Immer
schon langsam
Kennen
Sie die Burg Stettenfels hoch über
Untergruppenbach? Ja?! - Na, dann kennen Sie auch die kleine schmale
Zufahrtsstraße zur Burg. Dieses Sträßchen konnte man früher problemlos zu Fuß oder
mit dem Fahrrad bewältigen. Seitdem jedoch die Burg restauriert wird und zum
Hotel umfunktioniert werden soll, ist es gefährlich, auf dieser Straße sorglos
zu wandeln. Autofahrer haben es sehr eilig, zum Stettenfels zu kommen. Als ich
mich beispielsweise von meinem Türmle in Heilbronn herunterbegab, um einen
kleinen Besuch auf den Türmen des Stettenfels zu machen, mußte ich gleich
zweimal Richtung Straßengraben flüchten. So eilig hatten es einige junge
Bergstürmer in ihrem Heilix Blechle. Mein Vorschlag an die Damen und Herren des
Gemeinderates von Untergruppenbach:
Tempo 30 auf diesem Wegstück. Wenn erst einmal die vielen hunderte Hotelgäste
gen Stettenfels rauschen, dann wird es sicherlich noch gefährlicher. Also -
bevor erst ein Unglück geschieht: Geschwindigkeitsbeschränkung! Aber auch die
Einhaltung von Tempo 30 kontrollieren - per Radargerät.
Drogenrunde
- neu?
Eigentlich
war das Thema in Heilbronn ja schon erledigt: Haschzigaretten und das Kinder- und Jugendtheater Radelrutsch. Aber
jetzt muß ich unsere Heilbronner Lokalzeitung doch auch mal kräftig loben. Daß
sie den Leserbrief von einem Menschen namens Dr. Joest abgedruckt hat, ist doch
ein Beweis für die innere Pressefreiheit des Blattes. Dieser Herr Joest,
bekannt als Laien-Kabarettist, hat nämlich die Tageszeitung sehr witzig
verhohnepiepelt, hat sie der hektischen Aufgeregtheit überführt. Ist ja auch
so. Bevor man sich über eine angebliche Haschzigarette aufregt, sollte man doch
mal kritisieren, wie leicht unsereiner heutzutage an Drogen wie Alkohol oder
Nikotin rankommt. Pikant übrigens noch dies: In ungewöhnlich gut informierten
Kreisen heißt es, die Theatertruppe Radelrutsch habe Angst, die Lokalzeitung
wegen Rufschädigung zu verklagen, da die sich schon einmal gegen einen allzu
vorwitzigen Staatsanwalt in Sachen Pressefreiheit durchgesetzt habe.
Allmächtige Presse?
Arme
Ärzte
Auch
den Heilbronner Ärzten steht
manchmal das Wasser bis zum Halse. Schuld ist natürlich der böse
Bundesgesundheitsminister. Der hat nämlich auf die Budgetierung der Arzneimittel-Verschreibepraxis hingewiesen. Da
gibt es doch tatsächlich in unserem Gäu einige Doctores, die haben viel zu
viele Medikamente in den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres
verordnet. Und diese Weißkittel bekommen nun die Quittung für ihre gar zu
freudige Verschreibepraxis. Die Kassenärztlichen Vereinigungen - in unserem
Fall die von Nordwürttemberg - macht ihre Ärzte darauf aufmerksam, daß sie die
zuviel verordneten Medikamente aus eigener Tasche bezahlen werden müssen. Das
sind Beträge, die in die Zehntausende gehen. Arme Ärzte, kann ich da nur sagen.
Radio-Erfolg?
Zwei
Radio-Stationen haben wir bei uns in der Region Franken: das Frankenradio S 4 des Süddeutschen
Rundfunks in der Allee 40 und den Privat-Hörfunksender Radio TON-Regional, der seinen Sitz im Hochhaus der Heilbronner
Stimme hat. Wenn es darum geht, wieviele Hörer der einzelne Sender aufweisen
kann, dann sind Umfragen durch renommierte Meinungsforscher angesagt. Die
neuesten Daten einer Medien-Untersuchung geben dem Heilbronner Privatsender
gute Daten, ließ sein Geschäftsführer
Edwin Ferring jetzt verlauten. „Radio TON-Regional ist unter den privaten Anbietern in seinem Sendegebiet die Nummer eins.“,
konnte ich hier auf meinem Turm lesen. Das Institut
Infratest habe die Zahlen ermittelt. 50 000 Hörer pro Stunde von 6
bis 18 Uhr - und täglich 191.000 Hörer. Da fragt sich der aufmerksame Hörer und
Leser: Wie sieht denn nun mit den anderen Sendern in der Region aus? Denn zu
hören sind neben dem Frankenradio und den anderen drei Programmen des Südfunks,
auch noch der Südwestfunk, Bayrischer und Hessischer Rundfunk. Hinzu kommen die
privaten Sender Antenne 1 Stuttgart, Regenbogen, Welle Fidelitas und RNO.
