Montag, 17. Februar 2014

Kiliansmännle, 05.07. 1995



Schoßtierchen?
Wenn ich die heimischen Meldungen in diesen Tagen so verfolge, dann kommt es mir vor, als ich irgendwo in Afrika auf einem Turm stünde. Wieso? Na ja, lange ist es ja nicht her, da streunte ein Gepardenweibchen, namens Minka, durch Heilbronns Villenviertel oberhalb der Oststraße. Minka ist handzahm und wurde vom Besitzer mit Fleisch zurück in den Käfig gelockt. Vor ein paar Tagen hielten dann drei große Straußenvögel die Polizei im nördlichen Landkreis in Atem. Die schnellen Laufvögel waren aus einer Farm bei Züttlingen ausgebüxt. Das klingt ja alles ganz witzig und spaßig. Aber da könnte ja nun tatsächlich mal was passieren. Überlegen Sie mal, der Gepard würde sich ein kleines Kind greifen. Oder die Strauße würden einen schweren Verkehrsunfall auf der nahe bei Züttlingen gelegenen Autobahn verursachen. Dann müßte man schon die Frage stellen, ob solch exotische Tiere fern ihrer Heimat ein tristes Dasein in irgendeinem Käfig oder Gatter in Deutschland fristen müßten. Besser wäre es doch, sie dort zu lassen, wo sie eigentlich leben: In Afrika eben.

Kirche offensiv
Die Katholiken im Unterland gehen in die Offensive. 99.981 Katholiken sind im Dekanatsbereich Heilbronn/Neckarsulm registriert. 1994 gabs nur 558 Austritte. Ein halbes Prozent. Vernachlässigbar? Jetzt soll um jedes Schäflein gekämpft werden - mittels Aufklärung. Mit einer fünfzig Seiten starken Broschüre in einer Auflage von 60.000 Stück wird den eigenen Mitgliedern und Interessenten die harte kirchliche Arbeit aufgelistet. Und Höhepunkt ist die Veranstaltung „Kirche tut was“, bei der am 8. Juli in der Böllingertal-Halle die Kirchendienste sich dem Publikum mit einer Auflistung in ganzer Breite präsentieren. Kirchendienste zum Anfassen - sozusagen. Das ist die Marketing-Seite. Aber beim 26. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg war viel von Selbstgewißheit die Rede. „Es ist Dir gesagt Mensch, was gut ist.“, lautete das Motto. Die Kirche redet vom Kreuz und blickt auf leere Kassen, so zog der Theologe Christian Link auf dem Kirchentag Bilanz für die neunziger Jahre. Junge Theologen warten fünf Jahre bis zur Anstellung. An die Stelle der Wahrheitsfindung seien Anpassungsdruck und das Bemühen getreten, die Mitglieder bei der Stange zu halten. Die Kirche habe den Anschluß an das Wahrheitsbewußtsein der Gegenwart verloren und den Zeitgeist zu ihrem Gegner stilisiert. Jetzt leide sie unter der Berührung mit der Zeit. So ist es halt immer, wenn man sich selbst zum besseren Teil der Menschheit stilisiert und die anderen vom selbsterkannten Bösen abhalten will. Zu all dem, wo wir heute stehen, haben die Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, in den letzten Jahrhunderten entschieden mit beigetragen. Diese Erkenntnis sollte eigentlich Schmerzen bereiten.

