Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 24.05.1995



Kultur im Kopf - Sonne auf dem Ranzen
Gaffenberg-Festival 1995: In der Sonderbeilage der Unterländer Tageszeitung zu den Kulturtagen kam ein gewisser Norbert Winzek zu Wort. Doch wer ist dieser Schreiber? Festival-Leiter Harry Mergel und der zweite Vorsitzende der Heilbronner Kulturtage, Otto Friedrich lassen sich mit Bild und Kurz-Kultur-Biografie abfeiern, aber wer ist Norbert Winzek? Eines wissen wir über und von ihm: Er läßt sich, wie viele Kulturtage-Macher übrigens - „in der Aufbauwoche die Sonne auf den Ranzen scheinen“. Lieber Norbert Winzek, bitte zwei Dinge beachten: Ozonloch, das den Sonnenbrand bringen könnte und bodennahes Ozon, das dir an Lunge und Schleimhäute gehen könnte. Also lieber nicht so viel Sonne auf dem Ranzen. Ab in den Schatten, heißt die Kultur-Devise für das Gaffenberg-Festival 1995.

Lichy gegen Spöri
Die CDU in Heilbronn hat wie erwartet eine Frau aufs Schild gehoben, um bei der Wahl im März 1996 gegen Dr. Dieter Spöri anzutreten, amtierender SPD-Wirtschaftsminister im Ländle und wahrscheinlicher SPD-Kandidat im Wahlkreis Heilbronn. Zur Auswahl hatte der christdemokratische Stadtverband zwei gestandene Damen: Helga Drauz, die CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Johanna Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Beide Frauen sind also gestandene Kommunalpolitikerinnen. Aber Johanna Lichy konnte mit solider Parteiarbeit aufwarten:  seit einem Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, viermal Landtagszweitkandidatin, seit  zwanzig Jahren Stadträtin und zur Zeit Fraktionsvorsitzende. 214 gegen 53 Drauz-Stimmen verbuchte die neue CDU-Landtagskandidatin. Und ihr Zweitkandidat wurde der singende Stadtrat Nobert Selz aus Neckargartach. Wäre die CDU mutig gewesen, dann hätte sie mit der 28 jährigen Helga Drauz der Jugend eine Chance gegeben, um Dieter Spöri deutlich Paroli zu bieten. So aber sieht es ein wenig nach Zählkandidatur gegen den Platzhirschen aus. Außer die CDU steht wie ein Mann hinter Johanna Lichy.

Liberale Kandidaten
Die Freien Demokraten in der Stadt Heilbronn haben ihren Kandidaten für die Landtagswahl im März 1996 gekürt: Fachhochschulprofessor Dr. Georg Bucher (43) aus Schwaigern. Zweitkandidatin wurde die 48 jährige  Ingeborg Wenzel, Chefin einer Personal Service GmbH in Heilbronn. Verwunderlich an der Geschichte ist eigentlich nur, daß ein Mann aus dem Wahlkreis des FDP-Landtagsabgeordneten Richard Drautz liberaler Kandidat in Heilbronn wird, während Richard Drautz seinen Wohnsitz in Heilbronn hat. Wäre es da für die FDP nicht einfacher gewesen, den Professor Bucher aus Schwaigern im Wahlkreis Eppingen kandidieren und den Heilbronner Wengerter Drautz in seinem Heimatort für den Wahlkampf antreten zu lassen? Aber - das ist halt jetzt die hohe Schule der Politik. Schließlich konnte die FDP bei der letzten Landtagswahl 1992 nur 4,2 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Heilbronn erzielen. Und diese hohe Politik, die versteht unsereins auf dem steinernen Turm eben nicht so richtig.