Nummer eins unter den Privaten im Sendegebiet - das ist eine Sache. Wer aber ist unter allen Hörfunk-Anbietern
die tatsächliche Nummer eins?
Hohes
Gras
Heilbronn
ist eine grüne Stadt. Bäume allüberall in der Stadt und rund um die Stadt -
Sträucher an den Straßenrändern. Und so manche Fußweg-Begrenzung zur Straße hin
ist mit wucherndem Gras bewachsen. Es grünt halt so grün - falls nicht gemäht
wird. Wenn ich mit scharfem Blick von meinem Turm herabschaue, dann kann ich
die Kleinwiesen an vielen Straßenrändern
oder Mittelstreifen erspähen. Ist ja auch schön anzuschauen, wenn Margeriten
und Klatschmohn blühen. Und die Gärtner der Stadt Heilbronn haben eh schon
zuviel zu tun. Denn die Grünflächen im Stadtgebiet sind heuer um 35 Hektar in
die Höhe geschnellt. Jetzt müssen von den armen und geplagten Gärtnern
insgesamt rund 324 Hektar gepflegt werden. Und das alles mit einem
Personalbestand von 121 Mitarbeitern. Gleich viele wie im letzten Jahr schon.
Wenn sich jetzt so mancher Bürger über die „kleinen Urwälder“ an Heilbronns
Straßenrändern aufregt, dann ist für die Beamten der Stadt klar, wer an dem
Übel Schuld trägt: Der Gemeinderat. Denn die Damen und Herren Stadträte haben
eine Wiederbesetzungssperre und einen dreiprozentigen Stellenabbau beschlossen.
Diese politischen Festlegungen zeigen jetzt Wirkung. Und mit einem Haushalt von
2,1 Millionen fürs Grünflächenamt können auch keine allzugroßen Sprünge
veranstaltet werden, zumal 400 000 Mark pro Jahr allein für die
Abfallbeseitigung von wild abgelagertem Müll verwandt werden müssen. Sagen die
Beamten. Naja - ich habe noch nie einen Beamten gesehen oder gehört, der um
Begründungen für sein Tun oder Nichttun verlegen gewesen wäre. Bescheidene
Frage: Müssen denn viele der Grünflächen so üppig und prachtvoll gestaltet sein
wie es zur Zeit in Heilbronn der Fall ist?
Neuer
Götz
Am
Donnerstag dieser Woche ist im Burghof von Jagsthausen mal wieder Premiere. Die
erste in der Amtszeit des neuen künstlerischen
Leiters Arnold Petersen. Guido
Huonder wird dem erlauchten Publikum seine Interpretation des Goethe-Dramas
vom Ritter mit der eisernen Faust für die 46. Spielzeit servieren. Und Dietz-Werner Steck vom Stuttgarter
Staatsschauspiel (besser als Fernsehkommissar Bienzle bekannt) wird als
Götz-Darsteller das fachkundige Jagsthäuser Premierenpublikum von seiner
Auffassung des rauhbeinigen Ritters überzeugen müssen. Dabei hatten es die
Laien und Berufsschauspieler bei den Proben in diesem Jahr besonders schwer.
Regnete es doch seit Probenbeginn am 15. Mai oftmals in Strömen, sodaß vom
Burghof auf die Kegelbahn der Götzenburg als Probenraum ausgewichen werden
mußte. Aber in der Schlußphase dieser Woche konnten sich die Mimen auf Petrus
verlassen. Sonnenschein und laue Lüftchen machten die Arbeit im Burghof
klimatisch zumindest erträglich. Von 22. Juni bis zum 20. August dauert heuer
die Saison. Und in dieser Zeit können die Fans des Freilichttheaters neben dem
Götz als Traditionsstück auch noch das Musical
„Anatevka“, das Kinderstück „Der
gestiefelte Kater“ und diverse Sonderprogramme in lauer Sommernacht oder
bei Regen erleben.
Die
Muschel in Nöten
Ein
Ölbohrinsel namens „Brent Spar“ in der Nordsee wird für den Mineralölkonzern Shell auf deutschen
Boden selbst zur Katastrophe. Abgeschleppt wird diese Ölplattform zur Zeit und
soll in den nächsten Tagen irgendwo im Atlantik vor Schottland versenkt werden.