Neue Treffs
Die Drogenszene im Heilbronner Stadtgarten ist aufgelöst. Sagt die Polizei in Heilbronn. Das ist gut so, wenn es so ist. Nun war in letzter Zeit oft zu hören, daß sich ein teil der Szene auch im neueröffneten Ziegeleipark in Böckingen treffen würde. Herbert Tabler, Böckinger SPD-Stadtrat im Heilbronner Gemeinderat hat nachgefragt - und erhielt zur Antwort: „Die Polizeidirektion teilt der Verwaltung mit, daß der Ziegeleipark kein Drogentreff ist. Intensive Maßnahmen der Polizei haben die in der Presse gemachte Aussage nicht bestätigt.“ - Wo aber ist die Szene abgeblieben? Denn gehandelt wird in Heilbronn mit Drogen nach wie vor. „Nachdem die Rauschgiftszene im Stadtgarten Heilbronn aufgelöst worden ist, haben sich zahlreiche kleinere Brennpunkte abgezeichnet, ohne daß es bis heute zu einer verfestigten Szene gekommen ist. Schwerpunkte zeichnen sich derzeit im Bereich Stadttheater/Sülmerstraße/Kirchhöfle ab.“ Teilt die Polizei mit. Aber die Drogenabhängigen seien auch an weiteren innerstädtischen Orten und Plätzen anzutreffen. Zum Beispiel am Friedensplatz, Pfühlpark, Eisstadion, Unteres Industriegebiet . Dabei will die Polizei an diesen Treffpunkten noch keinen Schwerpunkt ausgemacht haben. Die Verfestigung „einer neuen offenen Rauschgiftszene“ in Heilbronn wollen die Ordnungshüter allerdings jetzt verhindern - und dazuhin die Szene von öffentlichen Plätzen und Straßen verdrängen. Das klingt fast wie die Quadratur des Kreises herbeizaubern.

Wurzeldemokratie
Von Graswurzeldemokraten habe ich in der vergangenen Woche an dieser Stelle geschrieben. Und dabei ein wenig der Urwahl bei der Nominierung der Landtagskandidaten für die Wahl im März 1996 das Wort geredet. In diesem Zusammenhang sprach ich auch davon, daß weder bei CDU, SPD, FDP, Grünen noch Reps im Unterland alle Parteimitglieder ihren Kandidaten wählen könnten. Heftigen Protest handelte ich mir mit diesem Satz ein. Denn er stimmt nicht. Thomas Strobl, der CDU-Kreisvorsitzende teilt mir mit, daß bei seinen Christdemokraten im Stadt- und Landkreis Heilbronn alle drei Landtagskandidaten „per Urwahl“ gewählt wurden: „Daß dies so ist, darauf sind wir ein wenig stolz.“ Und sein Pressesprecher Walter Schwaß schrieb mir, daß die CDU im Kreis Heilbronn keinen Nachholbedarf an Basisdemokratie habe. Denn seit Gründung werden beim CDU-Kreisverband Heilbronn alle Wahlen urdemokratisch durchgeführt. Gisela Käfer, Heilbronner CDU-Stadträtin, erinnerte mich in ihrem Brief daran , daß das CDU-Parteivolk in Heilbronn sich zahlreich versammelt hatte, um Johanna Lichy letztendlich zur Landtagskandidatin zu wählen. Völlig richtig, werte Mitbürger von der CDU. Und Asche über mein Haupt. Möge die CDU also Vorbild und Beispiel für jene sein, die ihre Kandidaten immer noch von Delegierten und nicht von ihren Parteimitgliedern wählen lassen.

Talmarkt
Das ließ ich mir nicht nehmen: Runter vom Turm, rauf auf den Drahtesel - und ab nach Bad Wimpfen zum 1030. Talmarkt. Wenns nicht so viele Mücken am Neckar geben würde, dann wäre eine Radtour entlang dem stark industrialisierten, schwäbischen  Fluß eine Wohltat. gewesen. Angenehm von der Temperatur her wars ja schon in den Neckartal- Auen, an diesem heißen Tag. Aber eben muckestichig. Und auf dem Wimpfener Talmarkt? Da tummelten sich  fast soviele Menschen wie Mucken am Neckar. Ein Gedränge und Geschiebe, daß es eine wahre Pracht und Freude für die Händler und Schausteller gewesen sein muß. Und die Leut - so herrlich sommerlich gewandet. Manchmal dachte ich im Gedränge so vor mich hin -  wie jener Kaiser, der über einen württembergischen Fürsten sagte: Es ist schon erstaunlich, was die menschliche Haut alles fassen kann. Aber muß man deshalb, wenn die Körperfülle schon in Faßnähe gerät, auch noch die engsten aller Hemden, Blüschen oder Höschen sich über den Leib spannen? Nun ja - das ist eben Geschmackssache. und über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Genausowenig wie über fettige Würst  zu vier Mark und ein kühles Bier vom Faß. Mir hats geschmeckt. Und auf dem Rückweg zum Heilbronner Turm war das überflüssige Fett wieder abgestrampelt.