Treu und Redlichkeit
Da tritt einer sein neues Amt als Schultes an - und gleich muß er eine bittere Pille schlucken. Verständlich, daß jetzt die Lust Bürgermeister in der Region zu werden, rapide abnimmt. Volker Schiek in Nordheim ist offenbar trotz alledem guten Mutes und trat sein neues Amt als Bürgermeister ohne allzugroßes Zähneknirschen an. Muß er doch seinem Gemeinderat am 19. Mai ein korrigiertes Zahlenwerk vorlegen. Denn der Nachtragshaushalt ist ein wenig aus den Fugen geraten. Eigentlich wollte die Gemeinde Schulden tilgen - zwei Millionen insgesamt. Aber daraus wird wohl nichts. Denn beim Rathausneubau hatten die Gemeindeväter und -mütter sich tüchtig verrechnet. Am 17. März 1995 waren noch 800.000 Mark als Baukosten genannt worden. Jetzt heißt es, daß die Gesamtsumme wohl bei 1,5 bis 1,6 Millionen Mark liegen dürfte. Wenn ein privater Unternehmer so rechnet, dann wäre er schnell pleite. Aber hier geht es ja nur um die Steuergelder des Bürgers. Und hinzu kommt noch, daß die Nordheimer bei der Planung ihrer Einnahmen für 1995 auch ein wenig zu hoch gegriffen hatten. Außerdem hatten sie übersehen, daß aus 1994 ein Fehlbetrag von schlichten 766.000 Mark in der Kasse auszugleichen ist. Wer schenkt dem Nordheimer Gemeinderat endlich die Spieluhr mit der Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“.

Audi-Standort NSU
Audi rief und alle kamen nach Neckarsulm - an der Spitze der Wirtschaftsminister des Landes Dr. Dieter Spöri. Und der lobte den Neubau der Autolackiererei auch über den Klee. Standortsicherung war sein Thema dabei. Hatte doch das Land Baden Württemberg ordentlich subventioniert. Und Audi-Vorstandsvorsitzender Dr. Herbert Demel unterstützte den Minister verhalten. Schließlich waren bis jetzt 312 Millionen Mark investiert worden, soviel wie noch nie in ein Neckarsulmer Audi-Großprojekt. Die neue „modernste Autolackiererei in Deutschland“ setzt Maßstäbe in Qualität und Umweltschutz. Zum Beispiel wurde eine neuartige Anlage entwickelt, die den Füllerspritznebel aus dem Kreislaufwasser der Füllerlackierlinie herausfiltert. Und das heißt: 110.000 Kilogramm Lackschlamm pro Jahr müssen durch das neue Verfahren nicht mehr thermisch entsorgt werden. Und genau dieses Verfahren wurde vom Land Baden Württemberg finanziell gefördert. Übrigens: Dieter Spöri sprach bei der offiziellen Einweihung der Lackiererei immer von einer Firma Audi-NSU, die es ja schon lange nicht mehr gibt. Aber so schlimm ist das nicht. Es gab ja auch schon Bundespräsidenten, die nicht wußten in welchem Land sie sich bei ihrer Staatsvisite gerade befanden. Oder hatte Spöri anderes mit seinem Versprecher im Sinn? Etwa den Firmennamen NSU wieder zu beleben? Nostalgie hin oder her - bei Audi in Neckarsulm geht es nur noch um Produktivität. Und die muß wettbewerbsfähig sein.

Skulptur - nackt
„Skulptur vor Ort“ - zum Beispiel im Leingartener Ortsteil Schluchtern. Unmittelbar neben der evangelischen Kirche steht eine rostige Madame, die sich sündig räkelt mit ihrem fülligen Leib. Ubba Enninga heißt der Bildhauer und sie „Eioua“, ist 2,12 Meter groß und 1987 entstanden. Ein negroides Gesicht soll multikulturelle Individualität ausstrahlen. Dicke Worte für ein starkes Frauenzimmer. Aber soviel anders als die kleinen nackten Porzellanfiguren, die in gleicher Haltung in jedem Kaufhaus oder in den Souvenirläden rund um das Mittelmeer zu haben sind, ist diese Figur ja auch nicht gestaltet. Aber nackt ist in, ob auf der Bühne oder unter freiem Himmel. Und wenn‘s wie im Heilbronner Deutschhof nur das Glied des Mannes ist, das da aus Eichenholz sechs Meter lang in der Gegend herumliegt und in Richtung Kilianskirche weist. „Phallocaust III“ nennt der Künstler Franz Gutmann seinen abgeschnittenen Penis aus Holz. Mit Obszönität habe das nichts zu tun, wird gutherzig versichert, nur mit dem Hinweis auf die jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität durch die Kirchen. Vielleicht sollte man diesen Künstlern mal eine Reise nach Rom in die Vatikanischen Museen spendieren, um nackte Körper in der Kirchenkunst zu bestaunen. Diese neue Kunst ist nicht provokativ, sie ist nur plump. Und billig ists langsam auch, auf die Kirchen einzuprügeln, um interessant wirken zu wollen.