Die Folge: Heftige Proteste vor allem
deutscher Umweltschützer. Aufrufe zum Boykott von Shell-Tankstellen. Und
tausende von Worten in den deutschen Zeitungen und anderen Medien zur
Anfeuerung. Selbst beim evangelischen Kirchentag ließen es sich die Teilnehmer
nicht nehmen, gegen die bösen Shell-Umweltsünder unisono heftigst zu
protestieren. Und die mutigen Green-Peace-Aktivisten
vor Ort auf hoher See, die eine Versenkung der Insel verhindern wollen, die
stehen kurz vor der Heiligsprechung durch die grüne deutsche Seele.
Brandanschläge und bewaffnete Überfälle auf Shell-Tankstellen sind die Folge
des bei manchen Zeitgenossen zur Shell-Hysterie gesteigerten Sauberkeitswahns.
Den mörderischen moralischen Absolutismus bekommt aber nicht in erster Linie
der Konzern zu spüren, sondern die vielen Tankstellenpächter, deren Umsätze in
den letzten Tagen landauf, landab teilweise bis zu 50 Prozent sanken. Der
Mineralölkonzern nebenan freut sich diebisch. Denn getankt werden muß ja
weiterhin. Aber wenn die deutsche Politik und die grünen Saubermänner unter uns
mit dickem Finger auf den britischen Shell-Konzern zeigen, dann sollten sie
nicht vergessen: Drei Finger der ausgestreckten Hand zeigen zurück. Auch
deutsche Unternehmen und Städte verschmutzen die Nordsee - und das nicht zu
knapp. Die Shell-Tankstelle um die Ecke ist auf jeden Fall der falsche Adressat
für den Umwelt-Protest, dessen unheimliche Spitze mich an fanatische
mittelalterliche Kreuzzügler erinnert. Tod den Ungläubigen lautete deren Motto.
Graswurzel-Demokratie?
Das
Image der Politiker in Europa ist nicht gut. Und die deutschen Parteien leiden
seit Jahren schon unter dem Mißtrauen breiter Schichten des Volkes. Die
Wahlbeteiligungen sinken und sinken. Ein Ende ist nicht in Sicht. Erst am vergangenen
Sonntag bei der OB-Wahl in Ludwigsburg
wurde wieder ein Tiefstand von 45,6 Prozent gezählt. Dabei geben sich die
Parteien in letzter Zeit alle erdenkliche Mühe. Mitgliederbefragung ist zum
Beispiel ein Zauberwort. Bei der Nomnierung des Spitzenkandidaten für die
Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wurde von der CDU diese Wahlform angewandt.
Und auch die Sozis in Bremen ließen ihre Mitglieder entscheiden, wer
Bürgermeister und welche Koalition eingegangen werden soll. Bei uns im Ländle
spürt man, trotz des Desasters für die großen Parteien bei der letzten
Landtagswahl, wenig von diesem neuen Politik-Trend. Neulich erst las ich in
einer links-liberalen Wochenzeitung eine heftige Attacke gegen die
„Graswurzeldemokraten“, die das Heil für die Politik durch Mitgliederbefragen
herbeiwählen lassen wollen. Dabei geht doch nicht ums Heil, sondern nur darum:
wer entscheidet. Es wäre halt so schön, wenn Politiker sich das ihnen genehme
Volk wählen könnten statt umgekehrt. Gell, meine Herren Linksdemokraten! So
aber müssen Dieter Spöri und Erwin
Teufel bangen, was wir - die allmächtigen Wähler - ihnen als Ergebnis im
März 1996 präsentieren. Und es wäre noch spannender, wenn in den Wahlkreisen
die Parteimitglieder ihre Landtagskandidaten per Urwahl auswählen könnten. Aber
damit wird es bis zum März 96 wohl nichts mehr. Weder bei CDU, SPD, FDP, Grünen
oder Reps. Schade eigentlich - für die Graswurzeldemokratie
Frische
Brötchen
Es
gibt frische Weckle vom Bäcker - montags bis samstags. Wer aber am Sonn- oder Feiertag auf seine frischen
Brötchen zum Frühstück nicht verzichten will, der muß in die Tiefkühltruhe
greifen und später aufbacken. Aber mir schmeckt dieses Zeug immer zu stark nach
Kunstprodukt. Wobei zu erwähnen wäre, daß auch so manches Bäck-Weck mehr nach Papier als nach sauberem schwäbischen Weckle
schmeckt. Seit geraumer Zeit aber backen Tankstellen
im Unterland an Sonn- und Feiertagen tiefgefrorene Brötchen auf und
verkaufen sie knusperfrisch über die Ladentheke. Und nicht nur an diesen
Festtagen, auch ansonsten in der Woche kann man frühmorgens neben dem Tanken
auch noch frische Brötchen mit zur Arbeitsstelle nehmen. Dieses Backwerk
schmeckt dazu auch noch verdammt gut. Nicht weil es aus Frankreich stammt,
sondern weil der Produzent offensichtlich einen richtigen schmackhaften Teig
verwendet wie ich ihn mir bei manchen heimischen Bäcker oftmals vergeblich
gewünscht habe. Auf jeden Fall bin ich froh darüber, daß es sonntags frische
Brötchen gibt - und werde heftig protestieren, wenn die Obrigkeit uns Bürger in
unserer freien Kaufentscheidung wieder einschränkt.
