Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 21.06.1995



Immer schon langsam
Kennen Sie die Burg Stettenfels hoch über Untergruppenbach? Ja?! - Na, dann kennen Sie auch die kleine schmale Zufahrtsstraße zur Burg. Dieses Sträßchen konnte man früher problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigen. Seitdem jedoch die Burg restauriert wird und zum Hotel umfunktioniert werden soll, ist es gefährlich, auf dieser Straße sorglos zu wandeln. Autofahrer haben es sehr eilig, zum Stettenfels zu kommen. Als ich mich beispielsweise von meinem Türmle in Heilbronn herunterbegab, um einen kleinen Besuch auf den Türmen des Stettenfels zu machen, mußte ich gleich zweimal Richtung Straßengraben flüchten. So eilig hatten es einige junge Bergstürmer in ihrem Heilix Blechle. Mein Vorschlag an die Damen und Herren des Gemeinderates von Untergruppenbach: Tempo 30 auf diesem Wegstück. Wenn erst einmal die vielen hunderte Hotelgäste gen Stettenfels rauschen, dann wird es sicherlich noch gefährlicher. Also - bevor erst ein Unglück geschieht: Geschwindigkeitsbeschränkung! Aber auch die Einhaltung von Tempo 30 kontrollieren - per Radargerät.

Drogenrunde - neu?
Eigentlich war das Thema in Heilbronn ja schon erledigt: Haschzigaretten und das Kinder- und Jugendtheater Radelrutsch. Aber jetzt muß ich unsere Heilbronner Lokalzeitung doch auch mal kräftig loben. Daß sie den Leserbrief von einem Menschen namens Dr. Joest abgedruckt hat, ist doch ein Beweis für die innere Pressefreiheit des Blattes. Dieser Herr Joest, bekannt als Laien-Kabarettist, hat nämlich die Tageszeitung sehr witzig verhohnepiepelt, hat sie der hektischen Aufgeregtheit überführt. Ist ja auch so. Bevor man sich über eine angebliche Haschzigarette aufregt, sollte man doch mal kritisieren, wie leicht unsereiner heutzutage an Drogen wie Alkohol oder Nikotin rankommt. Pikant übrigens noch dies: In ungewöhnlich gut informierten Kreisen heißt es, die Theatertruppe Radelrutsch habe Angst, die Lokalzeitung wegen Rufschädigung zu verklagen, da die sich schon einmal gegen einen allzu vorwitzigen Staatsanwalt in Sachen Pressefreiheit durchgesetzt habe. Allmächtige Presse?

Arme Ärzte
Auch den Heilbronner Ärzten steht manchmal das Wasser bis zum Halse. Schuld ist natürlich der böse Bundesgesundheitsminister. Der hat nämlich auf die Budgetierung der Arzneimittel-Verschreibepraxis hingewiesen. Da gibt es doch tatsächlich in unserem Gäu einige Doctores, die haben viel zu viele Medikamente in den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres verordnet. Und diese Weißkittel bekommen nun die Quittung für ihre gar zu freudige Verschreibepraxis. Die Kassenärztlichen Vereinigungen - in unserem Fall die von Nordwürttemberg - macht ihre Ärzte darauf aufmerksam, daß sie die zuviel verordneten Medikamente aus eigener Tasche bezahlen werden müssen. Das sind Beträge, die in die Zehntausende gehen. Arme Ärzte, kann ich da nur sagen.

Radio-Erfolg?
Zwei Radio-Stationen haben wir bei uns in der Region Franken: das Frankenradio S 4 des Süddeutschen Rundfunks in der Allee 40 und den Privat-Hörfunksender Radio TON-Regional, der seinen Sitz im Hochhaus der Heilbronner Stimme hat. Wenn es darum geht, wieviele Hörer der einzelne Sender aufweisen kann, dann sind Umfragen durch renommierte Meinungsforscher angesagt. Die neuesten Daten einer Medien-Untersuchung geben dem Heilbronner Privatsender gute Daten, ließ sein Geschäftsführer Edwin Ferring jetzt verlauten. „Radio TON-Regional ist unter den privaten Anbietern in seinem Sendegebiet die Nummer eins.“, konnte ich hier auf meinem Turm lesen. Das Institut Infratest habe die Zahlen ermittelt. 50 000 Hörer pro Stunde von 6 bis 18 Uhr - und täglich 191.000 Hörer. Da fragt sich der aufmerksame Hörer und Leser: Wie sieht denn nun mit den anderen Sendern in der Region aus? Denn zu hören sind neben dem Frankenradio und den anderen drei Programmen des Südfunks, auch noch der Südwestfunk, Bayrischer und Hessischer Rundfunk. Hinzu kommen die privaten Sender Antenne 1 Stuttgart, Regenbogen, Welle Fidelitas und RNO. Nummer eins unter den Privaten im Sendegebiet - das ist eine Sache. Wer aber ist unter allen Hörfunk-Anbietern die tatsächliche Nummer eins?

Hohes Gras
Heilbronn ist eine grüne Stadt. Bäume allüberall in der Stadt und rund um die Stadt - Sträucher an den Straßenrändern. Und so manche Fußweg-Begrenzung zur Straße hin ist mit wucherndem Gras bewachsen. Es grünt halt so grün - falls nicht gemäht wird. Wenn ich mit scharfem Blick von meinem Turm herabschaue, dann kann ich die Kleinwiesen an vielen Straßenrändern oder Mittelstreifen erspähen. Ist ja auch schön anzuschauen, wenn Margeriten und Klatschmohn blühen. Und die Gärtner der Stadt Heilbronn haben eh schon zuviel zu tun. Denn die Grünflächen im Stadtgebiet sind heuer um 35 Hektar in die Höhe geschnellt. Jetzt müssen von den armen und geplagten Gärtnern insgesamt rund 324 Hektar gepflegt werden. Und das alles mit einem Personalbestand von 121 Mitarbeitern. Gleich viele wie im letzten Jahr schon. Wenn sich jetzt so mancher Bürger über die „kleinen Urwälder“ an Heilbronns Straßenrändern aufregt, dann ist für die Beamten der Stadt klar, wer an dem Übel Schuld trägt: Der Gemeinderat. Denn die Damen und Herren Stadträte haben eine Wiederbesetzungssperre und einen dreiprozentigen Stellenabbau beschlossen. Diese politischen Festlegungen zeigen jetzt Wirkung. Und mit einem Haushalt von 2,1 Millionen fürs Grünflächenamt können auch keine allzugroßen Sprünge veranstaltet werden, zumal 400 000 Mark pro Jahr allein für die Abfallbeseitigung von wild abgelagertem Müll verwandt werden müssen. Sagen die Beamten. Naja - ich habe noch nie einen Beamten gesehen oder gehört, der um Begründungen für sein Tun oder Nichttun verlegen gewesen wäre. Bescheidene Frage: Müssen denn viele der Grünflächen so üppig und prachtvoll gestaltet sein wie es zur Zeit in Heilbronn der Fall ist?

Neuer Götz
Am Donnerstag dieser Woche ist im Burghof von Jagsthausen mal wieder Premiere. Die erste in der Amtszeit des neuen künstlerischen Leiters Arnold Petersen. Guido Huonder wird dem erlauchten Publikum seine Interpretation des Goethe-Dramas vom Ritter mit der eisernen Faust für die 46. Spielzeit servieren. Und Dietz-Werner Steck vom Stuttgarter Staatsschauspiel (besser als Fernsehkommissar Bienzle bekannt) wird als Götz-Darsteller das fachkundige Jagsthäuser Premierenpublikum von seiner Auffassung des rauhbeinigen Ritters überzeugen müssen. Dabei hatten es die Laien und Berufsschauspieler bei den Proben in diesem Jahr besonders schwer. Regnete es doch seit Probenbeginn am 15. Mai oftmals in Strömen, sodaß vom Burghof auf die Kegelbahn der Götzenburg als Probenraum ausgewichen werden mußte. Aber in der Schlußphase dieser Woche konnten sich die Mimen auf Petrus verlassen. Sonnenschein und laue Lüftchen machten die Arbeit im Burghof klimatisch zumindest erträglich. Von 22. Juni bis zum 20. August dauert heuer die Saison. Und in dieser Zeit können die Fans des Freilichttheaters neben dem Götz als Traditionsstück auch noch das Musical „Anatevka“, das Kinderstück „Der gestiefelte Kater“ und diverse Sonderprogramme in lauer Sommernacht oder bei Regen erleben.

