außerdem muß der Bundestag über „Art, Umfang und Erfolg der Abhörmaßnahmen“ informiert werden – laut FDP-Mitgliederbeschluß. Wenn jetzt jene FDP-Funktionäre – auch im Unterland – ihre eigene Mitgliedschaft beschimpfen, die ja in den vergangenen Jahren als Kandidaten bei Wahlen (Landtag, Bundestag) ihre Partei  an den Rand des Ruins gebracht hatten, dann kann ich nur sagen: Hier lautet offensichtlich das Motto „Haltet den Dieb“. Und das „liberale Urgestein“ Burkhardt Hirsch, der von seinem Amt im Innenausschuß zurücktrat, bleibt weiterhin Bundestagsvizepräsident mit 5.183 Mark Zuschlag im Monat. Von allen hohen Ämtern zurückzutreten, das verbat ihm offensichtlich sein Gewissen.



Schulsport

Haltungsschäden bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Die Bundeswehr klagt, daß sie von den Schulen junge Männer bekommt, die sich fortbewegen wie lahme Enten.Und das alles trotz Fitnesswelle in deutschen Landen, trotz ständiger Propaganda in Zeitungen und Zeitschriften für gesunde Ernährung. Schau ich mir unsere Schulen an, dann ist’s meistens nicht weit her mit dem Sportunterricht. Statt mit Schülern nachmittags oder abends Sportstunden anzusetzen, ordentlich Gymnastik und Haltungsübungen zu veranstalten, werden die Schüler zwischen Mathe und Englisch zum Sportunterricht getrieben, in kurzen Pausen ziehen sie sich dann um, damit sie verschwitzt und ausgelaugt am Unterricht teilnehmen können. Wer seine sportliche Betätigung privat so veranstalten würde, dem müßte man unterstellen, daß er sich allzuwenig bisher mit Körperertüchtigung beschäftigt hat. Aber in unseren Schulen wird ja weniger fürs Leben erzogen als fabrikmäßig Unterricht verabreicht. Und so manche überforderten Eltern verlangen dann von ihren Sprößlingen auch noch den Nachweis zum Genie – mit einem Arbeitstag nicht unter 16 Stunden. Und bequeme Lehrer, die nur ihr Fach sehen, kümmern sich einen Kehricht um die Sorgen ihrer Schutzbefohlenen. Und was kommt dabei heraus? Selbstbewußte, kritische Menschen, die mit dem Alltag fertig werden? Wer weiß, vielleicht denken manche Pauker und Erziehungsberechtigten jetzt unterm Weihnachtsbaum mal drüber nach – und an ihre Schulzeit zurück. Es könnte nichts schaden.



Der erste Schnee

Schön war die weiße Pracht in und rund um Heilbronn. Aber jetzt ist der erste Schimmer einer weißen Weihnacht auch schon wieder vorüber. Naßkalt ist’s – mehr herbstlich als weihnachtlich. Aber wir wollen ja nicht klagen. Die kalte Jahreszeit war heuer so, daß niemand mehr große Reden über einen zu warmen Winter führen kann. Erinnern Sie sich noch an die vergangenen Jahre? Da führten besonders witzige Leute, die den Umweltschutz zur Ersatzreligion erhoben hatten, ständig Klage darüber, daß der Winter nicht mehr sei wie einst, vom Sommer, Frühjahr oder Herbst erst garnicht zu reden. Klimakatastrophe hieß das Stichwort. In letzter Zeit reden vornehmlich Experten darüber - und das sehr differenziert.  Aber unsere Medien überschütten uns beim geringsten Glatteis oder ein wenig stärkeren Schneefall gleich mit Katastrophenmeldungen. Auch wenn diese Art der selbstgestrickten Katastrophe oft nur einen Vormittag anhält. Und bei manchen Sendern nimmt die Berichterstattung darüber dank schriller Stimmen dann hysterische Ausmaßean. Mir scheint, manche hätten hier gern alle Jahreszeiten in voller Pracht, aber bitte nicht mit starken Überraschungen. Zurück zur Natur, aber bitte im Rolls Royce. Oder: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Dabei wär’s oftmals sinnvoller, die Leute würden ihre Gehwege anständig in der Frühe räumen, damit die Fußgänger unverletzt zur Arbeit kommen. In den letzten Tagen habe ich auch in Heilbronn, vor allem in den schönen und grünen Wohngebieten feststellen müssen, daß der Räum- und Streupflicht nur recht zögerlich, wenn überhaupt nachgekommen wurde. Streuen und Fegen hilft Unfälle vermeiden. Wenn mal was geschieht, das kann teuer werden. Z.B.: Beinbruch! Au Backe!



Weihnachtsbaum

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen - alle Jahre wieder. Und manchmal auch schon zu der Zeit, wenn neben den Sonnescremes der ausgehenden Sommer-Urlaubssaison die Lebkuchen in den Supermärkten zu finden. Geschäft ist halt Geschäft. Und Gefühl ist Privatsache. Wer kann es dem Einzelhandel verdenken, bei teilweisen Umsatzeinbußen von mehr als 20 Prozent, wenn er das anbietet, was ankommt. Aber ich muß ehrlich sagen: Mir ist’s auch manchmal schon zuviel. Nicht weil mir hier auf dem Turm alltäglich seit dem 30. November das Konserven-Geplärre von Weihnachtsliedern aus Lautsprechern entgegenwabert, nicht wegen eines Weihnachtsmarktes, der sich in vielen Teilen außer dem Glitzerschmuck vom normalen Krämermarkt - siehe Pferdemarkt - nicht unterscheidet. Nein, mir ist es zuviel, weil die Hetze den Leuten ins Gesicht geschrieben steht. In früheren Zeiten war der Beginn des Winters auch der Anfang der Ruhezeit, in der nicht nur die Pflanzen und Tiere ihren Winterschlaf einnahmen, sondern auch die Menschen den Tag geruhsamer angingen. Um fünf Uhr war da Schluß mit dem Tages-Leben, weil dann das Licht fehlte - und das künstliche halt sehr teuer war. Man war schlicht gezwungen, sich in die wärmenden Stuben zurückziehen, weil es draußen bitterlich kalt war. Heute ist die Temperatur winters wie sommers in den Stuben gleich. Selbst beim Fortbewegen ist man der Kälte nur kurz ausgesetzt: Im Auto ist’s heute genauso wohlig warm wie in der Stube. Natur? Das ist die Ausnahme für den streßgeplagten Menschen der Vorweihnachtszeit. Und am Heiligabend? Da läuft der Countdown. Wie soll  Ruhe und Gemütlichkeit einkehren, wenn man das zuvor nicht eingeübt hat? Sicher, man kann sich mit ein paar Viertele schon Gemütlichkeit verschaffen, das besänftigt Geist und Nerven. Das wissen wir im schwäbischen Unterland. Aber ob dann die Weihnachtslieder noch zur Freude der Familie stimmungsvoll und ohne Gelalle über die Lippen kommen? Ein geruhsames Fest all jenen, die mich unterstützend hier im Blatt begleitet haben - auch jenen, die mich mit anonymen Briefen und Anrufen in den vergangenen zwölf Monaten traktierten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen