Kultur
im Kopf - Sonne auf dem Ranzen
Gaffenberg-Festival
1995: In der Sonderbeilage der Unterländer Tageszeitung zu den Kulturtagen kam
ein gewisser Norbert Winzek zu Wort.
Doch wer ist dieser Schreiber? Festival-Leiter
Harry Mergel und der zweite Vorsitzende der Heilbronner Kulturtage, Otto
Friedrich lassen sich mit Bild und Kurz-Kultur-Biografie abfeiern, aber wer ist
Norbert Winzek? Eines wissen wir über und von ihm: Er läßt sich, wie viele
Kulturtage-Macher übrigens - „in der Aufbauwoche die Sonne auf den Ranzen
scheinen“. Lieber Norbert Winzek, bitte zwei Dinge beachten: Ozonloch, das den
Sonnenbrand bringen könnte und bodennahes Ozon, das dir an Lunge und
Schleimhäute gehen könnte. Also lieber nicht so viel Sonne auf dem Ranzen. Ab
in den Schatten, heißt die Kultur-Devise für das Gaffenberg-Festival 1995.
Lichy
gegen Spöri
Die
CDU in Heilbronn hat wie erwartet eine Frau aufs Schild gehoben, um bei der
Wahl im März 1996 gegen Dr. Dieter Spöri
anzutreten, amtierender SPD-Wirtschaftsminister im Ländle und wahrscheinlicher
SPD-Kandidat im Wahlkreis Heilbronn. Zur Auswahl hatte der christdemokratische
Stadtverband zwei gestandene Damen: Helga Drauz, die
CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Johanna
Lichy, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Beide Frauen sind also
gestandene Kommunalpolitikerinnen. Aber Johanna Lichy konnte mit solider
Parteiarbeit aufwarten: seit einem
Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, viermal Landtagszweitkandidatin, seit zwanzig Jahren Stadträtin und zur Zeit
Fraktionsvorsitzende. 214 gegen 53 Drauz-Stimmen verbuchte die neue
CDU-Landtagskandidatin. Und ihr Zweitkandidat wurde der singende Stadtrat
Nobert Selz aus Neckargartach. Wäre die CDU mutig gewesen, dann hätte sie mit
der 28 jährigen Helga Drauz der Jugend eine Chance gegeben, um Dieter Spöri
deutlich Paroli zu bieten. So aber sieht es ein wenig nach Zählkandidatur gegen
den Platzhirschen aus. Außer die CDU steht wie ein Mann hinter Johanna Lichy.
Liberale
Kandidaten
Die
Freien Demokraten in der Stadt Heilbronn haben ihren Kandidaten für die
Landtagswahl im März 1996 gekürt: Fachhochschulprofessor Dr. Georg Bucher (43) aus Schwaigern. Zweitkandidatin wurde die 48
jährige Ingeborg Wenzel, Chefin einer Personal Service GmbH in Heilbronn.
Verwunderlich an der Geschichte ist eigentlich nur, daß ein Mann aus dem
Wahlkreis des FDP-Landtagsabgeordneten Richard Drautz liberaler Kandidat in
Heilbronn wird, während Richard Drautz seinen Wohnsitz in Heilbronn hat. Wäre
es da für die FDP nicht einfacher gewesen, den Professor Bucher aus Schwaigern
im Wahlkreis Eppingen kandidieren und den Heilbronner Wengerter Drautz in
seinem Heimatort für den Wahlkampf antreten zu lassen? Aber - das ist halt
jetzt die hohe Schule der Politik. Schließlich konnte die FDP bei der letzten
Landtagswahl 1992 nur 4,2 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Heilbronn erzielen.
Und diese hohe Politik, die versteht unsereins auf dem steinernen Turm eben
nicht so richtig.
Treu
und Redlichkeit
Da
tritt einer sein neues Amt als Schultes an - und gleich muß er eine bittere
Pille schlucken. Verständlich, daß jetzt die Lust Bürgermeister in der Region
zu werden, rapide abnimmt. Volker Schiek
in Nordheim ist offenbar trotz alledem guten Mutes und trat sein neues Amt
als Bürgermeister ohne allzugroßes Zähneknirschen an. Muß er doch seinem
Gemeinderat am 19. Mai ein korrigiertes Zahlenwerk vorlegen. Denn der
Nachtragshaushalt ist ein wenig aus den Fugen geraten. Eigentlich wollte die
Gemeinde Schulden tilgen - zwei Millionen insgesamt. Aber daraus wird wohl
nichts. Denn beim Rathausneubau hatten die Gemeindeväter und -mütter sich
tüchtig verrechnet. Am 17. März 1995 waren noch 800.000 Mark als Baukosten
genannt worden. Jetzt heißt es, daß die Gesamtsumme wohl bei 1,5 bis 1,6
Millionen Mark liegen dürfte. Wenn ein privater Unternehmer so rechnet, dann
wäre er schnell pleite. Aber hier geht es ja nur um die Steuergelder des
Bürgers. Und hinzu kommt noch, daß die Nordheimer bei der Planung ihrer
Einnahmen für 1995 auch ein wenig zu hoch gegriffen hatten. Außerdem hatten sie
übersehen, daß aus 1994 ein Fehlbetrag von schlichten 766.000 Mark in der Kasse
auszugleichen ist. Wer schenkt dem Nordheimer Gemeinderat endlich die Spieluhr
mit der Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“.
Audi-Standort NSU
Audi
rief und alle kamen nach Neckarsulm - an der Spitze der Wirtschaftsminister des
Landes Dr. Dieter Spöri. Und der
lobte den Neubau der Autolackiererei auch über den Klee. Standortsicherung war
sein Thema dabei. Hatte doch das Land Baden Württemberg ordentlich
subventioniert. Und Audi-Vorstandsvorsitzender Dr. Herbert Demel unterstützte den Minister verhalten. Schließlich
waren bis jetzt 312 Millionen Mark investiert worden, soviel wie noch nie in
ein Neckarsulmer Audi-Großprojekt. Die neue „modernste Autolackiererei in
Deutschland“ setzt Maßstäbe in Qualität und Umweltschutz. Zum Beispiel wurde
eine neuartige Anlage entwickelt, die den Füllerspritznebel aus dem
Kreislaufwasser der Füllerlackierlinie herausfiltert. Und das heißt: 110.000
Kilogramm Lackschlamm pro Jahr müssen durch das neue Verfahren nicht mehr
thermisch entsorgt werden. Und genau dieses Verfahren wurde vom Land Baden
Württemberg finanziell gefördert. Übrigens: Dieter Spöri sprach bei der
offiziellen Einweihung der Lackiererei immer von einer Firma Audi-NSU, die es
ja schon lange nicht mehr gibt. Aber so schlimm ist das nicht. Es gab ja auch
schon Bundespräsidenten, die nicht wußten in welchem Land sie sich bei ihrer
Staatsvisite gerade befanden. Oder hatte Spöri anderes mit seinem Versprecher
im Sinn? Etwa den Firmennamen NSU wieder zu beleben? Nostalgie hin oder her -
bei Audi in Neckarsulm geht es nur noch um Produktivität. Und die muß
wettbewerbsfähig sein.
Skulptur
- nackt
„Skulptur
vor Ort“ - zum Beispiel im Leingartener Ortsteil Schluchtern. Unmittelbar neben
der evangelischen Kirche steht eine rostige Madame, die sich sündig räkelt mit
ihrem fülligen Leib. Ubba Enninga
heißt der Bildhauer und sie „Eioua“, ist 2,12 Meter groß und 1987 entstanden.
Ein negroides Gesicht soll multikulturelle Individualität ausstrahlen. Dicke
Worte für ein starkes Frauenzimmer. Aber soviel anders als die kleinen nackten
Porzellanfiguren, die in gleicher Haltung in jedem Kaufhaus oder in den Souvenirläden
rund um das Mittelmeer zu haben sind, ist diese Figur ja auch nicht gestaltet.
Aber nackt ist in, ob auf der Bühne oder unter freiem Himmel. Und wenn‘s wie im
Heilbronner Deutschhof nur das Glied des Mannes ist, das da aus Eichenholz
sechs Meter lang in der Gegend herumliegt und in Richtung Kilianskirche weist.