Sperrzeit
Im Kommunalwahlkampf waren viele der Kandidaten für ein Hinausschieben der Sperrzeit nach 22 Uhr. Aber die Zeiten sind schon lange vorbei. Jetzt gehts es darum die Nachtruhe der Bürger zu schützen. Wo kämen wir denn auch dahin, wenn die Gastwirtschaften Heilbronns am Wochenende bis 2 Uhr in der Nacht generell Gäste bewirten dürften. Oder gar die Spielhöllen täglich bis 24 Uhr ihre Pforten offen halten. Und gar die Sperrzeit für Außenbewirtschaftung am Wochenende von 22 auf 24 verkürzt würde. Der Gemeinderat in Heilbronn entschied, daß alles so bleibt wie es ist. Und der Bürgermeister für die öffentliche Ordnung, der SPD-Mann Harald Friese versprach dem Gremium und der versammelten Wirteschar im Ratssaal letzten Donnerstag gar, großzügig Anträge auf Verkürzung der Sperrzeit zu bescheiden. Wer sagts denn - der ganze Streit war für die Katz. Denn in 198 von 550 Gaststätten in Heilbronn ist Außenbewirtschaftung erlaubt. Und 24 Prozent davon dürfen heute schon länger als 22 Uhr ausschenken, trotz 490 Anwohnerbeschwerden, die im vergangenen Jahr bei der Stadt registriert wurden. Also ich versteh, daß die Leut nächtens ihre Ruhe haben wollen. Ob nun Weindorf, Traubenblütenfest oder Kulturtage angesagt ist - Feiern ist auch ohne störenden Lärm möglich.

Stadtbahn
Sie kommt - aber nur wann? Viel Geld wird auf der 24 Kilometer langen Strecke  im Westen Heilbronns in den nächsten Jahren verbaut werden - insgesamt sollen es 91,4 Millionen sein. Und vielleicht fährt sie noch in diesem Jahrhundert - die Stadtbahn zwischen Eppingen und Heilbronn. Wer weiß? Und später - irgendwann einmal soll sie sogar ins Hohenlohische bis nach Öhringen rauschen. Aber was vielen Heilbronnern und anderen aus den umliegenden Gemeinden viel wichtiger ist, das ist der S-Bahn-Anschluß in Richtung Stuttgart. Die Orientierung des Unterlandes ist in vielen Bereichen, ob nur wirtschaftlich oder kulturell, zielt in die Region Stuttgart und weniger nach Westen. Am Abend ist man schnell mit dem Auto in der Landeshauptstadt oder einer der Städte drumherum. Und mit dem Zug? Das dauert - und zieht sich hin. Attraktiv muß der ÖPNV für den Umsteiger werden - und zwar schnell. Auch und vor allem in Richtung Stuttgart.

Wußten Sie ...
Ich wußte es bisher nicht. Aber ein Leser schrieb mir dieser Tage, ob ichs schon wisse. In der Zeitung sei gestanden, daß der Richard Drautz aus Heilbronn Bundestagsabgeordneter sei. Dabei ist er doch FDP-Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Eppingen. Und zu lesen sei auch gewesen, daß der Hermann Schaufler SPD-Spitzenkandidat im Ländle werden wolle. Dabei sei er doch CDU-Verkehrsminister bei Erwin Teufel in Stuttgart. Und Klaus Wagner, der Heilbronner Theaterintendant sei jüdischen Glaubens. Dabei ist er doch während der Krieges in Bayern auf Gymnasium gegangen. Also irgendwie - naja, meinte der erstaunte Leser. Da kann ich vom steinernen Turm herunter nur sagen: in diesem Blatte stand‘s nicht geschrieben. Und in welche Zeitung er diese kuriosen Meldungen auch immer gelesen haben will, das müsse er, der verehrte Leser, schon selber herausfinden - gell. Ich bin doch nicht der Hüter aller Blätter, sondern stehe nur so rum und halte eisern, beziehungsweise steinern Ausschau übers Land. Und das in jede Richtung.