Kirche
offensiv
Die
Katholiken im Unterland gehen in die Offensive. 99.981 Katholiken sind im Dekanatsbereich Heilbronn/Neckarsulm
registriert. 1994 gabs nur 558 Austritte. Ein halbes Prozent. Vernachlässigbar?
Jetzt soll um jedes Schäflein gekämpft werden - mittels Aufklärung. Mit einer fünfzig Seiten starken Broschüre in
einer Auflage von 60.000 Stück wird den eigenen Mitgliedern und Interessenten
die harte kirchliche Arbeit aufgelistet. Und Höhepunkt ist die Veranstaltung „Kirche tut was“, bei der
am 8. Juli in der Böllingertal-Halle die Kirchendienste sich dem Publikum mit
einer Auflistung in ganzer Breite präsentieren. Kirchendienste zum Anfassen -
sozusagen. Das ist die Marketing-Seite. Aber beim 26. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg war viel von
Selbstgewißheit die Rede. „Es ist Dir gesagt Mensch, was gut ist.“, lautete das
Motto. Die Kirche redet vom Kreuz und blickt auf leere Kassen, so zog der
Theologe Christian Link auf dem Kirchentag Bilanz für die neunziger Jahre.
Junge Theologen warten fünf Jahre bis zur Anstellung. An die Stelle der
Wahrheitsfindung seien Anpassungsdruck und das Bemühen getreten, die Mitglieder
bei der Stange zu halten. Die Kirche habe den Anschluß an das Wahrheitsbewußtsein
der Gegenwart verloren und den Zeitgeist zu ihrem Gegner stilisiert. Jetzt
leide sie unter der Berührung mit der Zeit. So ist es halt immer, wenn man sich
selbst zum besseren Teil der Menschheit stilisiert und die anderen vom selbsterkannten
Bösen abhalten will. Zu all dem, wo wir heute stehen, haben die Kirchen, ob
katholisch oder evangelisch, in den letzten Jahrhunderten entschieden mit
beigetragen. Diese Erkenntnis sollte eigentlich Schmerzen bereiten.
Verhüllt
mich!
Es
gibt traurige und lustige Kunst. Es gibt Kunst, die weh- oder wohltut, die
provoziert oder beruhigt - und es gibt immer wieder schlechte und gute Kunst. Aber wer entscheidet darüber? Klar, der
Betrachter. Auf jeden Fall darf der Staat oder irgend jemand anderes Dahergelaufenes
in deutschen Landen Kunst nicht zensieren. Will er ja auch gar nicht! So hoffe
ich doch. Aber ist es Kunst, wenn ein Weltunternehmen in Künzelsau-Gaisbach
seine Verwaltungsbereiche vom international-renommierten Aktionsverpacker Christo mit Stoffbahnen verhüllen läßt? Ein
Spektakel ist es auf jeden Fall. Genauso wie das Nachfolge-Spektakel jetzt in
der deutschen Hauptstadt Berlin. Der
Reichstag wird verhüllt - und zwei Wochen lang können sich die Besucher aus
Nah und Fern demnächst sich ein Urteil über das außerordentliche Geschehen
bilden. Ja, ist das nun Kunst - oder etwa nicht? Sei es drum! Ich meine, es
wäre langsam aber sicher an der Zeit, daß ein heimischer Künstler mal die
Initiative ergreift und meinen Turm samt
Kilianskirche sauber verpackt. Damit die Heilbronner endlich sehen, was so
drin steckt in der Hülle. Zu viele sind in den letzten Jahrhunderten achtlos an
meinem Sakralbau vorbeigeschlurft. Die würden bei einer Verhüllung ganz schön
staunen. Was da so alles verpackt wurde - das Männle samt Lanze auf der
Kirchturmspitze. Am besten wär‘s mit der Kunst-Verpackung so im Januar. Mit der
schönen Hülle würde ich auch weniger frieren.

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