„Phallocaust III“ nennt der Künstler Franz Gutmann seinen abgeschnittenen Penis
aus Holz. Mit Obszönität habe das nichts zu tun, wird gutherzig versichert, nur
mit dem Hinweis auf die jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität durch die
Kirchen. Vielleicht sollte man diesen Künstlern mal eine Reise nach Rom in die
Vatikanischen Museen spendieren, um nackte Körper in der Kirchenkunst zu
bestaunen. Diese neue Kunst ist nicht provokativ, sie ist nur plump. Und billig
ists langsam auch, auf die Kirchen einzuprügeln, um interessant wirken zu
wollen.
Sperrzeit
Im
Kommunalwahlkampf waren viele der Kandidaten für ein Hinausschieben der
Sperrzeit nach 22 Uhr. Aber die Zeiten sind schon lange vorbei. Jetzt gehts es
darum die Nachtruhe der Bürger zu schützen. Wo kämen wir denn auch dahin, wenn
die Gastwirtschaften Heilbronns am Wochenende bis 2 Uhr in der Nacht generell
Gäste bewirten dürften. Oder gar die Spielhöllen täglich bis 24 Uhr ihre
Pforten offen halten. Und gar die Sperrzeit für Außenbewirtschaftung am
Wochenende von 22 auf 24 verkürzt würde. Der Gemeinderat in Heilbronn
entschied, daß alles so bleibt wie es ist. Und der Bürgermeister für die
öffentliche Ordnung, der SPD-Mann Harald Friese versprach dem Gremium und der
versammelten Wirteschar im Ratssaal letzten Donnerstag gar, großzügig Anträge
auf Verkürzung der Sperrzeit zu bescheiden. Wer sagts denn - der ganze Streit
war für die Katz. Denn in 198 von 550 Gaststätten in Heilbronn ist
Außenbewirtschaftung erlaubt. Und 24 Prozent davon dürfen heute schon länger
als 22 Uhr ausschenken, trotz 490 Anwohnerbeschwerden, die im vergangenen Jahr
bei der Stadt registriert wurden. Also ich versteh, daß die Leut nächtens ihre
Ruhe haben wollen. Ob nun Weindorf, Traubenblütenfest oder Kulturtage angesagt
ist - Feiern ist auch ohne störenden Lärm möglich.
Stadtbahn
Sie
kommt - aber nur wann? Viel Geld wird auf der 24 Kilometer langen Strecke im Westen Heilbronns in den nächsten Jahren
verbaut werden - insgesamt sollen es 91,4 Millionen sein. Und vielleicht fährt
sie noch in diesem Jahrhundert - die Stadtbahn zwischen Eppingen und Heilbronn.
Wer weiß? Und später - irgendwann einmal soll sie sogar ins Hohenlohische bis
nach Öhringen rauschen. Aber was vielen Heilbronnern und anderen aus den
umliegenden Gemeinden viel wichtiger ist, das ist der S-Bahn-Anschluß in Richtung Stuttgart. Die Orientierung des
Unterlandes ist in vielen Bereichen, ob nur wirtschaftlich oder kulturell,
zielt in die Region Stuttgart und weniger nach Westen. Am Abend ist man schnell
mit dem Auto in der Landeshauptstadt oder einer der Städte drumherum. Und mit
dem Zug? Das dauert - und zieht sich hin. Attraktiv muß der ÖPNV für den
Umsteiger werden - und zwar schnell. Auch und vor allem in Richtung Stuttgart.
Wußten
Sie ...
Ich
wußte es bisher nicht. Aber ein Leser schrieb mir dieser Tage, ob ichs schon
wisse. In der Zeitung sei gestanden, daß der Richard Drautz aus Heilbronn Bundestagsabgeordneter sei. Dabei ist
er doch FDP-Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Eppingen. Und zu lesen sei auch
gewesen, daß der Hermann Schaufler SPD-Spitzenkandidat im Ländle werden wolle.