Schulnot
Verkehrte Welt: Es ist noch gar nicht so lange her, da warben die Gymnasien um mehr Schüler. Lehranstalten, die in den siebziger Jahren propper „gefüllt“ waren mit Pennälern standen in den achtziger Jahren plötzlich leer. Sie wissen schon, Pillenknick, Single-Dasein und und und. Doch was sich  derzeit an zwei Heilbronner Gymnasien tut, ist schon toll. Die Schulen sind in Not. Zu viele Schüler wollen das Mönchsee-Gymnasium und das Justinus Kerner-Gymnasium besuchen. Die Schuldirektoren sind nach einem jetzt in Kraft getretenen Erlaß des Kultusministeriums dazu verdonnert dreißig Schüler und nicht mehr pro Klasse zu akzeptieren. Im Klartext bedeutet das für einige Schülerinnen und Schüler, die aus den Landkreisgemeinden kommen und ein Heilbronner Gymnasium besuchen möchten, daß sie , im Falle der Mönchsee-Schule, eventuell abgewiesen werden, wie mir einige Eltern berichteten. Der Schuldirektor würde ja gerne alle Bewerber aufnehmen, geht aber nicht, wg. Kultus-Erlaß. Anstelle der Direktoren und Lehrer der verbleibenden Gymnasien, beispielsweise Robert-Mayer-Gymnasium, Elly-Heuss-Knapp- und Theodor-Heuss-Gymnasium, würde ich mich allerdings fragen, warum diese Schulen weniger beliebt sind.  Von den Eltern war zu hören, weil dort ein zu konservativer Lehrstil gepflegt werde. Zu wenig zeitgemäß werde dort unterrichtet. Eine Bemerkung zum Erlaß des Ministeriums: Man will dadurch die Schülerströme steuern. Im Falle Heilbronn völliger Quatsch. Schülerinnen und Schüler werden dadurch zwangsweise in Gymnasien gebracht. Und das soll die Freude an der Schule bringen? Voll daneben!

Spöri im Aufwind
Am 3. Mai hatte ich doch vorlaut an dieser Stelle vermerkt, daß ein großer Erfolg in der Amtszeit des CDU-Kreisvorsitzenden Egon Susset lautet, seine Partei stelle ununterbrochen die drei Landtagsabgeordneten im Unterland. Stimmt nicht. Seit 1988 sitzt nämlich der SPD-Mann Dieter Spöri für Heilbronn ununterbrochen im Stuttgarter Landtag. Und jetzt ist die Mann mit dem Schal und Mantel sogar wieder obenauf. Der Heilbronner Landtagsabgeordnete wird als Spitzenkandidat der SPD gegen Erwin Teufel im kommenden Jahr antreten. Koalieren will Spöri mit den Grünen. Die Aussage kommt sehr früh. Ob das clever war? Aber Spöri ist ein Taktiker, das hat er bewiesen, als er sich jetzt gegen seinen parteiinternen Widersacher Uli Maurer durchsetzte. Schön für Heilbronn, denn unser SPD-Mann wird sicher einiges tun für die Interessen seiner Stadt. Ein kleiner Wehrmutstropfen: Spöri tritt zwar für den Wahlkreis Heilbronn an. Seinen Lebensmittelpunkt hat der Wirtschaftsminister Baden-Württembergs aber immer noch nicht hier. Der ist in Backnang. Vielleicht werden ihm dies einige Wählerinnen und Wähler übelnehmen, wenn es ums Ganze geht.

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