Die Muschel in Nöten
Ein Ölbohrinsel namens „Brent Spar“ in der Nordsee wird für den Mineralölkonzern Shell auf deutschen Boden selbst zur Katastrophe. Abgeschleppt wird diese Ölplattform zur Zeit und soll in den nächsten Tagen irgendwo im Atlantik vor Schottland versenkt werden. Die Folge: Heftige Proteste vor allem deutscher Umweltschützer. Aufrufe zum Boykott von Shell-Tankstellen. Und tausende von Worten in den deutschen Zeitungen und anderen Medien zur Anfeuerung. Selbst beim evangelischen Kirchentag ließen es sich die Teilnehmer nicht nehmen, gegen die bösen Shell-Umweltsünder unisono heftigst zu protestieren. Und die mutigen Green-Peace-Aktivisten vor Ort auf hoher See, die eine Versenkung der Insel verhindern wollen, die stehen kurz vor der Heiligsprechung durch die grüne deutsche Seele. Brandanschläge und bewaffnete Überfälle auf Shell-Tankstellen sind die Folge des bei manchen Zeitgenossen zur Shell-Hysterie gesteigerten Sauberkeitswahns. Den mörderischen moralischen Absolutismus bekommt aber nicht in erster Linie der Konzern zu spüren, sondern die vielen Tankstellenpächter, deren Umsätze in den letzten Tagen landauf, landab teilweise bis zu 50 Prozent sanken. Der Mineralölkonzern nebenan freut sich diebisch. Denn getankt werden muß ja weiterhin. Aber wenn die deutsche Politik und die grünen Saubermänner unter uns mit dickem Finger auf den britischen Shell-Konzern zeigen, dann sollten sie nicht vergessen: Drei Finger der ausgestreckten Hand zeigen zurück. Auch deutsche Unternehmen und Städte verschmutzen die Nordsee - und das nicht zu knapp. Die Shell-Tankstelle um die Ecke ist auf jeden Fall der falsche Adressat für den Umwelt-Protest, dessen unheimliche Spitze mich an fanatische mittelalterliche Kreuzzügler erinnert. Tod den Ungläubigen lautete deren Motto.

Graswurzel-Demokratie?
Das Image der Politiker in Europa ist nicht gut. Und die deutschen Parteien leiden seit Jahren schon unter dem Mißtrauen breiter Schichten des Volkes. Die Wahlbeteiligungen sinken und sinken. Ein Ende ist nicht in Sicht. Erst am vergangenen Sonntag bei der OB-Wahl in Ludwigsburg wurde wieder ein Tiefstand von 45,6 Prozent gezählt. Dabei geben sich die Parteien in letzter Zeit alle erdenkliche Mühe. Mitgliederbefragung ist zum Beispiel ein Zauberwort. Bei der Nomnierung des Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wurde von der CDU diese Wahlform angewandt. Und auch die Sozis in Bremen ließen ihre Mitglieder entscheiden, wer Bürgermeister und welche Koalition eingegangen werden soll. Bei uns im Ländle spürt man, trotz des Desasters für die großen Parteien bei der letzten Landtagswahl, wenig von diesem neuen Politik-Trend. Neulich erst las ich in einer links-liberalen Wochenzeitung eine heftige Attacke gegen die „Graswurzeldemokraten“, die das Heil für die Politik durch Mitgliederbefragen herbeiwählen lassen wollen. Dabei geht doch nicht ums Heil, sondern nur darum: wer entscheidet. Es wäre halt so schön, wenn Politiker sich das ihnen genehme Volk wählen könnten statt umgekehrt. Gell, meine Herren Linksdemokraten! So aber müssen Dieter Spöri und Erwin Teufel bangen, was wir - die allmächtigen Wähler - ihnen als Ergebnis im März 1996 präsentieren. Und es wäre noch spannender, wenn in den Wahlkreisen die Parteimitglieder ihre Landtagskandidaten per Urwahl auswählen könnten. Aber damit wird es bis zum März 96 wohl nichts mehr. Weder bei CDU, SPD, FDP, Grünen oder Reps. Schade eigentlich - für die Graswurzeldemokratie