Béziers-Fest
Wir Heilbronner festeln gern. Altbekannte Tatsache. Und ist das Traubenblütenfest auf dem Wertwiesenpark (trotz weniger Besucher ein finanzieller Erfolg, so der Heilbronner Verkehrsdirektor Winkler stolz) noch nicht mal eine Woche her, schon feiern wir in der Fußgängerzone die dreißigjährige Freundschaft mit der Partnerstadt Béziers. Die liegt übrigens in Südfrankreich und nicht in der Nähe von Paris, wie einige auswärtige Besucher vermuteten. Das deutsch-französische Fest in Heilbronn, das hat was - unter den Bäumen der Sülmerstraße. Fast schon ein wenig französisch, wenn man da von heimischen Gastronomen seinen schwäbischen oder französischen Wein in bauchigen  Gläsern, seinen Imbiß auf einem richtigen Teller serviert bekommt und zur Bierzeltbank trägt. Und dazu wird von jungen Maiden heftig und schön zu lauter Musik getanzt. Und das nicht nur zu französischer. Auch englische Titel drangen energisch an mein Ohr. Aber was solls. Auch in Paris gibts Hamburger-Fast-Food. So wie es in Heilbronn neben Maultaschen und Spätzle eben auch die weichen Brötchen mit Fleisch- und Salatbeilage an vielen Ecken für den kleinen Hunger zu kaufen gibt. Selbst bekannte Manager von Lebensmittelkonzernen sollen gelegentlich diese Art Imbiß nicht verschmähen. Ich eß das Zeug auch - alle paar Monate mal. Und dann schmeckts auch. Aber eben nicht französisch. Wie zur Zeit in der Fußgängerzone Heilbronns.

Erstes Opfer
Fünfzig Jahre nach dem Kriegsende in Deutschland werden deutsche Soldaten wieder in ein Kriegsgebiet entsandt. Vor sechs, sieben Jahren hätte sich niemand bei uns im Traume vorstellen können, daß auf dem europäischen Kontinent ein grausames Gemetzel stattfindet, bei dem deutsche Soldaten den Frieden sichern helfen sollen. Im Auftrag von NATO und UNO. Die Mutlosen unter uns predigen den schönen Frieden und wollen am liebsten überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was tagtäglich wenige hundert Kilometer von uns entfernt an Unmenschlichkeit auf dem Balkan stattfindet. Aber die Kriegsflüchtlinge sind mitten unter uns - auch hier im Unterland. Menschen aus allen Volksgruppen: Kroaten, Serben und muslimische Bosnier. Und alle klagen an. Die Frage ist nur. Wen? Für mich ist aus all dem Kriegsgeschehen nur eine Lehre herauslesbar: Im Krieg ist die Wahrheit immer das erste Opfer. Und wir im friedlichen Deutschland müssen jenen helfen, die dem Krieg entronnen sind. Welcher Nationalität sie auch immer sein mögen. Und wir müssen helfen, das grausame Gemetzel im ehemaligen Jugoslawien zu beenden. Einen Königsweg dazu gibts allerdings nicht. Nur abseits stehen gilt nicht.