Dabei sei er doch CDU-Verkehrsminister bei Erwin
Teufel in Stuttgart. Und Klaus Wagner, der Heilbronner Theaterintendant sei
jüdischen Glaubens. Dabei ist er doch während der Krieges in Bayern auf
Gymnasium gegangen. Also irgendwie - naja, meinte der erstaunte Leser. Da kann
ich vom steinernen Turm herunter nur sagen: in diesem Blatte stand‘s nicht
geschrieben. Und in welche Zeitung er diese kuriosen Meldungen auch immer
gelesen haben will, das müsse er, der verehrte Leser, schon selber herausfinden
- gell. Ich bin doch nicht der Hüter aller Blätter, sondern stehe nur so rum
und halte eisern, beziehungsweise steinern Ausschau übers Land. Und das
in jede Richtung.
Schulnot
Verkehrte
Welt: Es ist noch gar nicht so lange her, da warben die Gymnasien um mehr
Schüler. Lehranstalten, die in den siebziger Jahren propper „gefüllt“ waren mit
Pennälern standen in den achtziger Jahren plötzlich leer. Sie wissen schon,
Pillenknick, Single-Dasein und und und. Doch was sich derzeit an zwei Heilbronner Gymnasien tut, ist
schon toll. Die Schulen sind in Not. Zu viele Schüler wollen das
Mönchsee-Gymnasium und das Justinus Kerner-Gymnasium besuchen. Die
Schuldirektoren sind nach einem jetzt in Kraft getretenen Erlaß des Kultusministeriums
dazu verdonnert dreißig Schüler und nicht mehr pro Klasse zu akzeptieren. Im
Klartext bedeutet das für einige Schülerinnen und Schüler, die aus den
Landkreisgemeinden kommen und ein Heilbronner Gymnasium besuchen möchten, daß
sie , im Falle der Mönchsee-Schule, eventuell abgewiesen werden, wie mir einige
Eltern berichteten. Der Schuldirektor würde ja gerne alle Bewerber aufnehmen,
geht aber nicht, wg. Kultus-Erlaß. Anstelle der Direktoren und Lehrer der
verbleibenden Gymnasien, beispielsweise Robert-Mayer-Gymnasium,
Elly-Heuss-Knapp- und Theodor-Heuss-Gymnasium, würde ich mich allerdings
fragen, warum diese Schulen weniger beliebt sind. Von den Eltern war zu hören, weil dort ein zu
konservativer Lehrstil gepflegt werde. Zu wenig zeitgemäß werde dort
unterrichtet. Eine Bemerkung zum Erlaß des Ministeriums: Man will dadurch die Schülerströme steuern. Im Falle Heilbronn
völliger Quatsch. Schülerinnen und Schüler werden dadurch zwangsweise in
Gymnasien gebracht. Und das soll die Freude an der Schule bringen? Voll
daneben!
Spöri
im Aufwind
Am
3. Mai hatte ich doch vorlaut an dieser Stelle vermerkt, daß ein großer Erfolg
in der Amtszeit des CDU-Kreisvorsitzenden Egon
Susset lautet, seine Partei stelle ununterbrochen die drei
Landtagsabgeordneten im Unterland. Stimmt nicht. Seit 1988 sitzt nämlich der
SPD-Mann Dieter Spöri für Heilbronn
ununterbrochen im Stuttgarter Landtag. Und jetzt ist die Mann mit dem Schal und
Mantel sogar wieder obenauf. Der Heilbronner Landtagsabgeordnete wird als
Spitzenkandidat der SPD gegen Erwin Teufel im kommenden Jahr antreten.
Koalieren will Spöri mit den Grünen. Die Aussage kommt sehr früh. Ob das clever
war? Aber Spöri ist ein Taktiker, das hat er bewiesen, als er sich jetzt gegen
seinen parteiinternen Widersacher Uli Maurer durchsetzte. Schön für Heilbronn,
denn unser SPD-Mann wird sicher einiges tun für die Interessen seiner Stadt.
Ein kleiner Wehrmutstropfen: Spöri tritt zwar für den Wahlkreis Heilbronn an.
Seinen Lebensmittelpunkt hat der Wirtschaftsminister Baden-Württembergs aber
immer noch nicht hier. Der ist in Backnang. Vielleicht werden ihm dies einige
Wählerinnen und Wähler übelnehmen, wenn es ums Ganze geht.

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