Frische Brötchen
Es gibt frische Weckle vom Bäcker - montags bis samstags. Wer aber am Sonn- oder Feiertag auf seine frischen Brötchen zum Frühstück nicht verzichten will, der muß in die Tiefkühltruhe greifen und später aufbacken. Aber mir schmeckt dieses Zeug immer zu stark nach Kunstprodukt. Wobei zu erwähnen wäre, daß auch so manches Bäck-Weck mehr nach Papier als nach sauberem schwäbischen Weckle schmeckt. Seit geraumer Zeit aber backen Tankstellen im Unterland an Sonn- und Feiertagen tiefgefrorene Brötchen auf und verkaufen sie knusperfrisch über die Ladentheke. Und nicht nur an diesen Festtagen, auch ansonsten in der Woche kann man frühmorgens neben dem Tanken auch noch frische Brötchen mit zur Arbeitsstelle nehmen. Dieses Backwerk schmeckt dazu auch noch verdammt gut. Nicht weil es aus Frankreich stammt, sondern weil der Produzent offensichtlich einen richtigen schmackhaften Teig verwendet wie ich ihn mir bei manchen heimischen Bäcker oftmals vergeblich gewünscht habe. Auf jeden Fall bin ich froh darüber, daß es sonntags frische Brötchen gibt - und werde heftig protestieren, wenn die Obrigkeit uns Bürger in unserer freien Kaufentscheidung wieder einschränkt.

Kirche offensiv
Die Katholiken im Unterland gehen in die Offensive. 99.981 Katholiken sind im Dekanatsbereich Heilbronn/Neckarsulm registriert. 1994 gabs nur 558 Austritte. Ein halbes Prozent. Vernachlässigbar? Jetzt soll um jedes Schäflein gekämpft werden - mittels Aufklärung. Mit einer fünfzig Seiten starken Broschüre in einer Auflage von 60.000 Stück wird den eigenen Mitgliedern und Interessenten die harte kirchliche Arbeit aufgelistet. Und Höhepunkt ist die Veranstaltung „Kirche tut was“, bei der am 8. Juli in der Böllingertal-Halle die Kirchendienste sich dem Publikum mit einer Auflistung in ganzer Breite präsentieren. Kirchendienste zum Anfassen - sozusagen. Das ist die Marketing-Seite. Aber beim 26. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg war viel von Selbstgewißheit die Rede. „Es ist Dir gesagt Mensch, was gut ist.“, lautete das Motto. Die Kirche redet vom Kreuz und blickt auf leere Kassen, so zog der Theologe Christian Link auf dem Kirchentag Bilanz für die neunziger Jahre. Junge Theologen warten fünf Jahre bis zur Anstellung. An die Stelle der Wahrheitsfindung seien Anpassungsdruck und das Bemühen getreten, die Mitglieder bei der Stange zu halten. Die Kirche habe den Anschluß an das Wahrheitsbewußtsein der Gegenwart verloren und den Zeitgeist zu ihrem Gegner stilisiert. Jetzt leide sie unter der Berührung mit der Zeit. So ist es halt immer, wenn man sich selbst zum besseren Teil der Menschheit stilisiert und die anderen vom selbsterkannten Bösen abhalten will. Zu all dem, wo wir heute stehen, haben die Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, in den letzten Jahrhunderten entschieden mit beigetragen. Diese Erkenntnis sollte eigentlich Schmerzen bereiten.

Verhüllt mich!
Es gibt traurige und lustige Kunst. Es gibt Kunst, die weh- oder wohltut, die provoziert oder beruhigt - und es gibt immer wieder schlechte und gute Kunst. Aber wer entscheidet darüber? Klar, der Betrachter. Auf jeden Fall darf der Staat oder irgend jemand anderes Dahergelaufenes in deutschen Landen Kunst nicht zensieren. Will er ja auch gar nicht! So hoffe ich doch. Aber ist es Kunst, wenn ein Weltunternehmen in Künzelsau-Gaisbach seine Verwaltungsbereiche vom international-renommierten Aktionsverpacker Christo mit Stoffbahnen verhüllen läßt? Ein Spektakel ist es auf jeden Fall. Genauso wie das Nachfolge-Spektakel jetzt in der deutschen Hauptstadt Berlin. Der Reichstag wird verhüllt - und zwei Wochen lang können sich die Besucher aus Nah und Fern demnächst sich ein Urteil über das außerordentliche Geschehen bilden. Ja, ist das nun Kunst - oder etwa nicht? Sei es drum! Ich meine, es wäre langsam aber sicher an der Zeit, daß ein heimischer Künstler mal die Initiative ergreift und meinen Turm samt Kilianskirche sauber verpackt. Damit die Heilbronner endlich sehen, was so drin steckt in der Hülle. Zu viele sind in den letzten Jahrhunderten achtlos an meinem Sakralbau vorbeigeschlurft. Die würden bei einer Verhüllung ganz schön staunen. Was da so alles verpackt wurde - das Männle samt Lanze auf der Kirchturmspitze. Am besten wär‘s mit der Kunst-Verpackung so im Januar. Mit der schönen Hülle würde ich auch weniger frieren.

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