Garten-Idylle
Wenn man wie ich gelegentlich jetzt im Sommer mit dem Fahrrad durch die heimische Landschaft gondelt, dann gibts da Dinge zu sehen, die mit dem Auto nur so vorüberfliegen - ohne eigentlich wahrgenommen zu werden. Zum Beispiel sah ich edel gepflegte Schrebergärten an der Bahnlinie Heilbronn-Neckarsulm. Tip-top, kann ich da nur sagen. Und in einem dieser Saubermann-Gärten flattert im sommerlichen Abendwind sogar das schwarz-rot-goldene Banner der deutschen Nation. Mit Wetterhahn an der Spitze, der die Windrichtung anzeigte. Nebenan im ebenso blitzsauberen Nachbargarten: keine Flagge. Aber deutlich ist an den Kopftüchern der Frauen und an der Sprache der Männer zu erkennen: Hier sind Menschen türkischer Nation zuhause. Multikulturelle Kleingärtneridylle an einem deutschen Bahndamm - dachte ich so bei mir. Hoffentlich ist das Hissen der deutschen Farben in diesem Heilbronner Schrebergarten keine Demonstration gegen eine andere, die benachbarte Nation. Denn hüben und drüben wachsen die gleichen Pflanzen. Und die sind weder deutsch noch türkisch, weder moslemisch noch christlich. Nur Gottes Geschöpfe.

Rotgrün statt Rotschwarz
Einst war er die rechte Hand Erhard Epplers im Wahlkreis Heilbronn. Das war zu jener Zeit, als die SPD im Unterland noch das Bundestagsdirektmandat vom Wähler übertragen bekommen hatte. Aber das ist schon lange her - genau genommen 23 Jahre. Damals hatte der frischgebackene Rechtsanwalt Wolfgang Bebber aus Friedberg im Hessenlande Gefallen am Unterland gefunden. Der Weg vom Assistenten des Ministers bis zum Landtagabgeordneten in Stuttgart dauerte dann nochmals zwölf Jahre. Denn seit 1984 ist er dank der Zweitauszählung Abgeordneter im Wahlkreis Eppingen. Am Wochenende wurde er wieder von seiner Partei ohne allzugroßes Aufsehen für die Wahl im März 1996 nominiert. Rotgrün ist für Wolfgang Bebber die Koalition für die Zeit nach der Großen Koalition. Eine realistisch absehbare Mehrheit sieht er am politischen Horizont Bad Württembergs. Und Dieter Spöri ist für ihn der Trumpf im Ärmel der Sozialdemokraten, der am Wahltag stechen soll. Sein eigenes hochgestecktes Ziel: Das Direktmandat im Eppinger Wahlkreis dem CDU-Mann Gerd Zimmermann abjagen. Mal sehen wie der Happenbacher das anstellt.

Heilbronner Grün
Die Erschließung neuer Wohngebiete und der ehemaligen militärischen Liegenschaften In Heilbronn sind schon eine arge Plage für das Grünflächenamt in Heilbronn. Hinzu kommt die Übernahme des Ziegeleiparks in Böckingen, die ja auch eine Menge neuer  Arbeit mit sich bringt. Und deshalb blieben die Randstreifen und kleineren Flächen an so mancher Heilbronner Straße in den letzten Wochen und Monaten ungemäht. Urwaldähnliche Wucherungen als Freude für Super-Grüne. Das soll sich jetzt ändern. Sagen die Grünflächen-Beamten. In den nächsten Wochen, so heißts in einer Presseerklärung, wird das Grünflächenamt „versuchen, die aufgelaufenen Pflegerückstände, insbesondere beim Mähen von Straßenbegleitgrün, über Sondereinsätze jeweils an Freitagnachmittagen abzubauen.“ Jetzt auf einmal steht in einer drei Punkte umfassenden Prioritätenliste die Verkehrssicherung an erster Stelle: Stadtbäume, Spielplätze, alle benutzbaren Grünflächen.  An zweiter Stelle erste stehen die Parks und an dritter die Beseitigung von Müll in den Grünflächen Heilbronns. Eine schöne, praktische Liste ist da aufgestellt worden. Aber neulich erst machte mich ein Mitbürger auf einen über vier Meter langen Ast aufmerksam, der an einem Baum entlang des Trimm-dich-Pfads auf dem Gaffenberg schon über ein halbes Jahre morsch lose herunterhängt. Wer ist eigentlich zuständig, wenn dieser Ast des „Waldpfad-Begleitgrüns“ mal einem Spaziergänger, Wanderer oder Jogger auf den Kopf fällt?


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